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Sie fingen an fröhlich zu sein
von Walter Stökl

LeerEs ist Winterszeit. Nach Weihnachten regiert Tanz, Fasching, Karneval die Welt. So hilft sich der Mensch durch Unbilden und Dunkelheit des Winters. Wohl steigt die Sonne schon höher seit der Wintersonnenwende am Thomastag vor dem Christfest, wohl werden die Tage schon länger; aber die Härte des Winters mit Schnee und Kälte überfällt uns gerade jetzt in diesen Tagen. Dem setzt der Mensch seit jeher ungezügelte Lust, Übermut und Fröhlichkeit entgegen. Wie könnte man sonst das Leben aushalten? Aber manchem erscheint das wie ein Tanz auf dem Vulkan.

LeerWir Christen gelten als Spielverderber. Schon Nietzsche meinte, um glaubwürdiger zu sein, müßten wir fröhlicher und glücklicher aussehen. Es ist der alte Vorwurf des Odium humani generis. Wir verstehen die Ausgelassenheit und die übermütige Lustigkeit nicht. Die Welt tanzt und vergnügt sich, als gäbe es keine dunklen Schatten von Rassenwahn, Terror, unterprivilegierten Massen, von Krankheitselend und Todesverfallenheit.

LeerPuritaner und Pietisten sehen in ängstlicher Abwehrhaltung Tanz und Fasching als Zeichen gefährlicher Versuchung an. Ihnen ist es ein Zeichen von Ergriffenheit durch Christus, daß ein Mensch nicht tanzt, nicht raucht, nicht spielt, sich am anderen Geschlecht nicht freut, sich mit der Welt nicht mischt, sondern im kleinen Getto christlicher Glückseligkeit geborgen und unangefochten zu leben versucht.

LeerAber nicht nur die leib- und weltfremden radikalen Erweckungsgruppen bleiben von den Menschen unserer Zeit im allgemeinen völlig unverstanden. Wir Christen gelten eben als Spielverderber, als fanatische Bußprediger, als Menschen mit den traurigen, unglücklichen, überernsten Gesichtern, oft mit depressiven Neigungen. Daß das Christentum eine heitere Sache ist und Humor eine besondere christliche Tugend, das nimmt uns niemand ab.

LeerUnd doch begegnen wir solchen Christen, die diese Einordnung Lügen strafen. Einzelne Christen strahlen wirklich Freude aus und sind erfüllt von einer ansteckenden Fröhlichkeit. Aber ist dies nicht eine natürliche Anlage? Vielleicht kommt das gar nicht aus dem Glauben. Kommt diese Fröhlichkeit wirklich aus der Freude im Heiligen Geist?

LeerEigentlich sollte das unser Leben zum Fest und zur Freude werden lassen, was im Lukasevangelium im 15. Kapitel steht. Als der verlorene Sohn heimgekehrt war, „fingen sie an fröhlich zu sein”. Wir sind immer die, die aus Verlorenheit, Angst und Ferne heimkehren, die von der festlichen Tafel, der Feier der Eucharistie beglückt und dankbar wieder in die Welt hinausgehen. Wenn wir unsere Berghüttenwochen mit den jungen Menschen gehalten haben, dann ging es mir bei solchen Einkehrwochen um nichts anderes, als daß die Gesichter von Tag zu Tag heller wurden und daß die Teilnehmer zum Schluß glücklich und fröhlich heimkehrten. „Wir fingen dort an fröhlich zu sein.” Buße und Beugung fehlte nicht. Aber als in Gnaden Angenommene, waren wir sehr fröhlich, tanzten wir viel und hatten manche übermütige Stunde. Man staunt vielleicht, aber gerade aus der Stille, Einkehr, Meditation bricht es dann hervor. „Sie fingen an fröhlich zu sein”, die solche Tage der Gemeinschaft der Stille, der Heiligung miteinander verlebten.

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LeerMenschen, die nicht spielen, tanzen, fröhlich und übermütig sein können, sind unheimlich. Spielen ist zweckfreies Tun, es macht den Menschen fröhlich, gelassen und heiter. David tanzte vor der Bundeslade, und die tanzenden Derwische des Ostens gibt es noch immer. Tanz und Kult gehörten einst zusammen. Der Herr schützt die jubelnden und tanzenden Kinder gegen die, die sie dämpfen wollten und ist im Gegensatz zu Johannes dem Täufer „der Zöllner und Sünder Geselle” auf Hochzeiten und anderswo. Die Heilige Schrift redet an vielen Stellen vom Gleichnis der Hochzeit. Seine Jünger sind zur Hochzeit geladen. Auf einer Hochzeit tanzt man, da ist man fröhlich und guter Dinge, bei einer Hochzeit schenkt die Liebe des Hochzeitspaares auch allen andern Hochzeitsgästen Gelegenheit zur Freude und Fröhlichkeit.

LeerDer Tanz und die Fröhlichkeit mitten in der Welt kann sogar einen „heiligen Zweck” haben. Dreierlei fällt mir dazu ein. Maria Ward und ihre „englischen Fräulein” tanzten auf den Hoffesten in England, um sich als ausgewiesene und verfolgte Nonnen untereinander zu verständigen. Hier konnte man einen Priester zu einem Sterbenden vermitteln, hier konnte man Ort und Zeit heimlicher Zusammenkünfte bekanntgeben mitten unter der übermütigen Hofgesellschaft. Das überschäumende Fest der ausgelassenen Gesellschaft wurde im Verborgenen zu einer Gelegenheit, Menschen zu dienen.

LeerEs ist nicht allzulange her, ich weiß auch nicht, ob es sich wiederholt hat, da wurde mir beim Besuch in der DDR erzählt, daß ein Bürgermeister die Stadtverordneten mit ihren Frauen und die evangelischen Pfarrer der Stadt mit ihren Frauen zu einem Neujahrsempfang eingeladen hat und daß die Atheisten und Christen miteinander ins neue Jahr tanzten. Auch hier konnte in dieser eigenartigen Begegnung manches klare Wort gesagt werden. Indem man fröhlich war, ist man über den Graben gesprungen und ins Gespräch gekommen.

LeerUnd was tun die jungen Menschen unserer Tage? Bei den Gottesdiensten der Jesus people kommt es zu rhythmischem Klatschen und ekstatischem Tanzen. Die Schwestern und Brüder in der evangelischen Kommunität in Imshausen feiern mit der Jugend fröhliche Tanzfeste. Auch in Taizé sieht man keine traurigen Gesichter, wohl Gruppen und Einzelne, die Nächte im Gebet zubringen, die schweigende Anbetungstage halten, dann aber wieder Fröhlichkeit, Übermut und Glück, spielende, singende, von Freude und Liebe bewegte junge Menschen. Die Tausende in der Osternacht - dreitausend von ihnen schliefen auf dem Kirchenboden, weil sie sonst nirgends ein Lager fanden - sie haben in der Osternacht in der Versöhnungskirche in überschäumender Weise getanzt und gejubelt über die Auferstehung Christi. Diese Freude und Fröhlichkeit macht Taizé so glaubwürdig und spricht die jungen Menschen aus allen Kontinenten in so großen Scharen an.

LeerAls Beschenkte und Begnadete haben wir allen Grund fröhlich zu sein. Lachen, Übermut, Spiel und Lied, Freude aneinander, besonders auch die Freude der Gemeinsamkeit von Frauen und Männern, all das geziemt uns Christen durchaus. Wir leben als Geschöpfe in der Realität dieser Welt. Wir freuen uns, „daß wir ein schön menschlich Angesicht” haben. Wir freuen uns der Sonne und der Sterne, der Berge und des Meeres, wie der Heilige Franz unter den Geschöpfen fröhlich und glücklich war.

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LeerWir können immer von neuem fröhlich sein, weil wir nie aufhören können zu danken. Wir haben keine Angst vor der Welt, der fremden, gefährlichen, gegen die wir uns in Abwehrhaltung befinden, wir gehen getrost hinein in die Welt, sind mit den Menschen fröhlich und feiern das Fest. Gewiß, das Wesen dieser Welt vergeht. Aber die vergehende Welt will geliebt werden als Gottes Schöpfung, und die Menschen wollen geliebt werden als Gottes Geschöpfe. Solange wir sind und atmen, wollen wir das Fest der Hoffnung und der Auferstehung feiern und diese Freude unsern Brüdern und Schwestern bringen, und das mitten in der gefährdeten Welt, die sich selbst zerstört und von einer Katastrophe in die andere taumelt. Mit der Freudenbotschaft (eu-angelion) und dem Freudenmahl (eu-charistia) bringen wir der Welt Heil und Frieden. Christus macht uns alles zur Freude und zum Fest.

LeerWir alle sind stets die Heimgekehrten, die der Vater mit offenen Armen aufnimmt. Wir haben immer einen weiten Weg. Aber der Vater bereitet das Fest für die aus der Welt Heimgekehrten. Darum fangen wir immer von neuem an fröhlich zu sein.

LeerAlso sagen wir rückhaltlos Ja zu dem ausgelassenen Treiben in den winterlichen Wochen, zu den ungezählten rauschenden Ballnächten, zu den öffentlichen und sehr intimen Tanzfesten? In Österreich legt eine katholische Gemeinde Wert darauf, daß es in dem Ort neben dem Ball der Sozialisten und dem Ball der Volkspartei und dem Ball der Sportfreunde und dem Feuerwehrball auch einen Pfarrball gibt. Dabei sind die Christen nicht unter sich, sondern bei allen diesen Tanzveranstaltungen kommen ungefähr dieselben Menschen zusammen, nur jedesmal unter einer etwas anderen Devise. Daher kommt die erstaunliche Durchlässigkeit der einzelnen Gruppen der Gesellschaft und Weltanschauungen und die christliche Offenheit, die hier im allgemeinen besteht. Auch das evangelische Wien hat seinen Ball, wo man im Namen des Gustav-Adolf-Diasporawerkes zusammenkommt und stets einen ansehnlichen Betrag für einen Kirchbau „ertanzt”. Bischof und Superintendent lassen es sich nicht nehmen, diesen Ball zu eröffnen. Und die evangelische und katholische Jugend tanzt erst recht, oft gemeinsam.

LeerKann man dazu einfach Ja sagen? Bei der größten repräsentativen Tanzveranstaltung in Wien, dem Opernball, zu dem aus der ganzen Welt die Gäste kommen, an der Bundespräsident und Bundeskanzler und alle Spitzen der Regierung und Gesellschaft teilnehmen, ist der Aufwand an Kunst, Schönheit, Kleidung unwahrscheinlich hoch. Es treten immer wieder radikale Gruppen mit Flugblättern und Störungsversuchen auf, die auf die Hungernden und Elenden in der Welt hinweisen. Fordert das nicht die Solidarisierung der Christen heraus? Statt der abenteuerlichen Geldverschwendung könnte etwa den hungernden Kindern der Welt geholfen werden. Kommt in dem ausgelassenen Treiben nicht der brutale Egoismus einer Welt zum Ausdruck „lasset uns spielen und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot” und ein uralter Abwehrmechanismus gegen Angst, Sorge und Dunkelheit der Winterszeit, wie unseres Lebens überhaupt? Der Psychotherapeut wird uns sagen, daß der Mensch dieses Abreagierens seiner Aggressionen bedarf, daß das zweckfreie Spielen und die überschäumende Lustigkeit Spannungen löst, entkrampft, befreit. Neben unheilvollen Folgen gibt es durchaus eine heilsame Wirkung. Die Ambivalenz solchen Geschehens ist dafür offenkundig.

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LeerDazu ist zweierlei zu sagen. Der Übermut des Faschings oder Karnevals, die Ausgelassenheit und Fröhlichkeit ist nur möglich, wenn dann wirklich ein Aschermittwoch folgt und wenn sich das Leben dann wieder ganz in die Stille, Erneuerung und Heiligung zurückzieht. Und es ist nur möglich, weil einzelne Gruppen von Menschen auch in dieser Zeit in Gebet und in der Stille bleiben und für die Gefährdeten, die sich „ausleben”, beten und sie in Liebe und Geduld tragen. Auch für die sind sie da, die straucheln, fallen, stürzen. Also nicht das Fest stören, sondern nach seinem Sinn und den Grenzen fragen und das übermütige Treiben von Sinnesfreude und Lebenslust in die göttliche Liebe hineinnehmen! Und das andere ist noch deutlicher zu sagen. Die mit Aschermittwoch einsetzende Zeit des Fastens und Betens ist der Osterweg. Die Freude des Christen, sein jubelnder Dank, sein Tanzen und Lobpreisen kommt aus dem in Liebe Angenommensein, aus dem Leben mit dem Auferstandenen. Letztlich kommt alles von Ostern her.

LeerDer Mensch, der in der Versenkung des Gebets Gottes Liebe und Herrlichkeit begegnet, singt am freudigsten die Lobgesänge und Hymnen der Kirche. Es ist kein Gegensatz zwischen dem Sichzurückziehen aus der Welt, der Stille, des Fastens und dem Hineingeben in die Welt, in Freude und Jubel. Das ist die wunderbare Spannung, unter der wir Menschen leben. Sie hat ihr Symbol im Atem. Ausatmen, Ausströmen - Ruhen und Verweilen - und wieder Neuwerden aus den Tiefen. Aus diesem Rhythmus erlangt das Leben Fülle und Weite. Die Hektik und der Leistungsdruck unserer Zeit entspricht dem hastigen Atmen nach dem Zweitaktrhythmus des Motors. Wenn wir den großen Atem gewinnen, den Ausgleich zwischen Ruhe und Fröhlichkeit, gewinnen wir das Leben. Wenn Menschen aus Retraite und Meditation, aber auch aus schweren Lebenskrisen hervorkommen, wenn sie diese echt bewältigen, durchstehen und verarbeiten, „fangen sie an fröhlich zu sein”. Unser christliches Leben ist ein immer neues Anfangen. Die Welt sollte nicht nur erkennen, „wie haben sie einander so lieb”, sondern auch, „wie sind sie so fröhlich, glücklich und heiter”.

Quatember 1973, S. 9-13

© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 13-03-01
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