Die vielerlei Gestalten des kirchlichen Handelns ebenso wie die vielfachen Aussagen des christlichen Credo selbst hängen in einer Weise zusammen, die keine Trennung, keine Isolierung irgendeiner einzelnen Funktion erlaubt. Der biblische Dreiklang der martyria, leitourgia und diakonia deutet die verschiedene Bewegungsrichtung dieser kirchlichen Lebensformen und -funktionen an. Wir erinnern uns daran, daß nur der ständige Blick auf den Dienst, den wir einander in unserem irdischen Lebensbereich schuldig sind, den "Gottesdienst" vor dem Abweg einer frommen Ersatzbildung bewahren, und daß nur die engste Verbindung mit dem liturgischen Leben der Kirche (im weitesten Sinn) die Grenzlinie zwischen der Diakonie als Lebensform der Kirche und einer rein säkularen Wohlfahrtspflege und sozialen Betriebsamkeit deutlich machen kann. Nicht ganz im gleichen Maß hat sich die Erkenntnis ausgebreitet, daß auch die martyria, das der Kirche aufgetragene lehrhafte Zeugnis, der inneren Einheit mit leitourgia und diakonia bedarf, um nicht zur christlichen Weltanschauung und zur bloßen "Lehre" ohne Ehrfurcht, Gebet und Liebe zu entarten. Es wäre reizvoll, die Fehlentwicklungen und Entartungen des kirchlichen Handelns daraufhin zu untersuchen, ob nicht in ihnen ein Auseinanderbrechen von martyria, leitourgia und diakonia zutage tritt, der Versuch also, die Wahrheit des Evangeliums außerhalb des gottesdienstlichen Vollzuges und abseits der dienenden Liebe zu besitzen, der Versuch, sich an den "schönen Gottesdiensten des Herrn" ohne dogmatische Verantwortung und ohne echte Brüderlichkeit zu erbauen, der Versuch endlich, die christliche "Liebe" losgelöst von ihrem Urbild in der Bewegung der göttlichen Liebe zur Welt, losgelöst von der liebenden Verehrung, die der Glaube zu Gott zurückbringt, zu fördern und zu pflegen.
Diese notwendige Besinnung soll im folgenden durch eine Betrachtung über den Dienst der Engel ergänzt und illustriert werden, weil die Entsprechung zwischen jener "himmlischen" und unserer irdischen Welt zu den Geheimnissen der Kirche gehört, die in ihren Gottesdiensten einstimmt in den Lobgesang der himmlischen Heerscharen und also ihren Dienst mit dem Dienst der Engel vereinigt.

Alles, was die Heilige Schrift von dem Wesen und dem "Geschäft" jener invisibilia aussagt, die gleich allen anderen Kreaturen Gottes Geschöpfe sind und also durch die unüberschreitbare Grenzlinie der Kreatürlichkeit von dem allein anbetungswürdigen Gott geschieden sind, die aber als reine Geisteswesen keinen Leib haben, ist gekennzeichnet durch eine eigentümliche Doppelgesichtigkeit: sie sind einerseits ganz Gott zugewendet, gleichsam der himmlische Hofstaat der göttlichen majestas, andererseits als Boten und Diener Gottes zu den Menschen entlassen, die Überbringer und Vollstrecker des göttlichen Ratschlusses, "ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit" (Hebr. l, 14). Niemand sage, daß wir den Unterschied zwischen Engel und Mensch in einer unzulässigen Weise verwischen oder verleugnen, wenn wir in dieser Doppelgesichtigkeit des engelischen Dienstes einen nicht zu überhörenden Hinweis auf die Doppelgesichtigkeit alles kirchlichen Handelns erkennen. Auch die Kirche kann ihren Gläubigen und der Welt nur dann den ihr zukommenden Dienst erweisen, wenn sie primär ganz Gott zugewendet ist, als die irdische Stätte, wo die Kreatur Gott die ihm gebührende Ehre erweist, die gratia Gottes im eucharistischen Lobpreis zurückträgt (gratiam referre) zu dem himmlischen Thron; mit anderen Worten:
Nur die betende Kirche kann eine liebende und dienende Kirche sein. Darin liegt das relative Recht des Doppelsinns, in dem wir das Wort "Gottesdienst" ebenso für die kultische Huldigung Gottes wie für den "Gottesdienst" der tätigen Bruderliebe gebrauchen.
Dabei ist der Gott-zugewandte Dienst der Engel, wie ihn die Heilige Schrift beschreibt, in gewissem Sinn das Urbild jenes Dienstes der Huldigung, den Gott von uns Menschen erwartet und sich von uns Menschen gefallen läßt. Die Vision, in der Jesaja die den Thron Gottes umschwebenden Seraphim geschaut und ihre Stimme gehört hat, hat den Propheten ein für allemal mit dem Gefühl der jede Vorstellung übersteigenden majestas tremenda erfüllt, die auch die seligen Geister ihr Angesicht vor Ihm verhüllen läßt, damit sie nicht verbrennen in der Glut Seiner Heiligkeit. Diese Scheu vor der Nähe des Heiligen ist das äußerste Widerspiel jener harmlosen Gemütlichkeit, die vom "lieben Gott" wie von einem gutmütigen Nachbarn redet; ohne das Bewußtsein von der Gefährlichkeit dieses tabu-Bezirkes verwandelt sich auch die Freudigkeit, mit der wir den erschlossenen Zugang zu dem Thron Gottes vollziehen, in eine freche Respektlosigkeit, die aus dem Mysterium magHUM ein erbauliches Idyll macht.

Aber die heilige Scheu verschließt nicht den Mund, und sie meint nicht, daß der Größe Gottes allein der schweigende Dienst angemessen sei. Vielmehr huldigen die Seraphim dem gleichen Gott, vor dem sie ihr Angesicht verhüllen, mit dem Lobgesang des Trishagion, das seit den ersten Zeiten der Christenheit auch für die irdische Gemeinde die klassische Form ihrer Anbetung ist. Dabei enthält der Lobgesang der himmlischen Scharen keinen Wunsch und keine Mahnung, sondern spricht nur das aus, was ist ("Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll"), und vermehrt freilich die "Ehre" des Hochgelobten durch diese huldigende Proklamation. So besingen die schon vollendete Gemeinde und die "vieltausendmal tausend" Engel und die den ganzen Kosmos repräsentierenden vier Wesen miteinander die Ehre des "Lammes": "Du bist erwürget. Du hast uns Gott erkauft. Du hast uns zu Königen und Priestern gemacht; Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel." - "Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob." Die ständige Neigung der Kreatur, Gott die Ehre zu verweigern, die ihm gebührt, und lieber in Illusionen zu leben, als die Wirklichkeit anzuerkennen, gibt dieser indikativischen Aussage ihr unvergleichliches Gewicht, und die lobpreisende Anerkennung und Huldigung ist nicht nur das eigentliche Herzstück der Liturgie, sondern nicht minder der Lehre und die stets gegenwärtige Voraussetzung, ohne die alle caritas den Boden unter den Füßen und die treibende Kraft ihrer Bewegung verliert.
Der 103. Psalm sagt in einem Satz (V. 20 f.) von den Engeln beides aus, daß sie den Herrn loben, und daß sie als seine Diener seine Befehle ausrichten und seinen Willen vollziehen; nicht so, als ob damit zwei verschiedene Funktionen der Engel in ihrem Verhältnis zu Gott beschrieben wären, sondern so, daß sie eben als die willfährigen Werkzeuge des göttlichen Ratschlusses ihn ehren und "loben"; so wie in dem großen Lobgesang der drei Männer im Feuerofen alle Kreaturen aufgerufen werden, Gott zu loben, indem sie gehorsam das Gesetz erfüllen, das der, der sie geschaffen, in sie gelegt hat. Die Engel sind reine Organe des göttlichen Ratschlusses, ohne eigene Absicht, ohne den heimlichen Ehrgeiz, zugleich etwas für sich selber und zu ihrer eigenen Ehre zu unternehmen: Blick und Stimme. (Der Ausdruck ist von Arnold Rickert geprägt in "Von den Engeln und St. Michael", Kassel 1938), Hand und Fuß Gottes, so sehr in vollkommenem Gehorsam dem sie bewegenden Willen ergeben, daß das Wort des Boten das Wort des Herrn selbst ist, seine Erscheinung zu Boden wirft wie der Anblick des Heiligen selbst und seine Verkündigung - einerlei, ob es der Gruß an die Jungfrau Maria oder die Schalen des göttlichen Zornes sind - den furchtbaren und gnädigen Ratschluß Gottes selber vollstreckt.

Der göttliche Auftrag aber, den die Engel in dienendem Gehorsam vollziehen, ist der Dienst am Heil der Menschen. Sie sind von Gott gesandt zum Dienst um derer willen, die nach Gottes Willen die Seligkeit ererben sollen; und gerade an dieser entscheidenden Stelle (Hebr. l, 14) hat in der Benennung der Engel als der pneumata leitourgika die unauflösliche Einheit des Gott- und des Menschen-zugewandten Dienstes ihren deutlichen sprachlichen Ausdruck gefunden. Eigene Erfahrungen ebenso von den Gefährdungen, denen wir auf dem Weg des Heils ausgesetzt sind, wie von Schutz und Geleit der göttlichen Boten (deren helfende Näh«; wir bisweilen durch die bedrohliche Nähe der Dämonen hindurch zu spüren meinen), lassen uns mit besonderer Aufmerksamkeit auf das achten, was die biblischen Engelgeschichten im einzelnen über den Dienst der Engel erzählen, damit zugleich das Urbild des Dienstes aufrichtend, den wir im menschlichen Bereich an den Seelen unserer Brüder zu tun berufen sind.
Nur drei Engelsgestalten werden in der Heiligen Schrift mit einem Namen bezeichnet: Michael, Gabriel und Raphael. Dabei interessiert uns ebensowenig wie der religionsgeschichtliche Ursprung der gesamten Engelsvorstellung die historische Herkunft dieser Namen, sondern zunächst die Tatsache selbst, daß auch Engel Namen haben. Der Name ist Ausdruck des besonderen und von anderen unterschiedenen Seins. Auch Engel haben Namen, weil der Dienst, zu dem sie Gott der Herr entsendet, zwar einer ist, nämlich der Vollzug seines Ratschlusses, aber in seiner Form verschieden, entsprechend der Mannigfaltigkeit der Charismata der Ämter, Dienste und Funktionen, die der Geist Gottes in der Gemeinde erweckt.
Keine der drei in der Heiligen Schrift mit Namen genannten Engelsgestalten ist mit einer so vertrauten Geschichte verbunden wie Gabriel, der dem Priester Zacharias an der rechten Seite des Altars erscheint und der dann im sechsten Monat von Gott gesandt wurde zu der Jungfrau, die Maria hieß. Sein Name kennzeichnet ihn als den "Mann" (oder Helden) Gottes (PS. 103), der seinen Befehl ausrichtet; er ist der Bote schlechthin, der dem dazu berufenen Menschen den göttlichen Ratschluß kundtut; er "geht aus", um den Menschen zu "unterrichten" (Dan. 8, 16; 9, 21) über das, was er nicht wissen kann und was er doch wissen und verstehen muß, um das Werkzeug des göttlichen Willens zu werden. Es erscheint uns freilich als ein groteskes Mißverständnis dieses seines Dienstes, wenn nun der himmlische Bote als der Schutzengel eines sehr irdischen "Nachrichtenwesens" verehrt werden soll; nicht das vergangene, gleichzeitige oder zukünftige Geschehen als solches, sondern sein verborgener Sinn, seine Bedeutungstiefe in dem ewigen Plan Gottes zum Heil der Welt ist der Inhalt der Gabrielischen Verkündigung; zugleich aber ist die Botschaft des von Gott entsandten Boten die Stimme Gottes selbst und als solche vollziehendes und vollstreckendes Wort. |