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Quatember

Wo ist die Grenze?
Eine Frage an die Wissenschaften, an die Theologie und an den Leser
Günter Howe
(Teil 1)


LeerBei einem Gespräch über die Verantwortung der Wissenschaft sagte kürzlich ein bekannter Physiker, daß es nicht geraten sein könne, in einem brennenden Hause zunächst eine Feuerlöschordnung zu entwerfen oder gar Patentschriften für künftige Feuerlöschgeräte auszuarbeiten, anstatt sogleich Hand anzulegen.

LeerDieser Temperamentsausbruch eines hervorragenden Gelehrten enthält freilich nur die halbe Wahrheit, da bei der Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft sofortiger praktischer Einsatz und langfristige theoretische Besinnung eng miteinander zusammenhängen.

LeerKarl Knoch hat uns die vielfachen Gefahren eindringlich geschildert, die gegenwärtig etwa durch Physik, Biologie und Technik heraufgeführt worden sind und die uns dazu aufrufen, unverzüglich an der Brandstelle den Kampf mit dem Feuer aufzunehmen. Nicht minder wichtig ist es aber, aus den drängenden Gegenwartsaufgaben immer wieder zurückzutreten in die grundsätzliche Frage nach der Grenze des menschlichen Handelns überhaupt, auf die der Aufsatz von Karl Knoch zielt. Hinter dieser Frage verbirgt sich die grundlegende Entscheidung über den weiteren Weg des abendländischen Menschen, die uns und den kommenden Generationen aufgegeben ist.

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LeerGibt es aber nicht doch einen einfacheren Weg? Warum ist die Frage nach der Grenze von Wissenschaft und Technik mit so unlösbaren Schwierigkeiten belastet und warum macht sie sogleich eine Besinnung über die Zukunft des abendländischen Menschen überhaupt erforderlich?

LeerGewiß ist es menschlich sehr eindrucksvoll und ein weithin sichtbarer Aufruf zur Besinnung, wenn der italienische Arzt Dr. Petrucci, wie es uns Karl Knoch geschildert hat, bei seinen Versuchen mit befruchteten menschlichen Eiern die Weisung seiner Kirche einholt und sich dem Urteil des Osservatore Romano fügt. Dennoch ist es deutlich genug, daß die Frage nach der Grenze von Wissenschaft und Technik auf diesem Wege nicht gelöst werden kann, auch wenn Wissenschaftler und Techniker in sehr viel stärkerem Maße konfessionell gebunden wären.

LeerKonnte der junge Physiker Houtermans 1927 bei seinen Überlegungen über den Energiehaushalt der Sonne und der übrigen Fixsterne voraussehen, daß seine astrophysikalischen Untersuchungen einmal die entscheidende Voraussetzung für den Bau der Wasserstoffbombe darstellen würden? Kann man Planck und Einstein einen Vorwurf daraus machen, daß sie mit ihren bahnbrechenden Entdeckungen der Jahre 1900 und 1905 zugleich der Atombombe den Weg bereitet haben? Wäre es möglich, die Menschheit auf dem Standpunkt der klassischen Physik etwa der Jahrhundertwende zurückzuhalten und auf die entscheidende Wandlung des Verhältnisses des Menschen zur Natur zu verzichten, die sich in der Quantentheorie anzubahnen beginnt, auch wenn wir dann den Gefahren der Atombombe nicht ausgesetzt wären? Konnte Galilei ahnen, daß der von ihm so glänzend begonnene Weg der neuzeitlichen Naturwissenschaft im ABC der heutigen Kriegführung enden würde? So muß der Physiker und der Techniker damit rechnen, daß seine Entscheidungen in besonderem Maße der Beschränktheit des menschlichen Horizonts unterworfen sind und daß er die Folgen seines Handelns noch sehr viel weniger zu übersehen vermag als ein Wirtschaftler oder ein Staatsmann.

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LeerDie Tatsache, daß an entscheidenden Wegkreuzungen der neuzeitlichen Physik bewußte und leidenschaftlich theologisch interessierte Christen wie Kepler oder Newton gestanden haben, sollte uns vor der auch nur rückschauenden Betrachtung warnen, sämtliche Fragen seien bewältigt, wenn nur alle Naturwissenschaftler und Techniker bekehrte Christen seien.

LeerNotwendig ist vielmehr eine Besinnung über die Voraussetzungen, die der neuzeitlichen Physik und Technik zugrunde liegen und über das Verhältnis des Menschen zur Welt, aus dem die heutige naturwissenschaftlich-technische Weltbemächtigung erwachsen konnte f Wir können nicht erwarten, daß die subjektive, noch so redliche und vielleicht aus echter christlicher Verantwortung erwachsene Entscheidung eines einzelnen Menschen in die Tiefen reicht, in denen die Ursprünge des neuzeitlichen Geistes verborgen liegen, und eben hier beginnt uns die neueste Wendung der Physik, der Philosophie und zum Teil auch der Theologie die Augen zu öffnen.

LeerWas soll aber der einzelne Mensch tun, der nun einfach in der notwendigen Begrenztheit seines Horizonts, in der Belastung durch die bereits gefallenen Vorentscheidungen zum Handeln berufen ist? Es ist verständlich, daß sich die Physiker. durch die erschreckenden Aspekte der atomaren Kriegsmittel früher als die Gelehrten anderer Fachgebiete vor Entscheidungen dieser Art gestellt sahen.

LeerSo haben Physiker von Weltruf wie Niels Bohr oder James Franck die amerikanischen Regierungsstellen schon 1944 und 1945 darauf aufmerksam gemacht, daß sich das Geheimnis der Atombombe nur wenige Jahre werde hüten lassen und daß die Größe dieser Waffe eine grundlegende Wandlung aller politischen Verhältnisse unseres Planeten erzwingen werde. So haben sie der amerikanischen Regierung vorgeschlagen, den damals erreichten Vorsprung zu einem Vorstoß in dieser Richtung auszunutzen und die später auf Japan abgeworfenen Bomben allenfalls demonstrativ zu verwenden. Es ist nicht abzusehen, wieviel leichter der Weg der amerikanischen Politik seit 1945 gewesen wäre, wenn die durch die unerhörte Spannung des nahenden Kriegsendes belasteten Politiker und Militärs sich die Muße genommen hätten, diese freilich völlig ungewohnten Gedanken der Physiker nachzuvollziehen.

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LeerAuch die achtzehn Göttinger Physiker, die im März 1957 mit ihrem bekannten Aufruf hervorgetreten sind, haben für ihr Vorgehen viel Kritik geerntet, nicht nur von denjenigen, denen der Rat politisch unbequem schien, daß sich ein kleines Land wie die Bundesrepublik möglichst aus der atomaren Bewaffnung heraushalten solle. Man stieß sich vielfach gerade daran, daß sich der Physiker nicht wie bisher allein auf die Sorge für die Richtigkeit seiner Formeln und die Exaktheit seiner Messungen beschränkte, sondern sich zu einer umfassenderen Verantwortung für die Konsequenzen seiner Entdeckungen gerufen sah. Die Göttinger Erklärung ist ein Beispiel dafür, wie durch die moralische Entscheidung von Menschen auch die geistige Situation verwandelt werden kann, denn die aus der unmittelbaren Notwendigkeit der Stunde erwachsene Erklärung hat zugleich neue Möglichkeiten für die grundsätzliche Durchdringung der zwischen Physik und Ethik stehenden Fragen geschaffen. Das gleiche gilt für den Entschluß des berühmten russischen Physikers Kapitza, der der Aufforderung Stalins, beim Bau der russischen Atombombe mitzuwirken, unter Gefahr für Leib und Leben widerstanden hat.

LeerNach 1945 haben sich in Amerika und in England, 1959 auch in der Bundesrepublik Wissenschaftler, insbesondere Physiker zusammengeschlossen, um die neu sichtbar gewordene Verantwortung der Wissenschaft gemeinsam sowohl im praktischen Einsatz wie in theoretischer Besinnung zu bewähren, aber es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der hier beginnende Weg sehr lang und mühselig sein wird. Sehr notwendig wäre ein ähnliches Vorgehen auch auf dem Felde der Biologie, weil die dort heraufziehenden Gefahren für das Menschsein des Menschen möglicherweise noch sehr viel einschneidender sein werden als die äußerlich so augenfälligen Gefahren der Atomphysik. Wir können hier nur auf das schon vor dreißig Jahren veröffentlichte Büchlein von Aldous Huxley Schöne neue Welt und auf seine kürzlich erschienene Rückschau Wiedersehen mit der braven neuen Welt verweisen.

LeerEs ist selbstverständlich, daß die weltweite Christenheit in diesen Fragen zu einer besonderen Mitarbeit gerufen ist. So hat die Studienabteilung des Ökumenischen Rats der Kirchen 1958 ein bemerkenswertes Studiendokument Christen und die Verhütung des Krieges im Atomzeitalter zur Diskussion gestellt. Auch die von Karl Knoch besonders genannte Evangelische Studiengemeinschaft in Heidelberg hat 1959 einen Sammelband Atomzeitalter, Krieg und Frieden (Eckart-Verlag, Witten, 3. Aufl. 1962) vorgelegt, der eine zum Teil sehr leidenschaftliche Diskussion entfesselt hat, aber niemand kann darüber im unklaren sein, was Christen auf diesem Felde tun sollten und wie wenig sie zu tun vermögen.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 02-12-15
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