Die "täglichen Gottesdienste" der Kirche sind Gebetsgottesdienste, und ihr wesentlicher Inhalt ist das Lob Gottes, das der Kirche stellvertretend für alle Kreaturen aufgetragen ist. Das Lied, mit dem Cornelius Becker den 100. Psalm in eine liedmäßige Form gebracht hat "Nun jauchzt dem Herren, alle Welt" (EKG 187), hat den Aufruf zu diesem immerwährenden Lobgesang in der knappsten Weise ausgedrückt: "Gott loben, das ist unser Amt". Darum gehören zu den festen Bestandteilen dieses täglichen Gebetes (auch "Stundengebet" genannt) die "Cantica", das sind jene Lobgesänge, die außerhalb des Psalters in der Heiligen Schrift enthalten sind; drei von ihnen gehören dem Neuen Testament und zwar den Lukanischen Geburts- und Kindheitsgeschichten an (Luk. 1 und 2), während alle anderen im Alten Testament oder in den Apokryphen zu finden sind. Die drei neutestamentlichen Cantica, der Lobgesang der Jungfrau Maria (Luk. l, 46-55), der Lobgesang des Zacharias (Luk. 1, 68-79) und der Lobgesang Simeons (Luk. 2, 29-32), sind im regelmäßigen Gebrauch auch der evangelischen Christenheit, und bei festlichen Gelegenheiten tritt daneben der "Gesang der drei Männer im Feuerofen" (in der Luther-Bibel als das vorletzte der apokryphen Bücher zu finden). Weil es uns aufgetragen ist, das, was wir im Gottesdienst singen und beten, auch mit Bewußtsein und Verständnis zu durchdringen, damit die regelmäßige Wiederholung nicht zu einer gedankenlosen und leeren Gewohnheit entarte, darum sollen in den vier Heften dieses Jahrgangs diese vier Cantica ausgelegt und der Sinn ihres regelmäßigen Gebrauchs erörtert werden.
1. Magnificat
2. Benedicite
3. Benediktus
4. Nunc dimittis

1. Magnificat
Es heißt (Luk. 1, 41), daß Elisabeth, als Maria zu ihr übers Gebirge Juda kam, vom Heiligen Geist erfüllt wurde und ihr in solcher Weise inspirierter Gruß in dem Herzen der Maria einen Lobgesang erweckte, der ihr alsbald über die Lippen strömte. Dieser Lobgesang wird nach dem ersten Wort des lateinischen Textes (Magnificat anima mea Dominum) das Magnifikat genannt. Er zeigt durchaus den Stil der alttestamentlichen Psalmen; der Lobgesang der Hanna (1. Sam. 2, 1-10) ist auch inhaltlich eine deutliche Parallele. Weil darin weder auf die vorhergehende Verkündigung durch den Engel, noch auf die Begegnung der beiden Frauen (in der Sprache der Liturgie und der kirchlichen Kunst "Heimsuchung" genannt) ausdrücklich Bezug genommen wird, ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß hier ein aus anderen Quellen stammendes Stück der Psalmendichtung der Jungfrau Maria in den Mund gelegt ist; aber es ist der besonderen Situation der Mutter des Herrn so sehr angemessen und durch diese Überlieferung nun so eng mit der Gestalt der Maria verbunden, daß wir es mit gutem Recht als den Lobgesang der Maria kennen und lieben und, indem wir es im Gottesdienst gebrauchen, "mit Maria" den Herrn loben; so wie das Vaterunser Muster und Norm jedes christlichen Gebets ist, so ist dieser Lobgesang der Maria das Urbild des christlichen Lobgesangs geworden.
Luther hat das Magnifikat besonders geliebt und hat es in einer eigenen kleinen Schrift ausgelegt, die er unmittelbar vor der gefahrvollen Reise nach Worms, im März 1521, begonnen und unmittelbar danach auf der Wartburg vollendet hat. Er hat diese Schrift in einer sehr bemerkenswerten Weise dem künftigen Kurfürsten, dem damaligen Herzog von Sachsen, Johann Friedrich, als eine Art Fürstenspiegel gewidmet. Jede evangelische Rede von Maria, der Mutter des Herrn, muß immer wieder bedenken, was Luther in dieser Schrift über Maria als die arme und niedrige Magd des Herrn geschrieben hat; gerade weil sich seine nüchterne Art so weit entfernt von dem Überschwang, in dem ebenso die Mariendichtung des späten Mittelalters wie die darstellende Kunst jener Zeit schwelgte.
Das Wort, mit dem ebenso der lateinische wie der griechische Text jenes Lobgesangs beginnt (magnificat), bedeutet eigentlich: groß machen. Gewiß hat Luther recht, wenn er dieses Wort nur so verstehen will, daß Maria die Größe und die Großtaten Gottes preisen will, und weder zu der Macht noch zu der Heiligkeit Gottes (Vers 49) vermag der Mensch mit seinem Lobgesang etwas hinzuzutun, so wenig er sie mit seinem gedankenlosen oder trotzigen Schweigen mindern kann; aber doch ist unser Lobpreis das volltönende Echo seines schöpferischen Wortes, und, wie das im Spiegelbild zurückgeworfene Licht den festlichen Glanz vermehrt, so ist er selbst ein Stück der Herrlichkeit Gottes, die gepriesen wird von denen, die seine Macht und seine Barmherzigkeit erfahren haben: "Mein Seel' soll auch vermehren sein Lob an allem Ort".

Weil wir in der deutschen Sprache die lateinische Voranstellung des Verbums nicht nachahmen können (magnificat anima mea Dominum), gewinnt hier in Luthers Übersetzung das Subjekt "meine Seele" und "mein Geist" ein Gewicht, das nicht der Intention dieses Satzes entspricht; und wenn, wie es leider herkömmlich ist, dieses Magnifikat nach dem dafür völlig ungeeigneten neunten Psalmton gesungen wird, wird durch die musikalische Figur am Anfang auch noch das "meine Seele" betont; wenn man dagegen den ersten Psalmton verwendet (f g aaa c a g a), so kommt alles in eine sehr viel bessere und sinngemäße Ordnung.
Da Luther unter ausdrücklicher Berufung auf 1. Thess. 5, 23 Geist, Seele und Leib als drei Wesensglieder des Menschen unterscheiden will und allein dem Geist zutraut, daß er durch den rechten Glauben "die unbegreiflichen Dinge fängt", so liegt doch hier schwerlich irgendein Akzent auf der Unterscheidung von Seele und Geist in den beiden parallelen Satzhälften; vielmehr bezeichnen beide das Inwendige des Menschen, dessen der Mensch selber nicht mächtig ist, und in dem der Fromme erfährt und erleidet, was Gott in ihm wirkt. "Es schwebt mein Leben und alle meine Sinne in Gottes Liebe, Lob und hohen Freuden, daß ich, meiner selbst nicht mächtig, mehr erhoben werde, denn ich mich selbst erhebe zu Gottes Lob" (Luther) (1).
"Frohlocken" oder "Jauchzen" ist mehr als rein inwendiges Freuen; exsultavit, wie es im lateinischen Text heißt, bezeichnet eigentlich ein Springen, mit dem sich der Mensch von sich selber, jedenfalls von dem Standort seines normalen Seelenzustandes, löst. In der "Rühmung" Gottes (Rilke) gerät der Mensch in gewissem Maß außer sich, aber eben "über sich" in die Sphäre des göttlichen Heils, nicht "unter sich" in jene Tiefen und Abgründe, in denen der Mensch sein wahres Selbst verliert.
Der Überschwang dieser Freude ist freilich nicht eine Verzückung ohne klar bewußten Inhalt (derart wie vor einem Menschenalter unsere Kirchenchöre sich gern auf Lieder eines allgemeinen Gotteslobes ohne klar erkannten Glaubensinhalt beschränkt haben), sondern es ist die Antwort auf den Gruß des Engels "Freu dich, Begnadete!" und auf die Benedeiung durch Elisabeth "Selig bist du, die du geglaubt hast"; die Freude der Jungfrau Maria ist ganz und gar die Freude über das Heil, oder vielmehr in dem Heil, das ihr widerfahren ist, und das Zeugnis, daß sie mit Seele und Leib das wirklich angenommen hat, was ihr verkündigt worden ist.

Sie jubelt, weil Gott sie "angesehen hat", angesehen mit dem Blick, der Gottes "Wohlgefallen", Erwählung und Begnadung in einem bedeutet. Luther hat in seiner Verdeutschung des Magnifikat geschwankt zwischen der Beibehaltung der Umschreibung "Die Niedrigkeit (oder Nichtigkeit) seiner Magd" (nach Analogie von "die Majestät des Königs") und der direkten und persönlichen Ausdrucksweise "mich, seine geringe Magd"; er hat sich in seiner Bibelübersetzung von der wörtlichen Vorlage, die ihm durch den lateinischen Text vertraut war, nicht trennen können, aber er hat in liturgischen Texten die freie und sachlich richtigere Wiedergabe vorgezogen, und warum sollten wir nicht seinem Vorbild folgen und singen: "Er hat mich, seine geringe Magd, angesehen"? Denn so wenig Maria selbst vor Gott über ihre Niedrigkeit reflektiert oder darüber redet, so wenig schaut Gott diese Niedrigkeit als solche an; sondern er schaut den armen, geringen Menschen an, der nichts anderes aufzuweisen hat als eben dieses, daß Gottes liebendes und erwählendes Auge auf ihm ruht. Luther legt in seiner Auslegung den größten Wert darauf, daß humilitas nicht mit Demut, sondern mit Niedrigkeit wiedergegeben werde. Denn es gibt eine falsche Demut, die sich Gott und Menschen als Demut zur Schau stellt; "rechte Demut weiß nimmer, daß sie demütig ist". Luther kann sich nicht genug tun, die wirkliche Niedrigkeit der Magd des Herrn zu beschreiben: sie müsse, meint er, arme, verachtete, geringe Eltern gehabt haben, und sie selber sei eine geringe und verschmähte Magd gewesen; und sie sei für den Dienst, zu dem Gottes Gnade sie berufen hat, nicht tauglicher als das Holz dazu taugt, daß Christi Kreuz daraus gezimmert werde. Man soll erkennen, daß alles allein Gottes Gnade und Güte ist. Auch ohne ausdrückliche Polemik würden wir spüren, wie sehr Luther, indem er dieses mit vielen Worten unterstreicht, die "geringe Magd" von dem Purpurmantel befreien will, den die üppig blühende Marienfrömmigkeit der regina coeli um die Schultern gelegt hat. Es liegt alles allein an dem "Ansehn" Gottes, bei Maria ebenso wie bei Abel, dessen Opfer Gott gnädig angesehen hat; und wir sehen mit erschreckender Deutlichkeit die zwiefache Gefahr, daß der überschwängliche Lobpreis der Reinheit und Demut Mariens das Geheimnis ihrer Erwählung verdunkelt, oder daß auf der anderen Seite der Protest gegen solche Übermalung des biblischen Bildes nicht mehr wahr haben will, daß eben die Jungfrau Maria in ihrer Niedrigkeit von Gott angesehen wird und darum selig zu preisen ist.
Anm. 1: Wenn nichts anderes vermerkt, stammen die Zitate aus Luthers oben erwähnter Auslegung des Magnifikat.
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