Nun irrt er um sein eiqen Heim, in dem seine Frau und seine Kinder ihn mit großem Schmerz vermissen. Aber die Stimme, die ihn weggerufen hat, ist stärker als die Stimme seines Blutes: "Als er lange und viel Klüfte und grausige Schluchten durchwandert, sah er vier Lichtstrahlen in Form brennender Kerzen in jene Partie des Tales, die man Ranft nennt, hinabsteigen. Dadurch wurde er belehrt und erkannte, daß dort der Ort sei, der für einen zur Lobpreisung Gottes bestimmten Aufenthalt sich eigne. Dort begann er mit Hilfe der Nachbarn ein kleines Holzhäuschen zu errichten. er wohnte dort beinahe ein Jahr." - Was für ein Zeichen der Echtheit in der Haltung des Niklaus von Flüe ist doch dieses, daß die eigenen Nachbarn, die ihm vor kurzem noch die Würde des Landammannamtes vorgeschlagen haben, ihm nun helfen, eine kleine und ärmliche Klause zu bauen! Und schon nach einem Jahre wissen sie es besser. Die Landsgemeinde selbst beschließt, an Stelle der provisorischen ersten, eine feste, steinerne Klause mit angebauter Kapelle zu erstellen, die beide noch heute erhalten sind.
Diese Zelle im Ranft ist nun bis zum Ende des Einsiedlers, im Jahre 1487, nicht nur zum geistigen Pol im engeren Kreise seiner Heimat geworden, sondern hat weit darüber hinaus in der ganzen damaligen Eidgenossenschaft und über deren Grenzen in Italien, Deutschland und Frankreich, im Leben Einzelner und in der großen Politik eine oft entscheidende Rolle gespielt.

Das Aufhorchen der Welt begann vor allem damit, daß das völlige Fasten des Einsiedlers bekannt wurde. In erdrückender Einstimmigkeit bezeugen die Zeitgenossen, daß Bruder Klaus in den über zwanzig Jahren seines Einsiedlerlebens keine Speise zu sich genommen habe. Die Regierung seines Landes, die nicht durch falsche Gerüchte bloßgestellt werden wollte, hat selbst eine strenge Überwachung angeordnet. Aber in der ganzen Zeit ist nicht beobachtet worden, weder, daß jemand dem Einsiedler Speise zugetragen hätte, noch, daß er sich von Beeren oder anderen Früchten der Wildnis nährte. Er selbst hat Sich nie deutlich über das Fasten ausgesprochen. Er hat auf alle Fälle auch nie in der geringsten Weise ein Wesen daraus gemacht. Zudringlichen Fragen ist er ausgewichen ober hat einfach geantwortet. "Gott weiß es". Jedoch "mehr als einmal habe Bruder Klaus gesagt, daß ihm Gott unter anderem drei große Gnaden getan: nämlich die erste, daß es ihm seitens Weib und Kindern ermöglicht worden, ein einsam Leben zu führen; die zweite, daß er keinen Willen, Begehr oder Anfechtung je gefühlt, von der Einsamkeit wieder zu Weib und Kindern zurückzukehren; die dritte, daß er ohne Speise und Trank zu leben vermochte."
Aber es ist nicht gut, an der äußeren Frage des Fastens zu verharren. Aus allem wird uns deutlich, daß Bruder Klaus von Gott her gelebt hat. Über sein Fasten kann man wohl gar nicht von außen her reden. Und wenn man ihm von innen her nahekommen will, dann kann man keine Worte mehr darüber machen, - wie er selber deren keine gemacht hat. Im Gebet, in der Bereitschaft für Gott, sind ihm Gottes Kräfte zugekommen. Während die große Masse Seiner Zeit mit großer Brunst sich der Welt zugewandt hat, hat er sich mit großer Inbrunst Gott hingegeben. Von besonderer Bedeutung ist ihm dabei die Teilnahme am Heiligen Mahle geworden. "Mit unaussprechlicher Süße erfüllt mich das Erlebnis der heiligen Wandlung während der Messe", verrät er einmal.

Die zwanzig letzten Jahre seines Lebens verbringt Bruder Klaus in Einsamkeit, Gebet und Meditation. Das aber ist das erstaunliche, daß von dieser Zeit die größte Wirkung auch auf die damalige Eidgenossenschaft ausgegangen ist. Ja, es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen, daß ohne dieses Einsiedlerleben die Eidgenossenschaft auseinandergefallen wäre. Um das zu verstehen, müssen wir etwas weiter ausgreifen.
Die Eidgenossenschaft hatte ihren Ursprung genommen im Bunde der drei Länder Uri, Schwyz und Unterwalden. Dazu waren im Laufe der Zeit gekommen Luzern, Zug, Zürich und Bern. Das Gewicht der Städte drohte die Vormacht der Länder zu erdrücken. Und nun hatten zwei weitere Städte, Freiburg und Solothurn das Gesuch um Aufnahme in den Bund gestellt. Es war nicht unberechtigt, wenn sich die Länder gegen eine gleichberechtigte Aufnahme dieser Städte wehrten. In diesem Kampf der Interessen drohte aber der ganze Bund zu zerfallen. Die Tagsatzung zu Stans sollte die Entscheidung bringen. Eine friedliche Lösung schien unmöglich. Schon wollten die Tagsatzungsherren in äußerster Erbitterung und mit der .Hand am Schwertknauf auseinandergehen. Da hat ein Wort des Einsiedlers Niklaus von Flüe, durch den Pfarrer Heini im Grund überbracht, die erbitterten Brüder versöhnt und das scheinbar Unmögliche vollbracht. Was politische Klugheit und Beredsamkeit nicht vermochte, das hat ein Wort aus der weltabgewandten Klause getan! In der auschließlichen Hinwendung zu Gott gewinnt er Kraft und Auftrag, der Welt den entscheidenden Dienst zu tun: Frieden zu stiften.

Und nicht nur dieses eine Mal hat er eingegriffen in das politische Geschehen seiner Zeit, sondern immer wieder ist er von Einzelnen und von den Regierungen der Kantone offiziell um Rat angefragt worden. Die Eintragungen über Botenlöhne in den alten Aufzeichnungen legen noch heute Zeugnis davon ab. Und wenn wir das heute mit Staunen feststellen, so vermag es uns vielleicht ein Fingerzeig zu sein in unserer Lage und unserer Zeit. Nicht nur bei uns in der Schweiz, sondern überall da, wo die Welt zu zerfallen droht. Und wo wären wir heute nicht erschüttert von dieser Drohung?
Aber es wäre unehrlich, wenn wir uns in diesek kurzen Hinweis auf jene Heiligengestalt nicht noch von einer anderen Frage beunruhigen ließen: Niklaus von Flüe hat gelebt bis gegen Ausgang des 15. Jahrhunderts. Er hat mit klarem Auge die Verderbtheit nicht nur der Welt der Politik seiner Heimat, sondern auch seiner Kirche gesehen. Und doch hat er im Schoße dieser Kirche Kräfte gefunden und Schätze qehoben, die sich als Gotteskräfte und Schätze des heiligen Geistes erwiesen haben. Eine Welt wunderbarer, demütig-christlicher Frömmigkeit erschließt sich uns, je tiefer wir in das innere Leben des Bruder Klaus eindringen. Und das Erstaunliche und Beunruhigende dabei ist, daß er in seiner Zeit nicht allein steht. Es hat damals Menschen gegeben, die sich wahrhaftig durch die Wunden Christi heilen ließen, die durch Ihn neugeboren wurden und in einem neuen Leben wandelten; die ihre Sünde und ihre Not mit Ihm an das Kreuz heften ließen und deren Leben ein Zeugnis wurde Seiner Herrlichkeit.

Und dann kamen die Reformatoren. Warum hat ein Zwingli das alles nicht gesehen, und den Einsiedler vom Ranft zum bloßen Patrioten verkleinert? Warum hat ein Luther eines von dessen tiefsten Meditationsbildern so wenig verstanden und als bloßes Streitbild gegen den Papst mißbraucht? Muß es uns nicht aufgehen - in aller Ehrfurcht vor dem Entscheidenden, das uns die Reformatoren gebracht haben - daß auch sie Kinder nicht bloß des heiligen Geistes, sondern auch des aufbrechenden Geistes jener Zeit waren? Daß sie als Kinder auch ihrer Zeit Tiefen und Wahrheiten nicht mehr zu sehen vermochten, die uns Gott auch geben will. Das heißt nun nicht, daß Klaus von Flüe gegen die Reformation ausgespielt werden könnte. Aber die Beschäftigung mit ihm kann uns befreien von einer Haltung, die mit dem Jahre 1521 stillstehen möchte, und die uns zum geistlichen Tod verurteilt. Sie stürzt uns hinein in die fruchtbare Unruhe und in die heilige Runhe, in der Bruder Klaus gebetet hat:
O herr nimm von mir
was mich wendt von dir.
O herr gib auch mir,
das mich kört zu dir.
O herr nimm mich mir
und gib mich aigen dir.
Jahresbriefe des Berneuchener Kreises 1937 (S. 141-147)

|