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Teil 2 Rechts


Quatember
Besuch in Taizé-lès-Cluny
von Ottomar Jänichen
(Teil 1)


LeerDort wo die Côte d'Or nach Süden zu an Höhe verliert, liegt inmitten steinigen und spröden Landes das Städtchen Cluny. Diese dortige Mutterabtei des Benediktiner-Ordens hat in ihren stolzesten Zeiten Raum für 3000 bis 4000 Mönche gegeben. Die Pracht der Abtei mit ihren drei 30 m hohen Gewölben, ihrem riesigen Schiff, ihren ausgedehnten Wirtschaftsgebäuden und Hospitälern, mit dem Königshaus, der Bourbonen-Kapelle und der starken Ringmauer war allein schon als Bauwerk für die damalige Zeit eine Kostbarkeit - ganz abgesehen von den gewaltigen geistlichen und geistigen Strömungen, die von dieser Stätte ausgegangen sind. [Bilder und Infos]

LeerIn der Mitte des 18. Jahrhunderts war die reiche Abtei nur noch von 50 Mönchen bewohnt. Der Streit der Mächtigen dieser Erde um die Kostbarkeiten von Cluny hatte allmählich den geistlichen Gehalt so ausgehöhlt, daß die innere Kraft der Abtei, vielleicht sogar des ganzen Ordens, später zurückgegangen ist. Die französische Revolution hat den Rest der Mönche vertrieben.

LeerNun fiel das verlassene Kloster der Stadt Cluny zur Last, die mit ihren wenigen Einwohnern gar nicht in der Lage war, die Baulichkeiten zu unterhalten. Sie vermietete die Abtei an ortsansässige Kaufleute und stellte ihnen die Benutzung der Kirche und der Höfe als Warenstapel- und Marktplatz zur Verfügung. Es hat nur wenige Jahre gedauert, dann hatten diese Menschen eines der schönsten Gebäude der Christenheit Stein für Stein abgetragen und die einigermaßen verwertbaren Skulpturen und Mosaiken verkauft oder zerschlagen. Heute steht von dieser Blüte etwa noch ein Zwanzigstel und auch das bedeckt mit zahlreichen Wunden berausgerissener schöner Steinbilder.

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LeerDieser Niedergang ist nur ein Spiegelbild des Niederganges des ganzen umliegenden Landes. Man kann hinkommen, wohin man will; in dieser Landschaft mit ihren bald weich, bald steil geschwungenen Hügeln, mit den vernachlässigten Weiden und den überall zu findenden Schutt- und Steinmauern - man sieht verfallende Dörfer, tote Kirchen, sterbende Marktflecken und versteppende Felder. Dörfer, die noch vor 100 Jahren 400 bis 500 Einwohner gehabt haben, sind heute noch von 100 alten Leuten bewohnt. Die einfachen alten Dorfkirchen sind tot und verlassen. Kein Pfarrer amtiert mehr dort. Lediglich Reiseprediger lesen gelegentlich dort ihre Messe vor einer Handvoll alter Leute, die zwischen den verfallenen Dorfhäusern ihren Tod erwarten.

LeerDie Weinberge sind verödet. Ackerbau gibt es kaum noch. An einigen Häusern zeugt noch ein kleines Gärtchen davon, daß jemand seine Nahrung ergräbt. Gelegentlich trifft man auf Vieh; aber auch das wird weniger.

LeerDie kleinen, sehr massiven, uralten Schlösser, Zeitgenossen der etwa ebenso uralten Kirchen, die oft benachbart in diesem Dörfern stehen, sind nicht ganz so verfallen wie die übrigen Dorfhäuser, aber auch meistens bis auf wenige Räume verlassen. Daß sie weniger verfallen sind, liegt nur in ihrer massiven Bauart begründet.

LeerUnter den Schlössern sind beste Namen uralter, meist wohl inzwischen ausgestorbener französischer Adelsgeschlechter, wie z. B. das berühmte Schloß und Geschlecht der Brancion.

LeerEins dieser Dörfer nun zwischen Cormatin und Cluny ist Taizé-lès-Cluny. Es liegt steil über einer schmalen Landstraße in einem Kranz von Mauern und gekrönt durch eine uralte Kirche romanischen Stils und zwei Schlösser, das château und das manoir.

LeerUnd damit, daß wir nun in diesem Dörfchen angelangt sind, dessen bergigen Zugangsweg wir mit vieler Mühe erklommen haben, sind wir aus der oben geschilderten Nacht des Verfalls in eine Morgenröte gelangt, die hoffentlich für die Christenheit den Ausgangspunkt für eine neue Entwicklung bedeuten kann. Hier in Taizé-lès-Cluny hat die sogenannte Communauté ihren Sitz.

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LeerWas ist die Communauté?

LeerSie ist ein christlicher Orden evangelischer Prägung. Nach ihrem Bekenntnis gefragt bezeichnen sich die Brüder als réformé. Dieser Ausdruck bedeutet jedoch nicht genau dasselbe, was wir unter reformiert verstehen. Die Brüder wissen das und weisen sofort darauf hin. Sie sind vorurteilsfrei in bezug auf die Bindung des Bekenntnisses und etwa dadurch festgelegte Handlungen. Sie scheuen sich nicht, in steter engster Verbindung mit den calvinistischen Kirchen in Genf und Holland zu arbeiten, andererseits aber in gewissen Fragen mit den Autoritäten der römischen Kirche in Verbindung zu treten. Vor allem bestehen lebhafte Beziehungen zur Oekumene.

LeerZwischen all diesen Kräften bewahrt sich die Communauté ihre Sicherheit und kann sie bewahren, da sie festgefügt in ihrer Regel und in ihrem Glauben steht.

LeerDie gesamte Bevölkerung des Gebietes gehört der römisch-katholischen Kirche an, soweit sie sich noch der christlichen Kirche verbunden fühlt. Immerhin ist das bei den alten Landbewohnern durchaus der Fall. Die Industriearbeiter der Städte sind vielfach getaufte Nihilisten. Ein evangelisches Kirchengebäude gibt es in Taizé natürlich nicht, doch benutzt die Communauté die unmittelbar ans Schloß gebaute Dorfkirche wie die römisch-katholischen Dorfbewohner. Das bedeutet jedoch, daß die Communauté die Kirche im Verhältnis zum anderen Bekenntnis zu 95 % benutzt. Immerhin ist zu sehen, daß das Wirken der Communauté auch auf die katholische Bevölkerung des Ortes und der benachbarten Dörfer ausstrahlt, Die Brüder haben sich durch ihr Beispiel durchgesetzt.

LeerDieses Beispiel ist nicht nur auf geistliche Dinge beschränkt. Alle Brüder stehen in irgend einer Arbeit. Beide Schlösser und das gesamte, ziemlich große Gut gehören der Communauté. Gott hat es ihr in die Hände gelegt, und nicht in unwürdige Hände - das ist zu sehen.

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LeerDie Brüder haben zunächst darauf verzichten müssen, Landwirtschaft zu betreiben, da sich eine extensive Bearbeitung nicht lohnt und zu intensiver Bearbeitung vorläufig die Kräfte fehlen. Immerhin hat die Communauté sieben oder acht Kühe und eine ganze Menge Kleinvieh, alles Tiere bester Rasse, mit deren Leistung sie der Bevölkerung für deren Viehhaltung beispielhaft sein kann, Einige der Brüder sind in der Landwirtschaft beschäftigt, ein anderer ist Töpfer, ein dritter Maler. Die Erzeugnisse gerade dieser beiden haben künstlerischen Wert und werden in Cluny verkauft. Einige der insgesamt 14 Brüder sind Theologen, andere sind in die Fabriken der Umgebung gegangen und leisten mitten in der Arbeiterschaft einen völlig anspruchslosen Dienst, wobei ihr Beispiel viel mehr als ihr Wort auf ihre Umgebung einwirkt. Die Brüder tragen eine braune Leinenkutte, die aber kurz ist und mehr einer Jacke gleicht. Hinten ist eine Kapuze angeschnitten. Dazu tragen sie hohe Schuhe oder Sandalen, wie es Arbeit und Jahreszeit erfordern.

LeerDie Brüder leben in völliger Eigentumslosigkeit. Alle ihre Einnahmen aus ihrer Arbeit fließen der Communauté zu. Von dort aus erhalten sie auch ihren Lebensunterhalt.

LeerSie leben im Zölibat. Keiner von ihnen hat bisher den Wunsch gehabt, sich zu verehelichen. Sollte er ihn haben, müßte er allerdings die Communauté verlassen. In der Freizeit, die ihnen neben Arbeit, Gebet und Gottesdienst bleibt, bemühen sie sich, die verfallenden und verfallenen Häuser des kleinen Dorfes wieder aufzurichten. Es ist erstaunlich, wie schmuck diese Häuschen wieder geworden sind; z. T. dienen sie nun als Arbeitsstätten für die Brüder.

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LeerDas kleinere Schlößchen, das sogenannte manoir, ist ein Waisenhaus für 20 Kinder, das die Brüder nach dem Kriege eingerichtet haben. Es steht unter der Leitung einer jungen Dame und einer Helferin, für die ein besonderes Haus im Ort errichtet und eingerichtet worden ist. Die Kinder leben so frei wie möglich. Der Eindruck, den man von ihnen allen hat, ist der einer unbeschwerten Fröhlichkeit. Die Brüder werden bei Erscheinen von ihnen mit stürmischer Herzlichkeit begrüßt. Im manoir befindet sich auch ein Konzertflügel in der Halle. Künstlerische Darbietungen sind dort nicht selten. Während meines Besuches war ein junger amerikanischer Pianist da.

LeerZu bemerken ist, daß die kindlichen Bewohner des manoir völlig frei in ihrer Berufswahl sind. Auch auf die Heranwachsenden wird keinerlei Einfluß in Richtung auf einen Eintritt in die Communauté ausgeübt.

LeerDas Innere der beiden Schlösser ist, von den sehr guten sanitären Einrichtungen abgesehen, spartanisch einfach und gegen früher unverändert. Altes zinnernes und tönernes Eßgeschirr, uralte schöne Tische und Stühle kennzeichnen den Stil. Die Zimmer, deren riesig dicke Mauern Wärme wie Feuchtigkeit halten, werden durch offene Kamine geheizt. Die Mahlzeiten sind einfach und werden in absolutem Schweigen genommen.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-07-18
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