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Teil 2 Vor

Quatember

Im lebendigen Strom
von Wilhelm Stählin
(Teil 1)


LeerEtwa in der Mitte des Johannes-Evangeliums (7, 38 f.) spricht Christus "am letzten Tag des Festes, der am herrlichsten war", ein Wort, das als ein Schlüsselwort zum Verständnis des ganzen Evangeliums dienen kann; "Wer an mich glaubet, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen"; und der Evangelist fügt hinzu: "Das sagte er von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Heilige Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verkläret." Die Bemerkung, daß der Heilige Geist zu irgend einer Zeit "noch nicht da", noch nicht vorhanden war, gehört zu den paradoxen Aussagen, mit denen das Johannes-Evangelium seine Leser aufzuregen liebt. Schließt nicht die von unseren Liedern so geflissentlich betonte Gleichordnung des Heiligen Geistes mit dem Vater und dem Sohne, "mit beiden gleiches Thrones, mit beiden gleich gepreist", auch dieses ein, daß der Geist Gottes teilhat an der Ewigkeit Gottes, der ohne Anfang und ohne Ende ist, und daß er ebenso wie der "Sohn" "im Anfang", im Ursprung aller Dinge gegenwärtig und wirksam war? War der Geist Gottes, der im Urbeginn über den Wassern schwebte (I. Mose 1, 1), ein anderer gewesen, als der an Pfingsten ausgegossen wurde über die Schar der in Jerusalem versammelten Jünger? Sagt nicht das nicänische Bekenntnis mit ausdrücklicher Betonung, daß der Geist, der Dominus vivificans (der Leben-spendende Geist), den wir hier bekennen, derselbe ist, der "geredet hat durch die Propheten"? Und war der Geist, von dem der Engel gesagt hat, daß er über die Jungfrau Maria kommen werde (Luk. 1, 35), und "von dem" Jesus Christus "empfangen" war, ein anderer Geist, als der, um dessen Kommen wir in unseren Pfingstliedern flehen? Wenn wirklich dieser Heilige Geist noch nicht "da" war, als Jesus im Jordan getauft wurde von Johannes, was war es denn dann, was über ihn herabkam "wie eine Taube" (Mark. 1, 10), und was ihn dann in die Wüste trieb? Was heißt das, daß der Heilige Geist "noch nicht da war"?

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LeerDieses aufregende Rätselwort ist eine jener Andeutungen, in denen die Heilige Schrift uns vor einem statischen Verständnis der Ewigkeit warnt. Die Erkenntnis, daß unser Zeitmaß auf Gottes Handeln nicht anwendbar ist, daß vor ihm tausend Jahre sind "wie der Tag, der gestern vergangen ist", verführt uns leicht zu der Meinung, daß Gott eine unwandelbare Idee sei, die in erhabener Ruhe unberührt bleibt von den wechselnden Erscheinungen und Gedanken der irdischen Welt. Gott ist aber auch darin "der lebendige Gott", daß in ihm selber Geschichte sich ereignet. Indem die johanneischen Reden Christi davon sprechen, daß der Vater den Sohn "gesendet" hat, daß er ihn liebt, und daß die Liebe des Sohnes zum Vater zurückflutet, reden sie in einer Zurückhaltung, die das Geheimnis und die Verborgenheit Gottes wahrt, aber doch deutlich genug von einer Bewegung, die sich innerhalb Gottes selber ereignet; und wenn der Sohn in seinem liebenden Gehorsam den Vater "verklärt" (Job. 17, 1 ff.), so besagt das nicht nur, daß den dafür geöffneten Menschen die sich immer gleich bleibende "Herrlichkeit" Gottes in einer anderen Weise sichtbar werde, sondern daß diese Gottes-Herrlichkeit selber in einem bisher nicht möglichen Glänze erstrahle. Am deutlichsten enthüllt das Buch der Offenbarung St. Johannis dieses Geheimnis, daß der Sieg des geopferten Lammes und die Öffnung der sieben Siegel der Vollzug eines uranfänglichen göttlichen Ratschlusses ist, an dem die gesamte himmlische ebenso wie die irdische Welt einen, man möchte sagen leidenschaftlichen Anteil nimmt. Es ist alles nicht nur viel großartiger, sondern zugleich viel lebendiger, als es eine Denkweise, die den Gott der Philosophen dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vorzieht (Pascal), von ferne zu ahnen vermag.

LeerIn diesem Zusammenhang muß das Wort verstanden werden, daß der Heilige Geist noch nicht "da war", ehe Jesus verklärt war. Wenn der Heilige Geist die Energie Gottes ist, mit der er seinen Ratschluß verwirklicht, so läuft zwar ein ununterbrochener Strom von jenem Urbeginn, in dem diese göttliche Tatkraft wie ein brütender Vogel über den chaotischen "Wassern" schwebte, über die Erwählung eines Volkes und die Verkündigung des Gesetzes und über die von Gott erweckte Schau der ausgesandten Boten, die deuten dürfen, was Gott tut, und ahnen, was er vorhat, bis hin zur Taufe im Jordan und zur "Ausgießung" dieses Geistes am Pfingsttag. Aber damit ist doch nur die eine Seite der Wahrheit ausgesprochen; die andere Seite ist die, daß es in diesem lebendigen Strom verschiedene Stadien seines Laufes gibt, und daß auch für die Kraft der göttlichen Selbstverwirklichung die Geburt des ewigen Wortes aus der Jungfrau Maria, der Kreuzestod, die Auferstehung und die Erhöhung des Gott-Menschen Wendepunkte bedeuten, von denen an diese göttliche Energie die Form ihres Wirkens und die Gestalt ihrer Verwirklichung ändert.

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LeerDen "Heiligen Geist" im engsten und eigentlichsten Sinn nennt das Neue Testament die Kraft des göttlichen Wirkens, wie sie sich seit der "Verklärung" des Gottes- und Menschensohnes ausdrückt und darstellt. In dieser Gestalt ist der "Geist" erst am Pfingsttag "ausgegossen" worden, und was er nun tut und wirkt, vor allem aber die Art, wie er das tut, ist ein novum in der Geschichte, die sich zwischen Gott und Mensch abspielt, ein Neues, das es so in der vorpfingstlichen Menschheitsgeschichte nicht gegeben hat. Was ist dieses Neue, das selbst zu Lebzeiten Jesu noch nicht "da" war, das Neue, hinter dem nicht nur Johannes der Täufer, sondern auch alle Kraftwirkungen Gottes im Raum des alten Bundes als ein Vorläufiges zurückbleiben? Wenn man die vielfältigen Aussagen des Neuen Testamentes über das Wirken des Heiligen Geistes überschaut, dann treten in diesem Bild die folgenden Züge hervor:

LeerObschon das gleiche Wort hin und wieder - selten genug! - auch von einer bestimmten Seite des menschlichen Wesens gebraucht wird, ist doch das pneuma im strengen Sinn immer der "Geist" Gottes, Gottes lebendiger Odem, Gottes schöpferische Energie, die Dynamik des göttlichen Wirkens schlechthin. Es bleibt ein Geheimnisvoll-Undurchdringliches, Unberechenbares und Unverfügbares in dem Wirken dieses göttlichen pneuma. Aber eben diese geheimnisvolle Aktion Gottes bemächtigt sich nun des Menschen, ruft im menschlichen Bereich sichtbare und spürbare Wirkungen hervor und ist also nun in einer "neuen" Weise "da" in der Geschichte. Der "Geist" ist die spezifische Weise, in der sich "nun" Gott mit der Menschenwelt verbindet, die Weise, in der sich die "Inkarnation" Gottes auswirkt und als göttliche "Einwohnung" weiterschwingt durch die Jahrhunderte hindurch. Denn was während des Erdenlebens des Herrn noch ein Gegenüber bleibt, wird nun gleich dem "Himmel", der unbeschreiblich fern und zugleich unbeschreiblich nahe ist, zu einer innigen Verbindung und Verschmelzung, in der das Ferne nahe, das Fremde zum Eigenen wird. Das, was dem Menschen schlechthin geschenkt ist, als das Neue, das er nicht als Möglichkeit in sich vorfindet, wird nun zur bewegenden Kraft, die an ihm, in ihm und durch ihn hindurch am Werke ist. Jenes Herrenwort (Joh. 7, 38), das den Evangelisten zu seiner seltsamen Bemerkung veranlaßt hat, drückt in einer kühnen Bildhaftigkeit jenes unlösbare Ineinander von Passivität und Aktivität aus. Glauben ist reine Empfänglichkeit, abseits jeder eigenen Leistung; aber der Glaubende wird zum Quellort, von dem lebendige Ströme ihren Ausgang nehmen; ähnlich heißt es in dem Gespräch am Brunnen (Joh. 4, 14), daß jeder, der von dem Christus-Wasser trinkt, selbst zum unversieglichen Brunnen wird.

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LeerWenn wir versuchen, dieser göttlichen Aktivität, zu deren Werkstatt und Werkzeug der Mensch geworden ist, unter fünf Gesichtspunkten inne zu werden, so kann es sich wirklich nicht um fünf verschiedene Kräfte oder "Gaben" des Heiligen Geistes handeln, sondern um einen durchaus einheitlichen Vorgang, der freilich von verschiedenen Seiten her und dementsprechend in verschiedener Perspektive betrachtet werden kann.

Leer1. In den johanneischen Abschiedsreden findet sich (13,34) das überraschende Wort: "Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebet, wie ich euch geliebet habe." Inwiefern das alte Gebot (I. Joh. 2, 7), das auch dem Alten Testament keineswegs fremd ist, die Würde und den verpflichtenden Ernst eines neuen Gebotes bekommt, besagt das im ganzen Neuen Testament immer wiederkehrende "wie". Die Liebe, an der die Jünger Christi als solche erkennbar sind, ist eben nicht irgend eines der sehr verschiedenartigen Phänomene, die man auch mit dem vieldeutigen Wort "Liebe" bezeichnen kann, sondern es ist das Abbild, die Ausstrahlung und die Weitergabe der Liebe, mit der Christus die Seinen geliebt hat, ja sie hat ihr Urbild und ihren Ursprung in der Liebe, mit der der Vater den Sohn vom Urbeginn her geliebt hat und die der Sohn zum Vater zurückbringt; und weil der Heilige Geist eben dieses Liebesband ist, das Vater und Sohn in der Einheit des göttlichen Willens und Handelns verbindet ("in unitate spiritus sancti", in der Einheit des Heiligen Geistes, wie es in dem feierlichen Schluß der alten Kirchengebete heißt), ist die Liebe als eine Gabe des Heiligen Geistes nicht irgendeine menschliche Gemütsbewegung, sondern die irdische Ausstrahlung eines göttlichen Lebensgeheimnisses. Sie ist in vollem Sinn die Gegenwart Gottes, der Liebe ist, das einzig glaubwürdige Zeugnis des Glaubens an die Erscheinung Gottes im Fleisch (I. Joh. 4, 2 f.); nur darum erscheint das "Hohelied der Liebe" (I. Kor. 13) im Zusammenhang der Rede von den Gaben des Heiligen Geistes als die Krone und Vollendung aller "Charismen", die die Kraft des göttlichen Geistes im Menschen erwecken kann, als "die Möglichkeit Gottes im Menschen" (Karl Barth). Darum erscheinen alle christlichen Tugenden, in denen die Liebe ihre konkrete Gestalt gewinnt (Freundlichkeit, Sanftmut, Geduld, Gütigkeit, Barmherzigkeit, Lindigkeit... Kol.3, 3 2; Phil. 4, 5), nicht als das Ergebnis einer menschlichen Einübung im Guten, sondern als "Frucht" des Geistes (Eph. 5,9), und sind doch zugleich ganz des Menschen eigene Tat, eine uns Menschen zugemutete Verhaltungsweise, welche zu versäumen von dem uns zugedachten Leben und Heil ausschließt, weil der nicht Liebende den Lebensstrom unterbrochen und unterbunden hat, der vom Vater zum Sohn, vom Sohn zu den Seinen, von Bruder zu Bruder fließen will. Liebe als Einwohnung Gottes in Herz und Willen des Menschen: Dieses ist das neue Gebot, das der Herr "gibt", dieses die Gegenwärtigkeit Christi im menschlichen Bereich, der "Heilige Geist", den es vor dem Opfertod und der Erhöhung Christi nicht gegeben hat.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 04-04-12
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