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Quatember

Was bedeutet "weltliche" Verkündigung des Evangeliums
bei Dietrich Bonhoeffer?

von Dedo Müller
(Teil 3)


Leerb) Nachfolge. Neben der Arkandisziplin ist die "Nachfolge" (13) eine der bleibenden Formen "religionsloser" Verkündigung in der "mündigen" Welt von heute. Schon in der Entstehungszeit der Schrift 1935-1937 ist es Bonhoeffer darum zu tun, "den vielen, denen die Kirche und ihre Botschaft fremd geworden ist", "das reine Wort Jesu" zu bringen. "Es ist doch nicht nur die Schuld der anderen, wenn sie unsere Predigt hart und schwer finden, weil sie belastet ist mit Formeln und Begriffen, die ihnen fremd sind" (14). In diesem Zusammenhang kommt es zur Unterscheidung von "billiger" und "teurer" Gnade und zur theologischen Wiederentdeckung des Gesetzes. "Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muß. Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft" (15). Bonhoeffer kämpft damit gegen jede Verflüchtigung und Verbilligung der Gnade "als Lehre, als Prinzip, als System", gegen eine Intellektualisierung der christlichen Botschaft, die aus dem Evangelium eine Lehre macht, aber das Leben und die Welt unverändert läßt und die Parole ausgibt, man müsse "um des Ernstes dieser Gnade willen" leben "wie die übrige Welt", "weltlich leben", statt sich "von der Welt mit seinem Leben" zu unterscheiden. "Das ist billige Gnade als Rechtfertigung der Sünde . . .; nicht Vergebung der Sünde, die von der Sünde trennt" (16). So ist ihm "Luthers Weg aus dem Kloster zurück in die Welt" der "schärfste Angriff, der seit dem Urchristentum auf die Welt geführt worden ist . . . Nachfolge Jesu mußte nun mitten in der Welt gelebt werden . . . Der vollkommene Gehorsam gegen das Gebot Jesu mußte im täglichen Berufsleben geleistet werden . . . Damit vertiefte sich der Konflikt zwischen dem Leben des Christen und dem Leben in unabsehbarer Weise. Der Christ war der Welt auf den Leib gerückt. Es war Nahkampf" (17).

LeerChristus wird hier ausdrücklich als "Mittler nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Wirklichkeit" verstanden. Nachfolge heißt Anerkennung der Tatsache, daß "alle Welt durch ihn und zu ihm geschaffen ist . . ." (18). Also keine kirchliche Binnenhaftigkeit, keine "spezifisch kirchliche Ethik", sondern Indienstnahme der Kirche für die Nachfolge in der "weltlichen" Welt. Die Entwicklung Bonhoeffers in den Gefangenschaftsbriefen ist also kein "qualitativer Sprung" in "etwas völlig Neues" hinein, sondern die Präzisierung und Radikalisierung der schon die 'Nachfolge' bestimmenden Erkenntnisse. So sieht er im Gefängnis zwar "die Gefahr dieses Buches". Aber er "steht doch nach wie vor zu ihm". Er hat nur deutlicher als damals erfahren, "daß man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt". Erst "wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen . . . und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Mißerfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeit leben, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme . . ." (19).

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LeerSchließlich will noch bedacht sein, daß "Nachfolge" nicht nur sittlichen Gehorsam gegen die im einzelnen ausgelegten Weisungen der Bergpredigt, sondern eine Grundhaltung der Welt gegenüber bedeutet; in der unbedingte Nähe und unbedingte Distanz, unbedingte Anerkennung und unbedingte Kritik untrennbar zusammengehören. "Es gibt ein unerlaubtes Bleiben in der Welt und eine unerlaubte Flucht aus der Welt" (20). Es besteht nicht der leiseste Anlaß dafür, daß sich diese Grundhaltung während der Gefangenschaft in eine distanzlose "optimistische" "immanente" Weltbejahung verwandelt habe. Ein solcher Wandel in der Grundstimmung stünde in direktem Gegensatz zu seinem Selbstbewußtsein: "Es gibt Menschen, die sich ändern und manche, die sich kaum ändern können. Ich habe mich, glaube ich, nie sehr geändert . . ." (21).

Leerc) Ethik. Schließlich ist für Bonhoeffer die "Ethik" eine der bleibenden Grundformen weltlicher Auslegung und Darstellung des Evangeliums in einer total religionslos gewordenen Welt. Das hängt mit seinem realistischen Grundverständnis der Ethik zusammen. Es geht in ihr um das "Wirklichwerden der Offenbarungswirklichkeit Gottes in Christus unter seinen Geschöpfen". Es ist "von letzter Wirklichkeit", "daß die Wirklichkeit Gottes sich überall als die letzte Wirklichkeit erweise", "diese Erkenntnis ist der Wende- und Angelpunkt aller Wirklichkeitserkenntnis überhaupt" (22). Die christliche Ethik meint "die Wirklichkeit Gottes als letzte Wirklichkeit außer und in allem Bestehenden, sie meint damit auch die Wirklichkeit der bestehenden Welt, die allein durch die Wirklichkeit Gottes Wirklichkeit hat" (23). Dieses realistische Anliegen der Beziehung zwischen Offenbarung und profaner Welt empfindet Bonhoeffer so sehr als eine Grundkomponente seines theologischen Selbstbewußtseins und seines Lebensgefühls, daß er in der Gefangenschaft sagen kann: "Manchmal denke ich, ich hätte nun eigentlich mein Leben mehr oder weniger hinter mir und müßte nur noch meine Ethik fertigmachen . . ." (24).

LeerBonhoeffer will das traditionelle "Denken in zwei Räumen", einem Reich des Natürlichen und einem Reich der Gnade und damit die falsche Alternative "Christus ohne die Welt oder die Welt ohne Christus" (25) ablösen. Er will deutlich machen, daß die Welt - und das heißt auch die religionslose Welt von heute - "ihren Bestand allein in Christus (Joh. 1,10; Kol. 1, 16)" hat - und zwar steht "die Welt in Beziehung auf Christus, ob sie es weiß oder nicht" (26). Und gerade "weil Jesus statt der Lösung von Problemen die Erlösung der Menschen bringt, darum bringt er aber auch wirklich die Lösung aller menschlichen Probleme - es wird alles zufallen` (Matth. 6, 33) - nur von ganz anderer Warte her" (Im Gefängnis in Tegel skizzierter Anhang zur Ethik unter der Überschrift: Über die Möglichkeit des Wortes der Kirche an die Welt).

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LeerWir müssen hier aus Raumgründen abbrechen und können nur noch erwähnen, daß sich Bonhoeffer ja schon als Einundzwanzigjähriger in seiner Dissertation "Sanctorum Communio" darum bemüht, "die in der Offenbarung in Christus gegebene Wirklichkeit einer Kirche Christi sozialphilosophisch und soziologisch-strukturell zu verstehen". Auch in dieser Bemühung um die richtige soziologische Gestalt der Kirche geht es offenbar um "weltliche" Interpretation des Evangeliums, nämlich um die Übersetzung seiner Gehalte in die profane Sprache der Sozialphilosophie und Soziologie.

LeerNur ein Hinweis muß zum Schluß noch mit allem Nachdruck gegeben werden: das Postulat Bonhoeffers von der weltlichen Auslegung des Evangeliums verträgt keine terminologische Dogmatisierung. Noch einmal gilt hier: "Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig" (2. Kor. 3, 6). Das gilt für alle drei Begriffe: mündig, religiös und weltlich. Ihre Fragwürdigkeit liegt darin, daß sie nur das Bewußtsein, aber nicht die Wirklichkeit des Menschen von heute treffen.

LeerGewiß: das etwa vom 13. Jahrhundert an mit der Gewalt einer Naturkraft sich entwickelnde Mündigkeitsbewußtsein des modernen Menschen will bis ins letzte und in allen seinen Konsequenzen ernst genommen sein - ganz anders, als das in der traditionellen Verkündigung der Kirche geschehen ist. Aber Mündigkeitsbewußtsein und wirkliche Mündigkeit ist nicht dasselbe, und das will gerade dort scharf unterschieden sein, wo es um Verstehen und doch nicht bloß um Einverstandensein geht. Wer die "Mündigkeit der Welt" "besser verstehen" will, als sie sich selbst versteht, dem muß deutlich werden, daß der moderne Mensch seine Mündigkeit längst in geradezu unheimlicher Weise an unpersönliche Mächte aller Art, besonders an dogmatisch erstarrte Ideologien, verloren hat.

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LeerDeshalb reicht auch der Religionsbegriff Bonhoeffers nicht an die wirkliche Lage heran. Natürlich ist der Mensch von heute weithin bewußtseinsmäßig unreligiös. Seinsmäßig steht er im Bann einer unbewußten Gläubigkeit an irdische Realitäten, auf die er im Sinne Luthers sein "Herz hängt und verläßt" und die ganz eigentlich seine Götter sind. Gewiß müssen hier all die Erkenntnisse festgehalten werden, die Bonhoeffer zur Ablehnung des Religionsbegriffs führen. Es ist im besonderen die schon von Karl Barth aufgezeigte Gefahr des Religionismus, der genau wie die Gesetzlichkeit zu einem letzten gefährlichsten Seinwollen wie Gott, zu einer Selbstrechtfertigung, ja Selbstvergötterung des Menschen führt. Aber es ist genau wie beim Gesetz nicht möglich, daraus die Konsequenz der Eliminierung des Religionsbegriffs aus der Sprache der Verkündigung zu ziehen. Es gilt hier vielmehr, in die Interpretation und Anwendung des Bonhoefferschen Prinzips all die Erkenntnisse sinnvoll aufzunehmen, die schon in der Feststellung Max Schelers beschlossen liegen, daß der "religiöse Akt" "von jedem Menschen notwendig vollzogen" (27) wird, und die in der neuesten Psychologie und Psychotherapie der Gegenwart, neben vielen anderen vor allem durch die Wiener Viktor E. Frankl, Igor Caruso und W. Daim überraschend und aufregend bestätigt worden sind.

LeerSchließlich aber wird es notwendig sein, an Stelle des Begriffs "weltlich" den Begriff "welthaft" treten zu lassen. Weltlich bedeutet weltverhaftet, weltverfallen. Welthaft bedeutet weltzugewandt, weltverpflichtet. Welthaftigkeit gehört unabdingbar zur Substanz des christlichen Glaubens: "Also hat Gott die Welt geliebt . . ." Es geht um das Heil der Welt. Weltlichkeit ist der Gegenschlag des Säkularismus gegen die unerlaubte Flucht aus der Welt, von der Bonhoeffer redet. Wer diese Intention ernstnehmen will, darf ihn auch hier nicht terminologisch dogmatisieren.
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Anmerkungen:
13: Nachfolge ³ München 1950, Berlin 1954.
14: A. a. O., S. 5.
15: A. a. O., S.13.
16: A. a. O., S. 12.
17: Nachfolge, S. 17.
18: Nachfolge, S. 69.
19: WE, S. 248 f.
20: Nachfolge, S. 240.
21: WE, S. 174.
22: Ethik, S. 55 f.
23: A. a. O., S. 6o.
24: WE, S. 118.
25: Ethik, S. 62.
26: A. a. O., S. 70.
27: Vom Ewigen im Menschen, Leipzig 1921, S. 559

Quatember 1962 (S. 167-175)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 02-12-16
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