Jerusalem, die du gebaut bist wie eine wohlgefügte Stadt,
wohin die Stämme wallfahren, die Stämme des Herrn.
Psalm 122, 3.4
Nach der Rückkehr von Evanston erklärte ein führender deutscher Theologe, nach seiner Meinung über die zweite Weltkirchenkonferenz befragt, er sei dort des Konfessionalismus aller Schattierungen so überdrüssig und müde geworden, daß er am liebsten der Kirche der Südindischen Union beigetreten wäre. Das war gewiß als scherzhafte Paradoxie gesagt, die aber einen überaus ernsthaften Hintergrund hat. Man kann die ganze Problematik der ökumenischen Bewegung in ihrem gegenwärtigen Stadium von diesem hintergründigen Scherzwort her betrachten.
Soweit nach den bisher vorliegenden Berichten und Aussagen bereits ein Urteil über Evanston möglich ist, hat sich dort als besonders bedrohliche Gefahr nach den vielfältigen verheißungsvollen Anfängen die einer konfessionellen Verengung und Verhärtung herausgestellt. Die mangelnde Bereitschaft der Konfessionen, sich in ihrer Selbstsicherheit erschüttern zu lassen, die die Minimalvoraussetzung für ein ökumenisches Miteinander darstellen muß, war in Evanston in einigen Fällen bis zur offenen Unbußfertigkeit gesteigert. Das läßt die alte Frage nach dem Recht der Konfession oder Denomination, nach der Möglichkeit eines Pluralismus von "Kirchen" in der einen Kirche Jesu Christi von neuem dringlich werden.

Es ist gewiß nicht damit getan, daß man ein solches Recht schlechthin bestreitet, wie es vielfach aus Oberflächlichkeit, aber auch aus Schwärmerei geschieht. Wir können die Schatten der Geschichte nicht einfach überspringen, wir können auch nicht abstreiten, daß es verschiedene Seinsweisen des Glaubens, wenn man will, verschiedene Typen des Christseins gibt, die ihr eigenes Existenzrecht haben. Solcherlei Typenbildung gibt es ja bis in die festest gefügten Kirchen hinein; welch bedeutende Unterschiede hat allein die römische Kirche in ihrem benediktinischen, franziskanischen und jesuitischen Frömmigkeitstypus aufzuweisen!
Aber darum geht es ja eben nicht allein, so wenig es in den meisten Fällen wirklich um Confessio, um das Bekennen geht. Es läßt sich doch nicht verkennen, daß die Unterschiede, die uns heute am meisten Beschwer bereiten, die uns auch nach außen hin besonders unglaubwürdig machen, in einem ungerechtfertigten Übermaß solche historischer Art sind. Wir bleiben zum Teil gerade mit den am hartnäckigsten festgehaltenen Unterscheidungen in den Fragestellungen vergangener Jahrhunderte wie in einem Spinnennetz hängen und wundern uns dann, wenn wir von der "Welt" nicht mehr ernst genommen werden. Um das Gesagte auf unsere besondere deutsche Situation von heute anzuwenden: muß es unbedingt ein Mangel an Glauben und Verantwortung sein, wenn sich heute ein evangelischer Christ in Deutschland, der unter den Drangsalen des Hitlerstaates oder in der Kriegsgefangenschaft der Heilsbotschaft neu begegnet ist, weder als lutherisch oder reformiert noch uniert, sondern schlechthin als evangelisch begreift? Wird hier nicht allzu leicht das Konfessionelle angesichts der wirklichen Confessio zu einer sehr gestrigen Frage?
Wir brauchen nur - um zunächst bei unserem eigenen Lande zu bleiben - einen Blick auf die konfessionelle Landkarte Deutschlands zu werfen, um ein erschütterndes Bild von der Historizität unseres Kirchentunis zu erhalten. Hat dieses Sammelsurium von Konfessionsterritorien, dessen Gegensätze durch manche Zusammenschlüsse eher noch verschärft als gemildert worden sind, wirklich noch sehr viel mit Glauben und Bekennen zu tun? Mutet es nicht vielmehr wie ein Bodensatz vergangener Geschichte an?

Zweifellos hängt dieser Sachverhalt eng mit der fehlenden Missionskraft der heutigen Kirchen zusammen. Wo sie sich nach vorn entfalten und unter Verzicht auf die Behaglichkeit der Ghettoexistenz den Fragen der Weltstunde stellen, können sie sich gar nicht mehr in dem üblichen Umfang als historisch verstehen. Aber es gibt darüber hinaus in unseren Kirchen so etwas wie eine territoriale Häresie, die nicht minder gefährlich als die in diesen Spalten immer wieder angeprangerte parochiale Häresie ist. Wie die mißbräuchliche Gleichsetzung von Gemeinde und Parochie auf der einen und von Gemeinde und Kirche auf der anderen Seite zu einer völligen Aushöhlung des Gemeindebegriffes geführt hat, so ist der Begriff der Kirche im ökumenischen Sinne von einer ähnlichen Entwicklung bedroht. Wenn Kirche mit Landeskirche und diese territoriale Größe mit Konfession gleichgesetzt wird, geraten wir in einen wahren Teufelskreis. Das hat sich auf manchmal tragische Weise bei der Eingliederung vieler Flüchtlinge erwiesen, die 1945 in eine andere Territorialkirche und damit oft zwangsläufig auch in eine andere Konfession übersiedelten.
Die Landeskirche mit ihrem Konfessionsanspruch ist heute eine Art von Super-Parochie. Diese Erscheinung beschränkt sich aber keineswegs auf Deutschland und auch nicht auf die sonstigen "Volkskirchen" unseres Kontinents. Konfessionelle Enge ist in den verschiedenen Denominationen Amerikas durchaus nicht unbekannt. Sie geht dort sogar zum Teil und zwar gerade bei zahlenmäßig sehr bedeutenden Denominationen bis zur Ablehnung der Ökumene in ihrer gegenwärtigen Form. Man könnte, um die Gesamterscheinung zu bezeichnen, der mit dem Namen Konfessionalismus noch zu viel Ehre geschieht, sogar besser von einem Denominationalismus sprechen, der an den politischen Nationalismus nicht allein durch den Namensanklang erinnert.
Diese Entwicklung der Denomination zur Superparochie mutet doppelt paradox in einer Zeit an, in der wir gerade die ersten Ansätze dazu machen, das enge Parochialdenken zu überwinden. In den Diskussionen der Konferenz von Evanston hat gerade diese Frage eine ganz unerwartet große Rolle gespielt. Es ist zu einer allgemein gültigen Erkenntnis geworden, was gestern fast noch der Verketzerung verfiel: daß die herkömmliche Parochialstruktur der Kirche, mit ihrem Ausschließlichkeitsanspruch ohnehin eine fragwürdige Größe, in einer Zeit ganz unzureichend geworden ist, deren Gesellschaftsstruktur gerade das nachbarschaftliche Element weithin eingebüßt hat. Man hat in Evanston von "Para-Gemeinden" gesprochen und die Notwendigkeit solcher neben- und übergemeindlichen Bildungen allgemein anerkannt. Hätte da nicht auch die Frage nach der Para-Denomination nahegelegen?
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