Das studentische Wohnheim ist nach 1945 von vielen Sachkundigen als die gegebene Form zur Bildung neuer Gemeinschaft auf der Hochschule angesehen worden. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die Bursa des Mittelalters in moderner Gestalt wiedererstehen zu lassen. Nur ganz wenige dieser Versuche können als gelungen angesehen werden. Zum mindesten aber hat das Studentenwohnheim die älteren Gemeinschaftsformen nicht verdrängen können, obwohl die Katastrophe von 1945 gerade im dieser Hinsieht vollständig zu sein schien.
Man könnte meinen, die mittelalterliche Burse lasse sich als eine der im Zuge der Reformation von uns verlorenen Institutionen nicht ohne die geistige Grundlegung jener Zeit restituieren. Daß das nicht unbedingt gilt, zeigt ein Beispiel aus Frankreich, wo eine Gruppe von Flüchtlingsstudenten aus aller Herren Länder unter der Führung vom Professor Evdomikoff eine moderne Bursa aufgebaut hat. Das Foyer von Sèvres zeichnet sich dadurch aus, daß es Flüchtlinge nicht nur aus vielen Nationen, sondern auch aus vielen Konfessionen umfaßt.
Die nachstehend abgedruckten Ausführungen sind zum Teil dadurch etwas überholt, daß seit ihrer Abfassung eine Reihe von Insassen des Hauses die überraschend gebotene Gelegenheit zur Auswanderung nach Amerika ergriffen haben. Die Bedeutung des Versuches selber aber wird dadurch keineswegs beeinträchtigt.
Zeugnisse aus dem Studentenfoyer
Die Gemeinschaft von Sèvres bedeutet eine Aufforderung zur Vereinigung (der Kirchen), und diesen Appell haben wir, um mit Paul Evdokimov zu reden, "erbaut". Denn es ist eine Kirche, eine aus Steinen errichtete Kirche. Wir. die zusammen leben, wollten auch zusammen beten, und ohne überflüssiges Reden haben wir damit ein Beispiel gegeben. Als ich zum erstenmal nach Sèvres kam, war ich überfüttert mit Parteiungen, Gemeinschaften, Bewegungen und intellektuellen Diskussionen, aber hier, von diesem Leben in der Gemeinschaft, wurde ich zum erstenmal überwältigt. Dies ist eine in jeder Hinsicht revolutionäre Gemeinschaft. Denn unsere Freunde in Sèvres entstammen den verschiedensten Gruppen und Bekenntnissen.
Dieses Boot für Flüchtlinge ist von selber zu einer geistigen Gemeinschaft geworden, die sich mit jedem Jahr erneuert. Eine kleine Avantgarde bildet sich, "die Mannschaft der Kapelle", wie wir sie nennen. Denn selbstverständlich haben wir mit unseren eigenen Händen diese Kirche erbaut. Dazu hat, über die Mannschaft hinaus, jeder beigetragen. Im Juli haben wir hier ein internationales Arbeitslager gehabt, und alle Teilnehmer haben dabei ihren Stein gesetzt, ohne lange Geschichten und ohne Bedenken, einfach weil die Arbeit uns zu Kameraden und Brüdern gemacht hat.
Gott, der leidet, weil seine Kinder sich um die Wahrheit seines Sohnes streiten ihn hat Sèvres aufgenommen, wie die Seele des Mystikers Gott empfängt, den heimlichen Gast oder den verlassenen Armen. Gott ist hier zu denen gekommen, die ihn anriefen. Auch verleugnet niemand im gemeinsamen Gebet seinen besonderen Gottesdienst oder seinen Glauben. Um noch einmal Paul Evdokimov zu zitieren: Der Katholik bewahrt "die kindliche Liebe zum Ursprung der geistigen Kraft", der Protestant bewahrt die "sakramentale Verehrung des Wortes", und der Orthodoxe "die Verbundenheit mit der Freiheit der Kinder Gottes, die sich in der heiligen Kommunion entfaltet".
Diese Kapelle ist so bescheiden wie die Krippe des Jesuskindes, wie der Glaube, der voller Demut im Schoß der reuigen Seele entsteht, aber sie ist wie der Glaube ein Senfkorn. Sèvres hat den Namen der Ökumene ausgestreut; möchte er auf gutes Land gefallen sein!
Sollten einige römische Katholiken den "Irenismus" und die gemischten Gruppen in Frage gestellt haben, so muß dazu bemerkt werden, daß Rom uns nicht verdammt hat. Ich hoffe in aller Demut, daß eines Tages der Papst unsere Kapelle segnen wird, so wie er alle Unternehmungen segnet, die Glauben und Liebe beachten.
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Hier spricht ein Katholik für die Einheit der Kirchen. Wir wollen aber, daß die Einheit weitergeht: die Christen müssen sich zusammenschließen, um Muselmanen und Juden unter sich zu empfangen, denn die Ökumene ist auch die Vereinigung derer, die Christus in sich tragen, ohne ihn zu nennen oder zu erkennen. Zudem werden Muselmanen und Juden nicht eher an den göttlichen Charakter Jesu glauben als an dem Tage, an dem wir aufgehört haben werden, uns zu spalten. Es ist nötig, daß alle Christen insgesamt den mystischen Leib Christi darstellen, damit die Gläubigen sich bekehren. Bis dahin kann niemand schuldig genannt werden. Wie kann ein "Ungläubiger" gläubig werden, an einen Christus glauben lernen, den wir nicht darzustellen vermögen? Darum sind wir verantwortlich für alle, die in dieser Welt nicht an Christus glauben oder nicht mehr an ihn glauben.
Die Ökumene ist die einzige Antwort an die kommunistische Welt: wenn wir ihr zeigen wollen, daß es unmöglich ist, ohne den Christus ein Reich des Friedens und der Liebe zu verwirklichen, dann müssen wir uns vereinen, und nicht ausschließlich mit denen, die sagen "Herr, Herr!"
Darum sollten wir mit den Lauen und denen, die Spaltung säen, unnachsichtig sein, mit diesen neuen häretischen Sektierern, denn der Gott, der die Liebe ist, speit die Lauen aus!
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Über die Gemeinschaft von Sèvres sprechen ist ein schwieriges Abenteuer, denn nur im Schweigen ließe sich ausdrücken, was sie ausstrahlt.
Keine Hausordnung ist uns hier auferlegt - uns, die wir aus Osteuropa kommen oder anderswoher. Freiwillige Disziplin sichert uns größte Freiheit, in einem neuen Lebensstil, den wir vorher nicht kannten.
Als "Displaced Persons", die wir sind, hat jeder seine Odyssee. Aber wir haben eine gemeinsame Erfahrung, und aus ihr ist unsere Gemeinschaft entstanden. Denn wir alle sind "verschleppte Personen" in einer gottlosen Welt. Daß man uns im besonderen so nennt, scheint mir nur äußerlich zu sein, der notwendige historische Anlaß, uns unser menschliches Abenteuer klar, zu machen. Es hat sich herausgestellt, daß wir aus reiner Gnade selber uns den Ort geschaffen haben, der uns fehlte, den Fuß auf die Erde zu setzen, auf den Boden einer neuen und wahren Heimat. Von unseren eigenen Händen gebaut, hat er sich vor uns aufgerichtet, und durch die Pforten unserer Kapelle sind wir in die Welt eingetreten.
Der orthodoxe Christ führt sein Leben im Rhythmus des kirchlichen Kalenders. Die großen Entscheidungen, die großen Fragen seines Lebens fügen sich dem Licht der Geschehnisse des Kirchenjahres ein, an denen er nicht einsam teilnimmt, sondern mit allen seinen Toten - seinen Eltern, Freunden, Kameraden und Mitbürgern.
In unseren Tagen mag es für einen Menschen der westlichen Welt schwer sein, sich vorzustellen, wie ein ganzes Land sich an einem kirchlichen Feiertag im Gebet vereint, oder daß ein ganzes Dorf zur Kirche kommt, oder daß eine ganze Schule - Lehrer und Schüler - zu Füßen des Altars kniet, um die Kommunion zu empfangen.
Daß wir dem Kirchenjahr gemäß leben, nicht weil es im Kalender steht, oder weil dieses oder jenes Fest uns Tafelfreuden verheißt, sondern aus einer neuen seelischen Einstellung heraus, die auf unser ganzes Leben wirkt, und anderseits das Gefühl der Gemeinschaft, die sich in kleinsten und ganz persönlichen Handlungen der Nächstenliebe ausdrückt, bis hin zur gemeinsamen Hoffnung auf das ewige Heil, das sind die beiden wesentlichen Elemente, die uns Orthodoxe dazu geführt haben, uns der ökumenischen Gemeinschaft von Sèvres, anzuschließen.
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