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Quatember

Was bedeutet "weltliche" Verkündigung des Evangeliums
bei Dietrich Bonhoeffer? (1)

von Dedo Müller
(Teil 1)


Leer"Was würde ich tun, wenn ich wüßte, in 4-6 Monaten wäre es zu Ende? . . . Ich glaube, ich würde noch versuchen, Theologie zu unterrichten wie einst, und oft zu predigen" - so schreibt Dietrich Bonhoeffer 1941. "Oft zu predigen", das schien ihm nicht nur sinnvoll, sondern das Gewisseste angesichts des Todes. Das Wort der Predigt hat und ist die Gegenwart Christi. Deshalb besitzt es unauswechselbare Majestät . . . Am Tag vor dem Tod hat Bonhoeffer, wie Eberhard Bethke, der vertraute Freund und Herausgeber seiner Werke im vierten Band der Gesamtausgabe mitteilt, noch einmal gepredigt, ohne Ornat, Kultraum und Liturgie, unter ein paar Protestanten, Katholiken, Agnostikern und Atheisten. Hier liegt der Schlüssel nicht nur für das Verständnis des Gesamtwerkes, sondern auch der alarmierenden Parole von der weltlichen Interpretation und Verkündigung des Evangeliums, die heilsamer- und begreiflicherweise Sensation gemacht hat, aber damit auch in die Gefahr geriet, zeitgemäß "weltlich" mißverstanden zu werden. Die Gesammelten Schriften, namentlich der vierte Band, geben nunmehr für jeden, der hören will, die Möglichkeit, die Frage zu beantworten, was Bonhoeffer mit dieser Parole eigentlich gemeint hat.

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1. Was meint Dietrich Bonhoeffer?

LeerKurz gesagt will das Wort von der "weltlichen" Interpretation die Predigt nicht unmöglich, sondern auf neue Weise möglich machen in einer total "religionslos" gewordenen Welt, in der das freilich nötig ist. Es geht ihm darin nicht um die Entwertung, sondern um eine neue "Inthronisation" der Predigt in der gegenwärtigen Welt, um das theologische Zentrum, um das "sacramentum verbi", nicht nur um die aktuelle Wirkung der Predigt. Das Wort von der weltlichen Verkündigung will also theologisch und nicht nur pädagogisch-missionarisch verstanden sein.

LeerEs ist offensichtlich nötig, das ausdrücklich und mit allem Nachdruck zu sagen. Es gibt ja Worte, die vom Kairos gefordert, die in einem ganz tiefen und unausweichlichen Sinn "fällig" sind und die deshalb bis zu einem gewissen Grade auch unmittelbar eingehen. So ist es offenbar mit dem Wort von der "weltlichen" Verkündigung. Es wirft auf die nun schon längst zur Tradition erstarrte Beziehungslosigkeit zwischen Kirche und Welt ein so grelles Licht, daß es auch noch Augen aufzureißen vermag, die sich mit diesem Zustand abgefunden haben. In diesem Wort hat offenbar einer auf die Pauke gehauen, der nicht nur Prediger im herkömmlichen Sinne, sondern der als Prediger zugleich "Akteur" ist und der es mit diesem Paukenschlag auch auf Ohren abgesehen hat, die ihre Schwerhörigkeit mit allen Mitteln der Kunst "theologisch" gerechtfertigt finden. Aber gerade weil das so ist, kommt nun alles darauf an, daß Kairosgerechtigkeit, das heißt das Gebot der Stunde, und Zeitgemäßheit nicht miteinander verwechselt werden. Denn wer könnte bezweifeln, daß es im Protestantismus schon seit geraumer Zeit eine ganz eigentliche Überläufertheologie gegeben hat, die auf nichts anderes hinauslief als eine theologische Bejahung, Rechtfertigung und Verklärung der gegebenen Welt und ihrer Ordnungen und Wirkungsweisen - und daß es diese Theologie auch heute gibt, wobei es keinen grundsätzlichen Unterschied ausmacht, ob sie in existentialistisch-nihilistischer oder in soziologisch-optimistischer Gewandung auftritt. Dietrich Bonhoeffer in diesem Sinn zu einem Uberläufertheologen zu machen, wäre die äußerste Schmach, die man ihm antun könnte.

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LeerDie somit geforderte realistisch-theologische, das heißt dem Wort Gottes selbst verpflichtete Interpretation des Begriffes einer "weltlichen" Verkündigung des Evangeliums verbietet auch die Ableitung aus der persönlichen Situation Bonhoeffers. Diese Situation der Gefangenschaftsbriefe war ja freilich bedrängend und verwirrend genug. Es hieße aber den charakterlichen und intellektuellen Rang Bonhoeffers verkennen, wenn man die Parole der weltlichen Interpretation dem Druck dieser Lage zuschreiben wollte. Die Briefe lassen gewiß deutlich erkennen, daß er an seiner Lage gelitten hat - wie sollte er bei seiner Sensibilität nicht darunter leiden! - Aber mit welcher souveränen Objektivität steht er dieser Bedrängnis gegenüber! "Ich habe es hier besonders erfahren, daß die Tatsachen immer bewältigt werden können und daß nur die Sorge und die Angst sie vorher ins Maßlose vergrößern. Vom ersten Aufwachen bis zum Einschlafen müssen wir den anderen Menschen ganz und gar Gott befehlen und ihm überlassen und aus unseren Sorgen für den anderen Gebete für ihn werden lassen. Mit Sorgen und mit Grämen . . . läßt Gott sich gar nichts nehmen . . .!" (2). Die Parole von der weltlichen Verkündigung kann also nicht als emotionaler Ausbruch, sie will sachlich-theologisch verstanden werden. Das wird auch an seiner Kritik an Karl Barth, dem er bei aller bleibenden Verbundenheit "Offenbarungspositivismus" vorwirft, wie an Rudolf Bultmann deutlich, den er noch in der Problematik des Liberalismus befangen findet: "Bultmanns Ansatz ist eben im Grunde doch liberal (d. h. das Evangelium verkürzend), während ich theologisch denken will" (3). Und theologisch heißt "nicht religiös". Denn religiös heißt "einerseits metaphysisch, andererseits individualistisch reden". Und "beides trifft weder die biblische Botschaft noch den heutigen Menschen" (4). Die Frage einer den heutigen Menschen wirklich erreichenden Verkündigung kann nur vom Zentrum der biblischen Botschaft her beantwortet werden. Diese Mitte aber liegt nicht in der "individualistischen Frage nach dem persönlichen Seelenheil", die "uns allen fast völlig entschwunden" ist. "Der Mittelpunkt von allem", schon im Alten Testament, in dem es "die Frage nach dem Seelenheil" überhaupt nicht gibt, ist die "Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden". Auch die paulinische Lehre, "daß Gott allein gerecht sei" in Röm. 3, 24 ff. meint "nicht eine individualistische Heilslehre". "Nicht um das Jenseits, sondern um diese Welt, wie sie geschaffen, erhalten, in Gesetz gefaßt, versöhnt und erneuert wird, geht es doch . . . Ich meine das nicht in dem anthropozentrischen Sinne der liberalen, mystischen, pietistischen, ethischen Theologie, sondern in dem biblischen Sinne der Schöpfung und der Inkarnation, Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi"(5). Diese zentral-theologische Intention bestimmt alle theologischen Abgrenzungen, die Dietrich Bonhoeffer vornimmt, mögen sie gegen die traditionelle christliche Apologetik, gegen die liberale Theologie, gegen die Oxforder, Berneuchener oder gegen Paul Schütz, Karl Heim, Paul Althaus, Paul Tillich, Rudolf Buhmann und schließlich gegen Karl Barth gerichtet sein. So summarisch, ja unzutreffend diese Abgrenzungen auch sein mögen, sie lassen doch das theologische Grundanliegen deutlich hervortreten: Christus soll nicht mehr nur "Gegenstand der Religion", sondern "wirklich" "Herr der Welt" sein und die "mündige" Welt soll nun ohne alle "Polemik und Apologetik" "wirklich besser verstanden werden, "als sie sich selbst versteht, nämlich vom Evangelium, von Christus her" (6).

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2. Das Problem der richtigen Konkretisierung.

LeerSo unzweifelhaft also die Intention Bonhoeffers feststeht, die Frage ist: wie wird sie richtig konkretisiert, wie sieht ihre praktische Durchführung aus? Die Beantwortung dieser Frage durch ihn selber hat das brutale Ende der Ermordung unmöglich gemacht. Und es ist nun wirklich, mit Karl Barth zu reden, die Frage, wie die Story weitergehen soll. Hier eröffnet nun die Herausgabe der Gesammelten Schriften neue Möglichkeiten. Nun läßt sich die Einzeläußerung vom Ganzen seiner theologischen Arbeit her auslegen. Dabei dürfen wir gewiß sein, in seinem Sinne zu handeln, wenn wir uns an das apostolische Prinzip halten: "Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig" (2. Kor. 3, 6). Jedenfalls aber will festgehalten sein, daß auch die Frage der Konkretisierung nicht dogmatisiert werden darf, sondern selbst ein theologisches Problem ist.
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Anmerkungen:
1: Verwiesen sei auf die ausführlichere Behandlung dieses Themas in meiner Abhandlung "Dietrich Bonhoeffers Prinzip der weltlichen Interpretation und Verkündlgung des Evangeliums" in: Theologische Literaturzeitung Oktober 1961, Sp. 722--744.
2: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung (im Folgenden abgekürzt WE), München: Kaiser 1954, S. 131 f.
3: WE, S. 183.
4: WE, S. 183 f.
5: WE, S. 184.
6: WE, S. 180/221.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 02-12-16
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