Zu der Frage, wie es geistig um uns heute bestellt sei, macht der Schweizer Dirigent Ernest Ansermet in seinem Buch. "Les fondements de la musique dans la conscience humaine" (Neuchâtel 1962) die Bemerkung: "An der Schwelle unserer Epoche ist der westliche Mensch als geistiges Wesen und mit ihm die westliche Geschichte, soweit sie vom menschlichen Bewußtsein abhängt, in einen Tunnel eingetreten. Denn es heißt für den Menschen in einen Tunnel und in die Nacht eintreten, wenn er das Bewußtsein der Grundlagen der Dinge und seiner eigenen Existenz verloren hat." Die in diesem Bild (ich meine: zutreffend) beschriebene Abschließung vom Umgebenden bedeutet zugleich die Ausschließung des Vorgegebenen und Vorgebenden (Bestimmenden) aus dem Bewußtsein.
Kennzeichnend für die Situation "im Tunnel' ist die Ausschließung Gottes - (daher die eifrige, die wuchernde Produktion von "Götzen" = von "gemachten Göttern"...) also die Ausschließung von "Schöpfung" - (daher das denaturierte Verhältnis zur Natur - und ihre Zerstörung durch das "Gemachte" - durch unsere "Gemächte" . . .) also die Ausschließung von "Erlösung" - (daher die Hoffnungslosigkeit und die eifrige Verfertigung von Hoffnungen - d. h. von Utopien und Utopismen . . .) schließlich die Ausschließung von" Heiligung" - (daher das Leben ohne das, was die Mystiker das "göttliche Licht" nannten - das ist ein "geheimnisloses Leben" und das ist: .sinnloses Leben" - und die allseits betriebene Bemühung der "Sinngebung" - also der "Selbstsinngebung", also des .gemachten", nicht des "einleuchtenden' Sinnes, nicht des "verliehenen", nicht des "genadenden' Sinnes.) Das Leben im Tunnel ist gleichermaßen "entwurzelt und gnadenlos". Man hat, an dieses Bild von Ansermet anschließend, die Frage aufgeworfen: "Hat der Tunnel ein Ende?"
Es gibt Leute, die das bezweifeln. Dann führt der Tunnel in den Tod . . . Dies genau aber ist der Punkt, an dem ich die Aufgabe der Bruderschaft in der gegenwärtigen, Welt zu erkennen vermeine: daran, daß dieser Tunnel ein Ende hat, nicht zu zweifeln - sondern sich und die anvertraute Zeit Gottes gegenwärtig zu halten - in leitourgia, martyria, diakonia und koinonia. Und dies folgendermaßen:

Leitourgia: Es gilt heute, in dieser Sache - "Gottesverehrung" - eine besondere Schwierigkeit zu bestehen: Gott ist zwar überall und allezeit verehrbar - aber "im Tunnel" fällt das schwerer als "auf dem Berge" . . . Wir erfahren alle deutlich, wie schwer es heute ist, Gottes gewärtig zu sein, Ihn zu "verehren", den "Bund mit Ihm" zu halten . . .
Im Tunnel hallen unsere Worte hohl und gespenstisch zurück: das ist es, was uns an unserer Liturgie heute so betroffen, so bestürzt macht! So daß wir meinen, wir müßten sie lassen. Die Meinung, es liege an der "Form", verkennt die Situation. Die Bedeutung, die wir der Form, also dem Machbaren an der Liturgie beimessen, ist kennzeichnend für diese Verkennung und ist die für die Gegenwart typische "Versuchung".

Martyria: Welcher Weise ist uns heute Zeugnis geboten? Wir haben vom Apostel die wichtige Weisung angenommen, den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche zu sein; die Bemühung, dieses zu sein, ist allgemein, wie sie allgemein anerkannt. Dringlicher aber als dieses stellt sich uns heute die Forderung, den Juden wie den Griechen ein Apostel Christi zu sein!
Wir reden nämlich alle mit Eifer mit den Juden auf Jüdisch, mit den Griechen auf dem, was wir für Griechisch halten - aber was? Es genügt nicht, mit denen, die in der Finsternis des Tunnels sitzen, finster zu sein. Das kleinste Licht wäre hier von hohen Gnaden . . .
Zeugnis geben jetzt und hier heißt: mit den Gefangenen als die Gefangenen, welche wir nämlich sind, frei zu sein. (Denn die Freiheit bestimmt sich nicht durch Erlaubnis, sondern durch innere Kraft.)
Oder: mit den Hungernden als die Hungernden, welche wir sind, hungern: aber als die da "fasten mit gesalbtem Haupt".
Oder: wenn Gott sein Antlitz verbirgt, ist es nicht unsere Möglichkeit, daß wir uns mit den "Gottlosen" der Gottlosigkeit ergeben; sondern dann besteht das Zeugnis darin, (nicht Gott anzuklagen, sondern) die Klage vor Gott zu bringen, daß "kein Prophet mehr unter uns ist" (Ps. 74, 9); die Klage nicht mehr verstummen zu lassen, bis "Er den Himmel zerreißt und herabfährt". Dieses ist das "Martyrium des Glaubens": wenn der Himmel verschlossen ist, dem Himmel offen zu bleiben . . . Das ist auch der Sinn der Bitte um den Heiligen Geist". (Sollten wir nicht vermögen, unter diesen Umständen dieses Zeugnis zu geben, müssen wir es lassen - aber wir dürfen nicht unser Unvermögen zum Zeugnis erheben.)
Oder: wir haben nicht die Aufgabe, den Zeitgeist zu bezeugen - sondern den Geist Gottes dem Zeitgeist! Denn wie alle Geister hat auch der Zeitgeist sein Heil nur von dem Geist Gottes. Es ist unsere Aufgabe, dem Ansprüche stellenden Zeitgeist zu antworten - auch, wenn es sein muß, im Widerspruch! Wenn dem Zeitgeist nicht mehr widersprochen wird (aus plausiblen Gründen: denn Widerspruch ist selbstverständlich gefährlich - bis zum Martyrium, vor allem dem der Lächerlichkeit), lassen wir ihn in die Irre rasen und werden schuldig an dem Unheil, das er anrichtet. Ich sage nicht: der Zeitgeist ist der Feind und "wir müssen dagegen sein" - sondern ich sage: er ist der Geist der Zeit, welcher wie alles, was zeitlich ist, sein Heil nur in der "Ewigkeit" findet - oder nicht: er ist darum angewiesen auf das Christuszeugnis.
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