Vor Jahren habe ich in dieser Zeitschrift schon einmal einen Erfahrungsbericht zu diesem Thema veröffentlicht. Damals war es der Bericht einer Dame, die ich in meinem ersten Meditationskurs auf diesen Weg aufmerksam machen konnte. Jetzt möchte ich versuchen, etwas über meine eigenen Erfahrungen mitzuteilen.
Wir haben in unseren Orden immer schon eine Anleitung zur Meditation bekommen und uns bemüht, ihr einen festen Platz in unserem Tageslauf zu geben. Meist nannten wir diese Übung "Betrachtung". Es handelte sich im wesentlichen um die ignatianische Methode, die nicht nur im Jesuitenorden praktiziert wurde, sondern auch in den meisten anderen Orden während der letzten Jahrhunderte dominierte. Ignatius von Loyola wählte mit Vorliebe lebendige Szenen aus den Evangelien als "Betrachtungsstoff". Man soll sich lebhaft Ort und Zeit der Handlung vorstellen, soll die beteiligten Menschen beobachten, soll sich die Worte ins Ohr dringen lassen, die gesprochen werden, vor allem die Worte Jesu. Dann soll man auf die Reaktionen achten, welche die Worte und Handlungen Jesu bei den Anwesenden bewirken: Staunen oder Fragen, Glauben oder Unglauben, Dank oder Ablehnung, Begeisterung und Liebe oder Haß. Endlich soll man sich selbst unter die Hörer Jesu mischen und bei sich selbst die Reaktionen und Emotionen auslösen, die aus der Konfrontation mit Jesus ergeben. Es geht hier also weniger um eine intellektuell-exegetische Bemühung - diese wird vorausgesetzt - als darum, daß ich die Bibel zu meinem Herzen reden lasse und mit dem Herzen auf die Botschaft antworte. Es ist dies eine gute Methode, die Bibel zu lesen. Hat nicht auch Martin Luther einen ähnlichen Umgang mit der Offenbarung empfohlen?
Ich muß jedoch gestehen, daß die Anleitung meines Novizenmeisters bei mir nicht so recht gezündet hat. Ich habe diese "Betrachtung" im Laufe meiner Ordensjahre mehr schlecht als recht durchgeführt, mehr als Pflichtübung denn mit spürbarem Gewinn und mit Begeisterung. Rückblickend von meinen jetzigen Erfahrungen aus muß ich sagen, es war eigentlich nicht mehr als eine besinnliche Lektüre. Ich dachte bisweilen, daß unser Novizenmeister uns nicht richtig in diese Methode eingeführt habe. Deswegen war ich überrascht, als Pater Lassalle, der als Jesuit doch sicher eine gediegene Einführung in diese Methode erhalten hatte, mir von der gleichen Erfahrung mit dieser "Betrachtung" erzählte. Auch ihm war in dieser Methode noch zu viel eigene Bemühung, zuviel Anstrengung der Phantasie und des Willens. Auch für ihn war es die große Entdeckung, als er in der Zen-Methode dem religiösen Leistungsdruck enthoben und zur Meditation des einfachen Da-seins, der äußeren und inneren Stille geführt wurde.

Eine andere Weisung meines Novizenmeisters hatte sich bei mir fruchtbarer ausgewirkt. Er riet uns, nach der Heiligen Messe und Kommunion eine Viertelstunde auf die "Danksagung" zu verwenden. Nach einigem Wenn und Aber mußte ich zugeben, daß dieser Rat gut war. Der Empfang der Eucharistie ist ja keine Schluckimpfung, die automatisch-magisch wirkt, sondern eine personale Begegnung von großer Intimität. Und für so etwas muß man sich Zeit nehmen. Ich kann rückblickend sagen, daß mir in diesen Viertelstunden am meisten geschenkt wurde, mehr als beim eigentlichen Gottesdienst, mehr als beim theologischen Studium, mehr als bei den jährlichen Exerzitien, die meist nur aus Vorträgen bestanden. Nicht als ob dieses alles wertlos gewesen wäre, aber in jenen Viertelstunden wurde alles "existentiell", wurde ich konkret geführt, profilierte sich mein persönlicher Weg in der Nachfolge des Herrn und in der Bewältigung meiner Aufgaben in der Seelsorge. Hier empfing ich auch die Impulse für die ökumenische Tätigkeit, die mir im Laufe der Jahre zuwuchs.
Ich benutzte bei dieser "Danksagung" eine Jesus-Litanei. Es mußten immer die gleichen Worte sein, an denen ich entlang ging. Seltsamerweise hatte ich nicht das geringste Bedürfnis, die Worte zu ändern. So konnte ich in ihnen ruhen und in ihre Tiefe steigen. Ich konnte sie, wie es von Maria heißt, "im Herzen bewahren und bewegen". Viel später erst verstand ich, daß diese "Danksagung meine Meditation war, von der ich in Wahrheit lebte, die Quelle der Gotteserfahrung meines monastischen Daseins.
Diese Klärung begann im Jahre 1970, als Graf Dürckheim zur Neresheimer Werkwoche kam und uns mit östlichen Meditationsmethoden bekannt machte. Diese Woche bedeutet eine der entscheidenden Weichenstellungen in meinem Leben. Ich habe mich nur sehr zögernd bereit gefunden, den Bodensitz einzunehmen, und noch schwerer ging mir die "gegenstandslose" Meditation ein. Zur gedanklichen Klärung benötigte ich Jahre und kann auch jetzt noch nicht behaupten, daß sie abgeschlossen ist. Aber ich machte die Erfahrung, daß dieses regungslose Stillsitzen, das Loslassen der Gedanken mit Hilfe der Beobachtung des Atems eine wohltuende und heilsame Wirkung hatte. Es ist gar nicht leicht, diese Wirkung zu beschreiben. Man kann sie eigentlich nur rückblickend feststellen. Es ist ein Zu-sich-selbst-kommen, eine wunderbare innere Stille, ein Offenwerden für die tiefere Wirklichkeit der Natur, des Mitmenschen und Gottes. Es war ehe erstaunliche Entdeckung, die ich alsbald auch an Andere weiterzugeben begann. Und ich durfte feststellen, daß auch andere Menschen von dieser Übung reich beschenkt wurden, daß für viele - wie sie mir versicherten - ein neues Leben begann. Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder unter der Leitung von Erfahrenen geübt, bei Dürckheim, Pater Lasalle, Klemens Tilmann, Willi Massa, Pater Lutze, J. B. Lotz und anderen, von denen ich viel gelernt habe. Ich glaube aber, meinen eigenen Weg gefunden zu haben.

Nicht wenig hat mir auch die Kritik Anderer geholfen. Von meinen Mitbrüdern kam der Einwand: "Pater Beda, haben wir Benediktiner mit unserer fast 1500-jährigen Erfahrung es nötig, uns von den Buddhisten über Meditation belehren zu lassen?" Von evangelischen Freunden wurde mir eines Tages gesagt: "Pater Beda, die Götter des Zen haben von Ihnen Besitz ergriffen. Sie müssen zurück bis zu dem Punkt wo Sie den soliden biblischen Weg verlassen haben". Obwohl ich diesen Kritikern nicht Recht geben konnte, vor allem dann nicht wenn sie sich nicht die Mühe machten, meine Arbeit selbst kennen zu lernen, und sich ihr Urteil nur vom Hörensagen bildeten so bemühte ich mich doch, dem Wahrheitsgehalt dieser Einsprüche gerecht zu werden. Auf diese Weise kaum ich zu meiner eigenen Methode, die ganz bewußt an die christliche Tradition anschließt, aber auch östliche Elemente aufnimmt. Dabei zeigte sich, daß manches, was zunächst als spezifisch östlich erschien, etwas allgemein Menschliches oder gar etwas gut Biblisches war. Das gilt zum Beispiel von der Beachtung der Körperhaltung. Wie oft wird in der Bibel erwähnt daß der Mensch sich zur Erde wirft, wenn er etwas von der Wirklichkeit Gottes erfährt. Warum haben wir der Leiblichkeit so wenig Aufmerksamkeit geschenkt? Unsere Liturgie weiß noch von der Bedeutung der Gebärde, die nicht nur Ausdruck meiner inneren Gesinnung sein kann, sondern auch auf diese zurückwirkt. Geist und Leib stehen in einer innigen Wechselbeziehung. Der Bodensitz und die tiefe Verneigung können Ausdruck meiner "humilitas" (Wortstamm: homo-humus) sein, können mir meine Erdhaftigkeit und Geschöpflichkeit bewußt machen, erlebbar machen, so daß ich mich leichter der Wirklichkeit des Schöpfers öffnen kann.
Wie steht es mit der "Gegenstandslosigkeit" der Zen-Methode? Ist sie nicht ein genuines Element des Buddhismus? Gerät man hier nicht notwendig in den Sog einer nichtchristlichen Religion? Es gibt Erfahrungen, die uns warnen vor einem gedankenlosen Imitieren östlicher Praktiken. Aber finden wir bei unsern christlichen Mystikern nicht ähnliche Wege? Die frappierende Nähe zur Zen-Methode bei der "Wolke des Nichtwissens", einer Gebetsanleitung eines englischen Mystikers des 14. Jahrhunderts, ist weithin bekannt. Wenn es in dem Tersteegen-Lied "Gott ist gegenwärtig" heißt: "Gott ist in der Mitten, alles in uns schweige und sich innigst vor Ihm beuge", so dürfte es sich hier um den gleichen Vorgang handeln wie beim Zen. Hier fand ich auch die klassische Formulierung dessen, um was es uns in der Meditation geht: "Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, laß mich so, still und froh, Deine Strahlen fassen und Dich wirken lassen". Ein Tübinger Neurologe schrieb mir nach seiner Teilnahme an unsern Kursen: "Ich empfinde es als sehr positiv, wenn einzelne Theologen darangehen, Erfahrungen und Methoden aus dem außerchristlichen Raum aufzunehmen und in das Christentum zu integrieren. Seit je war diese Offenheit ein Zeichen der Stärke und sie ist heute nötiger denn je, um die Kirche aus ihrer Isolierung herauszuführen. Auf Grund meiner persönlichen Erfahrungen mit der Meditation im Stil des Zen bin ich überzeugt, daß diese Methode jedem Christen und jedem suchenden Nichtchristen eine große Hilfe auf seinem Weg sein kann"

Daß wir es nicht für "unter unserer Würde" erachten sollten, von den Nichtchristen zu lernen, wurde mir einmal bei einem Schwesternkurs mit Klemens Tilmann gezeigt. Ich hatte an Epiphanie die Eucharistiefeier zu leiten. Es wurde der bekannte Text aus Jes. 60 gelesen. Da heißt es in Vers 5 f: "Es strömt zu dir der Reichtum der Völker. . . Sie alle weben von Saba kommen und Gold und Weihrauch bringen . . ." Ist diese Verheißung schon erfüllt mit der Anbetung der Magier in Bethlehem, die Gold, Weihrauch und Myrrhe darbringen? Sind nicht auch die anderen Schätze des Ostens für Christus bestimmt und für die heilige Stadt, auch Yoga und Zen?
Wie mache ich es? Vor allem durch die Anregungen von Graf Dürckheim bin ich dazu gekommen, zu Beginn der Meditation ein Wort als "Einstieg" zu wählen, zum Beispiel "Ich werde getragen", "Ich werde gerufen", "DU sollst wachsen - ich soll abnehmen". Dieses Wort soll mit dem Atemrhythmus verbunden werden, so daß es tief in uns hineinwirken kann. Es ist nicht als Thema gedacht, über das ich nachdenken soll, sondern als Impuls, um die Gedanken loszulassen, um mich einem größeren, übergreifenden Geschehen anzuvertrauen und darin zu ruhen. Wort und Atem sind gewissermaßen die beiden Geländer, an denen ich mich festhalten kann, um ohne Angst in den unbekannten Raum des inneren Schweigens eintreten zu können. Vor allem evangelische Christen haben mir immer wieder versichert, daß diese Methode ihnen sehr geholfen habe, in die Meditation hineinzukommen. Der evangelische Christ ist stark vom Wort geprägt und kann sich mit Hilfe eines solchen Wortes leichter zurechtfinden als mit der reinen Zen-Methode (wie sie von Pater Lasalle gelehrt wird), bei der keinerlei Worte mitgegeben werden. Bei längeren Kursen wähle ich gerne Einstiege aus allen drei Glaubensartikeln. Das Gebet vieler Christen scheint an einer christologischen Engführung zu leiden. Der erste Glaubensartikel kommt zu kurz. Und doch ist es wichtig, daß die Schöpfungswirklichkeit die breite Basis für unsere Gotteserfahrung bildet. Das Atemgeschehen, die Erde, die uns trägt, die Sonne, die uns wärmt, der Leib, den Gott uns bereitet hat, und anderes mehr sind wertvolle Ausgangspunkte für die Meditation.
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