Symbol Startseite Inhalt Suchen E-Mail Kloster Kirchberg Inhalt Navigation Inhalt 1961

Drucken
Teil 2 Vor

Quatember

Christliches Denken
von Adolf Köberle
(Teil 1)


LeerVon Emil Brunner stammt der einprägsame Satz, man soll nicht nur als Christ leben, sondern auch als Christ denken.

LeerWas mit dem "als Christ leben" gemeint ist, läßt sich leichter beantworten als die Frage nach dem christlichen Denken. Als Christ leben heißt, sich bei seinem Tun und Lassen der Königsherrschaft Jesu Christi im Gehorsam unterstellen, heißt dem Nächsten in Liebe dienen und der sittlichen Unordnung im eigenen Leben den Kampf ansagen. Ohne in ein falsches Rühmen zu verfallen, darf gesagt werden: die evangelische Kirche lutherischer und reformierter Prägung hat es sich seit den Tagen ihres Entstehens zur heiligen Aufgabe gemacht, das Leben der Gemeinden durch die Bindung an Gottes Gebot und Ordnung in eine ernste Gewissenserziehung zu nehmen zur Erweckung von Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit und beruflicher Tüchtigkeit.

LeerUngleich weniger Aufmerksamkeit hat man demgegenüber der Beantwortung der Frage geschenkt, was es heißt, als Christ denken. Man könnte zunächst darunter verstehen, daß ein Christ es zu schätzen weiß, von Gott dem Schöpfer Verstand und Vernunft als edle Gaben ins Dasein mitbekommen zu haben, die ihn allein schon dadurch hoch über alle andere Kreatur gestellt sein lassen. Wer diese anvertrauten Pfunde würdigt, wird sich in der christlichen Existenz immer ein gesundes kritisches Urteil bewahren. Er wird in den Fragen der Natur- und Geschichtserkenntnis nicht unkontrolliert auf alle möglichen ungesicherten Angebote hereinfallen, die ihm von einem politischen oder religiösen Schwärmertum her nahegelegt werden. Es steht einem Christen wohl an, in den Dingen des täglichen Lebens den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen und nicht bei jeder Erkenntnis und Entscheidung auf besondere pneumatische Erleuchtungen von oben zu warten. Und doch ist damit noch nicht alles gesagt, was das Problem "als Christ denken" in sich schließt.

Linie

LeerAls Christ denken, das müßte doch vor allem bedeuten: ich bringe Gott nicht nur meinen Willen im Gehorsam dar, ich liefere ihm auch meine Denkarbeit aus. Das Wort des Lebens, das der Herr des Alls im fleischgewordenen Logos, durch Propheten und Apostel gesprochen hat, soll mir zur Richtschnur werden für die Erkenntnis der Wahrheit, im Verständnis von Gott, Welt und Mensch, von Tod und Leben, von Zeit und Ewigkeit. Es geht um die Verwirklichung dessen, was das Neue Testament mit der Aussage meint, Jesus Christus sei uns von Gott gemacht nicht nur zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, sondern auch zur Weisheit. Sowohl im 1. Korintherbrief wie im Kolosserbrief stellt Paulus der philosophischen Erkenntnis, die sich an den Weltelementen orientiert, eine andere Weisheit gegenüber, für die Gottes Offenbarung in Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, der neue Maßstab geworden ist. Die Ostkirche hat diesen Klang aus der urchristlichen Botschaft hingebungsvoll aufgegriffen und ihn in ihre Erlösungsmystik tief eingebaut. Angefangen von den Alexandrinern Clemens und Origenes läuft über Johannes Damaszenus bis hin zu den großen russischen Religionsphilosophen des 19. und 20. Jahrhunderts eine Christus-Sophia-Lehre, die das erneuerte Denken im Leben der Christen ebenso nachhaltig betont wie das Leben im Glauben. Auch die katholische Kirche hat immer die Entschlossenheit besessen, dem credere (Glauben) ein intelligere (Denken) folgen zu lassen, ja man hat dort daraus unbedenklich den Begriff der "Katholischen Weltanschauung" geformt. Augustin und Anselm, Albert der Große und Thomas, Görres und Franz von Baader kommen dafür als Zeugen zu stehen. Wer das "Hochland", die "Stimmen der Zeit" oder die Salzburger Hochschulwochen aufmerksam verfolgt, weiß, wie intensiv es dort überall um die Verwirklichung der also gestellten Aufgabe geht. Im Bereich des römischen Katholizismus folgt freilich das intelligere nicht nur dem credere, es geht ihm auch immer schon voraus als eine die Gnade vorbereitende Wahrheitsschau von religiöser Mächtigkeit. Jedenfalls können sowohl die Ostkirche wie die petrinische Kirche für sich in Anspruch nehmen, daß sie die Möglichkeit eines christlichen Denkens je von ihren Voraussetzungen her gesehen und entschlossen in Angriff genommen haben.

LeerWie steht es in der Beziehung im Bereich des Protestantismus? Luther hat die ratio als menschliches Vermögen außerordentlich hoch geschätzt. Er hat ihr in rebus civilibus (in weltlichen Angelegenheiten) eine entscheidende Rangstellung eingeräumt. Er wußte freilich auch um ihre Verirrung und Verfinsterung, besonders von dem unerlösten, affektgeladenen Triebleben her, was sich in dem harten Urteil über die "Hure Vernunft" ausdrückt. Der Reformator hat sich aber immer auch zu dem Satz bekannt: Affert gratia novum judicium omnium rerum. (Unter dem Gesichtspunkt der Gnade sieht alles anders aus.) Wenn es bei dem wiedergeborenen Menschen zu einer Wiederherstellung des Abbildes Gottes kommen darf, dann werden auch unsere Gedanken gefangengenommen unter dem Gehorsam Christi. Zur gleichen Überzeugung haben sich Hamann und Oetinger, der Magus des Nordens und des Südens, bekannt. Im 19. Jahrhundert waren es der hessische Lutheraner August Vilmar und der holländische Reformierte Abraham Kuyper, die ernst machten mit dem Satz, daß auch im wissenschaftlichen Erkennen "die Furcht des Herrn der Weisheit Anfang" ist.

Linie

LeerTrotz dieser namhaften Ansätze ist gleichwohl festzustellen, daß die Zielsetzung, als Christ zu denken, im Bereich des Protestantismus nur wenig wirksam geworden ist. Die große, vorbildliche Leistung blieb in der Hauptsache auf das Gebiet von Gesinnungsbildung und Charaktererziehung beschränkt. Während ein katholischer Akademiker als Philosoph, als Arzt, als Jurist oder Pädagoge durchaus dazu bereit ist, sein Fachgebiet der inhaltlichen Erkenntnis nach von katholischem Geist durchdringen zu lassen, hält es der evangelische Akademiker im allgemeinen weder für möglich noch für nötig, evangelisches Bewußtsein in sein berufliches Forschen aufzunehmen. Man ist im Herzen ein Christ. Die Kinder werden getauft, die Kirchensteuern bezahlt, die Ehe wird in Ehren gehalten, der Gottesdienst besucht, aber im Kopf huldigt man irgendeiner Gedankenanschauung, die einem seinerzeit auf der Universität von einem berühmten Lehrer nahegebracht worden ist, oder man macht die jeweils gültige Modeströmung unter der "Herrschaft des Man" mit, sei sie nun naturalistischer, pantheistischer oder evolutionistischer Art.

LeerWeil man im Blick auf das Denken vom Glauben her keine Aufgabe mehr sah, weil man nur allzu bereit war, das Denken freizugeben und von der Glaubenshaltung gänzlich abzutrennen, darum konnten andere Weltanschauungen so erfolgreich auf den Plan treten und das vom Glauben verlassene Gelände besetzen.

LeerDie modernen Weltanschauungen treten teils freundlich einladend, teils gewalttätig fordernd auf. Im 19. Jahrhundert warb die Hegelsche Philosophie, besonders als Deutung der Geschichte, erfolgreich um Gehör. Im 20. Jahrhundert ist es die Anthroposophie Rudolf Steiners, die ungezählte Gebildete, Ärzte, Landwirte; Künstler, Architekten, Naturwissenschaftler, in ihren Bann schlägt. Daneben traten die brutalen Propagandamethoden der rassischen Weltanschauung, im Nationalsozialismus und das vom Weltkommunismus diktierte System des Marxismus. So grundverschieden sie alle voneinander sein mögen, eines haben sie gemeinsam, das ist die leidenschaftliche Entschlossenheit, alle Bereiche der Wirklichkeit ihrem jeweiligen Denkansatz zu unterwerfen, die Schule und das Recht, das Natur- und Geschichtsverständnis, die Kunst- und Kulturgestaltung. Mag eine Weltanschauung, besonders überall da, wo sie drohend auftritt, auch wie ein Zwangsgehäuse wirken, eines bleibt den Menschen auch dann noch auf jeden Fall erspart, er muß nicht dauernd herüber- und hinüberwechseln zwischen verschiedenen Deutungen der Wirklichkeit. Es herrscht vielmehr in jedem Raum des Hauses der gleiche Geist, die gleiche Schau, die gleiche Ordnung.

Linie

LeerWie bedauernswert erscheinen demgegenüber unsere Kinder, selbst wenn sie eine "Christliche Gemeinschaftsschule" besuchen. Außer der Morgenandacht und dem gelegentlichen Schülergottesdienst empfangen sie kaum eine geschlossene christliche Ausrichtung in ihrem Denken. Da kann ein Vormittag durchaus so aussehen, daß von 8 bis 9 Uhr ein Physiker unterrichtet, der bei Ernst Haeckel stehengeblieben ist. In der darauffolgenden Stunde wird Geschichte in der biologischen Schau Oswald Spenglers getrieben. Um 10 Uhr betritt vielleicht ein pietistisch geprägter Pfarrer den Schulraum. Um 11 Uhr ist Turnstunde, von einer Gymnastiklehrerin gegeben, die für griechische Körperkultur schwärmt. Der Deutschlehrer, der das Tagespensum beschließt, hat seine geistige Heimat vielleicht bei Stefan George oder Gottfried Benn. So werden die guten Kinder an einem Vormittag durch einen ganzen Jahrmarkt von Weltanschauungen geschleppt. Wenn sie es auch erkenntnismäßig nicht klar zu ermessen vermögen, von welchem Bezugssystem her das ihnen Vorgetragene jeweils geprägt war, sie spüren doch die Vielfalt und Gegensätzlichkeit der Blickrichtungen und müssen dadurch zutiefst unsicher werden. Kein Wunder, wenn viele Eltern erklären: dann lieber zur Waldorfschule, wo wenigstens einheitlich der Dornacker Aspekt der Anthroposophie alles durchwaltet. Unter dem Eindruck solcher Beobachtungen, muß sich uns die Frage aufdrängen: sollte es nicht möglich sein, vom evangelischen Glauben her das Ganze der Weltwirklichkeit zu deuten und zu gestalten? Warum sollen nur der Kreml, der Vatikan und das Goetheanum einen universalen Weltdurchblick beibringen, während es in der Evangelischen Kirche mehr oder weniger dem Zufall überlassen bleibt, welcher Denkrichtung einer huldigt. Das Wort "Evangelische Weltanschauung" werden wir freilich für ein so gestecktes Ziel besser vermeiden. Der Ausdruck schmeckt zu sehr nach einem fertigen System, das uns aus Gründen, über die gleich noch zu sprechen sein wird, gerade nicht erlaubt ist. Karl Heim und sein Schüler Otto Dilschneider haben darum die wünschbare Forderung als "Weltbild des Glaubens" bezeichnet. Diese Formulierung ist eindeutig vorzuziehen, weil hier das Mißverständnis des Statisch-Fertigen vermieden wird, wogegen sich der Existentialismus in der evangelischen Theologie der Gegenwart begründeterweise sofort wenden würde.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 02-12-15
Haftungsausschluss
TOP Vor Kirchberg