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Teil 2 Rechts


Quatember
Niklaus von Flüe
von Walter Grimmer
(Teil 1)


LeerEs ist erstaunlich, daß jede Zeit neben der Menge derer, die durch sie geprägt sind, Gestalten hervorbringt, die ein ganz anderes, ja gegensätzliches Gesicht tragen. Sie schwimmen nicht an der Oberfläche, sondern leben in der Tiefe ihrer Zeit. Und es ist, wie wenn sie in besonderer Weise die Last einer Epoche auf sich nehmen und fragen müßten

LeerSo ist es mit Bruder Klaus. Er lebte in einer Zeit, die ganz anders war als er selber und in einer menschlichen Gemeinschaft, aus der er weit herausragt wie eben ein Mensch der wahrhaftig um Gott weiß, immer herausragt aus der Menge derer, die den Schwerpunkt ihres Denkens im Diesseits haben.

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LeerNiklaus von Flüe wurde 1417 im Lande Unterwalden, jener trotzigen Bauerndemokratie geboren, deren Vertreter am Ende des Jahrhunderts neben Grafen und Königen standen, um deren Gunst die Mächtigen der damaligen Welt warben, von deren Entscheid Sieg oder Niedergang mancher Herrscherhäuser abhing. Er stammt aus einem Geschlecht, das nicht weit zurückverfolgt werden kann. Er entstammt dem Urgestein seines Volkes. Aber mit ihm sind die Kräfte jenes Gesteins frei geworben. er stieg mit seinen Brüdern und Söhnen auf in den Kreis der Männer, die das Schicksal des Volkes bestimmten. Von seiner Jugend wissen wir nur wenig. er hat mit teilgenommen an den Kämpfen seiner Zeit, ist zum Rottmeister geworben. Bis nach Nürnberg ist er mit seiner Rotte gezogen, den Thurgau hat er erobern helfen, Rapperswil wurde dem Herzog Sigismund genommen. Er wurde zum Richter in seiner Heimat ernannt. und die höchste Ehre, die ihm in seinem Lande zuteil werden konnte, war ihm sicher: Das Amt des Landamtmanns. und wen würde es nicht locken, in solch aufstrebender Zeit, wo ein Land mit größten Hoffnungen erfüllt ist, sich von solcher Welle emportragen in lassen? So war das weltliche Gesicht seines Volkes voll Selbstbewußtsein und Tatendrang und berechtigten Glaubens an die eigene Zukunft.

LeerAnders, zwiespältig und doppelgesichtig sah die damalige Kirche aus. Im Volke selbst lebte eine tiefverankerte Frömmigkeit. Aber die eigentlichen Nerven, die die Kirche von Rom her in jenes Land streckte, waren faul und verdorben. Die Träger des kirchlichen Amtes sind befleckt mit Geiz und Schmutz Während dreißig Jahren muß die Pfarrstelle in Sachseln wegen dieser unglücklichen Zustände unbesetzt bleiben. Der endlich durch den Bischof von Konstanz eingesetzte Geistliche muß in Sarnen ins Gefängnis gebracht werden Gegen seinen Nachfolger führt Niklaus von Flüe im Namen der Kilchgenossen von Sachseln einen Prozeß wegen Pfründstreitigkeiten. So sieht er mit tiefem Schmerz die Verdorbenheit des kirchlichen Lebens.

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Leer Aber auch politisch hat das nahe Ziel der Weltmacht zu tiefer Verderbnis und großer Gefahr geführt. Das Geld der fremden Mächte - im eigenen Lande so selten - beginnt nicht nur einzelne Führer, sondern die breite Schicht des Volkes zu blenden.

LeerIn dieser Zeit fängt Niklaus von Flüe der sich mit Dorothea Wiß verheiratet hat und mit beiden Füßen in seinem bäuerlichen und im politischen Leben seiner Heimat steht, an, immer mehr und bewußter sich nach den Kräften und inneren Wirklichkeiten einer anderen Welt auszustrecken Je mehr sein inneres Ohr von ihr erfährt und je mehr ihm ihre Macht und eigentliche Bedeutung klar wird, desto unruhiger sieht er auf das vordergründige Geschehen.

LeerOft steht dieser Bauer des Nachts stundenlang auf, um seiner inneren Unruhe im Gebet Herr zu werben. Oft versinkt ihm während der Arbeit diese Welt der vordergründigen Dinge und er ist gebannt von einer Schau, in der ihm ihr geheimes Wesen, ihre Bedeutung im Lichte der Wahrheit aufgeht. In keinem Augenblick aber hat ihn diese Gabe der Schau lebensuntüchtig gemacht. Mehrmals wird ihm das höchste Amt, das seine Mitbürger zu vergeben haben, angeboten. Er schlägt es aus. Umso mehr ringt er des Nachts in Fürbitte für sein Land und Volk.

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LeerDie Lösung der inneren Schwierigkeiten, durch die Bruder Klaus umgetrieben wird, findet sich durch ein Gespräch mit einem ihm freundschaftlich nahestehenden Priester. Nachdem alles Beten und Fasten ihm nicht die Ruhe der Seele hat schenken können, sagt ihm dieser: Es bleibe noch die andächtige Betrachtung des Leidens Jesu Christi. "Ganz erheitert erwiderte ich, das sei mir unbekannt und ich wisse nicht die Art und Weise, das Leiden Jesu Christi zu betrachten. Da lehrte er mich, die Abschnitte des Leidens unterscheiden durch die sieben kanonischen Stunden. Darauf hielt ich Einkehr in mich und begann die Übung täglich zu erfüllen, in welcher ich aus Barmherzigkeit des Erlösers für meine Armut Fortschritte machte, und weil ich in viele Geschäfte und weltliche Beamtungen verstrickt war, sah ich daß ich in Gesellschaft der Menschen dies weniger andächtig vollbringen könne Darum zog ich mich häufig an diesen heimlichen und nahen Ort meiner Leidensbetrachtung zurück, so daß niemand es wußte als meine Frau und dies jeweilen nur aus einfallenden Ursachen. und so verblieb ich zwei Jahre".(Anm. 1)

LeerVon der Leidensbetrachtung unseres Erlösers her bekommt das Leben des Niklaus von Flüe seinen Halt. Hier ist die Tiefe der Gnade und der unermeßlichen Liebe Gottes, ans der ihm die wahre Ruhe zukommt. Er, von dem nicht einmal sicher feststeht, ob er lesen und schreiben konnte, hält sich an den Rat des ihm befreundeten Pfarrherrn.

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LeerDie Stundengebete konnten wegen ihrer Kürze leicht auswendig gelernt werden. Vokinger beschreibt sie in seinem "Bruder Klausen Buch" wie folgt:
Zur Vesperzeit (Anm. 2) aß Christus das Abendmahl mit seinen Jüngern.
Zur Komplet-Zeit da betet Christus und schwitzt blutigen Schweiß am Ölberg.
Zur Mette-Zeit wurde Christus zu Kaiphas, dem Hohepriester der Juden geführt.
Zur Prim-Zeit wurde jesus vor den Richter Pilatus geführt.
Zur Terz-Zeit wurde Christus im Richthaus gegeißelt und mit Dornen gekrönt.
Zur Sext-Zeit verurteilt Pilatus Jesus zum Tode und wäscht seine Hände.
Zur Non-Zeit wurde Christus von den Juden gekreuzigt.

LeerDiese Versenkkung in das Leiden unseres Herrn und Heilandes wandelt das Sinnen und Trachten des Niklaus von Flüe immer mehr. Als sein zehntes Kind dem Leben entgegenreifte, ging er und mit ihm seine Familie schweren Entscheidungen entgegen. Die Frage, ob er sich ganz zurückziehen müsse, um dem Rufe Gottes an ihn zu gehorchen, hat ihn schon lange hin- und hergerissen. Bruder Klaus hat diese Frage nicht für sich allein erwogen und entschieden. Seine Gattin hat sie mit ihm getragen. Sie ist mit ihm herangereift, die vielleicht mehr als alles andere uns Ehrfurcht vor diesem Wege abnötigt. Bis eine liebende Frau, Mutter von zehn, zum Teil noch ganz kleinen Kindern, ihrem Manne bei allem Schmerz freudige Zustimmung zur Trennung und zur Hingabe des ganzen inneren und äußeren Lebens an Gott gibt, muß sie die volle Sicherheit haben, daß es wirklich Gott ist, der ihren Gatten fordert. Sie muß wissen, daß es wirklich bis hinein in die letzten Räume der Seele hinein ernst gilt.

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Leer"Am 24. Juni 1467 legen sie der Frau Dorothea ihr Jüngstes in die Wiege. Vier Brüder und fünf Schwestern sind schon da. - Noch Sechszehn Wochen, und am 16. Oktober verläßt Klaus von Flüe Sein angestammtes Haus, um für immer weit fort ins Ausland zu ziehen." Er hat die Absicht, die "Gottesfreunde" im Elsaß aufzusuchen, um in ihrer Nähe sein Leben ganz Gott zu weihen. "Er wollte in das Ellend gan ... denn Gott wollte es so gehept han." "Und als er dan gen Liechtstall kam, deuchte ihn wie die selbe Stadt und alles was darin war, ganz rot sei. Darob erschrocken sei er eilends hinaus auf einen einsamen Hof zu einem Bauern; dem gab er nach mancherlei Rede seinen Willen kund, woran der selb Bauer aber keinen Gefallen hatte, sondern ihm das widerriet und meinte, er sollte wieder heimgehen zu den Seinen und daselbst Gott dienen. Das würde Gott angenehmer sein, als auf fremden Leuten zu liegen, und für ihn werde es ruhiger verlaufen, weil er ein Eidgenosse sei, denen doch nicht jedermann gleich hold. Darum sei er eineswegs aus des Bauern Haus gegangen, hinaus aufs Feld. Da lag er die Nacht an einem Zaun. Und als er entschlafen war, da Sei ein Glanz und ein Schein vom Himmel gekommen, der öffnete ihm den Leib. Davon beschah ihm so weh, als ob ihn einer mit einem Messer aufgeschnitten hätte und zeigte ihm, daß er wieder heim und in den Ranft gehen solle. Und im angehenden Tag sei er umgekehrt."

Anmerkungen
1 Die mit Anführungszeichen versehenen Stellen sind nach dem "Bruder Klausen-Buch" von Konstantin Vokinger, Verlag Gebr. J. u. L. v. Matt, Stans, Schweiz, 1936, zitiert.
2 Vesper = 6 Uhr nachm.; Komplet = 9 Uhr abds.; Mette = 3 Uhr morgens; Prim = 6 Uhr morgens usw.

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© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 00-07-20
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