In der neuen Folge unserer Evangelischen Jahresbriefe werden sich durch die meisten Beiträge als ein roter Faden hindurchziehen die Frage nach dem wahren Bild des Menschen, die Sorge um das echte humanum in dem so vielfach bedrohten Menschen, und die dadurch bedingten Fragen der Erziehung, Menschenbildung und Seelenführung. Wir versuchen, in den biblischen Erwägungen, die auch in diesem Jahr an der Spitze eines jeden Heftes stehen sollen, einige, wie wir meinen, wichtige Beiträge zu diesen Fragen aus einer Besinnung auf den Sinngehalt des Vaterunsers zu gewinnen. Eine solche Frage, welches Menschenbild in dem Gebet des Herrn vorausgesetzt ist, anders ausgedrückt, die Frage nach dem Menschen, der das Vaterunser betet, bedeutet nach keiner von beiden Seiten hin eine Vergewaltigung durch eine wesensfremde Fragestellung. Denn wenn das Gebet, das der Herr seine Jünger gelehrt hat, nicht als eine Formel verstanden und gebraucht werden darf, deren mechanische Wiederholung als solche einen religiösen Wert haben könnte, dann ist offenbar dieses Gebet nicht zu denken ohne eine bestimmte Art des menschlichen Seins und inneren Verhaltens, die allein dieses Gebet zu vollziehen, nachzuvollziehen vermag. Und umgekehrt: Nirgends wird der Mensch in so tiefen Schichten seines Seins beansprucht, nirgends die Gefährdung oder auch der Verfall des Menschenwesens so unheimlich enthüllt wie da, wo der Mensch den Versuch macht oder auch nur aufgerufen wird, im Gebet sich vor Gott zu stellen, Ihm zu begegnen und zu antworten.

Damit ist nichts anderes ausgesprochen als die notwendige und unausweichliche Konsequenz aus der Grunderkenntnis, daß der Mensch "auf Gott hin geschaffen" ist, und daß nur eben dieses, daß er als Person auf Gott bezogen ist, die Sonderstellung des Menschen unter allen Kreaturen begründet. Jeder Versuch, auf einer anderen Ebene, in anatomischen oder physiologischen Merkmalen, in seelischen oder geistigen Fähigkeiten einen absoluten Unterschied zwischen Mensch und Tier zu finden und zu beschreiben, muß deswegen scheitern, weil auch die merkwürdigsten Ähnlichkeiten oder Analogien, die irgendwie vergleichbaren geistigen Anlagen oder Qualitäten zu völlig falschen Schlüssen verführen müssen, wenn man auch nur einen Augenblick vergißt, daß die unzerteilbare Gesamtgestalt "Mensch" oder "Tier", der die gleichen Bauelemente, Organe, Funktionen oder Reaktionen hier und dort eingefügt oder dienstbar sind, absolut verschieden ist. Und da ja nicht die tatsächliche Ausübung einer Funktion, sondern das Vorhandensein einer Möglichkeit, Anlage und Bestimmung entscheidend ist, vermag auch die Verkümmerung dieser Anlage, der theoretische oder praktische Atheismus, die selbstmörderische Vertierung des Menschen die Tatsache nicht aufzuheben, daß der Mensch auf Gott hin geschaffen ist und er in der bewußten Hinwendung des Geschöpfes zu seinem Schöpfer die Bestimmung seines Wesens erfüllt. So wie sich an den aufgehobenen Händen (1. Tim. 2,8), in der uns aus der Antike so vertrauten Gestalt des Oranten, die aufrechte Gestalt des Menschenleibes in reiner Vollkommenheit darstellt, so stellt sich der Mensch nie so sehr inmitten aller anderen Kreaturen als Mensch dar, wie wenn er sich in der Blickrichtung seiner Wesenstiefe dem zuwendet, das weder er selber ist noch mit irgendetwas, das er in der Welt um ihn her vorfindet, identisch ist, und in dem er sich dennoch oder vielmehr gerade deswegen in einer geheimnisvollen und unbeschreiblichen Weise verbunden, verpflichtet und verantwortlich weiß, wenn er also - um das Gleiche mit dem schlichtesten Worten zu sagen - glaubt und betet. Denn weit entfernt, damit etwa die Augen vor der "Wirklichkeit" zu verschließen und sich in Phantasie und Gemüt einer unwirklichen Ideenwelt zuzuwenden, durchbricht der betende Mensch vielmehr den Bann der oberflächlichen und plumpen Meinung, daß nur das in vollem Sinn wirklich sei, was unseren groben Sinnen zugänglich ist, und wendet sich jener "höheren" (oder "tieferen", jedenfalls umfassenderen) Wirklichkeit zu, welche zu leugnen oder zu ignorieren das Urteil der Torheit und den Fluch der Lächerlichkeit auf sich zieht (Ps. 14, 1; 2, 4).

Es sind verschiedene Umstände, die diese Rückwendung des Menschen zu seinem Ursprung (die re-ligio) und damit das Menschsein des Menschen erschweren oder verhindern. Vor allem scheint es bequemer, sich auf den innerweltlichen Bereich, auf die unseren Sinnen und unserem Verstande zugängliche "Wirklichkeit" zu beschränken und sich der Beunruhigung durch jene nicht nur übersinnlichen und übernatürlichen, sondern auch übervernünftigen Bereiche zu entziehen. Die "wissenschaftlichen" oder "philosophischen" Begründungen, die der Mensch dieser seiner Blindheit oder Verblendung zu geben vermag, sind eine schlechte Tarnung der metaphysischen Angst, mit der Adam sich vor dem Anruf Gottes hinter den Gebüschen des Paradieses verstecken wollte. beten heißt, hinter all diesen philosophischen (oder theologischen) Gebüschen hervorkommen und sich dem Anruf Gottes stellen und Ihm antworten, auch wenn die Knie dabei wanken und die Augen den auf uns gerichteten Blick nicht aushalten. Beten heißt, die Flucht aus der Wirklichkeit durch eine entschlossene, kühne Umkehr beenden und sich der Wirklichkeit Auge in Auge gegenüberstellen.

Wir würden aber vielen Menschen, vielleicht auch uns selbst, unrecht tun, wenn wir anklagend behaupten wollten, daß sich immer der Mensch selbst in bewußter Absicht dieser Begegnung entziehen oder vor ihr verstecken wollte. Er wird ihr entzogen; er wird versteckt. Das sogenannte "Leben" mit seinen Fragen, Nöten, Vergnügungen, Begierden, Aufgaben und Zerstreuungen ist nicht nur das Feld, auf dem der Mensch sich zu bewegen und zu bewähren hat, sondern es wirkt zugleich als eine sehr undurchlässige Wand, die es zu jener Berührung mit der eigentlichen Wirklichkeit nicht kommen läßt. In besonderem Maß isolierend wirkt der Lärm in jeder Form, jene "Geräuschkulisse", ohne die die meisten Menschen ihre Existenz sich nicht mehr vorstellen können und nicht mehr glauben, aushalten zu können. Es hat darum eine mehr als anekdotische Tragweite, daß nach dem Bericht des Lukas-Evangeliums (11, 1 ff.) die Bitte der Jünger: "Herr, lehre uns beten", auf die dann der Her mit der Stiftung des Vater-unser-Gebetes antwortete, ausgelöst war durch den Eindruck der Art, wie Jesus selber betete; Jesus aber pflegte, um zu beten, die Einsamkeit und Stille der Berge aufzusuchen; und selbst in jener Nacht des schwersten Kampfes (im Garten Gethsemane), da der Herr wider alle Seine Gewohnheit drei Seiner Jünger bat, bei Ihm zu bleiben und mit Ihm zu wachen, riß Er sich in der eigentlichen Stunde des Gebetes auch aus der Nähe der vertrautesten Menschen los in die äußere Einsamkeit, die der inneren Einsamkeit vor Gott angemessen ist. Wir wissen freilich, wie schwer es dem heutigen Menschen gemacht ist, Einsamkeit und Stille zu finden; er hat keinen Ort, wo er allein sein könnte, und der Lärm verfolgt ihn allenthalben; die Geräuschkulisse schiebt sich überall zwischen den Menschen und die Wirklichkeit, die er - vielleicht! - suchen möchte. Dabei ist durchaus zu fragen, ob wir nun nicht mehr beten können, weil wir keinen Ort der Einsamkeit und Stille mehr haben, an dem wir dem "Geräuschterror" als einer unheimlichen Begleiterscheinung des Massendaseins entronnen wären; oder ob umgekehrt - gemäß dem indischen Satz "Immer nur kann dir widerfahren, was du selber bist" - der Lärm nur unter solchen Menschen, die zu beten verlernt haben und diese Unfähigkeit kaum mehr als Mangel oder Verlust empfinden, zu seiner seelenbetäubenden Lautstärke anschwellen konnte. Denn die Frage der Einsamkeit und Stille ist zwar gewiß auch eine Frage der äußeren Umstände, und es wäre theoretisch denkbar, daß auch durch einen gesetzlichen "Menschenschutz" die Unverfrorenheit der Lärmmacher in etwas engere Grenzen gewiesen würde; aber es ist überwiegend eine Frage an den Menschen selber, ob er die Einsamkeit erträgt und die Stille sucht, in der allein jene Begegnung zustande kommt, oder ob er die Masse und den Lärm liebt, weil er sich hinter dieser Kulisse vor Gott und damit vor der Wirklichkeit der eigenen Existenz verstecken kann; das heißt aber, ob er in dem Kampf um den Menschen auf der Seite des Menschen oder auf der Seite der Entmenschlichung steht.

Der Herr hat Seine Jünger gelehrt, Gott anzureden als den Vater, der im Himmel ist. Es lohnt sich nicht, bei diesem Wort "Himmel" erst Fragen des antiken Weltbildes aufzuwerfen und zu erörtern, wie weit ein "Himmel", "in" dem Gott ist, zu den für uns unvollziehbaren mythischen Vorstellungen gehört. Man sollte den Männern früherer Menschheitsperioden nicht Plattheiten zutrauen, wie sie erst auf dem Boden eines grundsätzlich materialistischen Denkens gedeihen konnten. Der Himmel als der Ort der wirkenden Ur-Bilder und Ur-Kräfte ist das mythische Bild für das Geheimnis schlechthin, das uns Menschen und den ganzen sichtbaren Kosmos umfängt und "von allen Seiten umgibt". Dabei ist es keineswegs so belanglos, wie manche (auch manche Theologen) meinen, daß auch im Eingang des Vaterunsers Gott - wörtlich genau - angeredet wird als der, der "in den Himmeln" ist. Ein Abstraktum, eine bloße Idee kann man nicht in die Mehrzahl setzen; der biblische Himmel aber ist eingegliederte Seinsfülle, die in einer hierarchischen Ordnung abgestuft ist; das Geheimnis, in dem Gott wohnt, ist größer, weiter, tiefer, als sich das in irgendwelchen Formeln ausdrücken läßt. An welchem Ort also steht der Mensch, wenn er es wagt, seinen Blick wirklich nach "oben", nach diesen Himmeln zu heben?
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