"Ihr habt zuviel Himmel im Kopf!" Dieser Einspruch galt den Jesus people beim Festival Ende 1971 in Hamburg. Immer wieder hatten bekehrte junge Menschen ihr Zeugnis abgelegt. In der Verzweiflungphase nach der Droge oder mitten in bedrückenden familiären oder beruflichen Konflikten war ihnen etwas begegnet. Sie nannten es Jesus. Es geschah, weil man ihnen ohne Aggression, ohne Aufklärung und ohne Diskussion entgegentrat. Das Trommelfeuer gesellschaftlicher Diskriminierung und der eigenen Depression war unterbrochen. Die ganze Bandbreite der analytisch rationalen Kommunikation war verdrängt durch eine einfache Zusage, durch einen Akt der Liebe. Man war akzeptiert. Weil du ein Mensch bist, bist du geliebt. Gott will es! Wir wollen es! Dieser Erfahrung also wurde entgegengehalten: Ihr habt zuviel Himmel im Kopf.
Geht man den Protesten gegen die Jesus people oder andere Erweckungsfrömmigkeit nach, so heißt es immer wieder: Zu unkritisch, zu gefühlsbetont, zu wenig sozial aktiv. Im Unterton schwingt mit: Eigentlich doch nicht ganz glaubwürdig! Ein Assistent am Seminar für systematische Theologie der Universität Hamburg hatte auf einer Tagung über die Jesus people einen Vortrag über "Integration des Gefühls in die Erfahrung des Glaubens" zu halten. In diesem Vortrag bekennt er: "Ich selbst komme stark vom rationalen Denken her und hatte Schwierigkeiten mit den Jesus people ... Ich habe allerdings einige Tage lang die Berliner Gruppe inkognito untersucht ... und kann also, ob es mir lieb ist oder nicht, die Fakten ... nur bestätigen. Ich habe auch mit Leuten gesprochen, die von Rauschgift frei wurden und konnte das, soweit die Zeit reichte, nachprüfen. . ."
Für die von den verfaßten Kirchen verantwortete Arbeit und angesichts der Tendenzen einer auf Rationalität und Sozialität tendierenden Theologie sind dies unerwartete und außenseiterische Phänomene. Sind sie es wirklich oder meldet sich Verdrängtes, Abgeblendetes wieder zu Worte? Ich möchte dieser Frage nach zwei Richtungen nachgehen, nämlich empirisch religionspsychologisch und theologisch.
I.
Leider wissen wir immer noch sehr wenig über den Kern religiöser Erfahrung oder über das Zentralgeschehen der Frömmigkeit. Traditioneller Dogmatismus und die prinzipielle Scheu, hier anthropologisch aufzuhellen, haben zumeist unbefangene Forschung verhindert. Die klassische Religionsgeschichte und die Untersuchung anderer Religionen hat wenig beigebracht. Erst mit der Wende des letzten Jahrhunderts (vergleiche als Übersicht Werner Gruehn: "Die Frömmigkeit der Gegenwart") entsteht etwa mit den Arbeiten der beiden Amerikaner James und Starbuck ein Versuch, religionspsychologische Erkenntnisse zum Bekehrungsproblem auf empirischer Basis zu ermitteln. Entscheidend wurde in den zwanziger Jahren in Europa Girgensohns "Seelischer Aufbau des religiösen Erlebens". Damals entstanden Gesellschaften für Religionspsychologie und ähnliches. Doch das soeben ausgebreitete Interesse wurde durch die dialektische Theologie wieder zurückgedrängt.
Immerhin kann man nach Girgensohn das religiöse Erlebnis allgemein als "Synthese von Ichfunktion und Gedanke" deuten. Damit ist etwa gemeint, daß die Gesamtperson in ihrem Fühlen, Denken und Wollen sich mit einem durchschlagenden Widerfahrnis verbindet, mit einem zentralen "Wert". Grönbaek nannte dies die "Zentralmomente" der seelischen Struktur. Im Blick ist hier nicht der Tiefenbegriff der Psychoanalyse. Vielmehr denkt man an Universalität des Ergriffenseins der Person in Verbindung mit Universalität des Anspruchs oder der Zusage, dies freilich erfaßt bis in den Personkern. Es ist ein elementares Evidenzerlebnis. Erkenntnisse, Einsichten, Gefühle, Impulse richten sich auf etwas, was vorher nie im Spiel war. Nach Allport sind solche Erfahrungen gelegentlich "spezifisch", das heißt, man kann sie in der Regel datieren. Ihre Wirkung jedenfalls ist allgemein. Sie sind mit dynamischer Gewalt geladen und breiten sich über die ganze Persönlichkeit aus. Als Ergebnis steht eine "neue Persönlichkeit vor uns, die grundsätzlich von der alten verschieden sein kann".
Freilich sind solche Wandlungen nicht nur auf religiöse Erfahrungen beschränkt. Es gibt auch in anderen Bereichen das Erlebnis plötzlicher und jedenfalls sich zügig aufdrängender Evidenz. Große christliche Beispiele sind Paulus, Augustin, Luther, Pascal. Mit den durchbruchsartigen Wandlungen ist nicht ausgeschlossen, daß die "Synthese von Ichfunktion und Gedanke" oder das "Zentralmoment" der seelischen Struktur auch Ergebnis eines Erziehungskontinuums sein kann, und zwar entweder durch Erziehungsabsicht oder durch das Erziehungsmilieu. Dann reiht sich Baustein an Baustein, oder der Mensch nimmt in dieser Beziehung nichts anderes wahr als die Geschlossenheit der Einstimmung ins Dasein. wie es in seinem Leben vorgegeben ist. Wesentlich bleibt das Erlebnis umfassender Evidenz.

Paradoxerweise ist das unerwartete Geschehen vorbereitet. Es gibt, soweit die empirischen Untersuchungen von Zeugnissen, Briefen und Befragungen erkennen lassen, eine negative Disposition. Bedrückung, ausweglose Existenz, Gewissensbisse, Niedergeschlagenheit, aber auch gesellschaftlicher Druck eines entsprechenden Bekehrungsmilieus bereiten den Boden. Das Erlebnis, das dann aber eintritt, wird als echtes Widerfahrnis empfangen. So war der Ausweg nicht erwartet. Der Ausweg hätte auch das Gegenteil sein können, die Verschränkung des Menschen in sich selbst, eine Blockierung in der Verzweiflung. Es hätte der Teufelskreis der Droge sein können, das Eingekeiltsein zwischen psychischer Niederlage und Erhebung. Darum wird das Neue als das ganz andere, als Erlösung, als eine Art Neueinsetzung ins Leben empfunden, voller Kontrastgefühle und Erleichterung, ganz unverfügbar. Es war eine Mutation. Es war Not-wendig.
Aber war es darum Zufall? Die empirischen Untersuchungen lassen erkennen, daß immer ein Anstoß von außen kam. Es wurde einem gebracht. Luther fand eine Bibelstelle, bei den Jesus people ist es in der Regel das Zeugnis von Mann zu Mann. Es handelt sich um das Mysterium der Begegnung. Wer kann die Bahnen jenes Geschicks, das von zwei Seiten aufeinander zuläuft, ergründen?! Es hieße, dem "Zufall" auf die Spur kommen zu wollen, dem letztlich Unverfügbaren nachzuforschen. Der Betroffene muß den befreienden Durchbruch durch seine "alte" Wirklichkeit als Gnade empfinden oder - was eben auch geschehen kann - als einen bösen und schweren Schlag, der ihn zerdrückt. Unverfügbar wie die Gnade ist die Wirklichkeit des Bösen. Wir begegnen den Mächten. In dem Geschehen eröffnet sich die große Alternative der menschlichen Existenz: Tod oder Leben, Depression oder Hoffnung, Haß oder Liebe, Verzweiflung oder Erwartung. Hier schlägt die empirische Beobachtung in theologische Qualität um. Die empirischen Feststellungen weisen auf die Radikalität und Universalität des religiösen Elementes hin. In der Erfahrung der Bekehrung ist das besonders artikuliert.

Wenn die hilflose Deutung des Geschehens als Einheit von Ichfunktion und Gedanke oder als Zentralmoment der seelischen Struktur im Kern recht verstanden ist, dann besagt das doch, daß Religion oder Glaube einem seelischen "Urlaut" entstammt. Es handelt sich um ein Widerspiel aus der Totalität unserer Existenz. Mit dem Psychoanalytiker Erikson könnte man im positiven Fall sagen, es entsteht "Urvertrauen", wenn jedenfalls die Folie der christlichen Botschaft richtig wahrgenommen ist. Ohne sich schon argumentierend klar geworden zu sein, ohne seine Gefühle kritisch beobachtet zu haben, ohne eine Dogmatik zur Hand zu haben, hat man gleichsam am Anfang aller Dinge eine ursprüngliche Wahl vollzogen, die Existenz begründend wie das Leben schlechthin. Genauer gesagt und dem Erfahrungsvorgang entsprechend hat man in der großen Konfrontation mit dem Leben das eine oder das andere angenommen, weil das unbedingte Angewiesensein keine andere Wahl ließ. Man kann eben das Gute oder das Böse, das Schöne oder das Häßliche, die Skepsis oder die Hoffnung "wählen", wenn die Wirklichkeit so oder so gegen uns aufsteht. Irgendetwas glaubt der Mensch immer, wie er auch immer irgendetwas liebt. Es gibt keine Alternative. Und das kann nicht mehr begründet werden. Darum heißt es auch immer: "Du mußt dich entscheiden!" und von der anderen Seite her: "Es ist über dich entschieden". So weit hilft uns Psychologie auf die Spur des Religiösen etwas als mit der menschlichen Existenz Gegebenen.
Der Einwand also, ihr habt zuviel Himmel im Kopf, trifft schon auf dieser Ebene daneben. Es beginnt mit dem Himmel im Kopf - oder mit der Hölle! Und gerade das, was mit dem Bekehrungserlebnis so eklatant hervorbricht; deutet in die Tiefe unserer Existenz. Eine Theologie, die sich als Aufklärung anschleichen will, die kritische Reflexion als die eine theologische Tugend ansieht, darf sich nicht wundern, wenn sie nichts anderes schafft als die Qual der Dauerreflexion, als ein Meer selbst produzierter Ungewißheit. Sie hat nämlich die Wahrheit des Lebens überhaupt nicht begriffen. Dieses Leben basiert auf einer ursprünglichen Wahl. Das ist seine religiöse Qualität. Darum übrigens ist auch das Tor der Gefühle so wesentlich. Denn Gefühle integrieren die Person am stärksten. Nirgends ist der Mensch so identisch mit sich selbst wie in seinen Gefühlen. Eine Theologie, die die Gefühle mißachtet, hat den Menschen nicht erkannt, nicht einmal seine wahre Krisis. Denn natürlich kann er durch den Einfall in dieses Tor auch am stärksten manipuliert werden.
Gefühle hält man bekanntlich für schwammig. Bevor unser Aufklärungszeitalter begann, gestand man einander wenigstens "echte Gefühle" zu. Aber in der rationalisierten Theologie heute redet man selbst davon nicht mehr. Es ist vollständige Dürre. Man meint eben, nur kritisches Hinterfragen sei echt und lauter und redlich. Mündig allein sei die Vernunft. Daß diese, um mit Luther zu reden, sich willfährig zur Hure macht, daß sie also mit dem Politiker um seiner Macht willen, mit dem Theologen um seines Rechtbehaltens willen und mit dem Naturwissenschaftler um seiner Prämissen willen ins Bett geht, vermag man nicht mehr zu sehen. Wenn es aber stimmt, was von den Zentralmomenten der seelischen Struktur gesagt wurde, dann heißt das heute, den Gefühlen in der religiösen Vergewisserung wieder ihr Recht zu verschaffen.
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