Warum finden so wenige aus der jungen Generation den Weg zur Michaelsbruderschaft? Das kann zu denken geben, wenn die Söhne gar nicht einmal auf den Gedanken kommen, den Weg ihrer Väter zu gehen. Was ist dann zu tun?
Ich verstehe die Frage sehr wohl; mir kommt sie immer wieder in den Sinn. Aber mir scheint sie doch noch vordergründig zu sein, nicht tief genug zu reichen. Denn darum kann es doch nicht zuerst gehen, daß wir uns krampfhaft bemühen, für die Jugend attraktiver zu werden. Eine Frau, die sich immerfort um Attraktivität bemüht, findet meist nur zweifelhafte Verehrer, die dann, wenn die ersten Falten sich zeigen, wieder anderen Attraktionen nachlaufen.
Es geht gar nicht um die anderen, es geht nicht einmal um unsere Kinder.
Es geht um uns selber. Wir müssen wir selbst werden. Wir müssen uns auf das Gesetz besinnen, nach dem wir angetreten sind. Und wir müssen auf die Herausforderungen hören, vor die unsere Zeit uns stellt. Was hat sich seit den 30er Jahren gewandelt? Wo sind wir Antworten schuldig? Christsein, das ist ein lebenslanges Experiment - im wörtlichen Sinne: ein Leben lang sind neue Erfahrungen zu machen mit Gott und den Menschen.
Ich möchte mich also nicht an Zahlen orientieren. Es gibt in der Geschichte jeder Gemeinschaft Zeiten, in denen der Nachwuchs ausbleibt. Es hat keinen Sinn, den wechselnden Tagesmoden hinterherzulaufen - dann geht nur zu rasch die Puste aus.
Ich gehe aus von der Überzeugung, daß jeder von uns den Ruf Gottes an ihn hören will. Wir wollen da sein für Gott und seine Kirche. Gelingt uns das? Oder spüren wir da Defizite? Wir wollen den Glauben für unsere Zeit authentisch leben. Wenn uns das gelingt, ist die Frage nach dem Nachwuchs zweitrangig geworden. Sie erledigt sich dann wie nebenbei von selbst.

I. Der Michaelsbruder als Zeitgenosse
Zeitgenossenschaft ist ein schwieriges Geschäft. Oft hat man den Eindruck, verschiedene Menschengruppen lebten in verschiedenen Zeiten. Und jeder für sich ist noch einmal gespalten: Da lebt er wirtschaftlich im 20. Jahrhundert, in seinen geistigen Ansprüchen in der Aufklärung, religiös in einer Mischung aus Romantik und Mittelalter. Es gibt natürlich noch andere Möglichkeiten. Die Zeit gibt es gar nicht. Wir leben seit langem nicht mehr stilrein. Auch in unserem geistigen Haus stehen Möbel aus unterschiedlichen Epochen.
Jede Zeit hat jedoch ihre eigenen Schwierigkeiten. Zeitgenosse ist derjenige, der diesen Schwierigkeiten nicht aus dem Wege geht. Ich vermute, daß es in diesem Sinne nur wenige wirkliche Zeitgenossen gibt. Die einen laufen vor den Schwierigkeiten davon in die Vergangenheit. Sie haben Angst vor der Gegenwart. Sie spüren die Mühsal, sich ändern zu müssen. Die anderen geben die Schwierigkeiten bereits als Lösungen aus: Wenn es immer schwieriger wird, ein Leben lang zusammenzubleiben, wenn die "Szenen" in der Ehe in "Bergmannscher Manier" zunehmen, dann propagieren sie eben neue Muster fürs gemeinsame Leben. Die Schwierigkeiten scheinen behoben zu sein.
Zeitgenossenschaft versucht da einen anderen Weg. Sie vergißt nicht die Erfahrungen der Vergangenheit. Aber sie beläßt der Gegenwart mit ihren Möglichkeiten und Verlegenheiten ihr eigenes Recht.
Christen gehen davon aus, daß Gott sich noch nicht aus der Geschichte davongestohlen hat. Sie beobachten mit wachen Augen, was sich begibt. Sie bemühen sich, ihrer Zeit gerecht zu werden. Manchmal kommt es mir so vor, als gäbe es im Kreis der Brüder die Neigung, Gott Vorwürfe zu machen, daß er die Zeit voranschreiten läßt. Das Motto heißt dann: Nachdem nun sogar die katholischen Christen vom Geist der Neuzeit infiziert sind, müssen wir als die letzte Bastion den wahren Glauben und die richtige Liturgie verteidigen. Das wäre fatal. Michaelsbrüder sind Genossen ihrer Zeit. Was wird von ihnen verlangt?

1. In einer Zeit, in der nahezu alles fließt und verbindliche Maßstäbe fehlen, sind Menschen notwendig, die klar und deutlich Stellung beziehen. Das darf weder autoritär noch ängstlich geschehen. Wer die grundlegenden Einsichten, die seine Überzeugung ausmachen und sein Handeln bestimmen, verschweigt, wer sie sich nicht immer wieder bewußt macht, läßt die Fragenden allein und bleibt den nachwachsenden Generationen die notwendige Orientierung schuldig.
Mir scheint: Die Erwachsenen sind ängstlich geworden. Sie haben sich von der antiautoritären Welle noch immer nicht erholt. Vielleicht sind sie sich ihrer grundlegenden Überzeugungen selber nicht mehr so sicher. Selber bis über die Ohren mit dem beruflichen Fortkommen und dem wirtschaftlichen Erfolg beschäftigt, haben sie die Fragen aus der Jugend gar nicht gehört. Ich will ein Beispiel erzählen. Als der neue Bischof von Kurhessen-Waldeck, Dr. H.-G. Jung, in sein Amt eingeführt wurde, nutzte der hessische Ministerpräsident Börner die Gelegenheit zu einer kritischen Anfrage. Er erinnerte daran, daß der Staat selbstverständlich die Ehe schütze, fragte aber gleichzeitig, wie der Gesetzgeber von den eheähnlichen Verhältnissen denken solle. Hier sei doch wahrscheinlich eine neue Orientierung erforderlich; er erwarte auch Antworten von den Kirchen.
Obwohl die Zahlen der Trauungsziffern absolut und relativ in den letzten Jahren stark abgenommen haben, trifft uns solch eine Anfrage ziemlich unvorbereitet. Was sich auf den Markt der Tagesmoden begibt, wird einige Zeit später auch von den Christen gutgeheißen. Das stimmt mich bedenklich, das kann doch nicht unser Auftrag sein. Natürlich dürfen nicht diejenigen verteufelt werden, die, aus welchen Gründen auch immer, von überkommenen Lebensformen Abschied nehmen. Gute Ordnungen brauchen nicht autoritär oder ängstlich verteidigt zu werden. Aber warum haben die Christen nicht längst schon die Erfahrungen zusammengetragen, die die Lebensform Ehe nicht als Beengung, sondern als Raum der Freiheit empfehlen? Vielleicht haben manche in der Zeit die freche Glosse "Wie Jedermann - Sex und Theologie" gelesen. Sie bezog sich auf meinen Weihnachtsbrief aus dem Jahre 1977 an die kurhessischen Theologiestudenten, in dem ich geschrieben hatte:

"Seit langem beschäftigen mich die eheähnlichen Verhältnisse, in denen nicht wenige von Ihnen wie selbstverständlich leben. Ich weiß, Sie haben diese Lebensform nicht erfunden, sondern ahmen nur nach, was vor und neben Ihnen gang und gäbe ist. Aber kann das für einen Theologen schon eine Erklärung sein, zu leben wie Herr Jedermann? ... Dabei ist der moralische Gesichtspunkt gar nicht einmal die Hauptsache . . . Wer das Studium beginnt mit einer aus der Schulzeit mitgebrachten 'Freundin' und eine gemeinsame Wohnung bezieht, wer nicht alleine seinen Weg suchen und gehen kann, wird es schwer haben, erwachsen zu werden. Wer mit seiner Sexualität nicht umzugehen lernt, sondern so rasch wie möglich Befriedigung braucht, wird den Belastungen und Verzichten eines Pfarrerlebens kaum gewachsen sein. Wer einen anderen Menschen an sich bindet, in dem er sich ganz und gar auf ihn einläßt zu einer Zeit, in der beide erst anfangen, sich dem Wind der Zeit und dem Einfluß neuer Erkenntnisse auszusetzen, handelt unüberlegt und verhindert bei sich und beim Partner eine rechtzeitige Reifung. Nicht nur die eheähnlichen Gemeinschaften, auch die zu früh geschlossenen Ehen führen häufig zu schwer lösbaren Verwicklungen . . ."
Die Reaktionen kann man sich vorstellen. Da gab es wütenden Protest, viele Briefe und vor allem gute Gespräche mit Gruppen und einzelnen. Nachgegangen ist mir die Stimme einer selbständigen und unabhängigen Studentin: "Es ist gut, daß Sie uns sagen, was Sie für richtig halten. Ich weiß zwar noch nicht, ob ich Ihnen zustimmen kann. Aber wir werden von den Erwachsenen einfach im Stich gelassen. Die sagen uns gar nicht, was für sie gilt. Das macht uns unsicher, darum finden wir nicht unsere eigene Überzeugung."
In diesem Sinne scheint es mir nötig zu sein, die unser Handeln bestimmenden Einsichten immer wieder bewußt zu machen und als Orientierungshilfe an unsere nachwachsenden Generationen weiterzugeben.

2. Die Überzeugung von der Notwendigkeit und der entlastenden Funktion von Institutionen ist weiter im Schwinden. Wo jedoch das Leben nicht mehr gehalten ist von den Institutionen in Staat und Kirche, wo Ehe und Familie keine vorgegebenen Ordnungen sind, werden der einzelne wie auch kleine Gruppen hoffnungslos überfordert. Es werden Menschen gebraucht, die bei aller Einzelkritik die uns tragenden Institutionen fraglos bejahen mit Leben erfüllen und an ihrer Erneuerung arbeiten.
Preußen ist zerschlagen worden - und damit zugleich ist in unserem Volk die Überzeugung von der Notwendigkeit von Staat und Herrschaft verkümmert. Es gehört zum guten Ton, die staatlichen Institutionen zu verhöhnen. Ein Wort wie Herrschaft wird ausschließlich negativ verstanden. Die Richter, so kann man es in Organen der Studentenschaft lesen, sind die Büttel der Mächtigen. Wo Polizei erscheint, werden aufgestaute Aggressionen frei.
Es ist schon eigenartig, wie sich unter uns die Lust an der Anarchie ausbreitet. Natürlich können Institutionen die Freiheit des einzelnen in fataler Weise einengen. Aber muß nicht weit mehr die Allgemeinheit vor den übermächtigen Interessen von Gruppen und einzelnen geschützt werden?
Die katholischen Bischöfe haben in ihrer Erklärung "Ursachen des Terrorismus und Voraussetzungen seiner Überwindung" geschrieben:
"Ist nicht oft genug der Ruf nach Abschaffung der Institutionen nur der erste Schritt in ein Gewirr von Kräften hinein, dem der einzelne wehrlos ausgeliefert. ist und aus dem dann zwangsläufig neue Institutionen und Strukturen der Gewalt entstehen? Zutiefst ist ein Nein zur Institution ein Nein zur eigenen Endlichkeit des Menschen. Wer Freiheit haben möchte ohne Vorgabe, ohne Bindung und ohne Geborgenheit in einer übergreifenden Ordnung des Miteinander, der leugnet, daß der Himmel jetzt nicht verfügbar und nicht machbar ist . . ." |