Die ökumenische Bewegung zeigt zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten eine sehr verschiedene Gangart. Man hat den Eindruck, daß heute manche Uhren reichlich vorgehen, andere bleiben weit zurück. Manche aber scheinen völlig still zu stehen. Das sollte uns weder erschrecken noch deprimieren. Solche Beobachtungen sind kritisch zu beurteilen und in einem größeren Zusammenhang zu sehen.
Wenn die Kurse einer Wertpapiergruppe von 1910 bis 1970 bei manchem Auf und Ab im Ganzen eine steigende Tendenz gehabt haben, im Augenblick aber stark absinken, so ist das in aller Regel kein Grund zum Abstoßen, sondern zum Einsteigen für den, der Gewinne erzielen will. Ähnliche Vergleiche aus dem Geschäftsleben werden auch im Evangelium nicht verschmäht, um zu zeigen, was die Stunde geschlagen hat. Der erste ökumenische Impuls in unserem Jahrhundert ging 1910 von der Weltmissionskonferenz in Edinburgh aus. In der kleiner werdenden Welt mit der zunehmenden gegenseitigen Kenntnis waren die Missionare auf steigenden Widerstand gegen den Absolutheitsanspruch ihrer Heimatkirchen gestoßen: "Einigt euch untereinander, bevor ihr uns zu Christen machen wollt, denn wir können doch nicht entscheiden, wer von euch das wahre Christentum vertritt." Dieser Impuls hat bei der beschleunigten Kommunikation unserer Jahrzehnte nichts von seiner Dringlichkeit eingebüßt. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Kirche in dieser Welt. Es geht in der Mission um Kooperation statt Konkurrenz, und das muß sich auf die Heimatkirchen auswirken.

Eine andere Quelle für die Aufweichung starrer Konfessionsfronten war die Anwendung historisch-kritischer Methoden in der Auslegung der Heiligen Schrift. Nachdem die Gefahr zurückgedrängt war, daß diese Methoden zu einer bloß rationalistischen Auflösung führten und dem Unglauben dienten, fanden sich Theologen der verschiedenen reformatorischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche in dem gemeinsamen Bemühen, die Inhalte der Offenbarungsurkunde so zu interpretieren, daß sie von heutigen Menschen ohne Verleugnung gesicherter Erkenntnisse der Wissenschaften angenommen werden können. Ohne Abstriche am ursprünglich gemeinten Inhalt geht es um die im Horizont unseres gegenwärtigen Denkens und Lebens mögliche Form der Aussagen. Außerdem geht es darum, daß die verschiedenen Glaubensaussagen nicht alle den gleichen Stellenwert haben. Man muß zwischen zentral wichtigen und Randfragen in der Verkündigung unterscheiden und kann nicht mehr die Annahme jedes einzelnen Satzes unter Androhung ewiger Verdammung fordern, wie das doch einmal in allen Konfessionen üblich war.
Spätestens seit dem II. Vatikanischen Konzil hat auch in der katholischen Kirche die kritische Bibelwissenschaft einen angemessenen Freiheitsraum gewonnen, und es wird zwischen Inhalt und Form alter dogmatischer Aussagen unterschieden sowie eine Rangordnung in der "Hierarchie der Wahrheiten" anerkannt. Überhaupt brachte das Konzil einen vorher nicht erwarteten Durchbruch zu einer ökumenischen Öffnung. So gewiß dies unter anderem auch durch die Liturgische Bewegung und die Bibelbewegung vorbereitet war und starken Anhalt an der Entwicklung der im Genfer Weltrat der Kirchen zusammengefaßten ökumenischen Bewegung hatte, so war doch der charismatische Schwung von entscheidender Bedeutung, den ein so konservativer Mann wie Papst Johannes XXIII. dem Konzil gab. Mit Recht wurde von deutlichen Wirkungen des Heiligen Geistes gesprochen. Es wurde eine bis dahin unübersteigbar scheinende Grenze überschritten, und man muß nun nicht mehr wählen zwischen einer nur jenseitig-metaphysisch vorstellbaren Einheit der Kirche Jesu Christi und der Heimkehr der Getrennten in den Schoß der römischen Kirche. Vielmehr wurden die ersten Schritte zu einer Einigung unserer Kirchen in dieser Welt beschritten, ohne daß bleibende Verschiedenheiten geleugnet werden müssen. Hinter diese geistliche Grenzüberschreitung werden wir nicht mehr zurückgehen können.

Es kann aber nicht verwundern, daß die ökumenische Bewegung auch aus der außerkirchlichen Welt fördernden Einfluß erfährt. Der Hinweis, daß die "Kinder dieser Welt" klüger sind als die "Kinder des Lichts" ist sicher nicht auf die Zeit Jesu zu beschränken. Es wächst heute die Einsicht, daß die Probleme dieser Welt nur zu lösen sind, wenn allmählich aus einer konkurrierenden nationalen Außenpolitik eine gemeinsam verantwortete Weltinnenpolitik wird. Der Ausschließlichkeitsanspruch der großen Machtblöcke muß einer Kooperation weichen, durch welche die Grenzen durchlässiger werden. Vergleicht man die Leichtigkeit, mit der heute die Grenzen zwischen westeuropäischen Staaten hin und her überschritten werden können, mit der Lage an der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, so kann die dortige Abriegelung nur als völlig unzeitgemäß empfunden werden. Eine Änderung dieses Zustands ist jedoch nicht zu erreichen, wenn von vornherein volle Gegenseitigkeit, gefordert wird. Auch Vereinbarungen, die zunächst einmal nur in einer Richtung den Verkehr erleichtern, müssen begrüßt werden, und man darf hoffen, daß mit der Zeit auch Erleichterungen in der anderen Richtung folgen.
Den Kirchen stünde es in dieser Zeit schlecht an, wenn sie nach wie vor auf der absoluten Undurchlässigkeit ihrer Grenzen beharren wollten, um jeden außerordentlichen Grenzübertritt als ein Sakrileg zu verfolgen und jede Konversion als einen Sieg zu feiern. Wo mehr auf dem Spiel steht als irdischer Friede und menschliche Wohlfahrt kann man um der Sache willen einen gegenseitig sich verdammenden Ausschließlichkeitsanspruch nicht länger vertreten. Gottlob sind die Konfessionsgrenzen seit langem immer poröser geworden, wenn auch der volle gegenseitige Austausch im Geben und Nehmen geistlicher Gaben noch nicht erreicht ist. In diesem Stadium wäre es weltfremd und töricht, in jeder Einzelfrage nur dann einen Schritt über die Grenze zu wagen, wenn volle gegenseitige Parität zugesichert wird. Eine solche Haltung hieße den ökumenischen Fortschritt in unnötiger Weise durch ungeistliche Bedingungen blockieren. Wer zur Kommunion in einer katholischen Eucharistiefeier nur dann bereit ist, wenn volle Gegenseitigkeit garantiert wird, muß sich fragen lassen, ob er aufrichtig bereit ist, unter Brüdern den unteren Weg zu wählen. Es ist verständlich, daß Kirchenleitungen, die von einem schwer beweglichen Verwaltungsapparat umgeben sind, den Veränderungen in der Praxis nur langsam und oft zögernd folgen, selten aber einmal selbst vorangehen. Dennoch ist nicht alles, was an der Basis in "vorausschauender Loyalität" geschieht, als Unordnung und Willkür abzuwerten. Ein Beispiel für viele ist die sogenannte ökumenische Trauung. Seit 1967 haben einzelne Pfarrer ohne ausdrückliche Erlaubnis und ohne eine amtliche Ordnung versucht, konfessionsverschiedenen Brautpaaren, die dafür offen waren, seelsorgerlich zu helfen, indem sie bei Trauungen brüderlich zusammenwirkten. Diese Praxis fand in der Öffentlichkeit schnell zustimmende Aufmerksamkeit und in Kreisen der Pfarrerschaft bald wachsende Nachahmung. Warnungen und Verbote, vor allem der evangelischen Kirchenleitungen, vermochten die Ausbreitung solcher Trauungen nicht einzudämmen. Darauf entschlossen sich die bisher bremsenden Kirchenleitungen zu einem schnellen Schritt nach vorn, und seit dem 1. Oktober 1970 liegt die Zustimmung der deutschen katholischen Bischofskonferenz und des Rates der evangelischen Kirchen in Deutschland dafür vor, daß jeder Pfarrer den Wunsch eines Brautpaares nach gemeinsamer Trauung durch Hinzuziehung eines Pfarrers der anderen Konfession erfüllen kann. Daß sich daraus Konsequenzen für Taufe und Erziehung der Kinder und für eine wachsende ökumenische Offenheit im gemeinsamen Gottesdienstbesuch und auch in der gegenseitigen gastweisen Teilnahme an der Kommunion ergeben, liegt auf der Hand. Ebenso deutlich aber ist, daß praktische Erfahrungen in der Bewältigung pastoraler Notsituationen vorausgehen müssen, bevor neue Gesetze oder hilfreiche Ordnungen dem lebendigen Fluß der Entwicklung folgen können.

Manche sehen nun in diesem Zusammenhang die Gefahr einer neuen Kirchenspaltung heraufkommen. Man spricht von einer dritten Konfession, um diejenigen zurückzuhalten, die mit Entschlossenheit schon jetzt so viel als irgend möglich im kirchlichen Leben gemeinsam tun, in der Erwartung, daß eine wachsende Kooperation der Konfessionen unvermeidlich ist. Die Gefahr einer neuen Spaltung dürfte jedoch in Wirklichkeit sehr gering sein. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der schon eine geringe Abweichung in theologischen Fragen genügte, um ein neues Kirchengebilde aufzubauen. Abgesehen von kleineren sektiererischen Neubildungen, die in Zeiten des Übergangs immer zu wuchern pflegen, ist heute vielmehr die Zeit der größeren Zusammenschlüsse. Obwohl vorwärtsdrängende und bremsende Kreise in beiden großen Konfessionen sich oft den Gleichgesinnten in der anderen Konfession sehr eng verbunden fühlen, erwächst daraus doch nicht die Absicht einer Loslösung von der eigenen und Gründung einer dritten Konfession, sondern viel eher drängt dieser Sachverhalt zu einer stärkeren Annäherung der Kirchen im Ganzen. Dabei werden Unterschiede so ähnlich zu respektieren sein, wie es in der anglikanischen Kirche schon seit dem vorigen Jahrhundert selbstverständlich geworden ist, daß die gegensätzlichsten Gruppen von "high" und "low" unter dem Dach der gleichen Diözese leben.
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