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Links Teil 1

Quatember


Die Bruderhofbewegung kehrt nach Deutschland zurück
von Erika Altgelt
(Teil 2)


LeerHeute gibt es in Primavera drei Bruderhöfe mit festen Häusern, Werkstätten und Ställen, von denen der 1946 entstandene jüngste, Ibaté, als Kinderdorf für europäische Kriegswaisen angelegt worden ist. Die Gemeinschaft ist auf 700 Mitglieder aus rund zwanzig Nationen beider Hemisphären angewachsen. Die Kinder, jetzt 350, haben ihre Schulen und Tagesheime. Das gut eingerichtete gemeinsame Krankenhaus hatte 1951 vierhundert Patienten aus der Gemeinschaft, dazu aber 6000 von außerhalb, die zum Teil weit hergekommen waren. Es werden inzwischen nicht weniger geworden sein, denn die einheimische Bevölkerung - Abkömmlinge der Guanari-Indianer mit spanischem Einschlag - schätzt dieses gute Hospital in dem hygienisch noch unterentwickelten Land. Zuweilen fragen auch paraguayanische Familien an, ob sie ihre Kinder in eine Bruderhofschule schicken könnten. Andere haben sich der Gemeinschaft angeschlossen.

LeerHaupterwerbszweig ist die Viehzucht. Des weiteren wird Holz aus dem Urwald gewonnen und verarbeitet, u. a. in einer Drechslerei. Roggen und Mandioka (aus der Tapioka gewonnen wird) werden angebaut. Dabei entstammen die wenigsten Erwachsenen der Landwirtschaft. Die meisten kommen aus Großstädten und waren in industriellen und kaufmännischen Berufen tätig. Einige sind Akademiker: ein Arzt, zwei Ärztinnen, Theologen, Rechtsanwälte, Künstler usw. Sie sind aber fast alle jung - trotzdem meist verheiratet - und anpassungsfähig. Die meisten Erwachsenen sind jetzt zwischen 35 und 45 Jahre alt. Überwiegend gehörten sie früher dem Mittelstand an, ein paar waren reich. Ebenso vielfältig ist ihre geistige Herkunft aus den verschiedensten christlichen Bekenntnissen und dem Judentum. Auch frühere Atheisten oder Agnostiker sind unter ihnen.

LeerSchon in den ersten Jahren ist in der Landeshauptstadt Asuncion ein Bruderhofhaus eingerichtet worden, von dem aus die Verhandlungen mit den Behörden geführt werden (auch in Südamerika keine geringfügige Angelegenheit), die Höfe im Urwald versorgt und ihre Erzeugnisse verkauft werden. Außerdem dient das Haus als Heim für diejenigen Heranwachsenden, die zur Berufsausbildung in die Stadt geschickt werden, und als Stätte der Begegnung mit den über das Land verstreuten Freunden der Bruderhofbewegung. Freundeskreise bildeten sich auch in Montevideo und Buenos Alres, so daß 1951 ein zweites Bruderhofhaus in Montevideo eingerichtet werden konnte.

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LeerBei der Übersiedlung nach Amerika vor vierzehn Jahren waren drei Brüder, die britische Untertanen waren, in England zurückgeblieben, um dort die Liquidation der Höfe durchzuführen. Sie sollten bald nachkommen - aber daraus wurde nichts. Vielmehr kehrten drei Familien aus Paraguay zurück. Denn es hatte sich um die drei Zurückgebliebenen rasch eine Gruppe von Freunden gesammelt, die der Gemeinschaft zustrebten. So kam es schon im Frühjahr 1942 zur Gründung eines neuen Bruderhofes in England, Wheathill in Shropshire, der binnen zehn Jahren auf wieder 200 Mitglieder anwuchs und heute das geistige Zentrum für die Bruderhöfe und ihre vielen Freunde bildet. "Die Bruderhöfe haben erstaunlich viele Beziehungen zur Außenwelt", schrieb eine Quäkerin aus USA, Grace Rhoads, nach längerem Aufenhalt in Primavera. Nach dem Kriege sind in Wheathill zehn deutsche Kriegswaisen zur Erziehung aufgenommen worden.

LeerDem Bericht der Grace Rhoads sind die folgenden Einzelheiten vom Leben in Primavera entnommen, das, abgesehen von landschaftlich bedingten Unterschieden, dem Leben auf allen Bruderhöfen entsprechen wird. Jede Familie lebt für sich im eigenen Heim und nimmt dort auch die kleinen Mahlzeiten, während die Hauptmahlzeiten von allen gemeinsam eingenommen werden, und zwar schweigend, während Bücher oder eingegangene Briefe vorgelesen werden oder ein Mitglied einen Vortrag hält. Es gibt in jeder Siedlung nur eine Küche, ein Waschhaus, ein Warenlager usw. Die Arbeit wird in gemeinsamer Beratung verteilt, Ebenso wird über Anschaffungen und Einrichtungen, Entsendung von Brüdern nach auswärts und alle Verwaltungsangelegenheiten gemeinsam beschlossen. Wie bei den Quäkern kann eine einzige divergierende Stimme die Entscheidung hinausschieben, bis Übereinstimmung erzielt ist.

LeerDie Kinder, denen alle Liebe und Fürsorge gilt und denen die beste mögliche Erziehung gegeben wird, verbringen den Tag im Säuglingsheim, Kindergarten oder in der Schule. Sie wachsen nicht von selbst zu Mitgliedern der Gemeinschaft heran; vielmehr können sie sich nach beendeter Schulzeit und Berufsausbildung frei entscheiden, ob sie in die Gemeinschaft eintreten oder anderswo in der sonst üblichen Weise leben wollen. Die meisten bleiben und müssen dann eine Probezeit durchmachen, denn die Aufnahme in die Gemeinschaft gilt für das Leben. Das feierliche Versprechen, das die jungen Mitglieder ablegen, hat Vorrang sogar vor dem Eheversprechen, so daß, wenn ein Ehepartner trotzdem die Gemeinschaft verläßt, von dem anderen erwartet wird, daß er bleibt. Das schließt Heirat außerhalb der Gemeinschaft praktisch aus, nicht aber, nach entsprechender Probezeit Einheirat von außen her.

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LeerSie sei nirgendwo lebendigeren, aktiveren, dabei vergnügteren jungen Leuten begegnet als der Jugend von Primavera im Alter zwischen 15 und 25 Jahren, erklärt Grace Rhoads. Im Gegensatz zu den ursprünglichen Hutterschen Brüdern, die sich von der Welt zurückziehen, suchen die der Bruderhöfe Kontakt mit ähnlich gerichteten Gruppen in aller Welt, z. B. mit der Familie Jesu in China und mit den israelischen Kibbuzim. Daß die Frauen anders als bei den Quäkern, die in Dienst und Werk zwischen Mann und Frau keinerlei Unterschied machen, oder in den Kibbuzim, wo sie mit Selbstverständlichkeit die Außenarbeit teilen - hier eine Stellung haben, die etwa der Stellung der Frauen im Mittelalter entspricht, scheint zum Teil ein Ergebnis der Verhältnisse zu sein. Ihr Mitspracherecht ist unbestritten, und die Meinung eine Frau scheint mindestens so stark beachtet zu werden wie die eines Mannes. Sie nehmen auch verantwortliche Posten in der Verwaltung ein und können die Gemeinschaft auf Tagungen und Reisen vertreten. Bis jetzt ist aber noch keine Frau zum "Diener", dem höchsten verantwortlichen Amt, gewählt worden wobei mitspricht, daß die Position an der Spitze einer nonkonformistischen Gruppe in einem politisch labilen Land ihre Gefahren hat. Am deutlichsten ist der Unterschied in der Arbeit. Die Frauen haben mit der Versorgung, Erziehung und dem Unterricht der vielen Kinder so ausgiebig zu tun, daß sie für die Außenarbeit nicht in Frage kommen. Diese Unterscheidung wird aber offenbar auch als natürlich angesehen.

LeerDie Forderung der Doppelliebe Jesu und der Bergpredigt durchdringen das ganze Leben. Frieden halten, dem Nächsten helfen und niemals Schlechtes von ihm reden, gilt als selbstverständlich. Kirchen gibt es nicht. Die erwachsenen Bewohner eines jeden Dorfes halten am Sonntag-Morgen einen einfachen Gottesdienst in ihrem Speisesaal. Dort werden auch Liebesmahle gehalten, in Blumenschmuck und bei Kerzenlicht, zur Erinnerung an Verstorbene oder aus anderem bewegendem Anlaß, ein besonders feierliches zu Ostern. Ein neugeborenes Kind wird vor der Gemeinschaft in einen Blumenkranz auf einen Tisch gelegt, auf dem eine einzige Kerze brennt. Einer der Diener nimmt es auf und reicht es den Eltern zurück, als Zeichen, daß es der ganzen Gemeinschaft zugehört, aber ihrer besonderen Verantwortlichkeit anvertraut ist. Andere Feiern der Sakramente gibt es nicht. Die Kinder nehmen am Gottesdienst erst teil, wenn sie alt genug sind, ihn zu verstehen, und selbst die Erlaubnis dazu von der Gemeinschaft erbitten. In ihrem Religionsunterricht werden ihnen die biblischen Geschichten erklärt, aber auch andere, die vom Dienst am Nächsten berichten, und es werden Fragen des persönlichen und sozialen Lebens mit ihnen diskutiert.

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LeerIn zunehmendem Maße wird von der Bruderhofbewegung Aussendungsarbeit wahrgenommen. In auswärtigen Versammlungen und Diskussionen suchen die Brüder ihre Mitmenschen zu überzeugen, daß ein Gemeinschaftsleben, wie sie es führen, auch im 20. Jahrhundert möglich sei. Vor kurzem konnte in Woodcrest im Staate New York der erste nordamerikanische Bruderhof gegründet werden.Wheathill gibt eine Vierteljahrsschrift, "Der Pflug", heraus, die auch in deutscher Sprache erscheint.

LeerNachdem der Bewegung ein Gebäude auf der Burg Hohenstein bei Hersbruck im Fränkischen Jura zur Verfügung gestellt worden ist, wird die Arbeit nun auch in Deutschland wieder aufgenommen, wenn auch in bescheidenem Umfang.

LeerOb die Bruderhofbewegung Aussicht auf erheblich größere Ausdehnung hat, ist kaum zu sagen. Wahrscheinlich ist es nicht. Sie setzt ein für jedermann überschaubares Unternehmen voraus, das in der modernen Industrie ebenso schwer vorstellbar ist, wie unter städtischen Bedingungen ein gemeinsames Leben von Familien. Vor allem aber setzt sie eine konsequent christliche menschliche Haltung voraus, die von der Mehrzahl der Menschen in der gefallenen Welt nicht erwartet werden kann. Trotzdem hat sie, klein, wie sie ist, eine allgemeine Bedeutung einfach darin, daß sie eben diese Haltung vorlebt. Zusammen mit ihrer besonderen Lebensform schließt das allerdings, wie auch Grace Rhoads richtig erkennt, die Gefahr in sich, daß auf die Länge der Zeit die Lebensform verabsolutiert wird und die Bewegung jener eigensinnigen Selbstgerechtigkeit verfällt, die ein Merkmal des Sektierertums ist. Solange es gelingt, dies zu vermeiden, hat aber auch ihre besondere oekumenische Form eine allgemeine Bedeutung, weil sie die naive Vorstellung durchbricht, in der sich das Abendland heute mit gleicher Selbstverständlichkeit christlich nennt und das Besitzstreben des einzelnen zu seinem Gott macht.

Internetsites der Bruderhofbewegung

Quatember 1956 (S. 35.40)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-06-28
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