Im südlichsten Teil von Burgund, in geringer Entfernung westlich von Mácon entspringt die Grosne, ein kleines Gewässer, das ungefähr parallel mit der Saóne nach Norden fließt und kurz vor Chalon in die Saóne mündet. Das weite Talgelände wird von sanft gewellten Höhenzügen mit Wiesen, Feldern und Wäldern flankiert, aber nicht abgeschlossen. Die Landschaft hat etwas ruhig Fließendes, Unbegrenztes. Die Formation des Bodens ist weder monoton gleichartig noch durch den Wechsel der Bepflanzung unterbrochen oder gar kleinlich aufgestückelt. Die vielen Hecken und Zäune zwischen den Feldern, manchmal richtige Hohlwege bildend, machen die Bewegungen des Bodens mit und unterstreichen sie noch. Brombeerranken und Dornensträucher wechseln ab mit Haselnußbüschen und silbergraublättrigen Weidenstrünken. Ruhiger und noch weiter wird die Landschaft, wenn das Grün der Wiesen und Wälder eindunkelt unter dem kühlblauen Osthimmel und dem rötlich verglühenden Westen. Eine wunderbare Stille, die, nicht von dieser Welt stammend, so eindringlich zu uns spricht, umgibt Pflanze, Tier und Mensch. Die Erde nimmt alles auf in die Geborgenheit, denn sie will nichts für sich, sondern weist über sich hinaus auf die ewige Heimat. So erinnert diese Landschaft an solch verklärten Sommerabenden immer wieder an Umbrien. Man wundert sich nicht, wenn diese Gegenden eine geheime Verwandtschaft miteinander verbindet, gründend nicht nur in der äußern und innern Struktur, sondern auch in ihrer Geistesgeschichte. Wir denken da nicht nur an den heiligen Franz, sondern auch an den Dichter Jacopone da Todi, an Angela da Foligno, die Mystikerin, und ihre ekstatischen Offenbarungen und die frühe umbrische Malerei, die in ihrer starken Jenseitshoffnung doch die zarte Sinnenfreude und kindliche Fröhlichkeit nicht abtötete.
Im südlichen ersten Drittel des Laufes der Grosne liegt Cluny, im nördlichen Taizé.

Von weit her sieht man schon den mächtigen Vierungsturm von Cluny und daneben den kleineren Turm über dem südlichen Teil des 33 Meter hohen Hauptquerschiffes. Geht man von diesen gegen 200 Meter aufwärts, so kommt man zu zwei unmotiviert die Straße überwölbenden Torbogen, Reste des ehemaligen Hauptportals! Die Abteikirche von Cluny, von 1088 bis 1120 erbaut, war vor der Errichtung von Sankt Peter in Rom die größte Kirche der gesamten Christenheit. Von der architektonisch reichen und sinnvoll aufgegliederten ehemaligen Größe dieses Bauwerkes gibt die Tochtergründung von Paray-le-Monial mit der Vielfalt der Chor- und Apsidenbauten im typisch burgundischen romanischen Stil einen Begriff. Die äußeren Maße der Abtei und der Kirche waren nicht etwa ein Auswuchs einer Anwandlung von Größenwahnsinn, sondern der berechtigte Ausdruck einer der bedeutendsten geistigen Mächte des Hochmittelalters. Den Zerfall des Karolingischen Reiches begleitete ein geistiger und moralischer Niedergang der kirchlichen ebenso wie der profanen Mächte und Gewalten, wie vor allem der Klöster, die doch früher nicht nur das Vorbild des Christenlebens, sondern auch die Hochburgen der Kultur gewesen waren.
Im Jahre 910 wurde von Wilhelm von Aquitanien das Kloster gegründet, innerhalb des Ordens vom heiligen Benedikt, aber mit eigenen, strengeren Regeln und mit großen Vorrechten, sogar der Unabhängigkeit vom Papst, ausgestattet. So wurde Cluny der Mittelpunkt der wichtigsten christlichen Reformbewegung der vorreformatorischen Kirche. Überallhin wurden die Cluniazenser Mönche zur Überwindung des verlotterten Klosterwesens gerufen. Von 1088 bis 1118 lag die päpstliche Gewalt in Händen von Cluniazensern (Urban II. und Paschalis II.). Sehr rasch breitete sich der Einfluß Clunys auch außerhalb Burgunds und Aquitaniens aus: Schon der zweite Abt Oda (927-42) erreichte die Westschweiz (Romainmôtier). Odilo, der fünfte Abt (994-1049), gebot indirekt bereits über 65 Klöster; dem neunten, Petrus Venerabilis (1122-1156), unterstanden annähernd 1500 Abteien und Priorate mit etwa 15 000 Mönchen! Zur Zeit der Hochblüte der cluniazensischen Reformbewegung gab es in Deutschland über 100, in Italien und England je etwa 50 Klöster, einzelne in Ungarn und Polen, ja sogar bis in den Osten und ins heilige Land (Berg Tabot). Von Hirsau (Schwarzwald) aus griff eine weitgehend eigene Cluniazenser Reform auf den Norden der Schweiz über (Allerheiligen in Schaffhausen und St. Georg in Stein am Rhein, architektonisch gekennzeichnet durch den rechteckigen Chor am üblichen romanischen Basilika-Grundriß). In der Westschweiz kamen zu Romainmôtier Payerne, Corcelles, Rüeggisberg undMünchwiler.

Diese überwältigende Entfaltung war die Folge des Zusammentreffens glücklicher Umstände. Bedeutende Männer, geistig wie ethisch überragend, waren die ersten Äbte (zwischen 954 und 1109 nur drei), und sie setzten alle Kräfte ein zur Verwirklichung des Gottesstaates in einer echt französischen Verbindung von religiöser Glut, Askese und Aufopferung mit Natürlichkeit und klugem Wirklichkeitssinn.
Als die Größe der Ausdehnung und die daraus resultierende Zunahme der Macht im Kirchenbau zu prunkhafter Repräsentation zu wuchern begann, übernahm der von Bernhard von Clairvaux ins Leben gerufene Orden der Zisterzienser die ursprünglichen Impulse der ersten Äbte von Cluny mit stärkerer Betonung der Askese im Leben der Mönche und im Baustil ihrer Kirchen.
Ein kurzer Geschichtsabriß über Cluny wurde vorangestellt, weil darin, daß die Brüder von Taizé in dieser Gegend ihren Orden lokalisiert haben, eine verborgene Gesetzmäßigkeit zum Ausdruck kommt. Sie nannten sich ja anfänglich auch "Reformierte Cluniazenser", eine Bezeichnung, die zu Mißverständnissen führen könnte und die sehr bald im Zuge der verantwortlichen Verwirklichung ihres eigensten Zieles ersetzt worden ist durch die sachlichere und schlichtere Formulierung "Communauté deTaizé".
Ich werde es nie vergessen, wie beim Gespräch. nach dem Nachtessen - wir saßen alle ungezwungen um den großen Steintisch oder auf der Gartenmauer - der Waadtländer Bruder den Ausspruch meines Freundes "Vous êtes des moines!" mit heftigster Erregung zurückgewiesen hat: "Non, non, nous ne sommes pas des moines, nous sommes une communauté"
Von Cormatin aus zieht sich eine sanfte Hügelkette nach Süden, mitten im Tal der Grosne, mit Blick auf beide Seiten. Am südlichen Ende fällt sie ziemlich steil ins Tal ab. Dort liegt Taizé, ein halb ausgestorbenes Dorf mit zwei kleinen einfachen Landschlössern. Wenige größere Häuser sind bewohnt, einige kleinere neu ausgebaut, die Ställe aus dem gelblichen Stein der Umgebung, ohne Mörtel aufeinandergeschichtet. Im eigentlichen Schloß wohnen die Brüder der Communauté, im Manoir, dem kleineren Schloß, ist die Hausgemeinschaft des Kinderheimes untergebracht.

Der "Frère Prieur", der Prior des Ordens, Roger Schutz, in Neuenburg aufgewachsen - der Vater stammte aus Bachs im Zürcher Unterland, die Mutter aus Burgund -. war nach Abschluß seines Theologiestudiums während des Krieges schon in diesem Schloß im damals noch unbesetzten Gebiet, und nahm Flüchtlinge auf, vor allem Juden. Schließlich wurde die Gegend doch noch besetzt, worauf er nach der Schweiz zurückkehrte und in Genf mit dem Theologen Max Thurian und dem. Agronomen Pierre Souvairan zusammen das gemeinsame Leben begann. Im Jahre 1944 ließen sie sich dauernd in Taizé nieder, nachdem sie zu sehr günstigen Bedingungen das Schloß hatten erwerben können. Später kam die leer stehende Cure, das katholische Pfarrhaus dazu, das sich mit seinen kleinen, zellenartigen Einzelzimmern sehr gut als Gästehaus eignet für die Besucher. die zu einer "Retraite", einer Zeit der Stille und meditativen Einkehr von wenigstens drei Tagen, dort weilen. Der Prior, der geistliche Leiter der Bruderschaft, steht jederzeit den Gästen zur Verfügung, während Max Thurian viel im Auftrag der Bruderschaft auf Reisen ist und ihr Anliegen nach außen hin, auch literarisch, vertritt.
Die schlichte Dorfkirche mit dem spätromanischen Turm von etwa 1200, neben der Cure und dem Schloßhof gelegen, steht den Brüdern für die täglich dreimal stattfindenden Horen und den Predigt- und Herrenmahlsgottesdienst am Sonntagmorgen zur Verfügung, da der katholische Priester, der um die zwanzig solch halbverlassene Dörfer zu betreuen hat, nur einmal im Monat zu einer stillen Messe herkommt und dann die Kirche braucht.
Die Brüder und Gäste kommen morgens um sieben Uhr zum Morgengebet schweigend zusammen, die Brüder ziehen gemeinsam ein, angetan mit der weißleinenen, bis zum Boden reichenden Kutte mit Kapuze. Dieses liturgliche Gewand soll sie daran erinnern, daß ihr "ganzes Wesen von Christus überkleidet" wurde. "Es ist, anders als das Wort, ein Ausdruck des Herrenlobes." An liturgischen Ordnungen benützen sie vor allein die Formulare der westschweizerischen liturgischen Gruppe "Eglise et Liturgie". Den Dienst des Liturgen besorgen die Brüder abwechselnd. Einige wenige Stücke singen sie gregorianisch, das meiste aber vierstimmig in der Art der orthodoxen Kirche. Ein kräftiger, leuchtender Klang, gestützt von den beiden außergewöhnlich guten Stimmen des Priors (Tenor) und des Arztes (Baß), füllt den intimen, stark überakustischen Raum, erst etwas befremdlich für den, der eine asketischere Singart als adäquaten Ausdruck der demütigen gottesdienstlichen Haltung gewohnt ist, aber dann doch bald gefangen nehmend durch die Selbstverständlichkeit der ungeteilten Hingabe im freudigen Lobpreis und in der südlicheren und also ekstatischeren Weise der Anbetung. Und dann hat dieses Singen auch eine ausgesprochen missionarische Seite: Der Unvorbereitete wird sogleich angesprochen von diesen Klängen, die mehr von Bortnianski ("Ich bete an die Macht der Liebe") inspiriert sind als von der Gregorianik und den Meistern der Reformation. Das Gesetz, daß es nicht dasselbe bleibt, wenn zwei scheinbar das Gleiche tun, bewahrheitet sich hier genau so wie in der Musikgeschichte: Was für eine ganz andere Atmosphäre schaffen die frommen Meister Bruckner und César Franck mit der manchmal geradezu unerträglich schwülen Harmonik Richard Wagners!
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