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Quatember
Die weihnachtlichen Gottesdienste
von Herbert Krimm
(Teil 2)


Einführung
Christvesper
Christfest
Christmette
Hirtenamt
Hauptamt
Märtyrer Stephanus
Johannes der Evangelist
Unschuldige Kindlein

LeerDie Reihe der festlichen Gottesdienste beginnt mit der Christvesper am Vorabend von Weihnachten, dem 24. Dezember. Ihre Stunde ist nicht genau gefordert. Um der häuslichen Feier genügend Raum zu lassen, dürfen wir sie etwa um 5 Uhr nachmittags ansetzen. Aber freilich, es wäre ein falscher Vorgriff, wollten wir hier schon das alte Weihnachtsevangelium hören. Auch die Vesper verkündet uns zwar die Tatsache der Geburt des Herrn, aber nur in der kurzen Form, die der Evangelist Matthäus (1, 18-21) uns überliefert hat. Der berichtet von der Engelsbotschaft, die dem Josef zuteil wurde, um ihm den bösen Argwohn gegen seine vertraute Braut zu nehmen. Denn so wie der Engel den Makel von der Mutter nahm, nimmt ihn die Geburt des Gottessohnes von uns. Ist doch sein Leben nicht aus der Sünde geboren, sondern aus der zeugenden Gewalt des Gottesgeistes. Und wie aus dem Geiste der menschliche Leib des Kindes entstand, ist Gottes Liebe in menschliche Gestalt eingegangen, uns alle in das Reich der Gnade zu erlösen.

LeerAm Festtage selbst hatte sich seit den Tagen Gregors des Großen, also seit dem 6. Jahrhundert, in der Kirche Roms die Sitte ausgebildet, dreimal anstatt einmal wie sonst die Messe zu feiern. Diese drei Messen, mit denen der 25. Dezember ausgezeichnet werden sollte, hießen das Engelamt, das Hirtenamt und das Hauptamt. Eine Verdreifachung des Altarsakraments erschien der Reformation als ein Mißbrauch an der Gnadengabe Gottes und sie teilte die Feier des hl. Abendmahles als einmalige dem dritten, letzten Gottesdienst zu. Wohl aber behielt die lutherische Kirche den inneren Gang der drei Ämter durchaus bei und feierte sie in ihrer Dreiheit mit ihren hergebrachten Lesungen zu der Stunde, die sich mit innerer Notwendigkeit aus ihrem Inhalt ergab.

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LeerAn der Schwelle des neuen Tages, um die Mitternacht, steht die Christmette und in ihrer Mitte die Lesung des alten Engelamtes, Luk. 2, 1-14. Denn es war ja "wohl zu der halben Nacht", daß das Kind geboren wurde und die himmlischen Heerscharen den Hirten auf dem Felde die große Freude verkündigten. Da darf uns der Schlaf nicht packen, so wenig wie die Sünde, die wir fliehen, um dem Lichte entgegenzueilen, da die "heilsame Gnade Gottes allen Menschen" erschienen ist, wie uns die Epistel der Mette, Tit. 2, 11-14, gemahnt. Daß hier im nächtlichen Gotteshaus der Engelsgesang des Gloria besonders jubelnd erschallt, verwundert uns nicht. Mahnt er uns doch immer daran, daß Gottes Ehre nicht von uns Menschen abhängt, daß es auch in der unsichtbaren Welt Kenner und Anbeter Gottes gibt, die zum ersten Mal die Weihnachtsbotschaft verkünden mußten, ehe sich ein Mensch dafür fand, und daß seither all unser Singen und Beten nur ein armes Abbild jenes Engelsgesanges ist, der in dieser Nacht auch menschlichen Ohren hörbar geworden war.

LeerDarum erhielt die Christmette auch die reichste Ausschmückung durch Chor und Instrumente. Vier Knabenchöre stellten sich an verschiedenen Orten der Kirche auf und sangen den Quempas, das uralte Kinderlied, und nicht selten erwuchsen aus der Liturgie auch anschauliche Gebräuche - Schüler in Engelsgewändern, eine Wiege, in der das Kind von "Josef, lieber Josef mein" und Maria gewiegt wurde, eine Krippe, in der es lag - um das Weihnachtswunder noch lebendiger vor Augen zu malen. "Vom Himmel hoch, da komm ich her" ist das Lied dieser Stunde.

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LeerIn der Morgenfrühe des Festtages feiern wir das Hirtenamt (Luk 2, 15-20) [Uchte]. Wir dürfen das Geheimnis Gottes erkennen, wie es die armen Hirten erkannt haben. Denn der Niedrigkeit neigt sich Gott eher zu als dem hohen Sinn, aber nicht, um uns zu beschämen, sondern um uns zu erneuern im "Bad der Wiedergeburt", da doch die "Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes" erschienen war (Tit. 3, 4-7). Hier steht der frohe Gesang "Lobt Gott, ihr Christen allzugleich".

LeerDas Hauptamt zur Stunde des gewöhnlichen Gottesdienstes bringt uns mit dem Anfang des Johannesevangeliiums (1, 1-14) und dem Sakrament die volle Entfaltung des Weihnachtsgeheimnisses. Nun sehen wir, wie dies kleine Kind die volle Wirkungsmacht und Majestät Gottes umfaßt und alles in sich schließt, was über Gottes Sein der Welt offenbar werden kann: das Kindlein ist Herr des Weltalls, und auch die unsichtbaren Geister sind, wie uns die Epistel des Tages (Hebr. 1, 1-6) verkündet, ihm untertan. Hier aber will uns Luthers mächtiger Hymnus "Gelobet seist du Jesu Christ" helfen, daß das göttliche Geheimnis unter Menschen seinen vollen Widerhall finde.

LeerDies sind die Gottesdienste des Weihnachtsfestes. Aber dieses Fest hat noch ein "Gefolge" von drei kleineren, jedoch nicht wenig bedeutsamen Festtagen, die in ihrer Eigenart ein untrügliches Zeugnis für die Wahrheit und Fruchtbarkeit der Ankunft Gottes im Fleisch bilden.

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LeerDer 26. Dezember steht unter dem Gedächtnis Stephanus', des ersten Märtyrers und ist ein sehr ernster Fingerzeig nach all den frohen und unbekümmerten Stunden, ein Fingerzeig auf das Ende des Weges, das des Menschen in der Nachfolge des Christkindes warten kann:
Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muß vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel.
LeerDer 27. Dezember ist der Tag Johannes des Evangelisten. Der Lieblingsjünger war es, der das "rechte Hauptevangelium" (Luther) geschrieben und den Gott zum Kronzeugen seiner Wahrheit erwählt hatte. Sein Weg in der Nachfolge war bis ins hohe Alter der des unblutigen Märtyrertums der Liebe und selbstvergessenen Demut.

LeerAm 28. Dezember gedenken wir der unschuldigen Kindlein von Bethlehem, der Erstlinge in der unübersehbaren Schar der christlichen Märtyrer. Ahnungslos mußten sie ihr Leben für das Jesu Christi hingeben und wurden eben dadurch zu Zeugen seiner göttlichen Macht über die Menschen, über die guten wie über die bösen. Denn seit Christus müssen auch die Bösen offenbar werden in ihrer finsteren Abhängigkeit von den Dämonen: der Kindermörder Herodes war der erste, der in seiner Angst vor Christus und in seinem Gotteshaß ans Licht kam, doch gewiß nicht der letzte. Die Kirche aber, die viele ihrer Kinder seither als Blutzeugen verlieren mußte, fühlt in jedem Jahr neu den Schmerz der Mütter von Bethlehem nach und läßt darum an diesem Tage den Engelsgesang des Gloria verstummen, den sie sonst doch gerade in der Weihnachtszeit so freudig und festlich anstimmt.

LeerIst dieses Gefolge der drei Tage nicht ganz die Wirkung und Frucht der Menschwerdung Gottes? Es zeigt, wie sich die erste Ankunft Christi fruchtbar erweist an den Menschen, um ihre Seelen auf dem Wege der Lebenshingabe, der Liebe und Opferung dem Tage entgegenzuführen, an dem die Christenheit die zweite Ankunft des Erlösers, diesmal in seiner unverhüllten göttlichen Herrlichkeit feiern wird.

Aus: Jahresbriefe des Berneuchener Kreises 1936/37, S. 9-15

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© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-10-22
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