Wir haben im ersten Heft dieses Jahrgangs (Weihnachten 1955) in einem ausführlichen Berichtsaufsatz auf die Bruderhofbewegung hingewiesen, die in ihren Anfängen manche Berührung mit Berneuchen hatte und auf dem Umweg über England und Paraguay nach Deutschland zurückgekehrt ist. Wir sind nach der Veröffentlichung dieses Aufsatzes ganz unmittelbar In Kontakt und Korrespondenz mit den "Bruderhöfen" gekommen, die für eines der nächsten Quatemberhefte einen eigenen Beitrag über ihre Bemühungen in Aussicht gestellt haben, Auf diese Weise sind wir auch mit der Zeitschrift der Bruderhöfe "Der Pflug" bekannt geworden, die wie Quatember viermal jährlich erscheint, Sie wurde bisher In England gedruckt (The Plough, Publishing House, Bromdon, Bridgenorth, Shropshire) und soll ab nächstem Heft in Deutschland erscheinen. Im Zeichen gegenseitiger Verbundenheit bringen wir mit dem Einverständnis der Schriftleitung einen Beitrag aus dem "Pflug" zum Abdruck, in dem über den Besuch einiger Bruderhöfer und Bruderhöferinnen in der italienischen Kommunität von Agape berichtet wird. Wir waren schon seit Jahren um einen guten Aufsatz über diesen bemerkenswerten Versuch eines Bruderschafts- und Tagungshauses bemüht, das manche Ähnlichkeit mit der Iona-Community in Schottland hat, aber auch in Beziehungen zur Communauté von Taizé und zu anderen Gemeinschaften steht.
Reise nach Agape
Auf grasigem Hange erheben sich in einem Hochtal der italienischen Alpen, fünfzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel gelegen, die herb-monumentalen Bruchsteingebäude von Agape. Drei Stunden lang fuhren wir von Turin mit der Kraftpost in die Berge hinein, um im Namen der Bruderhöfe die dort beheimatete Gemeinschaftsgruppe aufzusuchen. Obwohl diese erst aus der Nachkriegszeit herrührt, steht sie doch vermittels der Waldenserkirche in einer gewissen Verbindung mit den mancherlei christlichen Gruppen des Mittelalters, die den schweren und harten Weg einer radikalen Nachfolge gingen.
Während einer Woche hatten wir Gelegenheit, das Leben in Agape mit seinen Arbeitslagern, Freizeiten und Kursen kennenzulernen, an denen alljährlich junge Menschen aus den verschiedensten Weltgegenden teilnehmen. Das Erlebnis friedlich-brüderlichen Zusammenlebens und -arbeitens während einiger Wochen oder Monate stellt für viele von diesen einen rechten Aufruf dar, und eben dieses praktische Gemeinschaftserlebnis war es auch, welches während des allerersten internationalen Arbeitslagers in Agape im Jahre 1947, als die Eß- und Versammlungshalle sowie die drei terrassenförmig übereinanderliegenden Schlafgebäude errichtet wurden, den Anstoß zur Bildung der kleinen Gemeinschaftsgruppe gab, die jetzt die ganze Arbeit von Agape trägt.

Die Glieder dieser Gruppe stellen ihr ganzes Leben in den Dienst ihrer Mitmenschen, und diesen Dienst tun sie entweder in Form der erwähnten Arbeitslager und Freizeiten, während welcher sie durch persönliche Begegnung und praktisches Beispiel den Teilnehmern etwas von dem Geiste brüderlicher Liebe zu vermitteln suchen, oder - wenn keine Lager stattfinden - als sozialen oder kirchlichen Dienst unter der Waldenser Bevölkerung der benachbarten Gebirgstäler. Ein Mitglied der Gruppe hilft Danilo Dolci in Sizilien bei seiner Arbeit in den dortigen Elendsgebieten. Andere, die sich der Gemeinschaft angeschlossen haben, ohne in Agape selbst zu wohnen und mitzuarbeiten, verpflichten sich zu christlichem Dienste in ihrer jeweiligen Kirchengemeinde und Umgebung und bleiben mit Agape in möglichst innerer enger Verbindung. Alle, die sich - nach einer Bewährungs- und Probezeit von einem Jahre - der Gemeinschaft anschließen, verpflichten sich "in innerer und wo möglich auch äußerer Gemeinschaft zu leben, um Christus mit ihrem ganzen Leben dienen zu können".
Agapes Lage in einem abgelegenen Gebirgstal bereitet gewisse Schwierigkeiten. Obgleich die Mitglieder die offene Tür für alle, die sich ihrem gemeinsamen Leben anschließen möchten, als das Ideal ansehen, so haben sie praktisch doch noch nicht völlig den Weg dahin gefunden. Hinsichtlich der Größe der in Agape ansässigen Gruppe fühlt man sich durch die verfügbaren Möglichkeiten der Arbeit, der Unterbringung und des Unterhaltes eingeschränkt. Hat man den Eindruck, daß ein Bewerber wirklich zur Mitgliedschaft berufen ist, so bemüht man sich, wenn nötig, ihm außerhalb von Agape eine Möglichkeit des Dienstes zu verschaffen. In der "Ordnung der Gemeinschaft" wird die darin enthaltene Schwierigkeit deutlich zum Ausdruck gebracht: "Wir sind uns bewußt, daß es für ein von der Gemeinschaft getrennt und in einer auf die üblichen wirtschaftlichen Grundsätze des Eigennutzes und Wettbewerbes gegründeten Gesellschaft lebendes Mitglied besonders schwer ist, seine Aufgaben in dem Agape entsprechenden Geiste durchzuführen. In solch einem Falle ist es notwendig, besonders wachsam zu bleiben und im Gebet zu verharren".

Die Agape-Wohngruppe trifft sich allmorgendlich, bevor das Tagesprogramm der Lager und Freizeiten abzurollen beginnt, zu einer kurzen Andacht, um sich dann für den Rest des Tages zu den verschiedenen Sonderaufgaben zu zerstreuen. Während die Lagerteilnehmer den Hauptteil der Haushalts- und Säuberungsarbeiten tun, sind die Gemeinschaftsmitglieder damit beschäftigt, die verschiedenen Arbeitsvorhaben zu leiten, die Verwaltung durchzuführen, Gäste zu empfangen, die Freizeitprogramme vorzubereiten. Die Mahlzeiten werden gemeinsam in der Eßhalle eingenommen, wo Mitglieder und Lagerteilnehmer buntgemischt in Gruppen von je acht an den beide Längsseiten derHalle einnehmendenTischen sitzen, und zwar so, daß jeweils nur drei Seiten des Tisches besetzt sind, die vierte, der Mitte zugewandte Seite dagegen frei bleibt, um so die Gemeinsamkeit des Lebens zum Ausdruck zu bringen. Die diesjährigen Arbeitslager haben die Küche erweitert und die Errichtung von Büro- und Büchereigebäuden vorbereitet. Bei den Studienfreizeiten ging es um die Themen wie "Wert und Sinn unseres Lebens" oder "Einzelne, Massen und Gemeinschaften".
Während unseres Aufenthaltes in Agape hatten wir Gelegenheit zum Gedankenaustausch mit Tullio Vinay, dem erwählten Pastor der Gemeinschaft, sowie mit den anderen zehn oder elf Mitgliedern der Agape-Gruppe. Alle gehören der Waldenserkirche an, meist durch bewußten Eintritt. Außer zwei Ehepaaren und zwei unverheirateten Frauen handelt es sich um ledige Männer. Freimütig sprachen wir mit ihnen über die praktischen Einzelheiten gemeinschaftlichen Lebens und hörten, wie sie mit ganz ähnlichen Fragen zu tun haben, wie sie uns Bruderhöfer in den Anfangsjahren beschäftigten. Wo immer Menschen in die Nachfolge Christi treten, kommt es eben zum Kampfe zwischen dem Göttlichen und dem Allzumenschlichen, und in diesem Kampfe kann das Gute nur dann die Oberhand behalten, wenn wir uns gegen alle Hindernisse und Widerstände einmütig für das einsetzen, was wir als den Willen Gottes für uns und für alle Menschen erkennen.

Bis jetzt haben die Mitglieder Agapes nicht die Notwendigkeit einer völligen und letzten Einheit gefunden. So sehen sie die Einstimmigkeit nicht für alle Beschlüsse als unumgänglich an, und die absolute Friedenshaltung und Wehrlosigkeit sowie die Gemeinschaft auch der Güter gelten ihnen nicht als Grundsätze. Sie betrachten sich als eine noch in den Kinderschuhen des gemeinsamen Lebens steckende Gruppe, sind bereit, sich durch Ratschläge und eigene Erfahrungen belehren zu lassen und möchten demütig der Leitung des Geistes folgen.
Ganz klar aber ist ihnen, daß es um die Hingabe des ganzen Lebens an die Nachfolge Christi geht, und diese Radikalität setzte sie notwendigerweise mancher Kritik und Opposition innerhalb ihrer eigene Waldenserkirche aus. Die Mitglieder erkennen, wie sie sich durch die Furcht vor derartigen Schwierigkeiten haben hindern lassen und möchten im Glauben weiter voran gehen. In dem sogenannten Dokument der Agape-Gemeinschaft erklären sie:
"Wir bekennen. daß allein Christus Gemeinde schaffen kann; denn er, der lebendige Herr ist es. der die Menschen allezeit herausruft aus ihrem verzweifelten Leben auf daß sie ein geeintes, zu einer lebendigen Hoffnung und fruchtbaren Beziehungen zu anderen wiedergeborenes Volk würden Der biblischen Botschaft zufolge äußert sich dies grundlegende Erlebnis in dreifache Weise: in der Anerkennung der Herrschaft Christi, im Sammeln der Gemeinde und in dem daraus sich ergebenden Dienste. Sich zu Christus als dem Herrn bekennen heißt dankbar eine grundstürzende Umwandlung seines ganzen Menschseins auf sich nehmen, die in eine neue, liebende Verbindung zwischen Gott und Menschen mündet. Unausweichlich ersteht dann Gemeinde, denn Christus bekennen bedeutet, aus seinem Geiste wiedergeboren zu werden, und dieser Geist gibt uns statt der alten, ichhaften eine neue, gemeinschaftliche, die anderen mit einbeziehende Einstellung; in dem Sinne, daß wir in ein neues, auf Vertrauen anstelle von Mißtrauen gegründetes Verhältnis zu ihnen treten und daß wir uns miteinander vom Worte Christi leiten lassen.

So sind wir also dahin geführt worden, daß wir nach einer Form gemeinsamen Lebens suchen. Auf dieser Suche aber dient uns das bereits Erlebte zur Mahnung, zum Beispiel unsere Erfahrungen während der Zeit, als Agape gebaut wurde. Mehr als einmal mußten wir damals erkennen, daß nur die wachsame Führung des Herrn uns vor der Gefahr eines babylonischen Turmbaues behüten konnte. Durch sein Wort pflegte er uns zu vermahnen, und wir lernten damals, daß alle Gemeinschaften nichts als Vorläufer und Herolde der wahren, unvergänglichen Gemeinde sind - des Gottesreiches. Deshalb schließen wir uns jetzt zur Gemeinschaft zusammen - aber freilich eben im Sinne von etwas Vorläufigem, denn das Reich Gottes ist ja im Anzuge. Auf dieses Reich warten wir - ja, im Glauben erkennen wir es bereits als gegenwärtig unter uns. Wir wissen, daß all unsere Bernübungen nur von der Gegenwart des Reiches in uns einen wirklichen und echten Wert erhalten, und diesem Reich allein soll, sofern es uns vergönnt ist, unser Zeugnis gelten."
Unser Besuch bei dieser mit solcher Entschiedenheit zum gemeinsamen Leben dringenden Gruppe hoch in den italienischen Alpen - es war die erste Begegnung zwischen den Bruderhöfen und einem Gemeinschaftskreise in Italien - bedeutete für uns eine rechte Freude und Ermutigung. Eine kurze Woche, noch dazu mitten in der die Agape-Gruppe voll in Anspruch nehmenden Lagersaison, war freilich für ein wirkliches Kennenlernen und einen tiefgehenden Austausch nicht genug. Dazu bedarf es weiterer gegenseitiger Besuche, die wir von Herzen erhoffen.
Agapes Suchen nach echtem brüderlich-gemeinsamem Leben als einer Antwort auf die selbstische Ungemeinschaftlichkeit des allgemeinen Lebens der Menschen kommt in einem in Agapes Nachrichtenblatt (News from Agape) veröffentlichten Aufsatz von Tullio Vinay deutlich zum Ausdruck, und wir freuen uns darüber, diesen Artikel im Nachfolgenden wiedergeben zu dürfen.
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