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Links Teil 1


Quatember
Besuch in Taizé-lès-Cluny
von Ottomar Jänichen
(Teil 2)


LeerDer Kernpunkt des Lebens ist der Gottesdienst. Das Stundengebet wird nicht wie nach unserer Ordnung viermal täglich gehalten, es ist vielmehr jeden Morgen um 7 Uhr in der Kirche die Evangelische Messe, die fast genau der unserigen entspricht, und um 19 Uhr das Abendgebet.

LeerDie Brüder betreten die Kirche zum Gottesdienst stets gemeinschaftlich. Es ist ein starker Eindruck, die gesamte Gruppe, sämtlich mit der weißen Alba, mit Zingulum und Kapuze bekleidet, wortlos den Kirchenraum betreten und sich rasch an ihre Betstühle begeben zu sehen. Die Bücher, Psalter, Gesang- und Gebetbuch, liegen auf den Betstühlen bereit. Der Gesang erfolgt stets mehrstimmig - ein in der kleinen festungsartigen, uralten Kirche mit dem steinernen Boden außerordentlicher klanglicher Eindruck. Das Psalmgebet ähnelt dem unserigen. Beim Abendmahl geht der Kelch von Hand zu Hand. Beim Fürbittengebet ist mir aufgefallen, daß es in lauter einzelne Fürbitten zerlegt wird, die jede für sich in einigen Sekunden des Schweigens stehen, so daß sich gewissermaßen die Gedanken der Beter um die Fürbitte ranken können. Der Prior trägt ein Messingkreuz an einer Kette auf der Brust. Der die Messe haltende Liturg trägt die Stola, die etwa in Höhe des Brustbeins gekreuzt ist und in dieser Form durch das Zingulum gehalten wird. Die Mahlzeiten schließen sich unmittelbar an die Gottesdienste an. Die ganze Zeiteinteilung hat etwas feierlich Zwingendes und dabei doch irgendwie Herbes und Freimachendes an sich.

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LeerDer starke Eindruck, der von dieser geschlossenen Bruderschaft ausgeht, ist für jeden unverkennbar, der einmal mit ihr in Berührung gekommen ist. Die Verbindung der uralten Liturgie in der festungsartigen Kirche, der kargen, klaren Lebensführung im Schloß mit andererseits der Aufgeschlossenheit und Wachheit für die Fragen der Zeit ist außerordentlich. Sie erlaubte es, daß, während wir noch beim Frühstück saßen, die beiden modernen Personenwagen der Communauté bereits angeworfen wurden. Unmittelbar nach dem Frühstück fand ein kurzer Konvent statt, und dann entführte das Auto einen Teil der Brüder nach Genf, wo sie eine wichtige Mission zu erfüllen hatten, während die anderen Brüder in eine benachbarte Stadt gebracht wurden. Wer irgend kann, ist um 7 Uhr abends zum Gebet wieder zurück. Die Arbeitsanliegen des kommenden Tages werden stets in die Gebete eingeschlossen.

LeerWie stark die Strahlungen bereits sind, die von der Communauté ausgehen, beweist der starke Besuch von Gästen. Ich war zufällig mit dem Amerikaner allein dort. Wenige Tage vorher sind 20 Gäste dagewesen. Die Communauté steht in engster Fühlung mit der Führung der französischen Jugend. Daß die Ausstrahlungen gerade auf diesem Wege in das praktische Leben hinausgehen, wird für den verständlich, der weiß, welche außerordentliche wirtschaftliche Bedeutung der Protestantismus in Frankreich hat. Man spricht davon, daß sein Einfluß über 40 % der wirtschaftlichen Kapazität Frankreichs hinausgeht.

LeerEs stehen über 20 Gastzimmer, zum größten Teil Einzelzimmer, einfach möbliert, zur Verfügung. Selbstzucht und Selbstlosigkeit, persönliches Beispiel, das mehr noch als werbendes Sprechen neben der Wortverkündigung steht, haben hier etwas Einzigartiges geschaffen. Auch der Besucher, der wie ich nur 12 oder 15 Stunden im Wirkungskreis der Communauté weilt, spürt, daß hier Außerordentliches am Werk ist.

LeerZweierlei fällt dem Besucher der Communauté auch nach wenigen Stunden schon auf: erstens der Grundsatz, weniger durch Reden als durch Handeln zu wirken; zweitens der stets verwirklichte Grundsatz der simplicité.

LeerDas erste darf keineswegs als Verzicht auf Verkündigung ausgelegt werden. Es liegt vielmehr die Erkenntnis zugrunde, daß Christi Handeln mindestens so sehr wie Sein Reden Verkündigung war und daß Ihm gerade auf diesem Wege nachgefolgt werden müsse. Damit entrückt der frère sein Handeln der Ebene der Zwecke und erhebt es in die der Sinngebung und Mission. Nicht das Werkstück, das der in eine Fabrik entsandte frère herstellt, ist das Ziel seiner Tätigkeit, sondern die Tatsache, daß, und die Art, wie er es herstellt und wie er sich den Ergebnissen dieses Handelns gegenüber verhält. Sein Handeln wird also tätige Predigt - eine Mahnung an unsere allzu redefreudige Kirche.

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LeerDie simplicité scheint mir das grundsätzliche Bestreben zu sein, Ernst zu machen mit dem Befehl "dem Himmelreich" mit der Unbefangenheit des Kindes gegenüberzutreten. Wie weit dieser Grundsatz in den Verzicht auf theologische Erörterungen hineingeht, vermag ich mangels genügender Erfahrung mit dem Leben von Taizé nicht zu beantworten - dem Besucher jedenfalls zeigt sich die simplicité dort in vielen Dingen von der erfreulichsten Seite.

LeerDie Communauté ist auf helvetisch-calvinischem Boden erwachsen und steht auch innerhalb der Oekumene im Kreuzfeuer der Kritik - die nicht immer wohlwollend gewesen zu sein scheint. Die frères vermeiden es daher, Dinge, die im Grunde unwesentlich sind und besonders zu Mißdeutungen führen könnten, besonders zu pflegen. Wir würden dem Geiste und Willen der Communauté also nicht gerecht, wenn wir von ihr als einer klösterlichen Gemeinschaft sprechen würden. Wir müßten dann zum mindesten stets gleichzeitig darauf hinweisen, welcher grundlegende Unterschied in vielen Dingen gegenüber den Klöstern rer römischen Kirche besteht. Und da es wohl wichtig zu sein scheint, daß eine Männergemeinde solcher Art, solchen Sinnes und solcher Zielsetzung wie die Communauté auch auf evangelischem Boden mit gewaltiger Segensausstrahlung leben und wirken kann, sollten wir es auch auf Verwechslungen nicht ankommen lassen.

LeerEinen Schritt weitergehend sei aber die Frage gestellt, ob es derartige Sonder-Gemeinden in unserer Kirche nicht in größerer Zahl geben müßte, um unserem Verständnis vom christlichen Wandel Maß, Richtung und Mitte zu geben.

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LeerMan kann der Ansicht sein, daß in den Kirchen der Reformation gerade die Seiten christlichen Lebens und Wirkens vernachlässigt worden seien, die die Communauté geflissentlich pflegt. Wir haben seit der Reformation mehr und besser gepredigt, als vielleicht in der ganzen christlichen Kirche ein Jahrtausend lang zuvor. Wir haben die christliche Tat im Pietismus bis hart an die Grenze der Werkgerechtigkeit gepflegt und uns durch Leistung hoher Beiträge zu allen möglichen mildtätigen Einrichtungen vom eigenen Samariterhandeln recht wacker losgekauft. Wir haben eine Bibelkenntnis gepflegt, um die uns die übrige Christenheit beneiden könnte und beneidet. Wir haben missioniert nach außen und innen, wir haben Gemeindebesuche nach festen Regeln gemacht und können vor lauter Betrieb nicht mehr zur rechten Ruhe kommen - aber fehlt uns nicht gerade das: Tieferes Verständnis des Gottesdienstes von innen, von unten her, Pflege des gesungenen Lobpreises und des gemeinsamen Gebetes, der Liturgie als Sinnbild und Vorfreude?

LeerFreilich: "machen" kann man so etwas nicht. Aber einer, dem die Gnade geschenkt wird, kann im blinden Vertrauen darauf, daß Gott ihm helfen werde, eine Communauté beginnen - und alles was nottut, wird ihm zufliegen.

LeerDiese Communauté als Mitte in Gebet, Diakonie und Verkündigung, als Brunnenstube geistlichen Lebens - vielleicht abseits der Landeskirche -, man denke sich einmal hinein und versuche dann, sich ein Urteil zu bilden,

LeerSollten wir den Herrn der Kirche nicht bitten, daß Er uns solche Mitte schenken möge?

Quatember 1953 (S.40-44 )


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-07-18
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