Haben wir beachtet, in welcher Weise die Bischöfe Hanselmann und Heidland von der Messe als der Grundgestalt auch evangelischen Gottesdienstes vor ihren Synoden gesprochen haben? Karl Bernhard Ritter hätte, wäre so etwas zu seinen Lebzeiten in Kurhessen möglich gewesen, sofort ein Tedeum angestimmt. Ich wage die These: In den Landeskirchen ist in den vergangenen dreißig Jahren so vieles, was uns wichtig ist, selbstverständlich oder doch zumindest als erlaubt möglich geworden, daß wir Michaelsbrüder geradezu einen uns herausfordernden Gegner verloren haben. Vielleicht zu unserem Schaden. Denn dieses Einverständnis hat zur Folge, daß wir ähnlich müde und unentschieden wie die Landeskirchen geworden sind. Aber was dort verzeihliche Schwäche ist, steht uns durchaus nicht als Tugend an. Mir scheint es deshalb erforderlich zu sein, uns wieder als Dienstgruppe in den jeweiligen Kirchentümern zu verstehen, denen wir entstammen. Es ist zu überlegen, wie unser spezifischer Auftrag für uns und andere verständlich formuliert und gelebt werden kann. Ich rede keiner Anpassung das Wort (im Gegenteil: wer des Ökumenischen Rates wegen mit seiner Kirche hadert, verhält sich durchaus nicht wie ein kämpfender Michaelsbruder, sondern eher wie ein durchschnittlicher Protestant). Aber eine kritische Solidarität zwischen Bruderschaft und Landeskirchen darf nicht zur Disposition stehen. Manchmal stelle ich erstaunt fest, wie stark protestantische Fehlentwicklungen bei uns fortwirken. Da bewundern wir, wie sich orthodoxes und katholisches Christentum in seinen Repräsentanten darstellt, und reagieren im eigenen Bereich ziemlich ekklesiogen-neurotisch. Seltsam. Vielleicht verbindet uns mit unseren evangelischen Kirchen keine romantische Liebesbeziehung. Das muß ja auch nicht sein. Vernunftehen halten manchmal noch besser.

6. Die Bruderschaft hat sich in ihren liturgischen Formen an den monastischen Überlieferungen der Christenheit orientiert. Da sie aber kein Orden mit dauernder Lebensgemeinschaft ist, wird ihr der Reichtum übernommener Formen zum Verhängnis. Kaum eine Gruppe ist in der Lage, die verschiedenen Psalmtöne zu singen. Die unterschiedlichen Meßgesänge werden nur von wenigen Spezialisten beherrscht. Das gemeinsame liturgische Tun bereitet deshalb nicht selten Verdruß. Bei aller - prinzipiell - wünschenswerter Vielfalt wäre doch - konkret - eine entschlossene Reduktion auf Unverzichtbares angebracht. Der Gottesdienst muß einfach, durchsichtig sein und vor allem so mitvollzogen werden können, daß sich Leichtigkeit und Heiterkeit mitteilen.
Ich will es einmal unbesonnen sagen: Je mehr wir an liturgischen Möglichkeiten publizieren, umso geringer werden unsere Fähigkeiten, miteinander Gottesdienst zu feiern.
Es ist wunderschön, wenn ein Chor die Gabriels- oder Laurentius-Messe singt. Wir Brüder müssen aber sehr einfache und bekannte, vor allem die alten Straßburger Melodien üben und pflegen, damit wir miteinander die Freude am Gottesdienst behalten und mit den Möglichkeiten der landeskirchlichen Gemeinden in Rufweite bleiben. So schön es ist, verschiedene Psalmtöne zu beherrschen - sogar das von Luther gescholtene Murmeln der Gemeinde ist noch besser als die totale Konfusion.
Natürlich, ich will nicht der Trägheit das Wort reden. Wir sollen singen. Wir müssen auch immer wieder etwas Neues probieren. Aber ein geringes Pensum, das alle beherrschen, ist besser als eine Vielfalt, die nur noch Experten zugänglich ist. Die schwächsten Glieder geben hier den Schritt an.

Ich bin oft ein wenig traurig, wie seltsam steif, unfreundlich, distanziert unsere Meßfeiern sind. Da wird nicht vor Gott gespielt, da wird sich angestrengt und abgeplagt. Aber wo der Gottesdienst nicht von heiterer Leichtigkeit durchzogen ist, wirkt er nicht einladend, stößt er die Kinder ab. Das Elend protestantischer Vortragspredigten läßt sich auch aus unseren Meßfeiern nicht vertreiben. Heiter und leicht kann aber nur das dargeboten werden, was man selbstverständlich beherrscht, mit dem man vollkommen einig ist.
In der Zeitschrift "Gottesdienst" findet sich ein Bericht vom Freiburger Katholikentag. Darin heißt es: ". . . noch so gelunge Texte und Melodien allein vermögen noch keine kommunikative und festlich-frohe Atmosphäre zu schaffen. Entscheidend ist vielmehr der Stil, in dem alle Beteiligten im Gottesdienst miteinander umgehen. Hier war eine ungezwungene Herzlichkeit zu spüren: von der selbstverständlichen begrüßenden Geste oder dem freundlichen Wort an den Nachbarn, auch wenn man ihn bislang noch nicht gekannt hatte, von händeschüttelnden Bischöfen, die oft wenig von dem zur Schau trugen, was gemeinhin gerade unter 'feierlich' verstanden wird, bis zu den jungen Menschen, die in den überfüllten Kirchen besonders gern den Boden, oft bis in den Chorraum hinein, bevölkerten. Nicht zuletzt trugen dazu auch bei die spontanen Beifallsäußerungen, die hier einen Sängervortrag, dort das überzeugende Wort eines Predigers, ein andermal ein Flötensolo freudig mit Klatschen bedankten. Daß ein solch ungezwungener lockerer und schlichter Stil im Gottesdienst weder seiner Würde noch liturgischen Gesetzmäßigkeiten abträglich ist, haben diese Tage erwiesen. Echte Frömmigkeit kann bei jung und alt gerade dadurch gefördert werden. Angesichts der Freiburger Erfahrungen ... sollte man dennoch allenthalben vor Ort prüfen, ob nicht gelegentlich unsere Gottesdienste zu sehr vor Steifheit und Würde erstarren und unser Umgang miteinander im Gottesdienst sehr arm an Herzlichkeit ist" (12, 1978, S. 146).
Auch wir sollten unsere gottesdienstliche Praxis in diesem Sinne überprüfen. Mancher Ballast kann abgeworfen werden. Wir sind ziemlich unbeweglich geworden und viel zu sehr historisch fixiert.

7. Ein nicht geringer Teil der evangelischen Pfarrer hat mit dem Gottesdienst geringe eigene Erfahrungen und ist kaum in der Lage, der Zahl und der Zusammensetzung der Teilnehmer entsprechend eine Feier zu gestalten. Michaelsbrüder müßten hier Hilfestellung bieten und Kurse entwerfen und durchführen, in denen es einer lernen kann, dem dem Gottesdienst vorzustehen und die Zeitgenossen zum Feiern vor Gott anzustiften.
Wir können uns zwar dagegen wehren, als liturgische Bewegung gelobt oder abgetan zu werden. Die Michaelsbruderschaft hat mehr gewollt und auch in anderen Bereichen Anstöße gegeben. Aber faktisch hat doch ein gut Teil unserer Bemühungen dem Gottesdienst und der privaten Frömmigkeit gegolten. Das ist völlig in Ordnung im Umfeld evangelischer Kirchlichkeit, die Gottesdienst und Predigt weithin gleichsetzt. Inzwischen tragen diese volkskirchlichen Formen immer weniger. Die Menschen in unserem Land entziehen sich zunehmend kirchlicher Prägung. Es gehen nur kleine Gruppen noch regelmäßig in den Gottesdienst.
Mir scheint, daß viele Pfarrer mit dieser Situation nicht fertig werden. Früher wurden sie von ihren Gemeinden geprägt und lernten dort einiges von dem nach, was sie auf der Universität nicht erfahren hatten. Heute fehlen die Gemeinden weithin, die eine solche Mentorenrolle übernehmen könnten. Die Pfarrer aber sind nicht besser vorbereitet auf diese Situation als ehedem. Ihre Unsicherheit überträgt sich auf die verbliebenen Gemeindeglieder, ein gemeinsames Feiern vor Gott will nicht gelingen. Das ganze Unternehmen Gottesdienst wirkt nicht werbend auf Neugierige.
Hier sehe ich eine Aufgabe für uns. Wir müßten ein neues Zutrauen zum Gottesdienst vermitteln und an erfreulichen Erfahrungen Anteil geben. Vielleicht könnten wir auch anleiten, dem Gottesdienst vorzustehen. Wer als Ministrant oder Diakon bei Walter Lotz in Marburg Dienst getan hat, weiß, wovon ich rede.

8. Der beste Teil unserer Jugend ist der passiven Konsumentenhaltung müde geworden. Diese Jugend will sich einsetzen und gefordert werden. Welche Aufgaben können wir benennen, wo bereiten wir auf solche Aufgaben vor?
Wer von Taizé erzählt, ist tief beeindruckt von den vielen wunderlichen Gestalten, die dort in der Kirche auf dem Boden hocken, Psalmen singen, meditieren und beten. Die Langhaarigen und Linken trauen sich aber zu uns nicht herein. Warum? Ich vermute, daß wir allesamt zu normalbürgerliche Erwartungen haben, diese Jugend viel zu rasch an unsere Lebensformen und Vorstellungen anpassen wollen. Aber da verweigern sie uns die Zustimmung und gehen ihren eigenen Weg.
Wahrscheinlich müssen wir sehr erfinderisch werden und konkrete Aufgaben ausdenken. Wir haben es der Jugend vorgemacht und diese hat die Kunst bis zur Perfektion entwickelt, jeden Sachverhalt stundenlang zu bereden und zu zerreden. Aber man kann nicht nur vom Reden leben. Das wissen auch junge Menschen. Sie haben ein waches soziales Gewissen und sind bereit, sich zu engagieren: für kranke Kinder, für Ausländer, für die Alten. Sie wollen nicht nur einen Gottesdienst vorgesetzt bekommen, sondern ihn mitgestalten; nicht nur eine Predigt anhören, sondern über den Glauben reden. Ich bin sicher, daß einer, der das Christentum wieder als lohnendes Abenteuer vorstellen kann, der die Jugend von der Notwendigkeit sozialer und religiöser "Pflichten" überzeugt, der lohnende Ziele angibt, zwar nicht die Massen, aber doch nicht wenige auf einen guten Weg bringen kann. In einem Diakoniepraktikum haben wir erstaunlich viele positive Erfahrungen mit unseren Studenten gemacht. Sie haben in einer Weise zugepackt und die peinlichsten Arbeiten nicht gescheut, daß sich viele nur gewundert haben.
Sicher, es gibt auch ganz andere Jugendliche, aber das ist kein Gegenbeweis. An alle sollen wir uns ohnehin nicht wenden.

9. Die christliche Erziehung stellt in vielen Familien ein Problem dar. Die Michaelsbruderschaft müßte deshalb Wochenenden und Freizeiten anbieten, auf denen Erfahrungen mit dem Glauben gemacht werden können.
Wer mit Eltern anläßlich der Taufe ihrer Kinder spricht, erfährt eine große Unsicherheit, wir man denn so etwas wie eine christliche Erziehung ins Werk setzen soll. Die Erwachsenen haben gar keine Einwendungen, aber sie wissen nicht, was sie konkret tun sollen - und die Großmütter, die früher oft eingesprungen sind, sind auch nicht mehr zur Stelle. Die Kinder können sich nur das aneignen, was den Erwachsenen selbst wichtig ist.
Mir scheint, daß die Feriengemeinschaften im Kloster Kirchberg eine wichtige Hilfe sind, um Kindern und ihren Eltern den Raum des Glaubens zu erschließen. Aber dort sind wir in der Regel noch viel zu sehr unter uns. In jedem Konvent könnte überlegt werden, welche Tage gemeinsamen Lebens Eltern und Kindern angeboten werden, damit wieder der Mut wächst, Kinder zum Glauben hin zu erziehen.
Ich will hier abbrechen; es wäre noch mancherlei genauer zu bedenken. Aber das wollen wir im Fortgang lieber gemeinsam tun. Es soll auch nicht der Eindruck entstehen, ich hätte ein fertiges Programm und wäre in der Lage, klare Imperative zu formulieren. Nein, das nicht. Ich bin aber sicher, daß Gott auch mit uns noch etwas anfangen kann. Ohne daß wir hochstapeln, können wir uns selber ermuntern, uns am Glauben zu freuen. Und wenn wir das tun, freuen sich über kurz oder lang auch andere mit.
Quatember 1979 (S. 73-85)
© Dr. theol. Hartmut Löwe
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