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Quatember

Die Grenze
Leserstimmen

von Hans Carl von Haebler
(Teil 1)


LeerDie im letzten Osterheft aufgeworfene Frage nach den Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind, ist von den Lesern unserer Zeitschrift, man kann schon sagen, leidenschaftlich aufgegriffen worden. Offenbar sind wir auf ein Zentralproblem gestoßen, das uns alle aufs tiefste bewegt.

LeerWir bilden uns nicht ein, dieses Problem lösen zu können, das heute der ganzen Menschheit Kopfzerbrechen macht. Es wäre aber schon etwas gewonnen, wenn wir Ansatzpunkte finden könnten, die einen Einstieg ermöglichen. Von den Fragen von Karl Knoch und von den Hinweisen von Günter Howe ausgehend und die Leserzuschriften auswertend hat der Verfasser versucht, diese Arbeit zu leisten. Karl Knoch und Günter Howe haben sich der Mühe unterzogen, sie durchzusehen und einiges zu verbessern und zu ergänzen. Insofern darf sie als das Ergebnis gemeinsamen Nachdenkens bezeichnet werden.

LeerVersuchen wir zunächst, aus den Zuschriften der Leser herauszuhören, was für die Beantwortung unserer Frage von Bedeutung ist! Es gibt Leser, die es für ein Wesensmerkmal des Menschen halten, daß ihm von Gott Grenzen gesetzt sind, und dabei an den Baum der Erkenntnis erinnern; und es gibt Leser, die es für abwegig halten, den Wissenschaften Grenzen zu setzen - Grenzen, die immer schon überschritten sind, wenn man ihrer inne wird. Es haben sich aber auch Stimmen gemeldet, die Unterschiede machen und etwa die Atom- und Luftraumforschung bejahen, die Versuche, Leben auf künstlichem Wege herzustellen, dagegen unbedingt ablehnen. Andere Leser vertiefen die Frage, indem sie die den Menschen gesetzten Grenzen relativieren: der Mensch sei in ständiger Entwicklung begriffen und trage Kräfte in sich, die den Atomkräften ähnlich seien und ihn zerreißen würden, wenn sie nicht allmählich zur Entfaltung kämen. Gott setze den Menschen von Zeit zu Zeit immer wieder neue Grenzen und mit diesen Grenzen Aufgaben, für die jeweils neue Kräfte des Denkens aufgeboten werden müßten. Diese Aufgaben aber beständen darin, daß der Mensch den "Rückschritt" ausschalten soll, der mit jedem "Fortschritt" in der Forschung verbunden ist, so wie der Arzt die Aufgabe hat, die unerwünschten Folgen eines Heilmittels auszuschalten. Wenn wir uns von diesen Aufgaben dispensieren und lieber Zäune aufrichten, um den Fortgang der Geschichte zu bremsen, dann verzichten wir auf die Freiheit innerhalb des uns gegebenen Spielraums, und die Zeit wird über uns hinweggehen. Die Tatsache, daß Gott uns Grenzen setzt, kommt nicht in Normen zum Ausdruck, die ein für allemal festliegen, sondern darin, daß dem Wissen das Gewissen zugeordnet ist. Der äußeren Grenze entspricht eine innere Grenze in uns selber; doch ist auch diese Grenze vorläufig. Indessen ist "das individuelle Gewissen", wie Günter Howe zu diesem Leserbeitrag bemerkt, "ja weitgehend machtlos, und es geht deshalb darum, daß die Christenheit insgesamt oder stellvertretend durch ihr prophetisches Amt überhaupt den Horizont in Frage stellt, in welchem sich unsere Entscheidungen vollziehen, und das heißt dann wieder, daß wir die geschichtlichen Vorentscheidungen zu überprüfen haben, die zu unserer heutigen Lage geführt haben".

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LeerZu beherzigen ist auch die Bemerkung, daß wir die Ohnmacht, die uns angesichts der Entwicklung von Wissenschaften und Technik überkommt, nicht mit der Machtlosigkeit verwechseln dürfen, die wir vor dem Herrn des Kosmos empfinden.

LeerWas die Wissenschaften anbetrifft, so sind wir Laien in der Verlegenheit, daß wir nicht sachverständig sind und doch mitreden möchten; denn es geht ja um unser Leben. In dieser Verlegenheit verfallen wir leicht in den Fehler, ihnen von uns aus Grenzen zu ziehen und sie womöglich mundtot zu machen. Doch würden wir damit den Spielraum unausgenutzt lassen, den der Herr des Kosmos uns zum Leben zuweist, und uns von vornherein der Möglichkeit begeben, in dem Spiel der Kräfte mitzuwirken und ihm eine gute Wendung zu geben. Was soll aber der Mensch tun, der nicht sachverständig ist und nicht mitreden kann in dem Prozeß, in den er doch selber verwickelt ist? Auf diese Frage haben unsere Leser drei Antworten gefunden: er soll, wo er es für geboten hält - zum Beispiel in der Frage der künstlichen Befruchtung oder der Tötung "lebensunwerten" Lebens - den Mut zu einem persönlich zu verantwortenden, vorläufigen Nein aufbringen, um das Gewissen der Sachverständigen und Spezialisten zu schärfen; er soll ferner seine Verantwortung in dem Bereich wahrnehmen, in dem er selber zuständig und sachverständig ist; und er soll schließlich betend und fürbittend hinter den Spezialisten der Wissenschaft, der Technik, der Politik stehen, die stellvertretend für die ganze Menschheit zu handeln haben. Denn auch auf diesen Gebieten darf, wie in einer anderen Zuschrift betont wird, nur geschehen, was wir Gott zu Lob und Ehre bringen können. Der Schreiber dieser Zeilen fügt ein Gedicht bei, das sich an Simon Dachs Choral (EKG 322) anlehnt und in dem es heißt:
Könnten wir doch wandern wie die Väter,
heimzukommen früher oder später!
All ihre Plagen
waren mit dem Heimweh leicht zu tragen.
Der Roboter klappert - leere Hüllen!
Nur der Engel kann mit Lob erfüllen
Hebel und Schrauben.
Wir, wir aber können nicht mehr glauben.
LeerSoweit die Leserstimmen! Was die Verantwortung und Mitarbeit des einzelnen, besonders des Nicht-Spezialisten anbetrifft, so wird sich nicht viel mehr sagen lassen. Es ist, abgesehen vom Gebet, über dessen Kraft und Wirkung sich nicht diskutieren läßt, herzlich wenig. Aber wir werden zugeben müssen, daß wir es auch an diesem Wenigen fehlen lassen.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 02-12-16
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