Liebe Brüder!
Wenn wir einmal im Jahr um Michaelis zusammenkommen, dann ist das ein Fest. Wir erheben uns aus den Niederungen des alltäglichen Lebens, wir finden uns zusammen und feiern, feiern die Gemeinschaft mit dem Herrn, der sich uns gewährt, und untereinander, die wir eine gemeinsame Geschichte haben und uns an der Michaelsregel erkennen.
Wer feiert, der bejaht das Dasein, das Leben, er bejaht es als hineingenommen in die große Bewegung des Lebens, das Jesus Christus bringt. In dieses Ja ist alles eingeschlossen, was wir im letzten Jahr in unserem persönlichen Leben und als Gemeinschaft erfahren haben. Es sei denn, es wäre ein Jahr ohne Christus gewesen. Wir bringen dankbar in diese Tage ein, was wir miteinander erlebt haben. Und was dürften wir dem Herrn nicht darbringen? Nicht nur unsere Siege und Freuden sind ihm ja willkommen. Er nimmt auch unsere Niederlagen, unsere Schwächen und unsere Schuld. Denn er ist der, der uns trägt mit seiner schöpferischen Liebe. Verstehe ich unsere Situation, die Situation unserer Bruderschaft recht, so ist es nötig, dieses zu betonen. Uns ist oft zumute - und das findet auch seinen Ausdruck in Selbstanklage und Unsicherheit, in Starrsinn und Zweifeln - wie einem Menschen bei dem Übergang in eine neue Lebensstufe zumute ist. Er spürt, er kann in dem erworbenen Lebensstil nicht bleiben. Er muß der Erfahrung standhalten, daß er älter wird, daß sein Leben seine Zeit hat, vielleicht auch, daß die Zeit eine neue Antwort von ihm erwartet, vielleicht kann er sich wandeln, um zu neuer Wirksamkeit aufzubrechen. So spüren wir seit geraumer Zeit - ich erinnere nur an den Vortrag von Bruder Löwe beim letzten Michaelsfest -, angesichts des sich wandelnden Lebensgefühls und Lebensstils in unserer Zeit, angesichts vor allem des Fehlens von jungen Brüdern in unseren Reihen, daß die Bruderschaft älter wird. Unser Stil ist geprägt. Bleiben wir auf ihm stehen (oder sitzen), geht die Zeit über uns hinweg? Müssen wir uns gegen die Zeit behaupten? Oder sind wir aufgefordert, unseren Stil zu wandeln, uns zu regenerieren?
In diese Besinnung treten wir am Michaelsfest ein. Wir bringen unser Leben als Bruderschaft, den Stil, den wir gewonnen haben, vor die Augen des Herrn, dem wir unser Leben verdanken und unser Werken geweiht haben, und fragen nach "Lebensstil und Bruderschaft heute".
I
Jürgen Moltmann hat in einem hinreißenden Essay den "neuen Lebensstil" des Christen in unserer Zeit umrissen. Er geht da von der Erfahrung aus: "Wer den Sinn des menschlichen Lebens erfährt, und ihn festhält, der entwickelt einen persönlichen Lebensstil." Und dann preist er den christlichen Lebensstil, der von dem Evangelium bestimmt ist: "Das Leben des Christen" - so sagt er - "wird durch das Evangelium messianisch geprägt." Denn das Evangelium "befreit den Menschen zu sich selbst und erfüllt ihn mit den Kräften des Geistes. Es hat auch seine Disziplin, aber es ist die Disziplin der schöpferischen Liebe in der Freude des Geistes, nicht die Disziplin der Angst unter der Drohung des Gesetzes." Und der Geist Christi hat die Erneuerung der gesamten Schöpfung im Sinn. Wenn er den Menschen erfaßt, dann wird sein Leben in Spannungen hineingerissen, die einen eschatologischen Trend haben. Die erste Spannung ist die "dialektische Einheit von Gebet und Treue zur Erde." Bonhoeffer ist ihr Exempel. Die zweite ist die Einheit von "Kontemplation und politischem Einsatz für Gerechtigkeit in der Welt." Sie ist das Geheimnis des Lebensstils der evangelischen Kommunität Taizé. Die dritte Spannung besteht zwischen der Ausrichtung auf die Transzendenz und der Solidarität mit den Verdammten dieser Erde. Martin Luther King ist in dieser Polarität ausgespannt.
Das sind faszinierende Eröffnungen, faszinierend auch darum, weil sie - anders als beim frühen Moltmann - die Wahrheit nicht überfliegen, daß diese Spannungen in der Nachfolge Jesu die Form des Kreuzes annehmen: "Der christliche Lebensstil, wird durch die Übernahme der Leiden dieser Zeit geprägt". Für uns als Bruderschaft ergeben sich aus dieser Darstellung wichtige Eröffnungen.
- Das genuin Christliche der Nachfolge besteht darin, daß wir von Christus und seinem Geist geformt werden und in den zerreißenden Spannungen des Lebens aushalten, durchhalten, transparent werden. Wir werden durch das Gesetz Christi "Als die Sterbenden und siehe, wir leben" geprägt und verwandelt.
- Dieser christliche Lebensstil prägt sich aus in verschiedenen Stilen, die aus der Begegnung mit der Situation entstehen. Bonhoeffer, Roger Schutz, Martin Luther King, sie verwirklichen je einen nicht austauschbaren, einmaligen Stil christlicher Existenz. Diese Zeitgebundenheit wird von Moltmann überspielt. Für ihn ist Geschichte nur Aufbruch ins Neue, Wandlung, aber nicht auch Verwirklichung im Sinne von Verleiblichung, Einmaligwerden und Sterben. Anders als Moltmann hat Walter Dirks dreißig Jahre früher die "Antwort der Mönche" verstanden. Jeder Orden der Kirche ist in seinem einmaligen Stil in einer bestimmten unwiederholbaren Situation der Geschichte entstanden. Die Zeit geht über diese Ausformung hinweg. Als Gestalt dauert sie aber, weil sie in die Wirklichkeit der Kirche eingegangen ist.
- Für unsere Bruderschaft, wie auch für jeden einzelnen von uns, ergibt sich aus diesen Erkenntnissen die Doppelfrage: einmal, ob wir uns in der Nachfolge allein von Christus bestimmen lassen, sodann, ob wir wirklich die "Leiden unserer Zeit" übernehmen, ob wir also mit dem Stil unserer Bruderschaft nicht zum Leitfossil einer vergangenen Epoche geworden sind und uns entweder wandeln oder aber akzeptieren müssen, daß unsere Zeit vorbei ist.
II
Versuchen wir also unter dem Aspekt eines christlichen Lebensstiles mit seiner Spannung von Christi Nähe im Glauben und der Verwirklichung in der Zeit den Lebensstil unserer Bruderschaft zu beschreiben. Seine Konzeption geschah in dem Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg. Was damals so verschiedene Geister wie Tillich und Stählin, Ritter und Heitmann, Spieker und Langmaack, von der Gablentz und Wendland, Wilhelm Thomas und Herbert Goltzen verband, war das Bekenntnis: "Wir können an der Kirche nur bauen, wenn wir selber Kirche sind."
Das war ein Bekenntnis gegen die Kirche, wie sie damals realiter existierte, ein Bekenntnis zur Reformation der Kirche, wie man meint, auch ganz im Sinne der Reformation. Kirche sein, das hieß die Gemeinschaft am Glauben zu Jesus Christus orientieren und diese Orientierung zu praktizieren im Umgang mit dem Herrn im Gottesdienst und in einem zuchtvollen Leben, das sich sozusagen gottesdienstlich darstellt. Und die Tonart, in der dieses Bekenntnis zu Christus und seiner Kirche formuliert wurde, hieß: Verleiblichung, Verwirklichung des Lebens mit Christus.
Das Berneuchener Buch hat 1926 dieses Grundverständnis entfaltet. Die Not der Kirche liegt - so stellt es fest - darin, daß sie nicht wirklich wird. Sie hat eine gnostische Komponente: Gottes Wort ist nur Buch und Lehre, kein Ereignis. Die Gnade verkümmert in subjektiver Frömmigkeit, die ewige Hoffnung auf die Erneuerung der Schöpfung wird an zeitliche Größen verraten. Der Glaube, die Gemeinschaft mit Christus nimmt keine Gestalt an. Hier muß die Wende eintreten. Der Glaube muß wieder real werden, Gottesdienst als Vollzug, leibhaftes Geschehen. Und das Leben der Christen muß "Bekenntnis der Tat sein", Gestalt der Gnade. Ich war damals Student der Theologie in Münster. Stählin war bei uns der Praktische Theologe. Die Gruppe der Berneuchener und dann der Michaeliten fiel auf. Sie zog uns an durch ihren Ernst. Da wurde nicht nur diskutiert, es wurde gelebt, verleiblicht, gestaltet. Der Gottesdienst als Nähe Christi war für sie Vollzug, er hatte Gestalt, er erforderte Sammlung und Zucht des Leibes und der Seele. Die Gemeinschaft der Berneuchener lebte Gebet und Meditation. Haltung und Kleidung zeugten von dem Willen, das reale Leben in den Ernst der Nähe des Heiligen einzubeziehen und von ihm her zu gestalten.

Wir empfanden damals sehr stark, daß dieser Wille zur Gestaltung, zur Konkretion von den Impulsen der Jugendbewegung lebte: Die Entdeckung des Leibes; der Schauder vor der Abstraktion im Zeitalter der Technik verband sich mit der Entdeckung der Dimension des Heiligen.
Ich erinnere da eine Anekdote, die das Spezifische an Berneuchen karikierend deutlich macht. Karl Barth war nach Münster berufen worden und machte Besuch bei seinen Fakultätskollegen. Er kam auch zu Wilhelm Stählin in die Paulusstraße. Der führte ihn in sein Arbeitszimmer. Barth sah sich um, er entdeckte auf dem Schreibtisch ein Bild der Annuntiata. Stählin erklärte dem Kollegen: Das Bild regt mich an bei meiner Predigtmeditation. Barth bemerkte daraufhin trocken: "Herr Kollege, wo bei Ihnen das Bild steht, da steht bei mir der Tabakskasten, er tuts auch." Ihr versteht die Pointe?! Barth insistierte damit auf der Differenz von Zeit und Ewigkeit, am Kreuz sichtbar, als dem Proprium des christlichen Lebens und seines Stiles. Stählin aber lag alles an der Verwirklichung des Glaubens. Das Berneuchener Buch sagt das klar: "Alle irdische Wirklichkeit ist leibhaftig; der Geist wird wirklich nur, indem er seinen Leib schafft. Leib aber ist gestaltetes Sein; Form zu haben und Form zu sein gehört zum Wesen des Leibes. Einige Seiten später heißt es: "In leiblicher Gestaltung und sinnbildlicher Darstellung die Verkündigung des Wortes und die von dem Wort Gottes getroffene Gemeinde zu verwirklichen."
Aus solchen Impulsen ist dann 1931 die Michaelsbruderschaft entstanden und damit der Stil, den wir als unseren Lebensstil kennen, der Bruderschaftsstil. Ihr nickt vielleicht, euch steht vor Augen: Bruderschaftsweste, das Kreuz aus dem Eisen der Pflugschar, der gesammelte Gang und die zuchtvolle Haltung, die Anrede des Bruders mit dem altertümelnden Ihr, die Ordnung des Tages nach dem Lauf der Sonne.

Aber ist das wirklich unser Stil, mit dem wir stehen und fallen? Oder ist nicht vielmehr das unser Stil: In der Not der Welt sich an Christus zu wenden und von seiner Gegenwart aus und in seiner Gegenwart den Kampf mit den Mächten der Zeit aufzunehmen?! In diesem Sinn sagt ja unsere Regel: "Die Evangelische Michaelsbruderschaft, erwachsen aus der gemeinsam erfahrenen Not der Kirche, begründet in dem Glauben an die der Kirche Jesu Christi gegebene Verheißung, gewillt, ihre Glieder zu rechten Streitern im Kampf der Kirche zu erziehen und zusammenzuschließen, ordnet das Leben der Brüder durch die nachfolgende Regel . . ." Hier spüren wir die beiden Elemente miteinander verbunden, die nach Moltmann einen christlichen Lebensstil bilden: Orientierung an Christus, dem Bringer der Neuen Welt, und Eingehen dieses Impulses in eine konkrete Gestalt, die aus der Begegnung mit der Welt in einem geistlichen Kampf entsteht.
Da habt Ihr die Ursache für die Lebendigkeit der Bruderschaft, aber auch für ihre Gebundenheit: die Spannung von Christi lebenweckender Präsenz und der Verwirklichung der Nachfolge in einem bestimmten Stil.
Nun hat Walter Dirks gezeigt, wie jeder Orden - Benediktiner, Dominikaner, Jesuiten zum Beispiel - eine bestimmte Gestalt des christlichen Lebens ausgeprägt haben, als Beitrag zur Verwirklichung, der Nachfolge in einer bestimmten Zeit, und wie der dann in die Kirche als Jahresring eingegangen ist. Auch von der Bruderschaft können wir vielleicht so reden. Denn sie ist von Anbeginn an mit dem Lebensgesetz angetreten, das wir an der Figur des typischen Berneucheners erkennen. Dann wäre also die Bruderschaft mit ihrer spezifischen Gestalt eingegangen in die Geschichte der Kirche, historisch geworden, Leitfossil einer vergangenen oder vergehenden Zeit. Es spricht vieles dafür, daß es sich in der Tat so verhält. Die Bruderschaft hat der Kirche wesentliche Impulse vermittelt. Viele Stilelemente in ihr tragen unseren Stempel. Die Kirche hat vieles angenommen. Einiges weist noch in zukünftige Wirksamkeit. Aber im wesentlichen wären wir dann in die Geschichte eingegangen, eingemauert. |