Meine Brüder!
Als ich vor vier Jahren ebenfalls hier in Marburg dem Gesamtkonvent das Wort der Weisung sagte, da war es ein theologisches, ja geradezu dogmatisches Wort. Denn wir hatten gerade eben erst die ernsten Spannungen überwunden, welche mit den Fragen unserer Meßtheologie zusammenhingen. Damals galt es, unsere Verwurzelung in der reformatorischen Theologie festzustellen und ihre Ausweitung in die trinitarische Fülle aufzuzeigen. Oder praktisch ausgedrückt: Wir mußten und durften der Tatsache Rechnung tragen, daß wir in der evangelischen Kirche leben und eine ökumenische Verantwortung tragen.
Heute soll mein Wort an Euch vor allem ein brüderlich-seelsorgerliches sein. Denn es ist kein Zufall, daß in den letzten Jahren wie von selbst aus der "Programmrede des Leiters", die dann meistens durch eine geistliche Rede ergänzt wurde, die Wegweisung des Ältesten geworden ist. Vor allen Aufgaben und Zielsetzungen steht die Bruderschaft selbst. Ihr Zustand und ihre Entwicklung ist die unerläßliche Voraussetzung für unser Reden und Tun. Sie wirkt und dient, sie steht und fällt mit ihrem Sein. Darum hat in dieser Stunde der Priester vor dem Theologen das Wort.

In der Gründungsurkunde unserer Bruderschaft, die hier vor 20 Jahren entstand, heißt es: "In einer Stunde, da die Kirche sich selbst an den Anspruch der Welt zu verlieren droht, kann sie das Wort der Entscheidung, das sie der Welt schuldet, nur sprechen, wenn sie den priestertichen Dienst des Gebetes erfüllt." Es kann für unsere Bruderschaft einen Neuanfang nur geben aus diesem unserem Ursprung heraus. Meine erste Weisung an Euch, liebe Brüder, ist darum die Verpflichtung auf unseren Gebetsauftrag, wie er in dem ersten Abschnitt unserer Regel ausgeführt ist. Alle unsere Nöte und Sorgen, wie sie in diesen Tagen zur Sprache gekommen und sichtbar geworden sind, haben letztlich diese eine Ursache, daß wir in diesem unserem eigentlichen Auftrag lässig geworden sind. Wenn wir unser Werk bedroht sehen durch den Hochmut einerseits, der sich mit einer falschen Sicherheit über das Erreichte brüstet, und durch die Verzagtheit andererseits, die den Widerspruch zwischen unserm Wollen und Sein sieht, so geht beides auf die gleiche Wurzel zurück: Auf den Mangel an Demut und Vertrauen, wie sie nur in der heiligen Stille vor Gottes Angesicht gewonnen werden. Wir sind hierhergekommen mit sehr radikalen Fragen: Sollen und müssen wir nicht ganz neu anfangen? Ist unsere Existenz wirklich berechtigt oder ist der Versuch eines "evangelischen Ordens" etwa von vornherein eine Fehlkonstruktion? Diese Fragen sind keineswegs gelöst. Sie gehen weiter mit uns. Aber alle unsere Verheißung beruht darauf, daß wir betend warten auf die Wunder des heiligen Geistes. Wir wollen nicht vergessen, daß wir allen angesprochenen und erörterten Problemen zum Trotz hierhergekommen sind, um in großer Nüchternheit, aber auch in heiterer Gelassenheit miteinander vor Gottes Angesicht zu feiern.
I.
Ich möchte nun das weisende Wort dieser Stunde anschließen an die Schlußsätze unserer bruderschaftlichen Fürbittgebetes, in welchem wir uns gestern abend zusammengeschlossen haben und das wir an jedem Sonnabend beten. Dort heißt es:
"Wir danken Dir für unsere Gemeinschaft.
Wir danken Dir für den Beistand Deiner heiligen Engel
Wir danken Dir für die Verheißung Deines Heiligen Geistes."
Laßt mich zuerst von der Pflicht und der Verheißung des Dankens zu Euch sprechen!
Es ist mir im Zusammenhang mit manchen notvollen Erfahrungen meines pfarramtlichen Dienstes in den letzten Monaten immer bedeutsamer geworden, daß der Apostel Paulus die meisten seiner Briefe mit einer ausdrücklichen Danksagung beginnt. Erst auf diesem Grunde erwachsen dann in seinen Briefen die theologischen Erörterungen, die sehr konkreten Mahnungen und Zurechtweisungen, die beschwörenden Bitten und Weisungen. Danksagen heißt im griechischen Urtext "Eucharistein", d. h. das Dankopfer darbringen, im lateinischen "gratiam referre", d. h. die empfangene Gnade Gott wiederbringen. Ihm mit Freuden opfern, was wir von Ihm empfangen haben. "Eucharisto" lautet - nach dem einleitenden Gruß - das erste Wort des Römerbriefes!
Man hat diese Gewohnheit des Apostels, seine Briefe mit dem Dank zu beginnen, nicht ohne Grund aus der antiken Briefsitte zu erklären versucht und als "captatio benevolentiae" bezeichnet, als geschickte pädagogische Maßnahme, um den später folgenden Ermahnungen um so größeren Nachdruck zu verschaffen.

Aber diese Erklärung reicht nicht aus. In Wirklichkeit liegt hier eine ganz tiefe geistliche Weisheit und Erfahrung vor, von der wir Entscheidendes lernen können. Alle Verkündigung ruht auf dem Grunde der in Christo geschehenen Erlösung. Der Apostel geht in seiner Botschaft und Seelsorge aus von der unüberhörbaren Tatsachensprache, die Gott der Herr geredet hat dadurch, daß Er Seinen Sohn Mensch werden und die frohe Botschaft davon durch die Apostel verkündigen ließ, Seinen Heiligen Geist sandte und durch Ihn Seine Kirche als den Leib Jesu Christi werden und wachsen ließ. Die Apostel sehen sich diesem Handeln Gottes gegenüber als die Diener und Haushalter. Sie erfahren in ihrem Amt und Dienst, was der Herr Christus über Seinen Jüngern gesprochen hat: "Ich habe euch gesandt zu schneiden, was ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und ihr seid in ihre Arbeit gekommen" (Joh. 4, 38). Wenn ich hier vor Euch stehe in dem Wissen um unseren Auftrag, Danksagung darzubringen, so muß ich zunächst ehrlich und offen bekennen: Ich aber habe nicht treu genug gedankt über Euch, sondern oft geseufzt und geklagt; ich habe gemurrt wider die Brüder und bin manches Mal an Euch und an mir selbst verzweifelt. Ich kann mich vor Euch nicht freisprechen von vorwurfsvollem Unmut über manche Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit in unserer Mitte. Manches Mal erfuhr ich die Wahrheit des Wortes aus dem Hebräerbrief, wo es von den Lehrern, die über die Seelen wachen, heißt "auf daß sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das ist euch nicht gut" (Hebr.13,17). Laßt uns, meine Brüder, miteinander Buße tun über unserer Undankbarkeit. Laßt es uns miteinander wieder lernen und üben, zu danken für das, was an uns und für uns geschehen ist und immerfort geschieht! Laßt uns diese drei Worte unseres Fürbittgebetes wieder ganz ernst nehmen: "Wir danken Dir!"

Ich meine das wahrlich nicht nur im Sinne eines "happy end" dieses unseres Michaelsfestes, sondern so, daß wir vor allem anderen uns unseres Auftrages bewußt werden, Eucharistie zu üben. Versteht das bitte nicht als einen überschwenglichen Gefühlsausbruch am Schlusse dieses über Erwarten gut und gesegnet verlaufenen Festes. Unser Dank soll und darf in großer Nüchternheit geschehen. Wir haben in den letzten Jahren sehr vieles in unsern Zielsetzungen zurückstecken müssen. Wir haben das Ordenshaus verloren, nicht durch fremde, sondern durch eigene Schuld. Wir haben sehr ernst davon gesprochen, daß unsere Schrifttumsarbeit, selbst bei den Brüdern, nicht die nötige Resonanz erfährt. Wir empfinden den Berneuchener Dienst weithin als ein noch immer nicht gelöstes Problem. Gleichwohl oder gerade deshalb rufe ich Euch zu: Laßt uns, wenn es sein muß, weniger drucken, weniger reden, weniger planen und organisieren, aber vor allem mehr beten und danken und dieses Danken als unsern eigentlichen Lebensauftrag erkennen und verwirklichen!
Dafür ein Beispiel aus meiner unmittelbaren Erfahrung in der Mutterhausdiakonie. Ich stellte in einem Diakonissenkursus folgende Frage: "Warum erwarten wir eigentlich von euch Schwestern, daß ihr nicht nur euren pflegerischen Dienst vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein gewissenhaft und fleißig tut, sondern daß ihr auch noch betet und an dem täglichen Gottesdienst teilnehmt?" Die Antwort lautete: "Wir brauchen das, um Kraft zu gewinnen für unsern schweren Dienst." Ich gab mich aber mit dieser von mir erwarteten Antwort nicht zufrieden, sondern wir kamen zu dem Ergebnis, daß Beten und Danken unser eigentlicher, primärer Auftrag ist und der Gottesdienst die Wurzel und nicht etwa nur fromme Begleiterscheinung der echten Diakonie. Aus ihm und aus ihm allein wächst die nach außen wirkende Tat. "Gott loben, das ist unser Amt!"

Meine Brüder! Hüten auch wir uns in der Bruderschaft vor jeder Flucht in die Geschäftigkeit, in das Wirken-wollen nach draußen! Unserer Bruderschaft ist nicht geholfen mit neuen Programmen und Zielsetzungen. Ihre Bewährung und Verwirklichung liegt in der Tiefe, in der Stille vor dem Angesicht des Heiligen Dreieinigen Gottes. Eucharistie, das ist unsere Lebensaufgabe. Je entschlossener und nüchterner, je freudiger und gehorsamer wir sie erfüllen, desto mehr wird uns "solches alles zufallen".
Darum rufe ich Euch, meine Brüder, mit dem Apostel zu: "Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an Euch!" (1. Thess. 5,18). Das Eucharistein ist Forderung und Gabe Gottes zugleich. Das "Lobe den Herrn, meine Seele", wie es schon vom Sinai her erklingt, wird in Christus für uns zur Möglichkeit und zum Geschenk.
Wir haben es nicht nötig, unseren Dank mühsam abzuleiten aus einem selbstzufriedenen Vergleich mit anderen kirchlichen Bewegungen oder aus der Anerkennung von Menschen. Wir wissen um den Grund, auf den wir gestellt sind, und der da gelegt ist in Jesus Christus. Aus Dank für Ihn und aus Liebe zu Ihm wächst unser Werk und unsere Sendung. Vielleicht kommt einmal die Stunde, da wir unserm täglichen Morgen- und Abendgebet um die Sendung der Engel Gottes auch formal einen Dank voranstellen. Aber heute schon bitte ich Euch, meine Brüder: Laßt keinen Tag beginnen und vergehen ohne den Dank für das, was Gott der Herr uns mit unserer Bruderschaft gegeben und anvertraut hat!
IIa.
Doch wir fragen nun weiter nach dem Inhalt unseres eucharistischen Auftrages. Da hören wir eine dreifache Antwort. Zuerst heißt es:
"Wir danken Dir für unsere Gemeinschaft."
Wir verstehen darunter ganz unmittelbar unsere Bruderschaft, wie sie ist, ohne der kirchlichen Verbundenheit zu vergessen, die jeden von uns an seinem kirchengeschichtlichen Ort bindet. Wir nehmen den Bruder, wie er ist, mit seinen Gaben, die uns erfreuen, und mit seinen Lasten, die uns zu tragen geben. Wir wissen, wie leicht es ist, von der communio sanctorum zu schwärmen, solange wir sie uns nur theoretisch vorstellen. Bruderschaft aber bedeutet das Wagnis, den anderen in Liebe und Ehrerbietung als Bruder anzunehmen. Bruderschaft ist nichts "Gesichertes", nichts ein für allemal Vorhandenes und Gegebenes, sondern das immer neue Ja der Liebe, der Geduld und der Bereitschaft, zu dienen. Bruderschaft ist der konkrete Gehorsam gegen die apostolische Regel. "Nehmet euch untereinander auf, wie Christus euch aufgenommen hat, zum Lobe des Vaters!" Bruderschaft stirbt und verdirbt an unserer natürlichen Neigung, von dem andern zu fordern und ihn zu kritisieren. Unsere Bruderschaft krankt an der gefährlichen Möglichkeit, von ihren Erfahrungen zu nehmen, was einem gefällt, und sich in die überlegene kritische Passivität zurückzuziehen, wo sie Opfer von uns fordert. Laßt uns, meine Brüder, aus dem demütigen Dank für unsere Bruderschaft den Mut und eine ganz neue Bereitschaft erwecken, als Brüder miteinander nach der apostolischen Regel zu leben. "Geben ist seliger als nehmen!"
Gemeinschaft, "Kommunion" ist im Neuen Testament immer zweifach, ja im Grunde dreifach bestimmt: Sie ist erstens:
Gemeinschaft mit dem Herrn.
Das Kommunizieren mit Christus ist das erste. Hier liegt die unaufgebbare Grundlage auch unserer Bruderschaft, der Urquell, aus dem allein sie sich erneuern kann. Alle Spaltung und Entzweiung unter uns, aller Unfriede unter den Brüdern ist immer das Signal dafür, daß wir es an diesem innersten Punkt fehlen lassen. Alles Schuldigwerden aneinander und an unserer gemeinsamen Aufgabe ist "Sünde", d. h. Absonderung von dem Kyrios.
Und daß wir dabei immer den ganzen Christus vor Augen haben! Den Christus, der im Wort und Sakrament gegenwärtig wird! Es sollte, um es ganz praktisch zu sagen, kein ernsthafter Konvent in unserer Bruderschaft stattfinden, ohne daß der Stimme der Offenbarung Gehör und dem Wort der Bibel Raum gegeben werde! All unser Beten hat ja nur soweit Vollmacht und Verheißung, als es Hören ist.
So verstanden, ist die Verwirklichung unserer Gemeinschaft immer Umkehr und Heimkehr unter der Losung des "verlorenen" Sohnes aus Lukas 15: "Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu Ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir". Communio ist Gnade, Geschenk, Ruf und Gabe Gottes, die wir empfangen "ohne unser Verdienst und Würdigkeit". Nein, wir sind keine "Elite" der Kirche Christi, sondern wir sind arme, verlorene Menschen, die den Ruf der Gnade empfangen haben. Wir sind selbst ecclesia, d. h. von Gott Gerufene, deren ganzes Leben und deren ganzer Reichtum darin besteht, daß Er selbst sich uns schenkt in Seinem Sohn, der unser Bruder ward. |