Unter den großen christlichen Festen ist Weihnachten in der abendländischen Christenheit das volkstümlichste. Es ist schwer zu entscheiden, woran das liegt. Wird es nicht darin begründet sein, daß sich die heidnische Frömmigkeit des Abendlandes in reichem Brauch um den Gegensatz von Licht und Finsternis bewegte? War sie vielleicht wie eine Frage, auf die die christliche Botschaft erst die ersehnte Antwort gab, indem sie von einem Lichte zeugte, das die Finsternis einfürallemal überwunden hat? So wären denn Zeichen und Brauch heidnischer Frömmigkeit wie Gefäße gewesen, die nun bis an den Rand, ja bis zum Überströmen mit dem Reichtum der christlichen Botschaft gefüllt wurden. Die Volkstümlichkeit des Weihnachtsfestes wird vor allem in solchem uralten gleichnishaften Erleben der Schöpfung um die Sonnenwende zu suchen sein, einem Erleben, das erst vom Evangelium her zu seiner gleichnishaften Tiefe geführt wurde. Wir sind dankbar, daß wir dies so sehen dürfen; denn wir finden darin etwas von der "Fleischwerdung des Wortes". Das Weihnachtsevangelium wendet sich nicht an Menschenhirne, sondern will eingehen in Fleisch und Blut. Es sucht tiefen Boden wie die Wintersaat.
Aber liegt nicht in der Volkstümlichkeit, die das Weihnachtsfest gewonnen hat, auch die Gefahr eines Abgleitens von seinem eigentlichen Sinn? Geht in der Anknüpfung an den heidnisch-naturhaften Brauch nicht gerade das verloren, was das Alte Testament im Hinblick auf das Geschehen der Heiligen Nacht vorbereitend verkündet? Gewiß braucht es nicht verloren zu gehen; aber wenn wir uns fragen, was in der Weihnachtsfeier unserer Tage von der Breite und Fülle biblischer Verkündigung übriggeblieben ist, so müssen wir wohl eingestehen, daß volkstümlicher Brauch viel verschüttet hat. Er hört auf, hilfreich zu sein, wenn er nicht unter die Offenbarung des Dreifaltigen Gottes gebeugt bleibt, ja er wird zum zerstörenden Dämon, wenn er sich ihr entzieht, wie denn auch eine entchristlichte Weihnachtsfeier durch seltsame und oft genug in ihrer Sinnlosigkeit erschreckende Verzerrungen gekennzeichnet ist.
Darum besinnen wir uns auf den Weg, den die Heilige Schrift uns bis zur Schwelle des Stalles von Bethlehem führt. Dieser Weg beginnt "am Anfang", jenem Anfang, um den das heidnische Sehnen nach Licht nichts weiß. Wie aber wollen wir die Weihnachtsbotschaft erfassen, ohne zu wissen, was es um jenen Anfang ist? Ist es ein Wogen und Wallen nebelhafter, glühender Naturgewalten? Ist es ein Ringen von Göttern und Riesen? Wie nahe sind sich doch moderne Naturbetrachtung und altheidnische Mythologie! Und wie hoch steht über ihnen beiden die Bibel, wenn sie sagt: Am Anfang schuf Gott... Im Anfang war das Wort! (1. Mos. 1; Joh. 1). Sie dringt dringt mit dieser Aussage durch alles Zeitliche und Räumliche hindurch ins Ewige vor. Dort, vor dem allen, das wir die Wirklichkeit nennen, ist das eigentlich, der eigentlich Wirkliche. Er aber, der Wirkliche, spricht. Er spricht sich selbst aus, er äußert sich.

Wenn ein Mensch den Mund auftut, sich auszusprechen, so stellt er sich selber dar, kehrt sein Inneres hervor, macht es "vernehmlich" und "begreiflich". Es ist ein Vorgang, der dem Gebären verwandt ist. Sagt nun aber die Heilige Schrift "Gott spricht", so meint sie eben dies: Gott tritt aus sich heraus. Was aus ihm hervorgeht als Zeugnis seiner Herrlichkeit, nennen wir - die Natur, auf Deutsch: das Geborene!
Gott, der All-Eine, stellt in gewaltigen Monologen seine Herrlichkeit dar. Er schafft sich ein Gegenüber, das doch keines ist: denn "in ihm leben, weben und sind wir" (Apg. 17, 28).
Dennoch ist menschliches Leben in der Schöpfung mehr als ein Leben, Weben und Sein in Gott. Es ist nicht nur Natur. "Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei" (1. Mos. 1, 26). Mitten in die Darstellung seiner Herrlichkeit stellt Gott sein Ebenbild, daß es ihn vernehme, - also mehr sei als ein unvernünftiges, das heißt: nicht vernehmendes Tier, und daß es ihm antworte, - also mehr sei als das Gras auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel, denen Verantwortung fremd ist. Dieses Ebenbild Gottes aber verleugnet seinen Ursprung, es reißt sich von jenem wahren Anfang, von seiner Voraus-Setzung los, und unternimmt es, von andern Voraussetzungen, von unwahren Anfängen her zu leben. Darum sagt Christus zu Pilatus: "Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme" (Joh. 18, 37). Wer nicht von jenem Anfang im Geheimnis Gottes weiß, der ist taub für das lebendige Wort Gottes. Er vernimmt es nicht und antwortet ihm nicht. Sollte der Evangelist Johannes das herrliche erste Kapitel für Heiden geschrieben haben, die die ersten Seiten der Heiligen Schrift nicht kannten, um sie für die Botschaft der Heiligen Nacht zu bereiten? In einer unvergleichlichen Tiefe, Zartheit und Schönheit beschreibt er in wenigen Sätzen den Weg, den das Alte Testament kundtut, den Weg, auf dem Gott seinem flüchtigen Ebenbilde nachgeht, es zu sich hin zurückzuwenden.
Wollen wir als Christen Weihnachten feiern, so können wir nicht diesen Weg vermeiden wollen. Was die Heilige Schrift vom Anfang sagt, muß uns ganz lebendig werden. Wir müssen begreifen, daß hier von einem Geschehen die Rede ist, das uns unmittelbar angeht. So wird uns denn das Paradies eine Wirklichkeit, freilich eine uns verschlossene, weil wir nur zu klar erkennen, wie wenig wir "im Anfang" leben! Umso stärker aber erwacht das Verlangen nach einem neuen Anfang, einer Wandlung des "alten Adam", einer Neuschöpfung. Es ist das Verlangen danach, daß Gott sein Wort von neuem spreche, so spreche, daß es uns bis in die Tiefe des Menschlichen erreicht.

Zwar hat sich Gott - nach dem einhelligen Zeugnis der Apostel - auch ehe sein ewiges Wort Mensch ward "nicht unbezeugt gelassen": In allen guten Gaben vermag jeder Mensch seine Güte zu ahnen. (Apg. 14, 17) Er hat durch die Propheten geredet (Hebr. 1, 1). Er tut seinen Willen im Gewissen kund, so daß auch die Heiden, denen das göttliche Gesetz nicht bekannt ist, "von Natur tun des Gesetzes Werk" (Röm. 2, 14). Aber dies alles erfüllt nicht die Sehnsucht des menschlichen Herzens. Es genügt uns nicht, zu Weihnachten ganz allgemein von der Liebe Gottes zu reden, von dem Lichtschein seiner Gnade, die uns segnet, von dem Glanz seiner Werke, der in unserm Leben widerleuchtet. Was der Welt nottut ist vielmehr die Botschaft, daß Gott einmal in einer Nacht, an bestimmtem Orte und in klarer Gestalt seine Liebe so offenbarte, daß die Welt dadurch "einen neuen Schein" empfing, einen Schein, der dafür bürgt, daß sie in der Tiefe des Wesens verwandelt worden ist, - die Botschaft, daß Gott Mensch ward. Das Verlangen des Menschenherzens streckt sich aus nach der Offenbarung der Heiligen Dreifaltigkeit. Es ist schlechterdings unmöglich, christliche Weihnacht zu feiern, ohne an den Dreifaltigen Gott zu glauben; denn dies ist das Geschehen der Heiligen Nacht: daß Gottes verborgenes Wesen aus sich heraustritt und menschliche Gestalt annimmt. Das "Wort", das in Gott verborgen ist, kommt zur Welt, "Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht geschaffen, mit dem Vater in einerlei Wesen, durch welchen alles geschaffen ist, welcher um uns Mneschen und um unserer Seligkeit willen vom Himmel kommen ist und leibhaftig worden durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und Mensch worden". So ist der "Anfang" wiedergewonnen. Des Paradieses Tor ist wieder aufgetan, seit der Sohn, "der vom Vater geboren ist vor der ganzen Welt", Mensch ward. Ein ganz anderer Anfang als etwa jener, den Gottes Gnade gewährte, nachdem die Wasser der Sintflut sich verlaufen hatten. Dieser ein Neubeginn sterblichen Lebens mit Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht (1. Mos. 8, 22), jener aber, der der Welt in der Heiligen Nacht zuteil ward, der Anfang ewigen Lebens. Ohne diesen wahren Anfang bleibt der Mensch preisgegeben an die dunklen Rätsel des Daseins, in die zwar mancherlei Zeichen der Güte Gottes hineinschimmern, aber nichts geschieht, das den Menschen von ihnen erlöste. Das ganze Alte Testament ist gefüllt von Hinweisen auf Gottes Güte, die über seinem Zorn am Werke ist und nicht müde wird, den Menschen, der das Paradies verloren hat, zu suchen, und je schmerzlicher das Volk des Alten Testamentes die Gerichte Gottes erfährt,desto glühender wird die Hoffnung, daß einmal die Güte Gottes alles versöhnend hervorbrechen wird.
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