Das Bild vom Schmelztiegel Gottes soll die Lage beschreiben, in der die christliche Kirche sich heute befindet. Mag diese Lage an der evangelischen Kirche im deutschen Volksraum besonders sichtbar werden, so ist es doch eine wahrhaft "ökumenische Lage" der ganzen Christenheit. Auch in den großen "katholischen" Kirchenkörpern des Abendlandes und des Morgenlandes greift die Erkenntnis um sich, daß ein Umschmelzungsprozeß von unabsehbaren Ausmaßen im Gange ist. Die in Jahrhunderten erstarrte und verfestigte Form des Christentums wird von Gott in den Schmelztiegel geworfen, um wieder feuerflüssig und dadurch zu neuer Prägung bereitet zu werden.
Es ist tröstlich zu bedenken, daß es der Schmelztiegel Gottes ist; denn das heißt ja, daß wir es nicht mit innerweltlichen Gewalten, sondern mit Gott selbst zu tun haben und nicht nach den Absichten menschlicher Instanzen, sondern nach Absichten Gottes zu fragen haben. Es ist Gott selbst, der seine Kirche in den Schmelztiegel geworfen hat. Das Feuer, in dessen Hitze die feste Form zerschmilzt wie Wachs, ist freilich das Bild einer radikalen Wandlung, ja einer unerbittlichen Vernichtung. Nicht alles, was der Hitze dieses Schmelztiegels ausgesetzt wird, kann gewandelt werden; manches geht einfach zugrunde und sinkt zu einem Häuflein Asche zusammen; Stroh und Holz kann man nicht umschmelzen, und es muß sich erst zeigen, was feuerfestes Material ist und was nicht. Aber auch das "Feuerbeständige" bleibt nicht, wir es war. Auch Formen, die kostbar schienen und unserem Herzen teuer waren, werden im Schmelztiegel erbarmungslos zerstört. Und es ist jetzt noch nicht sichtbar, was daraus werden soll; nur in dem Plan des Meisters ist vorgezeichnet, welche neue Form er dem feuerflüssigen Stoff geben will.
Hier streifen wir freilich an die Grenze des Bildes vom Schmelztiegel, und wir müssen darauf achten, daß wir daraus nicht etwas heraushören, was der Sache nicht entspricht. Wenn Gott seine Kirche umschmilzt, so ist das kein physikalischer Prozeß, der sich an uns und ohne unseren Willen abspielt; sondern wir haben selbst eine Aufgabe und Verantwortung für das, was aus uns wird, und wir sind nicht nur Gegenstand, sondern immer zugleich Träger und Vollstrecker des Schicksals, das Gott uns zugedacht hat.

Diese unsere Verantwortung muß sich zunächst einer doppelten Versuchung gegenüber bewähren, die mit dieser Lage verbunden ist, wenn auch die Einzelnen von ihnen in einem sehr verschiedenen Grade verwirrt werden. Es gibt einen Enthusiasmus der Katastrophe, der sich dafür begeistert, alles, was gewesen ist ,zu verdammen und zu zerschlagen, und der alles verliebt bewundert, was sich als neu empfiehlt. Hinter diesem revolutionären Pathos, das wir wahrhaftig auch aus alten und neueren Zeiten des kirchlichen Umbruchs kennen, verbirgt sich zumeist einfach ein Mangel an Treue. Jede Zeit hat ihre Bilderstürmer, die da meinen, "dem Neuen" den Weg zu bereiten, indem sie irgend etwas, das die Väter für gut gehalten haben, schmähen und zerstören. Bei vielen, die heute dem Christentum den Rücken kehren und ihre christliche Verantwortung abstreifen wie ein zerschlissenes Gewand, handelt es sich gar nicht um irgend welche tieferen Fragen in denen sie etwa neue Antworten suchen, sondern sie haben einfach nicht die seelische Kraft der Beharrung; sie sind wankelmütig, unzuverlässig und treulos; man soll die Dinge bei ihrem Namen nennen und nicht verkleiden. - Freilich müssen wir uns ebenso warnen lassen vor einer falschen Art von Treue, die etwas verteidigen und schützen will, was Gott nicht erhalten will. Es gibt keine bombensicheren Unterkünfte oder feuerfesten Schränke, in denen wir irgend welche kirchlichen Einrichtungen oder Gewohnheiten vor dem Zugriff Gottes sichern können, wenn er sie in den Schmelztiegel werfen will. Biticelli hat in seinen Zeichnungen zur Divina Commedia auch jene armen Menschen dargestellt, denen nach Dantes Schilderung in der Hölle der Kopf rückwärts angewachsen ist, weil sie im Leben immer darauf gepocht haben, wie es früher gewesen Sei. Das ist nicht Treue, sondern Eigensinn und ängstlicher Unglaube. Wir müssen lernen, die größte Treue mit der größten Beweglichkeit zu verbinden; es ist nicht unter Amt, zu richten und zu zerstören, aber noch weniger ist es unsere Sache, zu retten und zu konservieren, was Gott in den Schmelztiegel seiner Gerichte werfen will.
Wir sollten auch nicht so tun, als ob wir gar nicht wüßten, was in diesem Feuer verbrennen muß, gar nichts davon ahnten, welches Bild der himmlische Goldschmied dem wieder feuerflüssig gewordenen Stoff seiner Kirche einprägen wird. Was der Schmelztiegel Gottes für unsere evangelische Kirche bedeutet, wird an unserem Verhältnis zur Reformation deutlich. Etliche unter uns sind unter dem Eindruck des inneren Zerfalls unserer Kirche sehr bereit, das Erbe der Reformation als einen gefärlichen Ballast über Bord zu werfen und irgendwohin zu fliehen; aber solche Ausflucht und bequeme Heimkehr ist uns wirklich verwehrt, und niemals wird das neue Haus, dessen wir bedürfen, gebaut mit Vergeßlichkeit und Verrat. Wohl aber müssen wir heute klarer als je erkennen, daß der große Aufbruch, der in der Reformation geschah, zum Stehen gekommen, daß das eigentliche Anliegen der Reformation gescheitert und daß unser "Protestantismus" aus dem Scheitern der Reformation entstanden ist. Hier bleibt eine noch nicht erfüllte Aufgabe, ein noch nicht eingelöstes Versprechen. Das Viele, was hierzu zu sagen ist, läßt sich in fünf Gedankengruppen ordnen:

1. Die Reformation hat es gewagt, allen Gläubigen die Bibel in die Hand zu geben. Sind wir wirklich die Kirche mit der Bibel? Entspricht der beispiellosen zahllenmäßigen Verbreitung der Bibel auch nur annähernd die innere Vertrautheit mit ihrem Inhalt? Es kann sein, ja es ist wahrscheinlich, daß es künftig nicht mehr so selbstverständlich leicht und bequem sein wird, sich eine Bibel zu beschaffen; vielleicht wird dies Buch in dem gleichen Maße wieder aufmerksamer gelesen, als es schwer sein wird, es zu bekommen. Gehen wir in der richtigen Weise mit der Heiligen Schrift um? Der eigentliche Gebrauch der Heiligen Schrift ist der Gottesdienstliche; das Hören im Gottesdienst ist der normale und angemessenste Weg, sie kennenzulernen. Gilt nicht in unserem Kirchenvolk das freie Wort des Predigers mehr als die heilige Lesung, und die Taschenbibel mit dem Raum für unsere Anmerkungen mehr als das große und schwere Buch, das auf dem Lesepult im heiligen Raum liegt?
Jedes Geschlecht schöpft wieder neu aus diesem unergründlichen Meer und empfängt nicht mehr, als was es in seine armen Gefäße fassen kann. Luther war der Meinung, in dem Wort von der rechtfertigenden Gnade, so wie er es verstand, den Schlüssel zum Ganzen der Heiligen Schrift entdeckt zu haben, Wir sehen heute, daß dabei weite und wichtige Gebiete der Heiligen Schrift an den Rand seines Sehfeldes gerieten; wir haben gelernt, nicht nur den schwierigen Römerbrief, sondern auch die Briefe an die Epheser und an die Hebräer und das Buch der geheimen Offenbarung mit großer Aufmerksamkeit zu lesen und haben dabei gemerkt; daß der Raum der Bibel größer und weiter ist als unsere überkommene Kirchenlehre. Daß alle Kreatur durch Christus und auf Christus hin geschaffen ist, daß Er der Herr ist aller Mächte, die in diesem Kosmos am Werk sind, und Mitte und Ziel aller Geschichte, - es mangelt uns oft die Freiheit und Kühnheit, diese Dinge so ernst zu nehmen, wie sie es verDbienen. An der Bibel müssen wir neu lernen, die Kleinheit, Engigkeit und Kümmerlichkeit unseres sogenannten Christentums zu überwinden.

2. Menschen, die mit heißen Herzen in der Geschichte unseres Volkes stehen und die nun etwa plötzlich einmal in einen unserer Gottesdienste geraten, werden leicht den Eindruck haben, daß, während dort große Geschichte erfahren und gestaltet wird, hier in Wahrheit nichts geschieht. Wir haben uns weithin daran gewöhnt, über die Dinge zu reden, während die Menschen hungern nach der Berührung mit lebendiger Wirklichkeit. Luther meinte und wollte, daß man seinen kleinen Katechismus "beten" solle, weil man von alle dem, was er enthält, eben nicht eigentlich als ein Zuschauer, sondern nur betend reden kann, das heißt so, daß man sich verehrend und liebend mit Gott und seiner lebendigen Wahrheit verbindet. Wir nehmen unsere Rede wichtig, statt die Wirklichkeit Gottes ernst zu nehmen und mit ihr zu rechnen. Das Wort eines englischen Mystikers, das mir vor einigen Wochen begegnete, begleitet mich seither, als eine erschreckende Mahnung: To remember God as absent is very little way from atheism; das heißt: Wer von Gott redet, als ob er nicht gegenwärtig wäre, ist nicht weit weg von der Leugnung Gottes.
Wir treffen heute nicht selten Menschen, die völlig immun zu sein scheinen für jede religiöse Wahrheit, für jede ReDe von Gott; es ist gleichsam das Empfangsgerät, durch das wir die Stimme von drüben vernehmen können, in unzähligen Menschen zerstört. Vielleicht ist das aber gerade dadurch geschehen, daß mit diesen Menschen in einer falschen Weise geredet worden ist, so daß sie gar nicht auf den Einfall kommen konnten, Gott sei eine lebendige Wirklichfeit. Dieses wortreiche und zutiefst ungläubige Reden von den Geheimnissen Gottes wird von Gott in den Schmelztiegel geworfen, und es muß darin verbrennen; aus diesem Feuer der Verwandlung soll der "gläubige Realismus" der biblischen Sprache neu erstehen.
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