Symbol Navigation Inhalt 1950

Drucken
Links Teil 1


Quatember
Die Übung der Meditation bei Luther
von Günter Jacob
(Teil 2)


LeerZwei Szenen beleuchten die Fähigkeit Luthers zu gesammelter Meditation. Der Blick aus dem Fenster der Koburg in den dramatisch so bewegten, von kirchenpolitischen Hochspannungen erfüllten Tagen des Jahres 1530 während des Reichstages in Augsburg löst in Luther eine meditative Betrachtung über den Schöpfer des nächtlichen Sternengewölbes als den Erhalter des Weltalls aus, wie er es in seinem Brief an den Kanzler Bruck vom 5.8.1530 bezeugt (zitiert nach Clemen VI S. 354): "Ich habe neulich zwei Wunder gesehen: das erste, da ich zum Fenster hinaus sahe die Sterne am Himmel und das ganze schöne Gewelb Gottes, und sahe doch nirgends keine Pfeiler, darauf der Meister sein Gewelb gesetzt hatte; noch fiel der Himmel nicht ein, und stehet auch solch Gewelb noch fest. Nu sind etliche, die suchen solche Pfeiler und wollten sie gern greifen und fühlen. Weil sie denn das nicht vermögen, zappeln und zittern sie, als werde der Himmel gewißlich einfallen, aus keiner anderen Ursachen, denn daß sie die Pfeiler nicht greifen noch sehen ..." Diese Szene erinnert an jene andere Szene auf der Wartburg, wo Luther aus dem Fenster der engen Burgstube auf das dunkle Meer von Baumwipfeln schaut, das die Thüringer Berge vor ihm ausbreiteten, und ringsum die bläulichen Rauchsäulen der Kohlenmeiler aufsteigen sah. Auch hier wird durch diesen Anblick eine intensive meditative Schau ausgelöst (Zitat nach Gerhard Ritter "Luther", München 1925, S. 90): "Der Rauch gehet über sich, macht sich eigenwillig in der Luft, tut, als wolle er die Sonne verblenden und den Himmel stürmen. Was ist's aber? Kommt ein kleines Windlein, so verweht sich und verschwindet der breitprächtige Rauch, daß niemand weiß, wo er geblieben. Also alle Feinde der Wahrheit haben's groß im Sinne, tun greulich, zuletzt sind sie wie der Rauch wider den Himmel, der auch in ihn selb ohne Wind verschwindet."

LeerDie Kraft solcher meditativen Betrachtung wird an einer Fülle von Bekenntnissen deutlich, die das gesamte Schrifttum Luthers von der ersten Vater-Unser-Auslegung im Jahre 1518 bis zu den letzten Zeilen aus seiner Hand, dem Zettel vom 16. Februar 1546 durchziehen. Es sind Bekenntnisse, in denen Luther aus eigener Erfahrung wieder und wieder die Notwendigkeit der intensivsten Meditation beschreibt und sich gegen jene "Flattergeister" (ein von Luther häufig angeführtes Bild aus dem Psalm 119) leidenschaftlich abgrenzt, die sich der Heiligen Schrift im Stadium einer bodenlosen Zerstreuung bemächtigen. Diese Bekenntnisse, die wir zu Bergen auftürmen könnten, sind ein eindringliches Zeugnis für die Intensität der Meditation. Hier müssen wir heute Luther wieder als jenen Lehrer der Kirche entdecken, der uns, den in die Bodenlosigkeit der Zerstreuung Abgestürzten und von und von aller echten Meditation Abgetriebenen, wieder diese Kunst der Meditation deutlich machen kann. Das Wesen der Meditation wird von ihm in wunderbarer Klarheit in einer Predigt zum Weihnachtsevangelium beschrieben (Zitat nach Gogarten, a.a.O. S. 252): "Das Evangelium ist so klar, daß nicht viel Auslegens bedarf, sondern es will nur wohl betrachtet, angesehen und tief zu Herzen genommen sein. Und wird niemand mehr Nutzen davon bringen, denn die ihr Herz stille halten, alle Dinge ausschlahen und mit Fleiß drein sehen. Gleichwie die Sonne in einem stillen Wasser gar eben sich sehen läßt und kräftig wärmet, die im rauschenden und laufenden Wasser nicht also gesehen werden mag, auch nicht also wärmen kann."

Linie

LeerEs ist hier nicht der Ort, um die Selbstzeugnisse Luthers aus Kommentaren, Predigten, Briefen und Tischreden zu zitieren, in denen er immer wieder von seiner meditativen Praxis und von seinen meditativen Erfahrungen in einer eindringlichen Weise spricht. Die eindrucksvollen Zeugnisse über sein tägliches Leben in der Meditation sind oft abgedruckt worden. Ihr sachlicher Gehalt ist von einer großartigen Eindeutigkeit. In diesen Zeugnissen begegnet uns der Beter Luther, der sich täglich trotz seiner ungeheuren Arbeitsbelastung mehrere Stunden zu Gebet und Meditation ausgespart hat. Diese Stunden hat er nach seinen vielfachen Berichten in einer festen, geistlichen Ordnung gestaltet. Wir begegnen immer wieder seinem demütigen Bekenntnis, daß er sich in Meditation und Gebet keiner Meisterschaft rühmen kann und sein Leben lang sich als ABC-Schütze und als Schüler des Katechismus betrachten muß. Wir begegnen so oft seiner seelsorgerlichen Mahnung, die Heilige Schrift in innerster Sammlung täglich zu betrachten und das Wort zu "treiben, käuen und bläuen". Ein besonders eindringliches Dokument für die praktische Übung der Meditation ist seine kleine Schrift "Eine einfältige Weise zu beten für einen guten Freund" 1535, die er für seinen Wittenberger Barbier geschrieben hat. Hier wird eine praktische Anweisung zur Meditation des Vaterunser nach ganz bestimmten Regeln gegeben. Man findet diese herrliche Schrift Luthers außer in der Weimarer Ausgabe (WA XXXVIII) auch in der Braunschweiger Ausgabe. Es wird gerade an dieser Schrift deutlich, wie sich für Luther alle Meditation zur betenden Betrachtung der Grundwahrheiten der christlichen Verkündigung verdichtet und ihre Verwirklichung im täglichen Gebet erfährt. Der Kleine Katechismus ist für Luther nicht ein Kompendium der Dogmatik oder ein volkstümliches Handbuch christlicher Weisheit, sondern einfach das Brevier, das Gebetbuch für das täglich geübte Stundengebet. Beispielhaft seien hier lediglich drei Zitate aus dem Großen Katechismus angeführt (zitiert nach Müller "Die symbolischen Bücher", 1882). Aus der Vorrede im Zusammenhang einer Polemik gegen "die schändlichen Freßlinge und Bauchdiener, die billiger Säuhirten und Hundeknechte sein sollten denn Seelwarter und Pfarrherrn": "Und daß sie doch so viel täten, weil sie des unnützen, schweren Geschwätzes der sieben Gezeiten nu los sind, an derselbigen Statt Morgens, Mittags und Abends etwa ein Blatt oder zwei aus dem Katechismus, Betbüchlein, neuen Testament oder sonst aus der Biblia läsen und ein Vaterunser für sich und ihre Pfarrkinder beteten ...". Im Fortgang dieser Vorrede heißt es dann. "Das sage ich aber für mich. Ich bin auch ein Doctor und Prediger, ja so gelehrt und erfahren, als die alle sein mögen, die solche Vermessenheit und Sicherheit haben: noch tu ich wie ein Kind, das man den Katechismus lehrt und lese und spreche auch von Wort zu Wort des Morgens, und wenn ich Zeit habe, die Zehn Gebot, Glauben, das Vaterunser, Psalmen...". Zur Auslegung des 2. Gebotes heißt es: "Dazu dienet auch, daß man sich gewöhne täglich Gotte zu befehlen, mit Seel und Leib, Weib, Kind, Gesind und was wir haben, für alle zufällige Not; daher auch das Benedicite, Gratias und andere Segen Abends und Morgens kommen und blieben sind."

Linie

LeerImmer wieder hat Luther in der Meditation auf ein lautes Sprechen und Beten verwiesen, auch im Hinblick auf die Psalmen, die er übrigens im Vulgata-Text aus der katholischen Zeit des Brevierbetens fast vollständig auswendig konnte (vgl. Vorrede 1545, abgedruckt bei Hans Eger "Luther und seine Bibel" München 1934, S. 21). So lebt Luther im Stundengebet. Luther pflegte laut zu beten. Seine tiefe Ehrfurcht vor der Majestät Gottes zwang ihn beim Gebet in die Knie. Er hat es auch im Kl. Katechismus den Hausvätern zur Pflicht gemacht, beim Morgen- und Abendsegen sich "samt Kindern und Gesinde" mit dem heiligen Kreuz zu segnen und dann kniend oder stehend das Credo und das Vaterunser zu beten. Auch hier stehen zwischen Luther und uns die Barrikaden des Rationalismus. Die Gebärden wurden verdächtigt und aufgelöst. Unter der Vorherrschaft einer spiritualistischen Theologie kam es zu einer Zersetzung des echten Zusammenhangs von innerster Haltung und Gebärdensprache. Auf protestantischem Boden wurde vergessen, daß das Knien die Ehrfurcht vor Dem ausdrückt, welcher der Herr ist, und daß das Knien das Innerste des Menschen zur Ernst und Bereitschaft ordnet. Ebenso wurde die significatio mit dem signum crucis im Zeitalter des Rationalismus so vollständig zersetzt, daß heutzutage eine Wiederbelebung dieser Übung der lutherischen Kirche unter dem kindischen Schlagwort der "katholisierenden Tendenzen" sofort einer massiven Diffamierung verfiele. Das heilige Zeichen des Kreuzes aber ist - nach einer Betrachtung von Romano Guardinis "Vorschule des Betens" (Zürich 1943) - eine Bildmacht, die nicht bloß vom Einzelnen getragen wird, sondern die als Zeichen der gesamten Christenheit den Einzelnen formt.

LeerDas Wesen der Meditation wird von Luther in der Vorrede zum 1. Bd. der Wittenberger Ausgabe 1539 (zitiert nach Eger a.a.O. S. 35) mit den Worten beschrieben: "Zum andern sollst du meditieren, d. i. nicht allein im Herzen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und buchstäblichen Worte im Buch immer treiben und treiben, lesen und wieder lesen, mit fleißigem Aufmerken und nachdenken, was der Heilige Geist damit meint. Und hüte dich, daß du nicht überdrüssig werdest oder denkst, du habest es einmal oder zwei genug gelesen, gehört, gesagt und verstehest es alles zu Grund; denn da wird kein sonderlicher Theologus nimmer mehr aus, und sind wie das unzeitige Obst, das abfället, ehe es halb reif wird. Darum siehst du in demselbigen Psalm, wie David immerdar rühmet, er wolle reden, dichten, sagen, singen, hören, lesen, Tag und Nacht ..."

Evangelische Jahresbriefe 1950 (S. 46-52)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-08-25
Haftungsausschluss
Links TOP Kirchberg