Nun klingt das Wort Bruderschaft in diesem Zusammenhang ziemlich anspruchsvoll. Was damit im Blick auf die zukünftige Kirche gemeint ist, ist aber ungleich einfacher, ungleich alltäglicher. Wir müßten allmählich damit anfangen, Gemeinde zu sein, die wir doch beileibe nicht sind. Da sitzt man am Sonntag eine Stunde lang in der Kirche, und damit hat es sich. Vielleicht trifft man sich dann und wann noch einmal im Gemeindesaal, übernimmt auch diesen oder jenen Dienst in einer caritativen Formation; aber wo lebt denn eigentlich die Gemeinde zusammen, wo wird sie für die Welt erfahrbar, für die Welt interessant, für die Welt aufregend. Wo sagen die Leute: Ach ja, der gehört doch auch zu den Christen, deshalb ist der so! Es hat Zeiten gegeben, in denen man so sprach. Sie sind noch gar nicht sehr lange her. In den Zelten unfreundlicher Gefangenenlager nach dem deutschen Zusammenbruch kam es immer wieder zu der erstaunten Frage an diesen oder jenen Soldaten, warum denn ausgerechnet er dem Nationalsozialismus nicht verfallen sei. Und dann hieß es: Ach so, da hattest du es ja leicht, du stammst aus einem christlichen Haus!
So erfreute die Kirche sich damals eines außergewöhnlichen Ansehens, eben weil sie widerstanden hatte, und zwar aus Kräften heraus, die dem Volk weithin nicht mehr bekannt waren. Dabei machte man keinen Unterschied zwischen katholischer und evangelischer Kirche. Man hatte auf einmal einen Ort entdeckt, der der Welt nicht verfallen war, einen Ort, der sich aus anderen als irdischen Kräften nährte und daher der Welt gegenüber stand. Diese Stunde nach dem Zusammenbruch hat die Kirche nur schlecht genutzt. Sie blieb nicht die bekennende Kirche, sondern verquickte sich auf den Wogen ihres Ansehens erneut in die Welt hinein und nahm die ihr zuwachsende Macht wahr. Diese Macht wird sie verlieren. Das ist eine der sichersten Aussagen, die man über die Zukunft der Kirche machen kann, aber mit gleicher Sicherheit wird der Mensch in der künftigen Gesellschaft nach jener Kirche begehren, die sich einmal Bekennende Kirche nannte und der Welt ein Beispiel gegeben hatte, ein ganz schlichtes Beispiel, auf das wir uns ganz gewiß nichts einbilden dürfen, denn um ein Haar wäre ja die evangelische Kirche an und mit den Deutschen Christen zugrundegegangen. Das schlichte Beispiel aber muß fortdauern, denn nach dem Dritten werden noch mancherlei andere Reiche anstürmen in der Zukunft, und "Deutsche Christen", die jeweils mit dem anstürmenden Reich heulen, wird es immer geben. Es gibt sie auch heute.

Kerngemeinde, das ist gewiß ein unbrauchbares Wort, und doch wird es ohne neue Gemeindebildung nicht gehen. Ansätze dazu finden sich in mannigfacher Weise. Ihnen nachzugehen, ist sicher der bescheidenste, aber auch fruchtbarste Weg in die Zukunft der Kirche. Am ehesten spürt man den frischen Wind neuer Gemeindebildung heute in den ökumenischen Gruppen am Ort, soweit sie in ihren Kirchengemeinden und nicht auf dem leeren Feld bloßer Protestaktionen angesiedelt sind. In den ökumenischen Gruppen der Gemeinden begegnet man nicht selten einer überraschend lebendigen Kirche. In solchen Gruppen ist schlichtweg etwas los. Dort fehlt merkwürdigerweise auch die sterile Frontbildung zwischen Progressiven und Rechtgläubigen, denn beide Seiten merken bald, daß ihre sterile Frontbildung vor der gemeinsam neu entdeckten Mitte der Botschaft nicht standhält. Vollends aufregend aber werden die ökumenischen Gruppen durch ihre menschliche Zusammensetzung. Dort endlich findet man jene Menschen, denen die Zukunft anvertraut sein wird, junge Ehepaare zwischen 25 und 40 Jahren.
So klein auch immer diese Gruppen sein mögen, so viel Hoffnung haben sie. Sie sind ein Stück gelebter Einheit der Kirche, und dies ist wohl sicher im Blick auf die Zukunft der Kirche, ganz besonders in unserem Land, daß sie als zerhälftete, zerspaltene Kirche nicht mehr glaubwürdig werden kann vor der Welt. Die ökumenischen Gruppen jedoch sind umringt von lauter Ängsten, hauptsächlich seitens der Kirchenleitungen. Da warnt man vor einer sogenannten dritten Konfession und sollte doch, falls man nicht blind wäre, längst gesehen haben, daß sich in den ökumenischen Gruppen nun gerade die wirklich katholischen und wirklich evangelischen Christen zusammenfinden. Landauf und landab gibt es keine ökumenische Gruppe, die sich nicht sehr bald und spontan zu gemeinsamen Gottesdiensten zusammenfände. Die Kirchenleitungen werden dann leicht nervös, weil fast mit Sicherheit anzunehmen ist, daß man ihnen aus diesen ökumenischen Gruppen eines Tages die Bitte um Interkommunion vorlegt. Merken denn eigentlich die Kirchenleitungen gar nicht, daß hier Kirche geschieht, merken sie nicht, wie aufregend das ist, daß in unseren Tagen Menschengruppen mit einer sonst kaum wahrnehmbaren Dringlichkeit nach dem gemeinsamen Abendmahl verlangen? Ist die Eucharistie, ist das heilige Abendmahl nicht erst durch das Verlangen nach Interkommunion wieder zu jenem Rang gekommen, der ihm gebührt? Es besteht im Rahmen dieser Erörterungen kein Anlaß, sich für die Interkommunion zu ereifern. Aber da wir hier von der Kirche der Zukunft sprechen, ist eines ganz gewiß (und wahrlich zu hoffen), daß in der Kirche der Zukunft Interkommunion gefeiert wird - nur wird man dann nicht mehr von Interkommunion sprechen.

Was hinter den ökumenischen Gruppen als einem Vorgriff auf die künftige Erneuerung der Gemeinde steht, das hat der italienische Jesuitenpater Robert Tucci im Auftrag des Vatikans vor der letzten Vollversammlung des Weltrats der Kirchen in Uppsala so ausgesprochen: "Niemand unter uns, kein einzelner und keine Gemeinschaft, besitzt ein vollkommenes, endgültiges Wissen um die Wahrheit und das christliche Leben, dem nichts hinzuzufügen und das nicht einzuschränken wäre; so müssen wir gemeinsam pilgern, uns gegenseitig helfen und in der Welt den Glauben bezeugen, der uns auf dem Weg zur vollkommenen Wahrheit verbindet." Gemeinsam pilgern - das ist ein Wort in die Zukunft der Kirche. Und da wir in kirchlichen Fragen heute ständig überschwemmt werden von Tagesparolen, die uns unter anderem einzureden versuchen, daß Bekenntnisfragen nicht mehr erheblich seien - darum ist es wichtig, wie Pater Tucci den Inhalt der gemeinsamen Pilgerschaft beschreibt. Er sagt, wir haben in der Welt den Glauben zu bezeugen. Zum Zeugnis aber gehört es, den Glauben nicht nur zu verkündigen, sondern auch zu leben. Alle anderen Sorgen oder praktischen Fragen für die Zukunft erscheinen geringfügig, sobald man begriffen hat, daß die Torheit des Glaubens gelebt werden muß. Daran fehlt es in der Kirche - und das ist schlimm angesichts der Zukunft der menschlichen Gesellschaft, der es gerade an dem mangeln wird, was wir bislang ganz schlicht menschliches Leben nannten.
Nicht alle unsere Hoffnung für die Kirche der Zukunft sollen wir auf die ökumenischen Gruppierungen setzen. Aber es ist nun eben doch ein Zeichen für die Zukunft der Kirche, daß es innerhalb der getrennten Kirchen heute keine einigermaßen gewichtige und mit geistlichem Leben erfüllte Gruppe gibt, die nicht ökumenischen Kontakt sucht. Alle anderen Gruppen in den beiden großen Kirchen unseres Landes wirken merkwürdig zukunftslos. Solchen Zeichen darf man sich getrost überantworten, auch wenn das im Augenblick noch so mühselig erscheint. In einem kurzen Wort über ein zu erhoffendes "universales Konzil" hat Lukas Vischer vom Weltrat der Kirchen gesagt: "Die Kirchen müssen sich durch gemeinsames Zukünftiges leiten lassen, ein Ziel, das nach und nach immer klarere Gestalt annimmt." Er hat sich auch darüber ausgelassen, was das bedeutet: "Denn es kommt tatsächlich nicht darauf an, daß die Kirchen miteinander reden. Es kommt darauf an, daß sie Kirche sind und als Kirche Zeugnis ablegen." In diesem Sinn heißt die Zukunft der Kirche - Kirche, die eine Kirche Jesu Christi. Die Zukunft der Kirche ist bekannt.
Quatember 1972 (S. 195-203)
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