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Teil 2 Rechts


Quatember
Die weihnachtlichen Gottesdienste
von Herbert Krimm
(Teil 1)


Einführung
Christvesper
Christfest
Christmette
Hirtenamt
Hauptamt
Märtyrer Stephanus
Johannes der Evangelist
Unschuldige Kindlein

LeerEs gibt gewiß kaum einen Menschen, der so ernstlich und mit vollem Herzen bereit wäre, Leben und Stand des Hauses und der Familie zu ehren und zu pflegen, wie dies der gläubige Christ tut. Er weiß von der stillen Mütterlichkeit fester Sitten, von dem geheimen Lebensborn des trauten Beisammenseins wie von den lauernden Gefahren der zunehmenden lauten Familienauflösung und möchte sich in dem Wissen davon von niemandem übertreffen lassen. Und doch kann der Christ nicht in den lauten Chor mit einstimmen, der allenthalben Weihnachten als "das Fest der deutschen Familie" preist und seine Bedeutung damit erschöpft zu haben glaubt. Wohl freut er sich wie alle anderen, mit den Seinen unter dem Lichterbaum im Geben und Nehmen neu vereinigt zu werden, aber er weiß, daß diese Freude und dieses Licht nur Ausstrahlungen einer anderen Freude und eines anderen Lichtes sind und allzu leicht versiegen oder verflachen, wenn sie nicht aus ihrer wahren Quelle gespeist werden. An der Art dieser Quelle aber gibt es keinen Zweifel: es ist die große Tatsache des göttlichen Heiles, daß Christus "Fleisch geworden ist vom Heiligen Geiste aus Maria der Jungfrau und ist Mensch geworden".

LeerSo sprechen wir im alten Glaubensbekenntnis der Kirche. Und wer Johann Sebastians Bachs Hohe Messe kennt, der weiß, wie an dieser Stelle die Töne leiser werden und dann aus tiefer Stille die reinen Stimmen in mächtigen Stufen herabsteigen, eine nach der andern, als wollten sie uns immer von neuem das unsagbare Geheimnis verkünden:

Et incarnatus est

LeerDie Geburt des menschgewordenen Gottes im Stall von Bethlehem, das alleine ist es, was unserm Weihnachtsfest seinen Sinn und seine Vollmacht verleiht.

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LeerDer Einwand, daß der Tag der Geburt Christi nach biblischem Bericht gar nicht feststeht und der 25. Dezember als sein Geburtstag in der Kirche erst vom 4. Jahrhundert an in Anlehnung an heidnische Festbräuche gefeiert wurde, ist dieser Vollmacht gegenüber von geringer Bedeutung. Daß wir nicht wissen, an welchem Tage der Erlöser des Menschengeschlechtes geboren wurde, mag zu der Verborgenheit und Niedrigkeit gehören, unter der für unsere menschlichen Augen die ganze Offenbarung Gottes in dem menschgewordenen Christus steht. Daß er geboren wurde, ist der unfaßlichen Freude genug. Und setzte die alte Kirche die Feier seiner Geburt an den Tag eines heidnischen Festes, so wußte sie besser, als wir es heute wissen, wie aller heidnischer Glaube in seiner Unerlöstheit des Erlösers harrt und unter der wandelnden und erneuernden Kraft seiner Gnade erst recht zum Hinweis auf sein Kommen wird. So stand im heidnischen Rom an jenem Tage der Wintersonnenwende das Fest des sol invictus, der unbesiegten Sonnengottheit. Zu diesem Feste und seiner neuen chrstlichen Sinngebung sagte Bischof Gregor von Nyssa dieses: "An diesem Tage beginnt die Finsternis abzunehmen, und der wachsende Sonnenstrahl drängt die Herrschaft der Nacht mehr und mehr zurück. Heute leuchtet vor dem menschlichen Auge auch ein göttliches Leben auf: Christus. Ich meine die Schöpfung gleichsam sprechen zu hören: O Mensch, du siehst diese Erscheinungen der Natur; bedenke, daß das Sichtbare dir etwas Verhülltes erschließt. Erwäge, daß heute auch der unheilvollen Nacht der Sünde auf ihrem erstiegenen Gipfelpunkt mächtigste Schranken gesetzt werden. Siehst du, wie der Sonnenstrahl wächst und erstarkt und die Sonne höher geht? Denke dabei an die Ankunft des allerwahrsten Lichtes, das nun mit den Strahlen des Evangeliums den Erdkreis erhellt".

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LeerDamit hat der große griechische Kirchenvater auch für unser d e u t s c h e s J u l f e s t die richtigen Worte gefunden. Nur daß hier im germanischen Bereich die völlige Neuwerdung aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge durch Christus noch deutlicher zur Erscheinung kommt. Wußten doch die alten Deutschen von den z w ö l f R a u h n ä c h t e n zu sgen, in denen die wilde Jagd mit den nächtlichen Wolken der Winterstürme über die Erde braust und Mensch und Tier sich hüten müssen vor der freigelassenen Zaubermacht der Unholden. Nun aber hat Christus, der den Geistern gebietet, die unheiligen Mächte entkräftet und zerbrochen und unter dem Glanz seines himmlischen Leuchtens wandeln sich die Rauhnächte zu den zwölf h e i l i g e n Nächten zwischen dem Tage seiner Geburt und dem Fest seiner Erscheinung, die hellen freundlichen Nächte, in denen die Lichterbäume brennen und die Altäre der christlichen Gotteshäuser um des neugeborenen Kindleins willen in das strahlende Weiß, "der Engel und aller Heiligen Farbe" (Luther), gekleidet sind.

LeerSo möchte man es immer wieder neu überwältigt verkünden: all unser christlicher Glaube hat seine Wurzel in dem Geschehen der heiligen Nacht. Alle Gnaden, die wir hier auf Erden empfangen dürfen, und alles Heil, das wir in einem anderen Leben erhoffen, sind gegründet im Weihnachtsgeheimnis.

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LeerEs ist darum nicht zu verwunden, daß die Kirche dieses ihr Hochfest mit einem schier unerschöpflichen Reichtum gottesdienstlichen Lebens schmückt und umgibt. Ist das Wunder der Weihnacht so groß, daß sein Erfassen das Vermögen eines Menschen weit übersteigt, dann will es auch in seiner Fülle entfaltet werden. Und diese Entfaltung gibt der Kirche dem Weihnachtsfest in dem Füllhorn aller liturgischen Tiefe und Innigkeit, aus dem sie es überschüttet hat. Sie führt uns in diesen Tagen auf dem ganzen langen Weg zur Krippe hin und wieder zurück in unsere Welt, und es ist nicht nur der äußere Weg, der dem Gang der biblischen Ereignisse folgt, sondern auch der innere, der in der Nachfolge des Christuskindes von uns Menschen zu beschreiten ist. Dann wird der Altar zur Krippe, und Brot und Wein sind "grob Heu und Windelein", und abermals und immer wieder geschieht das Wunder, daß Gott unter Menschen geht.

LeerWir sind der Kirche auf diesem Wege in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht mehr gefolgt. Das macht, wir waren nicht mehr imstande, anders als vom Menschen her zu denken und meinten, wir könnten auch das Weihnachtsfest und seine Gottesdienste unseren menschlichen Bedürfnissen dienstbar machen. Wir wußten wohl, daß es da mehr Gottesdienste gibt als sonst, aber wir meinten, das geschähe, damit jeder Mensch die angenehme Auswahl hätte, zu der ihm passenden Zeit auch einmal eine Weihnachtspredigt zu hören, ganz unverbindlich, ganz nach Belieben. Keiner kam auf den Gedanken, da etwa auch selbst öfter zum Gottesdienst zu gehen, da man doch hier ohne Zweifel "immer dasselbe" hören würde. Und keiner hatte eine Ahnung, daß diese Mehrzahl von Gottesdiensten aus dem Wissen um einen inneren Gang geboren ist, von dem man keine Stufe ohne Schaden überspringen kann. Und oft genug war diese Erkenntnis auch bei denen nicht lebendig, denen der Dienst am Altar und auf der Kanzel anvertraut war. Dieselbe Verminderung unseres Wissens muß man bei der Art unserer Lieder deutlich genug bemerken. Während wir nunmehr die "Kinderlein alle" kommen ließen, "in reinlichen Windeln das liebliche Kind" zu betrachten, während unsere Sinne nur mehr die stille Nacht oder den Christbaum oder die fröhliche Weihnachtszeit aufnahmen, umgab die alte Kirche das Fest der Geburt des Herrn mit einer brausenden Fülle von Hymnen und Lobgesängen, in die sie nicht selten den ganzen Kosmos mit einstimmen ließ, der Grenzenlosigkeit des Heilsratbeschlusses bewußt. Der älteste Weihnachtshymnus stammt aus dem 5. Jahrhundert und wurde der gläubigen Gemeinde durch D. Martin Luthers Übersetzung neu geschenkt:
A solis ortus cardine
Ad usque terrae limitem
Christum canamus principem
Natum Maria virgine
Christus wir sollen loben schon,
der reinen Magd Marien Sohn.
Soweit die liebe Sonne leucht'
und an aller Welt Ende reicht.
LeerAber auch diese Gesänge standen nicht zur Wahl, sondern waren in dem Verlauf der Gottesdienste an ihren bestimmten Platz gestellt. Dort sollten sie mithelfen, das unaussprechliche Geheimnis mit immer neuen Tönen und von immer neuen Seiten zu loben und zu preisen.

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© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-10-22
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