Der Rest des Sonntags ist ein wirklicher Ruhetag, da es ja kein Radio und Kino gibt. Im gerade eingeweihten Refektorium ist für geladene Gäste, diesmal auch Frauen, ein offizielles Essen mit den berühmten angelsächsischen Kurzansprachen. Hierbei leistete Dr. Macleod ebenfalls Hervorragendes. Mich apostrophierte er bei der Vorstellung als Vertreter der Michaelsbruderschaft und trug mir herzliche Grüße auf. Am Nachmittag war vor dem Meeting um 18.30 Uhr reichlich Zeit, zu den historischen Stätten der Insel zu wandern. In einer guten Stunde waren wir an der Südwestküste, dem Port of the Coracle, wo St. Columba im Alter von 42 Jahren mit zwölf Jüngern von Irland herkommend landete. Er stammte aus adligem irischem Geschlecht. Der Tag seiner Ankunft war nach der Tradition der Vorabend von Pfingsten. Er hat dann das Kloster an der Stelle gegründet, wo es heute wieder aufgebaut wird, hat Mönche und Priester ausgebildet und geweiht (nach dem Historiker Spottiswood nicht weniger als dreitausend) und häufiger das Festland besucht, wo er rund hundert Klöster und dreihundertfünfundsechzig Kirchen gründete, eine ungeheure Leistung für die damaligen Verhältnisse.
Wir wanderten über die felsigen Hügel zur Nordwestküste weiter, wo sich der weite Ozean ohne Unterbrechung bis zur Küste von Labrador ausdehnt. Unterwegs kommen wir an vielen Punkten vorbei, wo sich besondere kirchengeschichtliche Ereignisse abspielten. Dicht neben der Bootanlegestelle ist eine der wenigen windgeschützten Buchten mit herrlichem weißem Sand, die "Martyrs Bay", wo im Jahre 806 die Wikinger 68 Mönche ermordeten und das Kloster zerstörten. Das wiederholte sich auch späterhin. Aber das Kloster wurde immer wieder aufgebaut. Es war ein zäher Wille vorhanden, dieses Zentrum der Mission zu erhalten. Und an diese Tradition knüpft die Community bewußt an.

Am Sonntagabend ist kein besonderer Gottesdienst wie alltags abends. Nach dem Tee, der dann im Refektorium eingenommen wird, ist in der Abtei-Kirche eine Schweigezeit. Sie wird eingeleitet durch ein Bibelwort und eventuell eine kurze Ansprache, die der Meditation eine Grundlage geben sollen. Lieder werden nicht gesungen. Wer laut beten möchte, kann es tun. Meist aber wird schweigend meditiert und gebetet. Es ist eine merkwürdig erfüllte Stimmung in diesem geheiligten Raum, die noch durch das Licht einer einzigen Kerze unterstrichen wird. Am nächsten Morgen beginnen die Arbeitstage. Um 7 Uhr wird geweckt um 7.30 ist Frühstück und um 8 Uhr das halbstündige Morgengebet in der Abtei-Kirche. Es hält sich im einzelnen nicht an das Stundengebet der Kirche, hat aber ein Psalmlied, wechselnde Gebete und Lesungen, das Gloria patri, das Vaterunser und ein freies Gebet. Die anschließende Arbeit geschieht morgens meist mit der Hand, und nachmittags mit dem Kopf. Auch die Gäste werden eingespannt und beschäftigt, wenn auch nicht gerade mit Steineschleppen, so doch mit Kartoffelschälen. Das Abendgebet in der Kirche hat eine sehr freie Ordnung. Reverend Morton, der Sekretär der Gemeinschaft, gab im Gespräch zu, daß man hier noch keine abschließende und ausgereifte Form gefunden habe. Am Mittwochabend ist stattdessen ein besonderer "Heilungs-Gottesdienst" (Divine Healing Service) an dem einen der beiden Nebenaltäre, der als Altarbild eine moderne Darstellung des Gekreuzigten hat. Hierbei werden laut die Namen der Kranken und Geheilten verlesen, die persönlich oder schriftlich mitgeteilt wurden. Es ist eine formulierte Fürbitte oder Danksagung mit feststehenden Responsorien. Wer es wünscht, erhält in diesem Gottesdienst unter einer bestimmten Form die Hände zur Heilung aufgelegt. Er ist im Ganzen sehr ähnlich der Ordnung des Heilungs-Gottesdienstes der anglikanischen Kirche. Die Gemeinschaft knüpft damit aber grundsätzlich an die alte Praxis von Iona an, die jahrhundertelang ein schottisches Lourdes war. Dorthin wurden immer wieder Kranke aus allen Gegenden mühsam transportiert. Wie bei jedem größeren Kloster gab es auch hier ein Krankenhaus (Infirmary), weil man in der vollen Nachfolge Christi nicht nur Seelen, sondern auch Leiber heilen wollte. Es ist daher schade, daß im Wiederaufbauplan für dieses ehemalige Krankenhaus ein Museum und nicht wenigstens ein kleines Sanatorium vorgesehen ist. Schließlich ist am Donnerstagabend noch ein besonderer Gottesdienst des "Bekenntnisses" (The Act of Belief), in dem der einzelne vor den Altar treten kann, um sich Gott ganz zu verpflichten oder um ein Gelübde zu erneuern. Alle knien nieder und geloben Gott in der Stille neue Treue. Absolution und Segen beschließen diese sehr eindrucksvolle Feier, an der insbesondere die Jugendlichen sich zahlreich beteiligen.

Man kann und soll nicht immer auf einer Insel, auch nicht immer hinter Klostermauern leben. Darum zogen St. Columba und seine Brüder immer wieder in die weite Welt hinaus. Darum verlegt auch die Community ihr Hauptquartier von Anfang September bis Ende Mai nach Glasgow (eine Zweigstelle neuerdings auch nach Edinburgh). Darum verließ auch ich eines Tages die Insel, um via Glasgow zu meiner Arbeit zurückzukehren. Diese größte Stadt Schottlands wurde von einem Abt (St. Kentingern, im Volksmund St. Mungo, 603 gestorben) gegründet. Im Zentrum des Hafenviertels, wo das Herz dieser geschäftigen Industriestadt am lautesten schlägt, hat die Community vor Jahren ein Haus erworben, das Community House. Dort werden im Erdgeschoß billige, aber gute Speisen verkauft. Und die Arbeiter kommen sehr zahlreich. Neben dem großen Eßsaal ist ein kleiner Andachtsraum, nur durch einen Vorhang getrennt, mit einem kleinen Altartisch und dem Iona-Kreuz darauf. Dort werden mittags und abends kurze Andachten gehalten, die alle im Saal mithören. Wer will, kann teilnehmen. Mitten zwischen den Essenden aber hängt an der Wand ein modernes Gemälde, auf dem Christus dargestellt ist, wie er den an den Tischen Sitzenden Sein Brot anbietet. In den oberen Stockwerken befinden sich neben den Büros der Community und einiger Sozialarbeiter Aufenthaltsräume für jedermann mit vielen guten Büchern und Sesseln und vor allem sehr gut ausgestattete Unterrichtsräume. Billige Abendkurse laufen den ganzen Winter hindurch über die verschiedensten Diskussionsthemen, für die man bei uns meist nur die Gewerkschaft als zuständig hält: Arbeits- und Gewerkschafts-Fragen, Ehe, Politik, Wirtschaft und natürlich auch religiöse Fragen. Auch viele praktischen Kurse finde ich auf dem Programm angeboten: Schreibmaschinenschreiben, Stenographie, Photographieren, Filmen, Gymnastik, Theaterspielen. Alle Bewohner des Hauses und alle Teilnehmer der Kurse treffen sich abends abschließend in der Kapelle des Erdgeschosses zu einem kurzen Abendgebet wieder. So endet alles unter dem Kreuz, von dem immer neue Kraft ausströmt.
Quatember 1955 (S. 104-108)
Website der Iona Community: www.iona.org.uk
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