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Zurueck Teil 1

Quatember

Evangelium und Askese
von Heinz-Dietrich Wendland
(Teil 2)


LeerDaß wir der Reinigung unseres Umgangs mit den Gaben des Schöpfers bedürfen, ist eine bleibende Notwendigkeit, weil wir immer von neuem versuchen, die Kreaturen an die Stelle des Schöpfers zu rücken. Daher hat die apostolische Kirche mit tiefem Grunde Gebet und Fasten zusammengesehen und - geordnet. Es fragt sich freilich, wie sich Jesus selbst zu der in der jüdischen Gemeinde wohlbekannten und besonders von den Pharisäern streng geübten Sitte des Fastens gestellt habe. Heißt es doch Mark. 2, 18 ff., daß die Jünger Jesu nicht fasten, weil die messianische Freudenzeit angebrochen ist und der, der sie gebracht hat, Jesus, bei ihnen ist! Also ist die Zeit des Fastens vorbei, jenes Fastens, das das Gesetz verordnet hat zum Zeichen der Reue und der Trauer über die Sünde. Auf der anderen Seite aber zeigt uns das Evangelium, wie Jesus selber fastet, um sich so in der Kraft des Heiligen Geistes zu dem Kampf mit dem Versucher zu rüsten, in dem er den Gehorsam gegen Gott bewährt. Und die Worte zur jüdischen Fastensitte, die uns Matth. 6,16 ff. aufbewahrt sind, haben gar nichts von einer prinzipiellen Ablehnung des Fastens an sich. Nicht das Fasten wird verworfen, sondern dies, daß die Pharisäer durch ihre religiöse Geltungssucht das Fasten verderben. Es soll ein Zeichen fröhlichen, festlichen Gottesdienstes sein, der Gott allein dargebracht wird, und nicht um die Bewunderung der Mitmenschen für die Frömmigkeit der Fastenden und ihren Bußernst zu gewinnen. Das rechte Fasten ist das äußere Zeichen der Umkehr zu Gott. Umkehr aber ist Freude; denn Umkehr ist ja nur deswegen möglich, weil jetzt Gottes Reich gekommen ist und Jesus in dieses Reich hineinruft. Dann gibt es freilich kein Fasten als gesetzliches Werk, als mühselige fromme Anstrengung des Menschen mehr: Wenn Gottes Reich kommt, ist auch das Fasten zur Freude und zum freien Dankopfer an Gott geworden. So ist denn also die Freiheit von jeder gesetzlichen Fastenordnung da, aber sie bedeutet zugleich die Freiheit zum rechten Fasten, indem die Erscheinung des göttlichen Reiches alle hergebrachte fromme Übung und Sitte in die Freiheit und Freude des neuen Dienstes der Kinder Gottes verwandelt.

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LeerWiederholt schon kam es zur Sprache, daß die Entsagungsforderung Jesu in eigentümlicher Weise mit seiner eigenen Person verbunden ist. Denn alle Entsagung erscheint ja im Worte Jesu als Form und Gestalt der Nachfolge. Gottes Willen tun, heißt in dieser Stunde, da die Gottesherrschaft kommt, ihm nachfolgen, weil er das Reich Gottes repräsentiert und in die Welt bringt. Auch Nachfolge ist zunächst ganz wörtlich zu verstehen als die reale Lebensweise derer, die Jesus auf seinen Wanderungen folgen, also im buchstäblichen Sinne hinter ihm hergehen. Sie haben Haus, Heimat und Beruf aufgegeben, wie Petrus es Mark. 10, 28 ausgedrückt hat: Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Das ist die eine Form der Nachfolge und der Jüngerschaft. Aber der evangelische Bericht zeigt uns noch eine andere. In dieser leben die Jünger, die in Haus und Besitz bleiben wie Maria und Martha und andere. Und so stellt sich denn schon in den ersten drei Evangelien ein Sprachgebrauch ein, der noch heute der unsrige ist: Nachfolge ist zum Bilde geworden für die gläubige Bindung an Jesus und die Gemeinschaft mit ihm, doch so, daß der Gedanke der gehorsamen, tathaften Nachfolge, der Erfüllung des Gebotes Jesu immer darin mitenthalten ist. Denn auch für den Jünger, der nicht Jesu Wanderschaft teilen kann, der, historisch gesehen, in einer ganz anderen Zeit lebt, bleibt die Forderung der Absage an die Güter der Welt, die des Menschen Herz beherrschen und erfüllen wollen, bestehen. In diesem Sinne heißt es nun: Wer mir nicht nachfolgt, ist meiner nicht wert (Matth. 10, 38) oder: Wer zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und dazu noch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein (Luk. 14, 26). Wie tief sich diese Worte den ersten Jüngern durch ihre ungeheure Wucht und Schärfe eingeprägt haben, können wir noch heute daraus ersehen, daß sie in verschiedenen Formen in den drei ersten Evangelien wiederkehren, und daß Matthäus ihnen ihren Ort in der Rede über Auftrag und Schicksal der Jüngerschaft gegeben hat. Das bekannteste unter ihnen ist die Forderung an den Jünger, sich selbst zu verleugnen und sein Kreuz auf sich zu nehmen (Mark. 8, 34-35). Wer vermöchte jemals sich selber zu hassen? Ist es nicht eine geradezu zerstörerische Forderung? Ja wahrlich, in dem Sinne nämlich, daß der Jünger seine Existenz in dieser alten Weltzeit, in der dämonische Mächte herrschen, preisgeben muß, um sie von dem nahenden Gottesreich auf eine wunderbare, gnadenhafte Weise wieder zu empfangen. Diese Selbstdurchstreichung und Selbstaufhebung hat nichts mit der Wut der Selbstvernichtung zu tun, die einen Verzweifelten überkommen mag oder einen, der sich selbst verachten muß, weil er sein eigenes Leben zerstört hat; sie setzt vielmehr das Wunder der Umkehr voraus, welches die nahende Gottesherrschaft in den Menschen vollbringt, die sich ihr öffnen und hingeben. Es ist dasselbe Wunder, von dem der Evangelist Johannes Jesus reden läßt: Wir müssen von oben her geboren werden durch den Heiligen Geist (3, 3 ff.). Oder anders ausgedrückt: Diese Wendung des Menschen wider seine eigene Existenz in der Schuld und im Bösen ist nur möglich in der Hinwendung und Hingabe an Jesus; nur hier ist sie frei von allem Krampf, von der Selbstzerfleischung und der Selbstverachtung, nur hier ist sie mit dem Empfang des neuen Lebens der "Söhne der Gottesherrschaft", mit der Vergebung der Sünde identisch!

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LeerDenn die Jünger folgen nicht einem Moralprediger nach, nicht einem Gesetzgeber wie Moses, nicht einem Asketen, der die Geißel der Kasteiungen schwingt, um sich selbst den Weg zu einer höheren Seinsstufe zu bahnen. Sie folgen dem nach, der der Bringer und Träger des Gottesreiches ist, der durch die Vergebung der Sünde und die Verkündung des Heils selbst das Tor in das Gottesreich öffnet. Aus göttlicher Vollmacht ruft er in seine Nachfolge. Nur diese Vollmacht macht es möglich, daß er seinen Willen und sein Gebot mit dem Gebot und Willen Gottes gleichsetzen kann. Wer ihm nachfolgt, erfüllt das Gebot Gottes. Den Willen Gottes kann man nur in der Nachfolge Jesu tun. Und ohne diese Nachfolge gibt es kein Christentum, keinen Glauben; er müßte ohne die reale Nachfolge zur bloßen Idee und zum Mythos werden.

LeerWie aber der Dienst und die Sendung Christi zum Kreuze führen, so bekommt es auch der Nachfolger mit dem Kreuze zu tun. Christliche Askese ist nicht Selbstpeinigung, sondern Tragen des Kreuzes, passio passiva. Der Jünger bekommt vollen Anteil am Leiden des Meisters. Kreuz - das ist nicht das Unglück und Ungemach, das der Weltlauf uns bereitet, sondern das Leiden, das aus dem Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und aus der Nachfolge erwächst. Es ist nicht das Leiden des Menschen dieser Welt, sondern das Leiden des Jüngers. Er wird gleich seinem Herrn von der Welt gehaßt und verfolgt; dieses Wissen geht von der Jüngeraussendungsrede bei Matthäus (Kap. 10) an durch alle Evangelien hindurch bis zum 15. Kapitel des Evangeliums des Johannes.

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LeerJesus leidet als der Dienende, der sein Leben hingibt zur Erlösung für viele. So ist auch die Selbstverleugnung des Jüngers nicht zu verstehen als fromme Erhöhung des eigenen Ich oder als Selbsterlösung, wie in so vielen anderen Religionen der Mittelmeerwelt oder Indiens, sondern als die gleichsam negative Kehrseite des Dienstes der Liebe, die dem Nächsten zugewendet wird. Das Gebot der Nächstenliebe und die entsagende Selbstverleugnung, sie sind in der Verkündigung Jesu, bewährt durch sein eigenes Dienen und Leiden, ein- und dasselbe. Entsagung ist Liebe, nicht religiöse Selbstverherrlichung. Darum soll ja auch das Fasten vor den Menschen verborgen bleiben, damit der Fastende nicht seinen Ruhm suche unter den Menschen. Lieben, das heißt, für den Anderen der Nächste sein. Opfernde Liebe ist die Erfüllung aller Gebote Gottes; so hat auch Paulus den Ruf Jesu in seine Nachfolge verstanden. In den Taten des Verzichts und der Entsagung leben wir nicht uns selbst, sondern dem Anderen, dem Nächsten. Das ist der Sinn und die Gestalt evangelischer Askese. Diese Liebe aber gibt das eigene Ich und seine Selbst-Sucht immer aufs neue ins Sterben hinein. Darum haben die Väter der Kirche, nicht zuletzt Luther, so oft von der mortificatio carnis, der Tötung des Fleisches, des gottwidrigen alten Menschen gesprochen, der in allen Dingen seine Selbsterfüllung sucht. Sie haben gewußt, daß dieses Sterben ein Wunder sei, das sich nur in der Gemeinschaft mit Christus vollziehen kann. Außerhalb des Leidens und Sterbens Christi gibt es dieses Wunder nicht, und darum auch nicht "evangelische" Askese. Dieses Sterben aber beginnt in dem Augenblick, wo wir den göttlichen Ruf Jesu hören, daß wir umkehren und uns dem Reiche Gottes öffnen und hingeben sollen. Mit dem Rufe, der uns gebietet, aller dämonischen Fremdherrschaft abzusagen, beginnt das Kreuztragen derer, die ihn hören. Aber der Kreuzesweg ist der Weg zur Auferstehung und zum Leben.

LeerWir sind in unserer Kirche so leicht bei der Hand, den Gedanken der Imitatio Christi (Nachfolge als Nachahmung Christi) abzulehnen. Gewiß, Christus ist der Befreier von allen Gewalten der Welt, des Bösen und des Todes, und nicht ein moralisches Vorbild für bestimmte asketische Leistungen, so daß man nun genau wie er ein eheloses, besitzloses und machtloses Leben führen müßte. Und doch schießt diese traditionelle, protestantische Kritik am Ziele vorbei. Denn der Erlöser der Welt ist das Urbild unserer Nachfolge, unseres Leidens, unseres Kreuzes, unserer Entsagung. Nicht in dem Sinne, daß es auf die Nachahmung seines historischen Tuns und Leidens in allen seinen Formen ankäme. Wohl aber in jenem unbegreiflich wunderbaren und unausschöpfbaren Sinne, daß wir mit dem Hören seiner Einladung ins Gottesreich zugleich unter das göttliche Gesetz seines Dienens und Leidens gestellt werden. Wir leiden nicht wie er, denn Er leidet für die ganze Welt, aber wir leiden mit ihm und durch ihn, und diese Gemeinschaft mit Christus kann nicht in der Region der Gefühle oder intellektueller Zustimmung zu "religiösen Gedanken" verharren. Sie ist Leben in der Nachfolge, im Gehorsam liebenden und entsagenden Dienstes , der Gott und den Nächsten geweiht ist.

Quatember 1955 (S. 65-71)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 05-03-30
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