In dem uns vertrauten Bekenntnis des christlichen Glaubens sind das Bekenntnis zu dem Heiligen Geist als dem "Herrn, der lebendig macht" und zu der "einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche" einander zugeordnet und in dem "dritten Artikel" zusammengefaßt. Darin findet das Selbstverständnis der christlichen Kirche, aus der dieses Bekenntnis mit seiner inneren Ordnung geboren ist, seinen notwendigen Ausdruck: was "Kirche" ist, kann nur im Zusammenhang mit dem "heiligen Geist" verstanden werden; die Kirche ist Frucht und Pflanzstätte des Heiligen Geistes: kurz gesagt: die Kirche ist die Kirche des Geistes.
Dieses Wort muß sofort vor einem verbreiteten Mißverständnis geschützt werden. Wir können uns nur schwer lösen von der Gewöhnung, unter dem Geist zu verstehen das "Geistige" im Gegensatz zum Körperlich-Sinnlichen, die "Idee" im Gegensatz zur Welt der Erscheinungen, das Unsichtbar-Ewige im Gegensatz zu der konkreten Gegenwart. Hört man aus dem Worte "Geist" dies heraus, so verfällt man auf die Meinung, die Kirche des Geistes müsse die Kirche der Vergeistigung sein, die Kirche der Idee und der Gesinnung, die ihren geistigen Charakter im Protest gegen die Hochschätzung äußerer Form, einen sinnenhaften Kultus und einer konkreten festen Gestalt bewährt. Man versetzt am liebsten diese Kirche des Geistes selbst in die Sphäre des Unsichtbaren und meint, sie dürfe, weil sie die Kirche des Geistes ist, nirgends in fester und dauernder Gestalt, in leibhafter Form und Ordnung "erscheinen". Unter dem hohen Namen des Geistes wird die Kirche selbst verflüchtigt und in ein unanschauliches Reich entrückt. Wie viele unter uns rühmen in diesem Sinne den Protestantismus als die Kirche des Geistes und sehen eben darin seine Überlegenheit über die Sinnen- und Formfreudigkeit der katholischen Kirche!
Damit wird freilich alles entstellt und verkehrt, was die echte christliche Sprache mit dem Heiligen Geiste meint. Denn der Dominus vivificans ist nicht eine Idee, sondern es ist der schöpferische Odem Gottes, durch den alles besteht, ist die Aktivität und Dynamik Gottes, die in diese Welt hineinwirkt und die Gedanken Gottes in ihr verwirklicht. Die naturhaften Bilder, in denen die Heilige Schrift von diesem Geist redet, der Hauch des Atems, der wehende Wind, die Flamme des Feuers, das scheinende Licht, bis hin zum Schweben und Fliegen eines Vogels, haben alle das Gemeinsame, daß darin die wirkende Kraft, die kraftvolle Wirkung dargestellt werden soll; die energeia, die sich an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Organ durchsetzt und verwirklicht.

1. Diese göttliche Dynamik ist nicht auf eine begrenzte Sphäre der Wirklichkeit beschränkt, sondern es ist die eigentlich bewegende Kraft in allem, was ist, und allem, was geschieht. Daß der "Geist Gottes" über den Wassern des ursprünglichen Chaos schwebte, ist das Erste und Uranfängliche, was über das Geheimnis der Schöpfung gesagt werden kann (1. Mose 1, 2), und durch den Hauch Seines Mundes ist alles geschaffen (Ps. 33, 6); durch den lebendigen Odem Gottes ist der Mensch zum Menschen geworden (1. Mose 2, 7). Gewiß ist die Weltgeschichte dadurch bedingt, daß Menschen auftreten und handeln, Macht gewinnen und Herrschaft üben; aber das alles ist die vordergründige Wirklichkeit; in Wahrheit ist der Geist Gottes in seiner souveränen Freiheit und Macht die eigentlich treibende Kraft der Geschichte. Wenn Gottes lebendiger Odem einen Menschen durchdringt, dann wird er zum Helden und Herrn, der sein Volk zur Größe emporhebt (4. Mose 27, 18; Richter 6, 34 u. ä.; 1. Sam. 16, 13), und wenn der Geist Gottes von dem König genommen wird, dann neigt sich der Tag seiner Macht zum Ende (1. Sam. 16, 14); es gibt einen Anhauch des Verderbens, durch den der also Befallene in Wahn verstrickt wird und alles, was er tut, sich zum Unheil wenden muß (1. Kön. 22, 22). Die von dem Odem Gottes Betroffenen, Propheten und Könige, verkünden und vollstrecken den Ratschluß Gottes, vielleicht wider Willen; kraft dieser "Salbung" wird ein Mensch zum Werkzeug Gottes (Jes. 61, 1). Darum ist alles Gebet des Frommen in die eine flehentliche Bitte zusammengefaßt: "Nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir!" (Ps. 51, 13), und alle Zukunftshoffnung gipfelt in der Erwartung, daß der machtvolle Anhauch Gottes das Tote zu neuem Leben erwecken (Hes. 37, 14) und einmal alles Lebendige ohne Unterschied erneuern, mit Gotteserkenntnis und Lebensfülle durchdringen werde (Hes. 36, Joel 3).
Alle diese Rede von dem Odem Gottes gilt aber nicht primär dem einzelnen und für sich betrachteten Menschen, sondern es ist der durch die Zeiten hindurchgehende Weltenplan Gottes, der sich durch den "Hauch seines Mundes" verwirklicht, der Völker und Könige beruft und verwirft, und den einzelnen berufenen Boten des Herrn sein Wort auf die Lippen legt. Der "Geist" ist die göttliche Aktivität, durch die er schafft und verwirklicht, was "von Anbeginn" in seinem Herzen beschlossen ist. Das "von der Welt her" verborgene Geheimnis Gottes wird offenbar in der geschichtlichen Erscheinung Jesu Christi; die Geschichte Gottes mit der Welt tritt in ein neues Stadium, seit Christus geboren ist. "Der Heilige Geist", die Kraft des Höchsten, überschattet die Jungfrau Maria, und wir bekennen, daß Jesus Christus ist "empfangen von dem Heiligen Geist". In dem geheimnisvollen Geschehen der Taufe am Jordan senkt sich dieser Gottesgeist als die volle Kraft der himmlischen Welt auf den zum messianischen Königsamt Berufenen herab, und es verhält sich zu der Geschichte von jenen Königen, über die jählings der Geist Gottes gekommen ist, wie die Erfüllung zur Weissagung, wenn es von Christus heißt (Apostelgesch. 10, 38), daß Gott diesen "Jesus gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und Kraft".

Diese Taufe Christi ist das Urbild unserer eigenen Taufe. Diese ist nur ihrem äußeren Vollzug nach Taufe mit Wasser gleich der Taufe des Johannes, in ihrem Sinn und Wesen ist sie Begabung mit dem Feuer des Heiligen Geistes (Matth. 3, 11; Joh. 3, 5; vgl. Apostelgesch. 19, 1-6) und verleiht Anteil an der göttlichen Dynamis, die in der Auferstehung Christi ihren Sieg über die Todeswelt vollbracht hat. Dieser Zusammenhang alles Lebens im "Geist" mit der Auferstehung (konkret gesprochen, der Zusammenhang von Pfingsten und Ostern) ist von allem, was das Neue Testament vom "Geist" sagt, ganz unabtrennbar. "Gnade ist die Energie Gottes in seinen Kindern" (Blumhardt), eben jene "Energie", die Christus erweckt hat von den Toten.
Diese neue Stunde in der innersten und eigentlichen Geschichte der Menschheit ist in der pfingstlichen "Ausgießung des Heiligen Geistes" mit Sturm und Feuer angebrochen. Hier ist in Wahrheit nicht nur die einzelne Weissagung erfüllt, auf die Petrus in seiner Rede verweist (Apostelgesch. 2, 17 ff.), sondern hier fängt Gott an, all das zu verwirklichen, was der Ratschluß seiner Liebe der ganzen Menschheit von Urbeginn an zugedacht hat: Er sammelt sich ein Volk aus allen Völkern, um an ihm Seine Kraft zu erweisen und durch Seinen Dienst die kranke Welt zu heilen. Wer den "Geist" empfängt, ist nicht nur Objekt, sondern mitvollziehender Träger des göttlichen Heilswerkes, hineingenommen in das priesterliche Werk Christi, einbezogen in die große Gottesgeschichte, die mit Christus in eine neue Weltenstunde eingetreten, aber noch nicht zu ihrem Ende gekommen ist.
So gewiß der Odem Gottes, der dem Menschen von Urbeginn an eingehaucht ist, dem Menschen eine über alles bloß Kreatürliche Dasein hinausgehende Bestimmung verleiht, so gewiß reißt der Geist Gottes den von ihm bewegten und getriebenen Menschen in ein ungeheures Geschehen hinein, das erst in der vollen Enthüllung des göttlichen Geheimnisses, am Ende der Tage, im Gericht und in der neuen Welt vollendet wird. Darum ist der "Heilige Geist" auf der einen Seite ständige Vergegenwärtigung und "Erinnerung" (beides im ganz strengen Sinn verstanden!) der geschichtlichen Erscheinung Christi, Auswirkung und Entfaltung des Christusereignisses ("der Geist wird Mich verklären" Joh. 16, 13.14), auf der andern Seite aber zugleich die gegenwärtige Gestalt des Zukünftigen, das "Pfand" des Erbes, das noch nicht in unsere Hände gelegt ist. (Eph. 1, 14), das "Siegel", das alle Verheißung und Hoffnung verbürgt (Eph. 1, 13; 4, 30), und inmitten aller Fragwürdigkeit der gegenwärtigen Welt der Anbruch der vita venturi saeculi.
So wenig hat dies alles zu tun mit jener vielgerühmten Innerlichkeit, daß der Herr selbst mit dem Atem seines Mundes die Vollmacht seines priesterlichen Amtes auf seine Jünger überträgt (Joh. 20, 22), daß die Apostel durch ihre aufgelegten Hände die Kraft dieses Geistes weitergeben, und daß durch die Berührung mit dieser himmlischen Dynamis Kranke genesen und der Lügner, der sich am Heiligen vergreift, wie vom Blitz gefällt wird (Apostelgesch. 3, 5). Von diesem Geist lebt die Kirche, und wenn sie "Kirche des Geistes" genannt wird, so ist dieser gewaltige, rettende und vernichtende Odem Gottes gemeint. |