Und nun sind wir endlich am Ziel. Wir geben sofort in eine der Baracken, in denen vorläufig noch geschlafen, gegessen und geistig gearbeitet wird. In diesem Sommer sollen aber bereits zwanzig Einzelräume (Zellen) des eigentlichen Klosters beziehbar sein. Bibliothek und sonstige Arbeitsräume werden ebenfalls benutzt werden können.
Dann wurden wir dem Leiter der Iona Community Dr. theol. George Macleod vorgestellt, einem sehr eigenwilligen Geistlichen der Kirche von Schottland, der in diesem Jahre seinen sechzigsten Geburtstag feiert. Er stammt aus dem Hochland. Viele Vorfahren bekleideten die höchste Stellung seiner Kirche als Moderatoren. Obgleich er wohl der bekannteste schottische Pastor ist und in diesem Wintersemester als Gastprofessor an dem Union Theological Seminary in New York lehrte, wird man ihn nicht so schnell zum Moderator wählen. Die Generalversammlung hat allerdings die Arbeit der Community immer begrüßt und 1951 einstimmig beschlossen, diese Bewegung offiziell in die Kirche einzugliedern, nachdem sie ihr beim Beginn im Jahre 1938 auch ihren Segen erteilte. Es besteht jetzt in der Kirchenleitung die Iona-Community-Abteilung, die direkt der Generalversammlung verantwortlich ist.
Wie kam Dr. Macleod zur Gründung dieser Gemeinschaft? Nachdem er acht Jahre in dem schlimmsten Industrieviertel von Glasgow als Pastor gearbeitet hatte, meinte er, daß durch eine soziale und geistliche Gemeinschaft die tiefe Kluft zwischen Kirche und Arbeiterschaft überbrückt werden könnte. In dieser Gemeinschaft, die Geistliche und Laien, insbesondere Arbeiter umschließt, müssen die Intellektuellen das praktische Arbeiten mit den Händen üben, um es zu würdigen, und die Arbeiter das geistige und geistliche Arbeiten. Die sogenannten hochkirchlichen Tendenzen der Gemeinschaft, die sich langsam herausgebildet haben, sind also sekundär. Nicht zu verkennen aber ist, daß das geordnete tägliche Gebet, das Kirchenjahr und der Sakramentsgottesdienst - alles vergessene Stücke dieser auch unter John Knox noch sehr "katholischen" Kirche - immer mehr als die Kraftquelle ihres sozialen Willens und Einsatzes in Vorträgen und Veröffentlichungen einzelner führender Mitglieder herausgestellt und vor allem auf Iona praktiziert werden. Die Gemeinschaft erfaßt heute drei Kreise:
- Die Bruderschaft von nunmehr 67 meist verheirateten Geistlichen und Laien.
- Nach Beruf und Geschlecht gegliederte, aber eng angeschlossene Verbände (Die Gruppe der Geistlichen mit 176 Pastoren, die Frauengruppe mit 252 Frauen, die Jugendgruppe mit 369 Mitgliedern, die allgemeine Laiengruppe mit 40 Männern und kleinere Gruppen von Sozialarbeitern). Alle erhalten das monatliche Informationsblatt "Iona News" und können an den regelmäßigen Tagungen der Bruderschaft teilnehmen.
- Die Freunde, die über die ganze Welt verstreut sind und rund 6 500 zählen. Sie erhalten für einen Jahresbeitrag von 5 Shilling (3,50 DM) das halbjährlich erscheinende Magazin "The Coracle".
Alle drei Kreise haben die folgenden drei Grundregeln zum Leitziel, die für die Mitglieder der Bruderschaft besonders ausgearbeitet und verpflichtend sind:
- Das tägliche Gebet mit Schriftlesung nach einem bestimmten Plan,
- intensive Arbeit in dem gegebenen Beruf,
- eine bestimmte Disziplin in wirtschaftlichen, vor allem in finanziellen Dingen.
Die Geistlichen müssen sich verpflichten, ein Pfarramt in Industriegegenden zu übernehmen und alle Kräfte daran zu setzen, in einen guten Kontakt mit den Arbeitern zu kommen. Ebenso verpflichtend ist für die Mitglieder die Teilnahme an dem Hauptkonvent im Juni auf Iona, der zehn Tage insgesamt dauert und wovon sechs Tage der praktischen Arbeit am Wiederaufbau des Klosters gewidmet werden müssen. Kandidaten der Theologie, die in die Community aufgenommen werden wollen, haben vor ihrer Einweisung in eine Pfarrstelle zunächst drei Monate auf der Insel praktisch zu arbeiten.

Wir hatten am folgenden Tage, einem Sonntag, Gelegenheit, mit der Gemeinschaft diesen Holy-Day, diesen heiligen ersten Tag der Woche (in einer kleinen Schrift über das Kirchenjahr so neu von ihnen verdeutlicht) zu begehen. Der Hauptgottesdienst wird regelmäßig mit dem Heiligen Mahl gehalten, wie es auch John Knox wollte im Gegensatz zur römischen Kirche. Diese bot nämlich in Schottland vor der Reformation nur zweimal im Jahr dieses Sakrament an, so wie es heute allgemein bei den Presbyterianern üblich ist. Der Wortteil beginnt mit dem Einzug des Pastors, der die Bibel trägt, und dem sechs Diakonen, Mitglieder der Gemeinschaft, vorangehen. Der Pastor, in diesem Fall Dr. Macleod selbst, trägt den üblichen Talar mit Bäffchen, dazu die Hood (eine Art Kapuze) in der Farbe seiner Fakultät, falls er einen akademischen Grad besitzt. Die Diakone (offiziell einfach Servers genannt) tragen einen schlichten dunklen Anzug und eine dunkelblaue Kravatte, die auch bei anderen Gelegenheiten von den Mitgliedern bevorzugt wird. Mit dem stehend und gemeinsam gesprochenen Apostolischen Glaubensbekenntnis - nach einer kurzen und in diesem Fall sehr biblischen und abgelesenen Predigt - endet der erste Teil. Zum Sakramentsteil zieht der Pastor nochmals mit den Diakonen ein, diesmal mit Brot (keine Hostien) und Wein (süßer Rotwein in durchsichtigen großen Kelchen). Diese beiden Einzüge werden als Angleichungen an die Form der keltischen Kirche erklärt, die bekanntlich dem östlichen Ritus folgte und Rom nicht unterstand. Anamnese, Epiklese und andere ökumenische Teile der Messe fehlen nicht, nur die Segnung der Gemeinde zum Schluß. Es ist eine abgekürzte Form der neuen Ordnung des "Book of Common Order" der Kirche von Schottland, die sich aber noch sehr wenig durchgesetzt hat. Die Kelche werden von den sechs Diakonen, die während der Segnung mit dem Pastor hinter dem Altar zur Gemeinde gewendet stehen, durch die Reihen der Gemeinde gereicht, Blumen stehen auf dem Boden vor dem Altar, Kniekissen, die sonst nicht üblich sind in dieser presbyterianischen Kirche, werden beim Sündenbekenntnis und bei den Gebeten benutzt. Psalmodieren ist unbekannt. Meist wird mehrstimmig gesungen. Die Kirche war voll, übrigens auch bei den täglichen Gottesdiensten. Die Brüder sitzen im Chorgestühl des Altarraumes mit den Spezialarbeitern zusammen, die in geringer Zahl für die Monate Juni bis August, wenn das Hauptquartier der Community auf der Insel ist, angestellt und tarifmäßig bezahlt werden. Diese Arbeiter saßen ohne Hemmungen mit Professoren und Pastoren beim Essen zusammen und beim Beten im Chorgestühl und arbeiteten freiwillig auch nach Feierabend noch am Kloster, weil es ihnen offenbar Spaß machte. Im Kirchenschiff sitzen die Gäste und vor allem die Jugendlichen aus den beiden großen Zeltlagern. Diese jungen Menschen beiderlei Geschlechtes stammen meist aus den Industriegebieten und sind zwischen siebzehn und dreißig Jahren alt. Sie bleiben für eine Woche dort und haben neben viel Freizeit Bibelstunden, Vorträge und Diskussionen, die von einem Bruder der Gemeinschaft geleitet werden. Auf diesem Wege erreicht die Community jeden Sommer rund 700 Jugendliche und bringt sie ihren Zielen nahe.
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