Die Bitte, Gott wolle uns nicht in Versuchung führen, ist erst recht nicht ohne weiteres verständlich. Man muß diese Bitte mit dem Satz des Jakobusbriefes (1, 13) zusammennehmen, daß Gott niemanden "versucht", um beide Aussagen vor einer gefährlichen Mißdeutung zu bewahren. Das Wort "Versuchung" wird in der Bibel mindestens in drei Bedeutungen gebraucht, die wie konzentrische Kreise ineinander liegen. Das griechische Wort peirasmos bezeichnet zunächst einfach eine Lage, in der wir auf eine Probe gestellt werden und also Gelegenheit haben zu zeigen, wer oder was wir in Wahrheit sind. Das lateinische Wort tentatio, das auch im Text des Vaterunsers gebraucht wird, und das Wort tentamen, womit wir eine wissenschaftliche Prüfung bezeichnen, haben den gleichen Stamm, und meinen im Grunde den gleichen Vorgang der Prüfung und Erprobung. Eine solche Bewährungsprobe aber gehört notwendig zu dem Menschen als einem verantwortlichen Wesen; jedes Gebot und jedes Verbot stellt den Angeredeten auf die Probe und führt ihn (in diesem Sinn) in Versuchung. Niemals aber ist es dabei die Absicht und (menschlich gesprochen) der Wunsch Gottes, daß wir dieser Versuchung erliegen, in dieser Bewährungsprobe versagen. "Versuchung" meint nicht "Verführung". Der Teufel ist, wenn er uns "versucht", der Verführer, der will, daß wir den Namen Gottes nicht heiligen und Seinen Willen nicht erfüllen; Gott als der Versucher ist zugleich der väterliche Freund, der unsere Widerstandskraft in der Erprobung stärken will, und dessen Engel sich freuen, wenn wir die Probe bestanden haben. In einer dritten Bedeutung endlich kann das Wort Versuchung jene verzweifelt ausweglose Lage bezeichnen, in der wir die Versuchung gar nicht als Versuchung, weder als die teuflische Verführung noch als die göttliche Erprobung erkennen, sondern in ihr ein lockendes und erstrebenswertes Ziel zu sehen meinen; die Lage also, wo der Trug des bösen Feindes, des Lügners von Anfang, gelungen ist und unseren Willen zum Widerstand schon gänzlich gebrochen und zum Verschwinden gebracht hat: die Verkehrung aller Maßstäbe, wo unten zu oben, links zu rechts geworden ist, und das schlechthin Böse die Gestalt des höheren Ideals, eines weiteren und freieren Menschentums angenommen hat. - Es ist klar, daß die 6. Bitte des Vaterunsers sich wesentlich und vor allem auf die Versuchung in diesem letzteren Sinn bezieht: Gott wolle uns nicht in eine Lage geraten lassen, wo die Versuchung zur Verführung, das "Examen" zum kläglichen Versagen, der Kampf zu einer schmählichen Niederlage, die Gefährdung zur tödlichen und ausweglosen Gefahr wird. Die Bitte freilich, daß Gott uns solche gefährlichen Proben überhaupt ersparen und also die Gefährdung unseres Gehorsams überhaupt von uns abwenden möchte, wäre eine törichte und unerfüllbare Bitte; sie würde nichts anderes bedeuten, als daß wir aus der immer bedrohten menschlichen Existenz in ein untermenschliches, pflanzenhaftes Dasein zu fliehen begehren. Diese Bitte wäre unvereinbar mit der (3.) Bitte, daß der Wille Gottes an uns vollzogen werden möchte, wie er von den Engeln im Himmel (es heißt eben nicht: von den veranwortungs- und entscheidungslosen Kreaturen!) vollzogen wird.

Ebenso wenig kann die abschließende Bitte um "Erlösung" vom Übel einfach die Befreiung von allen widrigen und peinlichen Störungen unseres Daseins meinen, ein Leben also ohne Leiden und ohne Tod. Das Wort Erlösung schließt in sich das Bild einer Gebundenheit und Gefangenschaft und zugleich einer Freiheit, in der diese Ketten zerbrochen sind und der Verbannte und Gebundene heimkehren darf in den Raum seiner eigentlichen und wahren Existenz. Mit anderen Worten: Wir bedenken, wie sehr das von außen kommende Übel ebenso wie die inwendige Versuchung und Anfechtung den Menschen in seinem innersten Sein gefährden, wie sehr sie ihn dazu treiben und verleiten können, aus seiner menschlichen Bestimmung auszubrechen und den Sinn seiner Existenz, ein Bild Gottes auf Erden zu sein, zu verfehlen. Dieses ist die letzte und gefährlichste Gefährdung, die nicht endet, solange wir als Menschen auf dieser Erde leben; und wir wagen am Ende des Vaterunsers, Gott darum zu bitten, daß wir in aller dieser Gefährdung nicht aufhören, Menschen zu sein, daß das Gottesbild in uns nicht unter dem Druck äußeren Leidens und innerer Verführung ganz und endgültig zerstört werde, und daß wir endlich und schließlich dennoch - trotz aller unabwendbaren Gefährdung - zur Freiheit der Kinder Gottes hindurchgerettet werden.
Der Mensch, der das Vaterunser betet, ist der Mensch, der illusionslos um seine Gefährdung weiß, aber, ohne in dieser Gefahr zu kapitulieren, sich ausstreckt nach seiner Rettung und Freiheit.

3. Aber es ist eben der Mensch, der das Vaterunser und im Vaterunser um sein Heil betet. Das heißt, es ist der Mensch, der seine Gefährdung und die Macht des ihn bedrohenden bösen Feindes so ernst nimmt, daß er in keinem Sinn mehr glaubt, sich selbst in dieser Gefährdung bewahren und retten zu können; sondern er erwartet wirklich sein Heil, die Rettung seines Menschseins, allein von der Liebeskraft Gottes. Der Mensch, der um Vergebung bittet, hat darauf verzichtet, sich selber zu absolvieren; der Mensch, der betet, "Führe uns nicht in Versuchung", weiß , daß nicht er selbst sich bewahren kann, sondern daß er bewahrt und erhalten werden muß; der Mensch, der um Erlösung fleht, erwartet eben nichts mehr von irgendwelchen menschlichen Aktionen zur Befreiung, Höherentwicklung, Veredelung des Menschengeschlechts, sondern alles von dem Einbruch Gottes in diese Welt der Verstrickung und Zerstörung. Wenn wir das Vaterunser beten, so wie es gebetet sein will, dann ist schon die große Entscheidung gefallen, auf welche das reformatorische Wort von der allein rechtfertigenden Gnade zielt, daß nämlich der Mensch sich im tiefsten Grunde nicht selber helfen kann, aber weiß, daß ihm geholfen wird.
Doch bedarf diese Beschreibung des Menschen, der das Vaterunser betet einer Ergänzung nach zwei Seiten. Das Verhältnis des Menschen zu seinem Väter, der in den Himmeln ist, kann niemals und in keiner Beziehung ein rein passives sein. Was wir im Hinblick auf die drei ersten Bitten vom Vollzug des göttlichen Willens, von der Huldigung und der Verehrung des göttlichen Namens und von dem aktiven Dienst am kommenden reich gesagt haben, gilt in einer genauen Entsprechung auch im Hinblick auf die Bewährung, Befreiung und Erlösung des gefährdeten Menschen. Da Gott nichts Widersinniges zu tun vermag, kann Er Seine verzeihende Liebe dem nicht gewähren, der seine eigene Schuld "Entschuldigt", mit ihr liebäugelt und sie eben nicht als wirkliche und bedrückende Schuld vor Gott anerkennt; die Selbstrechtfertigung des mit sich selbst zufriedenen Menschen schließt von der göttlichen Verzeihung aus und macht die Bitte um Vergebung zu einer sinnlosen Phrase, ja zu einer frevelhaften Lüge. In gleicher Weise schließt die Bitte um Bewahrung in der Versuchung und Rettung vor dem Versucher die eigene Wachsamkeit ein; sie verbietet den Leichtsinn, der mit der versuchlichen Situation spielt und verpflichtet zu dem ganzen ernst des sittlichen Kampfes. Nirgends mehr als in diesem geistlichen Kampf gilt die Warnung Qui cherche le péril, y périt. Und die Bitte um die "Erlösung von allem Übel" ist kein Freibrief für den leichtfertigen Mangel an Vorsicht und an Energie im Kampf gegen die uns bedrohenden Übel Leibes und der Seele, so wenig wie das Gottvertrauen den Blitzableiter auf dem Dach verbietet.

Bei all dem kann freilich diese in die Bitte eingeschlossene Verpflichtung nicht auf das eigene Leben beschränkt bleiben. In der 5. Bitte ist ausdrücklich gesagt, wie sehr die Bitte um die vergebende Güte zur Vergebungsbereitschaft gegenüber unseren Mitmenschen verpflichtet und sich darin ausdrücken und darstellen muß. Wer weiß, wie sehr er Gott gegenüber auf gnädiges Erbarmen angewiesen ist, kann auch im menschlichen Bereich nicht unentwegt und unversöhnliche sein vermeintliches oder wirkliches Recht verfechten; wer als der in seiner Schuld Unwürdige Gottes Vertrauen erbittet, kann nicht, ohne zum Lügner zu werden, dem reumütigen Bruder, der an ihm schuldig geworden ist, versagen, was er selbst von Gott begehrt. Wenn unsere menschlichen Beziehungen ganz auf Leistung und Lohn, Forderung und Recht gestellt sind, und die Kraft der barmherzigen und dienenden Liebe erkaltet und erlahmt, dann kann nicht plötzlich in einer religiösen Sphäre lebendig sein, was sonst tausendfach verweigert und verleugnet wird. Der Mensch, der das Vaterunser betet, weiß - und wenn er es noch nicht wüßte, könnte er es in seinem Gebet verstehen - wie sehr unser ganzes menschliches Miteinander von der reinen Flamme vergebender Liebe erwärmt werden muß, und wie sehr alle Formen der Gemeinschaft, auch und vor allem die Ehe, gefährdet sind, wenn die Menschen sich weigern einander auch in ihren Fehlern zu lieben und einander in der Kraft verzeihender Liebe zu tragen. - Was aber hier in der 5. Bitte mit ausdrücklichen Worten gesagt ist, gilt in genauer Entsprechung auch für die beiden anderen Bitten. Könnte der raffinierte Verführer, könnte auch nur der, der für andere zum Versucher wird, ehrlicherweise beten: Führe mich nicht in Versuchung? Wer um seine eigene radikale Gefährdung durch das Böse weiß, kann nicht leichtfertig sich der Verantwortung für seine Brüder, für Ehegatten, Kinder, Freunde, Nachbarn entschlagen. "Soll ich meines Bruders Hüter sein?" Und schließlich; Wer da weiß, wie sehr wir in der Gefangenschaft dieser Weltsituation des göttlichen Befreiers bedürfen, und wer also das Vaterunser bis zur letzten Bitte in Inbrunst betet, der kann sich der Aufgabe nicht entziehen, selbst an seinem Teil an seinen Mitmenschen zum Werkzeug der Hilfe und Befreiung zu werden. Wie tief sind wir betroffen und belastet davon, daß so viele unserer Freuden "mit fremden Leiden erkauft" sind! Die Freiheit zu der wir erlöst werden sollen, ist niemals eine Freiheit auf Kosten anderer, sondern die Kraft der erlösenden Gottesliebe will durch unseren Dienst und unser Wesen ausstrahlen und hineinwirken in die dunkle Gebundenheit der vielen um uns her.
Noch einmal sie dieses gesagt: Es heißt nie "mich", sondern "uns"; nicht "mein", sondern "unser". Der Mensch, der das Vaterunser betet, ist eingeschaltet in den lebendigen Strom der göttlichen Liebe, der durch ihn hindurch sich in die Welt ergießen will, und indem diese Liebe ihm selbst vergibt, ihn bewahrt und erlöst, macht sie ihn zum Werkzeug der gleichen gnädigen Hilfe für seine gleich ihm gefährdeten Brüder.
Evangelische Jahresbriefe 1952 (S. 121-127)
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