Kann es eine dringlichere Frage für uns geben als die Frage nach dem Sinn des Leidens, die Frage nach dem starken und wahren Trost? Wir sind nicht in der Gefahr, solche Fragen als ein weltanschauliches Zuschauerproblem zu behandeln, so wie wohl etliche Philosophen im ungestörten Genuß des Lebens die Misere des Daseins beklagt und das interessante Problem der Theodizee erörtert haben. Sind wir nicht wirklich dieser peinlichen und lächerlichen Rolle enthoben? Wir sind eingefügt in eine große Schicksalsgemeinschaft der leidenden Menschheit; täglich sollen wir trösten und bedürfen selber des Trostes. Also dürfen wir es wohl wagen, miteinander und zueinander zu sprechen von Leid und Trost.
Drei unerläßliche Voraussetzungen müssen erfüllt fein, wenn ein Wort des Trostes glaubwürdig sein soll. Wer selber keines Trostes bedarf, kann nicht trösten. Es ist kaum möglich, über das dunkle Rätsel des Leidens etwas auszudenken, das nicht schon die Freunde Hiobs in ihren langen Reden gesagt haben; aber der leidenschaftliche Widerspruch des leidenden Hiob und der Zorn Gottes stehen wider das fromme Geschwätz, in dem der Gesunde und Glückliche sich anmaßt, dem Leidenden sein unbegreifliches Schicksal zu deuten. Nur wer mit uns in der Welt der Schmerzen und des Todes steht und darum mit-leidet mit unserer Schwachheit, hat Vollmacht, zu trösten. Aber es ist nicht wahr, was das lateinische Sprüchlein uns versichern wollte, es sei dem Unglücklichen ein Trost, Gefährten seines Leidens zu haben. Keine Träne versiegt und keine Klage verstummt, weil die Klage in vielstimmigem Chor aufgenommen wird und widerhallt. Es ist ein schlechter Trost, zu wissen, daß es viele andere gibt, die in ihrem Jammer auch ohne Trost sind. Wenn die schönen Trostgründe bei uns selbst nicht verfangen und uns selbst nicht herausreißen aus der dunklen "Schwermutshöhle", so bleibt alles unglaubwürdig, was wir etwa über den Sinn des Leidens sagen. Und wer selbst den Trost, der ihm geboten wird, nicht annimmt, nicht annehmen will, kann erst recht nicht trösten. Es hat seinen tiefen Grund, daß der Herr den Gelähmten fragt: "Willst du gesund werden?" (Joh. 5, 6). Denn es sind nicht wenige, die verliebt sind in ihr Leiden, versunken in ihre Traurigkeit, verbissen in ihren Trotz; sie gefallen sich selbst in ihrem "tragischen" Los und versäumen die Aufgabe, die es ihnen stellt. Sie können nicht trösten; denn wir können anderen Menschen immer nur helfen mit dem, was an uns selbst geschieht.
Es gibt drei Wege des Trostes, auf denen sich Rechtes und Falsches, Wahrheit und Wahn fast unentwirrbar vermengen.

1. Es ist einer der großen Wunschträume der Menschheit, es könnte einer ungeheuren Kraftanstrengung gelingen, die Quellen des Leidens zu verstopfen, das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl zu sichern und die leidvolle Erde also in ein Paradies ungestörter Harmonie zu verwandeln. In diesem gigantischen Versuch spricht sich der tiefe Glaube aus, daß der Mensch nicht zum Leiden, sondern zur Freude geschaffen ist: "Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit." Und es wirkt darin die richtige Einsicht, daß es uns nicht erlaubt ist, vor der Macht des Leidens in einer fatalistischen Ergebung die Waffen zu strecken, sondern daß es uns vielmehr auferlegt und aufgegeben ist, mit allen und zur Verfügung stehenden Mitteln, mit allen Waffen des Herzens und des Geistes, der Technik und der Organisation gegen das vielgestaltige Leiden zu kämpfen. Oder sagen wir es nüchterner und bescheidener: Nie kann uns die Reflexion über den Sinn des Leidens oder der wohlgemeinte Trost entbinden von der primären Pflicht zu helfen. Christus hat in seinen Erdentagen nicht "getröstet", sondern geholfen und geheilt; und neben den Taten der Liebe, nach denen im letzten Gericht gefragt wird (Matth. 25, 31 ff.) ist die bloße tröstliche Rede nicht genannt. Aber unserer tätigen Hilfsbereitschaft sind enge Grenzen gezogen. Wie ohnmächtig stehen wir vor allem wirklichen und großen Herzeleid! Und welche Illusion, zu meinen, wir könnten sozusagen das Leiden abschaffen! Haben wir eine Quelle des Schmerzes verstopft, eine Einbruchstelle verschlossen, so bricht die Urmacht des Leidens an anderer Stelle mit unverminderter Gewalt hervor. Und wie oft führt der nie endende Abwehrkampf gegen die Leiden der gequälten Menschheit selbst neue Qualen herauf! - Oder sollten wir wenigstens die sichtbaren Gestalten des Leidens uns möglichst aus den Augen räumen, den Schmerz, da wir ihn nicht vertilgen können, möglichst an den Rand des Lebens drängen und auch jene Erinnerungen soweit es sein kann, auslöschen, die uns in Genuß und Freude stören? Ganze Geschlechter der abendländischen Menschheit haben nach diesem Rezept gehandelt. Sie haben -- wahrhaftig nicht nur aus wirtschaftlichen oder hygienischen Gründen - die Friedhöfe weit aus den Wohnungen der Lebenden hinaus verlegt und also das Trugbild eines "Lebens ohne Tod" hervorgezaubert; sie haben die grauenerregenden Bilder physischer und geistiger Zerstörung kaserniert und damit eine Fassade der Lebensfreude errichtet. Diese Fassade stürzt heute zusammen; es ist nichts mehr zu verbergen; das Grauen blickt uns an. Wenn wir je geneigt waren, mit den Vätern zu hadern oder ihrer zu spotten, die die Erde ein Jammertal genannt haben, dieser Spott ist uns vergangen. Kein guter Wille, keine gewaltsame Anstrengung, keine Hülle und keine Hilfe verwandelt die Erde in ein Paradies.
Wird fortgesetzt
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