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Links Teil 1

Quatember

Ökumenische Aspekte der Meditation
von Beda Müller OSB
(Teil 2)


LeerAm Schluß der Meditation, die sich schweigend vollzieht (10 Minuten bis zu 30 Minuten), spreche ich in der Regel ein kurzes freies Gebet. Das ist in der Zen-Methode nicht üblich, und ich erfahre hier immer wieder Einspruch von Teilnehmern, die noch nicht so weit sind und sich überfordert oder überfahren fühlen. Dennoch sind meine Erfahrungen mit diesem Gebet überwiegend gut. Verläuft hier nicht eine Scheidelinie zwischen christlicher und nichtchristlicher Meditation? Muß man einen umgepflügten Acker nicht bald einsäen, wenn die Verunkrautung nachher nicht schlimmer als vorher werden soll? Das freie Gebet hat bei evangelischen und katholischen Christen eine unterschiedliche Tradition. Für Katholiken ist es oft eine beglückende Neuentdeckung, während Evangelische hier nicht selten ungute Erfahrungen mitbringen. Immer wieder wird es geschenkt, daß die Meditation zu einer echten Gebetsgemeinschaft führt. Vielleicht ist die ganze Meditationsbewegung - auch Pater Lassalle hält das für möglich - eine Vorbereitung für eine charismatische Erneuerung der Kirche.

LeerAußerhalb der Kurse meditiere ich morgens um 7 Uhr und abends um 20 Uhr mit unseren jungen "Au-pair-Gästen". Außerdem habe ich nach der Eucharistiefeier meine traditionelle "Danksagung" als meine persönliche Meditationszeit. Ich stelle bei mir fest, daß die Meditation in der Gruppe leichter gelingt. Schon aus Rücksicht auf die Anderen bleibe ich dann ruhig sitzen. Der gemeinsame Einstieg und das Gebet am Schluß geben dieser Gruppenmeditation einen tragfähigen Rahmen. Es sind aber nicht nur psychologische Gründe, die für die Gruppenmeditation sprechen, sondern es ist vor allem das Wort Jesu: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen". Hier kann man die Wahrheit dieses Wortes erfahren. Die Eucharistiefeier führt uns dann noch einen Schritt weiter, führt vom "Christus unter uns" zum "Christus in uns". Die Einwohnung Gottes in mir, von der die letzte Strophe des genannten Tersteegen-Liedes handelt, ist eines der großen Geheimnisse des Christenlebens, die von der Meditation erschlossen werden können. Darum ist mir die Meditation nach der Messe immer wichtiger geworden. Doch muß ich ehrlich zugeben, daß es auch hier Durststrecken gibt, und jetzt da ich dieses schreibe, stecke ich in einer solchen. Aber nicht nur bei mir selbst habe ich erfahren, daß Eucharistie und Meditation sich gegenseitig ergänzen, sondern auch bei meinen Meditationsschülern. Schon wiederholt ist es bei jungen Menschen vorgekommen, mit denen ich am Ende eines Kurses die Eucharistie feierte und nach der Kommunion zehn Minuten Meditationsstille einschaltete, daß sie am Ende nicht mehr weggehen wollten. Sie sagten, eine so tiefe Christusbegegnung hätten sie noch nie gehabt und die wollten sie festhalten.

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LeerBei allen Einführungskursen werden eutonische Übungen zur Vorbereitung auf die eigentliche Meditation angeboten. Ich leite diese Übungen nicht selbst und habe für mich persönlich auch nicht das Bedürfnis nach diesen Übungen. Vielleicht hat unser monastisches Stundengebet noch soviele Elemente der "Verleiblichung", daß ich diese Übungen nicht brauche. Sollten wir nicht neu über die Rolle des Leibes im Gottesdienst und Gebet nachdenken? Jedenfalls versichern mir die meisten der Kursteilnehmer, daß sie ohne die eutonischen Übungen nicht zur inneren Stille und Gelöstheit gekommen wären.

LeerBei den Aufbaukursen haben wir diese Entspannungsübungen (bis jetzt) weggelassen und dafür andere Elemente des geistlichen Lebens hinzugenommen, Aus dem evangelischen Raum stammen das Bibelgespräch und die freie Gebetsgemeinschaft, aus der katholischen Überlieferung kommen die Feier der Liturgie und die Praxis der Meditation. Evangelische und katholische Spiritualität ergänzen und befruchten sich gegenseitig, weswegen wir diese Aufbaukurse "Ökumenische Tage im Kloster" genannt haben.

LeerSehr glücklich ist auch die Verbindung von Meditation und Bibelgespräch mit Fasten, wie ich es nun schon viermal auf Schloß Craheim erlebt habe. In der katholischen Kirche hat die Übung des Fastens eine lange Tradition. Aber in der letzten Zeit ist sie immer mehr abgebaut worden. Auch in unsern Klöstern spielt das Fasten leider keine besondere Rolle mehr. Trauen wir uns nicht mehr, spürbare Verzichte zu fordern? Dafür haben Ärzte die Bedeutung des Fastens neu entdeckt. Meines Wissens wurden im Kloster Kirchberg zum erstenmal Fastenwochen durchgeführt, die unter ärztlicher und geistlicher Leitung standen. Seltsam, daß vierzig Mönchsjahre vergehen mußten, bis ich Gelegenheit bekam, eine ganze Woche wirklich zu fasten. Ich war überrascht, wie wohltuend sich diese Übung auswirkt, wie sie spirituelle Kräfte freisetzt, wie sie die Meditationserfahrungen bereichert und vertieft.

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LeerHöhepunkte des Meditationsweges können die sogenannten "Sesshins" werden. Das sind strenge Zen-Kurse, wie sie bei uns vor allem durch Pater Lassalle bekannt geworden sind. Ich habe dreimal einen fünftägigen Kurs bei ihm mitgemacht. In diesem Frühjahr leitete ich zum erstenmal selbst einen solchen. Die Tage werden in völligem Schweigen gehalten. Ausnahme: täglich ein Vortrag oder ein Erfahrungsaustausch am letzten Tag, persönlicher kurzer Rechenschaftsbericht beim Leiter. Die Hauptsache: das Sitzen, 7 - 10 mal eine halbe Stunde täglich. Zu diesen Meditationen werden keine "Einstiege" gegeben und keine Gebete gesprochen. Doch wird die Teilnahme an der Liturgie ermöglicht und empfohlen. Dieses gemeinsame "geballte" Schweigen wird für viele Menschen zu einem außerordentlich stärkenden Erlebnis, obwohl die Teilnahme keine geringe Anstrengung kostet. Wir haben in den letzten Jahren bei keiner anderen Veranstaltung einen solchen Andrang erlebt wie bei diesen "Sesshins". Der heutige Mensch ist überprogrammiert und hat ein tiefes Verlangen, all den vordergründigen Ballast einmal loszuwerden, um frei und offen zu werden für das Eigentliche, für Gott. Er sucht nicht Belehrung - diese wird ihm in den üblichen Gottesdiensten und den kirchlichen Medien fast im Übermaß zuteil - sondern verlangt nach Erfahrung. Er sehnt sich nach einem Exerzitienmeister, der strenge Forderungen zu stellen wagt. Die Wirkung eines solchen "Sesshins" möchte ich mit einem Vergleich beschreiben: Wenn abends die Sonne untergegangen ist, dann kommt die Dämmerung, ein eigenartiger Zwischenzustand zwischen Tag und Nacht. Wenn man im Freien ausharrt und der Himmel klar ist, so geht eine neue Welt auf, die Sternenwelt. Genau genommen, ist es aber keine neue Welt, denn die Sterne waren vorher schon da und wurden nur von der Sonne überblendet. Wenn ich in die Nacht der inneren Stille eintrete, so kommt auch zunächst dieser eigenartige Zwischenzustand, wo ich nicht recht weiß, was soll dieses Dösen und Träumen. Wenn ich aber beharrlich weiterübe im Loslassen der Gedanken und Absichten, dann geht eine neue Welt auf, nicht über mir, sondern in mir. Doch auch hier gilt, daß es keine neue Welt ist. Es sind die wertvollen Ereignisse und Erfahrungen meines Lebens, die immer deutlicher hervortreten. Erlebnisse aus der Kindheit, die lieben Menschen, die mein Leben begleitet und reich gemacht haben, Gottesbegegnungen. Wie Sterne treten diese aus dem Dunkel meines Bewußtseins hervor. Eine wunderbare Erfahrung! Ich sehe ihn noch vor mir den Oberstudiendirektor mit seiner Frau, die mit Tränen der Freude, der Ergriffenheit und des Dankes sich von mir verabschiedeten.

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LeerBeim letztjährigen Sesshin ist bei mir etwas passiert, das ich erst nach mehreren Monaten in seiner Bedeutung erkannt habe. Am dritten Tag stieg aus dem Schweigen der Psalmvers in mir auf, mit dem wir Benediktiner unsere "Profeß" machen, das sogenannte "Suscipe". Es ist ein Vers aus dem 119. Psalm: "Nimm mich an, o Gott, nach deinem Wort und ich werde leben. Und laß mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung!" Eine ganze halbe Stunde lang erfüllt mich dieser Text bis an den Rand und ich konnte ihn aus tiefstem Herzen vollziehen, bewußter als damals, da ich zum ersten Mal diesen Vers sang. Nach Monaten wurde mir klar, daß es das vierzigste Jahr seit meinem ersten Gelöbnis war, und am Ende des Jahres wußte ich, daß eine schleichende Berufskrise, die mir seit Jahren zu schaffen gemacht hatte, überwunden wurde. Eine Frucht des "Sesshins".

LeerImmer wieder werde ich gefragt, ob es nicht gefährlich sei, sich so der totalen Leere auszusetzen. Da könne der Mensch doch in Abgründe stürzen. Diese Gefahr ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Ich möchte die Teilnahme an einem "Sesshin" mit der Besteigung eines Dreitausenders vergleichen. Da braucht man eine gute Kondition, eine solide Ausrüstung, einen guten Führer und eine zuverlässige Mannschaft.

LeerEine negative Erfahrung muß ich ehrlicherweise auch berichten. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen, auf Reisen und im Urlaub zu meditieren. Eigentlich sollte man meinen, daß es hier, frei von allem Streß und allen Zwängen, besonders gut gelingen sollte. Bei Anderen mag dies auch zutreffen. Ich brauche für die Meditation feste Zeiten und den vertrauten Raum. Wahrscheinlich ist auch die schützende Atmosphäre des Klosters und die Geborgenheit in einem betenden Konvent nicht ohne Bedeutung. Doch leite ich ja auch außerhalb des Klosters Meditationskurse. Dann hilft mir die Gruppe und der, der uns seine Gegenwart verheißen hat, wenn wir uns in seinem Namen versammeln. Natürlich ist es das Ziel der Meditationsübung, sich immer und überall in Gottes Gegenwart zu versenken. Aber ich bin noch lange nicht soweit. Allen, die ernstlich mit der Meditation beginnen wollen, ist zu raten, sorgfältig nach dem geeigneten Ort und der besten Zeit zu suchen und dann beharrlich dabei zu bleiben.

LeerZum Schluß noch einige Gedanken über den ökumenischen Aspekt der Meditation. Im gemeinsamen Schweigen können evangelische und katholische Christen eine Gotteserfahrung machen, die uns tiefer zueinander führt als theologische Erörterungen, kirchenamtliche Vereinbarungen oder gemeinsame diakonische Aktivitäten. Auch die üblichen ökumenischen Gottesdienste führen nur ein kleines Stück voran. Im gemeinsamen Stillewerden vor dem Herrn kommen wir weiter, werden die alten Unterschiede nicht weggewischt, aber relativiert und erscheinen in neuem Licht. Eine tiefere Einmütigkeit wächst, ein Vertrauen wird geschenkt, in dem wir viel unbefangener über die Kontroversfragen sprechen können. Ich durfte inzwischen sechs evangelische Pfarrkonvente in die Meditation einführen und auch noch mehr Gruppen von Diakonen und Schwestern der württembergischen Landeskirche. Ich sehe hier einen spezifisch monastischen Beitrag zum ökumenischen Geschehen.

Quatember 1978 (S. 28-35)
© P. BEda Müller OSB


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 01-09-29
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