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Links Teil 1


Quatember
Von Cluny nach Taizé
von Walter Tappolet
(Teil 2)


LeerIm Laufe der Jahre ist die Ausgestaltung des Liturgischen immer einfacher geworden. Zwar hängen in der Sakristei die liturgischen Gewänder, werden jedoch außer der Stola kaum benützt. Die Brüder haben eine "gewisse Angst vor der Häufung der Zeichen", wie der Prior sich einmal ausgedrückt hat. Denn dieser betreut neben seinen Aufgaben in der Bruderschaft die evangelische Gemeinde in Mâcon, und wenn, was immer häufiger vorkommt, Gemeindeglieder in Taizé erscheinen, sollen sie jederzeit am gottesdienstlichen Leben teilnehmen können, ohne befremdet oder gar verwirrt zu werden. Um 12.20 Uhr findet man sich, von der Arbeit kommend, ein zum stillen Gebet, das vom Prior mit einem Psalmwort abgeschlossen wird. Die Bedeutung dieser kurzen Besinnung in der Mittagsstunde, auf der Höhe des Tages, der uns mit seinen Aufgaben und Ansprüchen nur allzu leicht von dem einen, das not tut, wegzieht, ist der gemeinsame Appell "Wir sind hier!", biblisch ausgedrückt: "Rede, Herr, dein Knecht hört!" Um sieben Uhr abends beschließt die Vesper, wieder reicher liturgisch ausgebaut, den Arbeitstag; dazu kommen oft auch einige Glieder der Kinderheim-Familie.

LeerVon den Feiern begibt man sich unmittelbar und schweigend zu den Mahlzeiten, die meist auch schweigend eingenommen werden und den Charakter des Liebesmahles haben. Die Brüder und Gäste sitzen alle außen herum an den großen, in Hufeisenform aufgestellten Tischen.

LeerEs wird vorgelesen, Musik angehört (Schallplatten), beispielsweise die Missa Papae Marcelli (Palestrina) oder die Jupiter-Sinfonie (Mozart), gegen Ende der Mahlzeit wird nach dem Dankgebet das Gespräch freigegeben. Den Kaffee nach dem Mittag- und den Tee nach dem Abendessen nimmt man bei schönem Wetter und warmer Witterung im Freien ein, um den Steintisch vor dem Refektorium, wobei einige, die nicht mehr Platz haben auf der Bank und den Stühlen, auf der Mauer sitzend oder im Gras liegen, die gemütliche Tabakspfeife schmauchend. Auf das rasch und schweigend eingenommene Frühstück folgt der "Conseil", der Konvent der Brüder unter sich allein, worin die Fragen der Bruderschaft und ihres inneren und äußeren Lebens besprochen und die Entscheidungen getroffen werden.

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LeerDie Arbeitszeit geht von 8 bis 12 und von 2 bis 6 Uhr, für die in der Landwirtschaft tätigen Brüder oft natürlich länger. In dieser Zeit sollen auch die Gäste die Brüder nicht stören. Zwei Brüder sind praktisch und theoretisch ausgebildete Landwirte, einer ein Bauernsohn aus der Provence. Sie pflegen vor allem die Viehzucht und haben schon verschiedene Prämien und Auszeichnungen erhalten. Der Waadtländer Theologe, auch Bauernsohn, aus den Bergen stammend, besorgt den Garten; an dem Sonntag, den wir dort verbrachten, predigte er in Mâcon. Ein anderer Theologe, besonders begabt in allen technischen Dingen, repariert die Nähmaschinen in der ganzen Umgebung, weniger um des kleinen Verdienstes als um des Helferdienstes willen und als Vorwand "Christus in die Häuser zu bringen". Dabei enthält er sich, wie auch die übrigen Brüder, geflissentlich jeder konfessionellen Beeinflussung. Da, wo noch Reste von christlicher Lebenssubstanz vorhanden sind, wollen sie diese stärken und aus den gleichgültigen bessere Katholiken machen. Denn nicht die Konfession ist das Entscheidende - auch nicht einmal in den Augen dieser überzeugten Calvinisten -; sondern die Unmittelbarkeit der Beziehung zu Christus und die Verwirklichung der Nachfolge, was auch in andern Formen als den streng reformierten nun einmal möglich ist. Wir denken an das Leben der "Heiligen" innerhalb der römischen und der "Starzen" innerhalb der russischen Kirche.

LeerDer Bischof von Autun, dem diese Gegend unterstellt ist, hat Verständnis für diese Art der Missionierung und ist der Communauté freundlich, ja dankbar gesinnt. Zwei der Brüder sind im Haus tätig, besorgen die Verwaltung und Korrespondenz und helfen in der Küche, für die jeden Tag eine ältere Frau aus dem Dorf herkommt. Ein Bruder ist Arzt und hat in einem Haus unterhalb des Schlosses seine Praxis mit Studier-, Warte- und Behandlungszimmer, ausgestattet mit allen erforderlichen Apparaten, sogar einem Röntgenapparat, den er im Auto mitnehmen kann. Der Theologe aus der Neuenburger Aristokratie hat das Töpferhandwerk gelernt, ein wichtiger Erwerbszweig für die Gemeinschaft. In einem kleinen wiederaufgebauten Haus hat er seine Werkstatt samt dem Brennofen. Da hilft auch der Kunstmaler mit, ein Genfer, der in der umgebauten Garage rechts vom Eingang in den Schloßhof seine Bilder ausgestellt hat und wo er an den Entwürfen für ein Wandbild in einer neuen Kirche in Straßburg arbeitet. Zwei oder drei Brüder sind höchstens für den Sonntag "zu Hause", da sie in den Fabriken der nahen Industriestadt Monceau-les-mines arbeiten, dort gemeinsam wohnen und ihre Stellung im Fabrikbetrieb als eine Möglichkeit zur Missionierung unter der Arbeiterschaft verstehen, ähnlich wie die "Prétres-ouvriers", mit denen sie starke Verbindung haben.

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LeerJetzt sind es insgesamt 25 Brüder, elf Westschweizer, neun Franzosen, vier Holländer und ein Spanier, davon sieben Theologen. Von diesen 25 haben neunzehn die Gelübde abgelegt. Die erste Einsegnung mit Ablegung der Gelübde geschah an Ostern 1949, damals waren es sieben Brüder. Zu den ersten drei waren ein weiterer Welscher Theologe, Daniel de Montmollin (der Töpfer) und vier Franzosen hinzugekommen, die leiblichen Brüder Robert (der Arzt) und Alain (der Agronom) Guiscard aus Lyon, Albert Lacour und Philippe Lochen.

LeerVon allem Anfang an war die Intention der Brüder eine ökumenische; es wurden weder konfessionelle Verschiedenheiten als trennend noch landeskirchliche Einengungen als verpflichtend anerkannt. Das kommt sehr deutlich zum Ausdruck auch in dem Geist, in welchem der tiers-ordre", der dritte, der Laien-Orden, geführt wird. Den ersten, den Männer-Orden der "Communauté", ergänzen die beiden evangelischen Frauen-Orden im französischsprechenden Gebiet: die "soeurs de Pomeyrol" (Südfrankreich) und die "soeurs de Grandchamp" (Canton de Neuchâtel, Schweiz), die im Sommer 1954 eine Zweigniederlassung in der deutsch-sprachigen Schweiz, im "Sonnenhof" in Gelterkinden (Baselland) bezogen haben. Der Kreis der Laien um Taizé, Männer, die in einem bürgerlichen Beruf und in einer konkreten Kirchgemeinde leben, werden angehalten, auch "in ihrer christlichen Berufung Betrachtung und Betätigung ("contemplation et action") zu vereinigen, indem ihr Dienst in der Familie und im Beruf beginnen und im Gemeindeleben sich verwirklichen soll". "Wir erinnern sie daran, daß es nirgends ideale Gemeinschaft gibt, in Taizé nicht eher als andernorts; wir möchten, daß sie, gemäß dem christlichen Realismus, sich den Bedingungen ihrer Gemeinde anpassen, unabhängig von der Persönlichkeit des betreffenden Pfarrers. Im Gebiet des Oekumenischen verlangen wir von ihnen nicht eine Oekumene der hohen Sphären und der großen Konferenzen, sondern eine oekumenische Gesinnung, die nicht teilhat am Ärgernis der Trennung der Christen, und die jeder Polemik und jeder Übelrede widersteht. Damit diese Beziehung wahr, direkt, ohne Falsch ("sans tricherie") sei, legen wir Wert darauf, daß der Angehörige des dritten Ordens Gastfreundschaft halte, das Gespräch führe und bete auch mit dem, der Jesus Christus anders bekennt als er selbst".

Leer"Die Aufgabe einer Gemeinschaft wie der unsrigen ist es also, eine Verpflichtung des Laien da, wo Gott ihn hinstellt, hervorzurufen, um ihn in seinem Kampf jederzeit zu unterstützen, aber so, daß wir uns "auswischen" vor der Realität, in die er eingehen, in der er "sich inkarnieren" soll, d. h vor der Gemeinde, da man nicht gleichzeitig beiden Formen der Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Gemeinde und der Gemeinschaft des gemeinsamen Lebens ("cénobitique") angehören kann."

Quatember 1954 (S. 235-239)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-08-12
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