Symbol Startseite Inhalt Suchen E-Mail Kloster Kirchberg Inhalt Navigation Inhalt 1952

Quatember

Der Brief
von Wilhelm Stählin


Ein Ausschnitt aus dem Michaelisbrief 1952, der sich mit dem Thema Meditation befaßt:

LeerÜberall, wo Menschen Grenzen ziehen, laufen sie Gefahr, daß sie auseinanderreißen, was zusammengehört (so daß etwa plötzlich ein Bauer nicht mehr auf seinen Acker fahren oder ein Arbeiter nicht mehr an seine Arbeitsstätte gelangen kann), und künstliche Einheiten schaffen, die doch nicht zusammenwachsen können. Es ist leider in geistigen und geistlichen Raum nicht anders. Da lese ich irgendwo den Satz, es gäbe zwei Wege, die Gemeinschaft mit Gott zu suchen: entweder durch visionäre Erlebnisse, durch Meditation, Besinnung, Einkehr, Stille oder durch das Wort Gottes schlechthin. Hier werden zunächst Dinge auf eine Ebene gerückt, die durchaus voneinander unterschieden werden müssen; denn so eng Meditation mit Stille, Einkehr und Besinnung verbunden ist, so wenig hat sie mit visionären Erlebnissen zu tun; und dann werden Dinge voneinander unterschieden, die aufs allerengste zusammengehören. Denn Meditation ist in ihrem innersten Wesen nach nichts anderes als eine Hilfe zum rechten Hören des göttlichen Wortes, ein Stillewerden des Leibes und der Seele, damit wir nicht durch unsere falsche Aktivität, durch unsere Worte und Gedanken das übertönen, was Gott uns sagen will. Es ist freilich erschreckend, wieviel Angst manche Protestanten vor solcher Stille und Besinnung haben, so als ob die Geschichte von den beiden Schwestern Maria und Martha in einem entgegengesetzten Sinn in der Bibel stände: die fleißige und tüchtige Martha habe das gute Teil erwählt, während Maria, indem sie die Stille, die Einkehr, die Besinnung suchte, damit einen schwärmerischen oder heidnischen, jedenfalls unbiblischen und unchristlichen Weg zu Gott betreten habe. Es gibt im politischen Raum so viele falsche und verhängnisvolle Grenzen, daß wir nicht auch noch im geistlichen Raum Schlagbäume aufrichten sollten, wo in Wirklichkeit keine Grenzen sind!

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LeerIn der anglikanischen Kirche gibt es eine sehr ausgebreitete und in ihrer Weise ausgezeichnete Literatur über das Wesen des "mental prayer" (man könnte etwa übersetzen: des inwendigen Gebets des Herzens), der Meditation und der Kontemplation. Es gibt umfangreiche Bücher mit viel geschichtlichem Material über die verschiedenen Wege und "Methoden", mit praktischen Anleitungen und vielen Beispielen. und es gibt vor allem eine große Zahl kleiner volkstümlicher Schriften, die für den einfachen Kirchenchristen eine große Hilfe bedeuten können, und denen wir nichts Gleichartiges an die Seite zu setzen haben. Aus einigen dieser Heftchen teile ich einige Sätze mit, um eine Eindruck von dieser ganzen Art seelsorgerlicher Literatur zu geben. "Über Meditation gibt es mehr Mißverständnisse als über die meisten Übungen des geistlichen Lebens. Sie ist aber nicht mehr und nicht weniger als das Bemühen. unsere Bibellesung nützlich und fruchtbar für unser persönliches Sein zu machen." "Beten heißt mit Gott sprechen; Meditation kann verstanden werden als ein Hören auf Gott." "Wir reden immer und lassen keine Raum, in dem Gott zu uns sprechen kann." "Denke nicht, daß Meditation für dich eine schwierige Sache sei. Sie ist nicht schwierig: Erinnere dich; stelle dir vor Augen nicht irgend etwas Eingebildetes und Unwirkliches, sondern das, was wirklich ist; versuche zu verstehen; gib dem, was dich bewegt, irgend einen Ausdruck; fasse eine Entschluß!" (Aus eine Heft "For use in retreat" - Erste Einführung in eine stille Zeit (Rüstzeit):) Sprich: Gott hat eine Botschaft für mich; ich bin hier, um sie zu empfangen. Ich muß bereit sein zu hören; ich muß "da sein"; ich muß schweigen; ich muß aufmerken; ich muß eifrig sein. Schweigen, Ruhe, Aufmerksamkeit!

LeerEs ist alles sehr einfach gesagt. Versäumen wir nicht leicht über unseren tiefsinnigen Gedanken, gerade diese einfachen Dinge zu sagen?

LeerWenn man erst einmal alle falschen und verkrampften Vorstellungen vom Meditation überwunden und eingesehen hat, was für eine einfache und kindliche Sache das Meditieren ist, dann wird man allmählich auch erkennen, welche unermeßliche Bedeutung einfache Übungen der Meditation für die religiöse, oder sagen wir lieber: für die kirchliche Erziehung der Kinder haben könnten. Es ist erstaunlich, wie lebendig Kinder (nicht erst im Konfirmationsalter!) darauf reagieren, wenn sie angeleitet werden, den gottesdienstlichen Raum in sich aufzunehmen und sich selber schweigend und in zuchtvoller Haltung und Gebärde diesem Raum einzufügen. Bei diesen ersten, allerersten Schritten der Meditation werden sofort andere Schichten des kindlichen Seins angerührt als bei jedem Unterricht, der sich nur oder überwiegend an das verstandesmäßige Denken wendet. Sich in der Hingabe des Herzens zu verbinden mit einem reicheren, größeren, höheren Leben ist eine wahrhaft kindgemäße Haltung, und der Widerstand vieler Leute gegen alles, was sie von Meditation hören. beruht vielleicht darauf, daß sie viel zu gescheit und zu kompliziert sind, um zu einer so kindlichen Haltung fähig zu sein.

Evangelische Jahrsbriefe 1952 (S. 214-215)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-01-01
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