Das Disziplinarverfahren verlief ohne Ergebnis; aber es genügte, um Vaters Bleiben in Bremke und auch die Übernahme einer neuen Pfarrstelle unmöglich zu machen. So waren wir dankbar, daß es den Freunden aus dem Kirchenkampf gelang, aus der Hilfsarbeiterstellung bei Bischof Marahrens einen Dauerposten zu machen. Aber es war doch, trotz aller Not in Bremke, sehr schwer, keine eigene Gemeinde zu haben. So flüchteten wir wieder, Ostern 1936, nach Soest, wo Stählin im Predigerseminar mit einer Freizeitgemeinde mehrere Jahre die heilige Woche hielt. Damals lag schon im Wesentlichen die Ordnung für Karwoche und Ostern vor, wie sie jetzt in dem Heft "Die heilige Woche" zu finden ist. Mir war besonders eindrücklich die Einführung in die österlichen Feiern der alten Kirche: Am Gründonnerstage lagen die Büßer, auf der Erde ausgestreckt, vor der Kirchtür und warteten auf die Wiederaufnahme in die Gemeinde. Zweimal trat ein Diakon vor sie hin, hob seine brennende Kerze - und blies sie aus. Erst der dritte Diakon, in einer Hand das Licht, faßt mit der anderen Hand den ersten Büßer und hebt ihn auf, dieser nimmt den zweiten an der Hand, und so führen sie einander in langer Kette durch die Kirche zum Altar, wo sie zum erstenmal seit langer Zeit wieder am Mahl des Herrn teilnehmen durften. Davon mußte ich Euch hernach immer wieder erzählen. Wie selbstverständlich verstehen Kinder die Gebärdensprache!

Über der ganzen Freizeit stand Stählins These: "Wer verstehen will, worum es in der Kirche geht, muß vor allem die Gottesdienstordnungen kennenlernen. Die Dogmatik ist erst die nachträgliche Erklärung dessen, was im Gottesdienst geschieht."
Damals wurde mir klar: Die schwierigste Frage bei Freizeiten ist die Gestaltung der freien Zeit. Was können wir tun, um still zu verweilen in dem, was wir gehört haben, zu verweilen im Gebet? Das ist ein Gebiet, auf dem wir Protestanten besonders hilflos sind. Es war kein Zufall, daß manche von uns am Nachmittag des Karfreitag im Patroklusdom einkehrten, wo in Gegenwart einer großen Gemeinde von vier Priestern abwechselnd die Klagelieder Jeremiae gesungen wurden. Wir selbst sangen zur Todesstunde Jesu die Improperien von Palestrina.
Damals lernten wir auch das Lied kennen, das leider aus dem alten hannoverschen Gesangbuch nicht ins neue übernommen wurde:
Also heilig ist der Tag,
daß ihn niemand mit Loben erfüllen mag;
denn der einige Gottessohn,
der die Hölle überwand
und den leidigen Teufel darinnen band,
damit erlöst der Herr die Christenheit,
das war Christ selber. Kyrieleis!
Es gehört zu den ganz wenigen Liedern, in denen der Satz "Niedergefahren zur Hölle" Gestalt gewonnen hat, wie in so vielen Bildern, und wie in dem Weihnachtslied "Nun ist geboren unser aller Trost, der die Höllenpfort mit seinem Kreuz aufstoßt". Der Stille Samstag, die Zeitspanne zwischen Tod und Auferstehung, ist wie kein anderer Tag angetan, sich in dieses Bild zu versenken: Der Herr, der den Tod erlitten hat, kehrt ein ins Reich der Toten; er faßt sie bei der Hand, Adam, Eva, die Frommen des Alten Bundes, und all die Namenlosen, die Ihn nicht gekannt haben, und führt sie aus dem Tod ins Leben.

Nun beginnt wahrscheinlich für Euch selbst der Osterweg schon sichtbar zu werden. Denn in den kommenden Jahren - ich glaube 1937 - fing es an, daß wir im Freundeskreis mit unseren Kindern am Karfreitag im Friederikenstift die Celler Passion sangen und in der Osternacht die Auferstehung feierten. Es war ein ganz kleiner Anfang, und doch, wie viel hat er bedeutet, nicht nur für uns persönlich. Aber es war noch ein langer Weg. Zunächst wurde der Versuch gemacht, die Osternachtfeier in die Aegidienkirche zu verlegen, um die Gemeinden besser zu erreichen. Die Feier wurde eingeleitet durch den 116. Psalm, von den zwei Liturgen im Wechsel gebetet. Aber der Versuch war verfrüht. Auch der Versuch, die Auferstehung um Mitternacht und die Eucharistie am Morgen zu begehen, scheiterte an den großen Entfernungen in der Großstadt. Und dann kam der Krieg und unterbrach alles. Nächtliche Feiern waren nicht mehr möglich. Unser Weg führte 1943 nach Hildesheim an die Jakobikirche. Dort fanden wir zu unserer großen Freude auch den Brauch vor, früh am Ostermorgen das Heilige Mahl zu feiern. Damals geschah es oft, daß Menschen fremder Nation oder anderer Konfession in die Kirche kamen. So kam es dazu, daß nach der Feier vier Fremdarbeiter zum Altar kamen; sie konnten kein Wort deutsch, aber sie knieten nieder und begehrten die Kommunion. Vater sagte nachher: "Ich weiß nicht, ob ich berechtigt war, ihnen das Sakrament zu reichen, aber am Ostermorgen konnte ich sie nicht abweisen!" Dann kam die Zerstörung Hildesheims und der Karfreitag, an dem Vater seinen 40. Geburtstag feierte und Johannes in Gefangenschaft geriet. Es kam der Ostermorgen, an dem Vater den Gottesdienst wegen der Flieger unterbrechen mußte, und die Osterwoche, in der er fast unausgesetzt, ständig durch Alarm unterbrochen, auf dem Friedhof die Toten bestatten half. Es kamen die Jahre, in denen wir in der Friedhofskapelle, in den wiederhergestellten Gemeindesälen und als Gäste in den katholischen Kirchen unsere Gottesdienste hielten. Aber die Feier des Heiligen Mahls - in der Frühe des Ostermorgens - die durften wir auch jetzt wieder begehen. Nun wieder ein Blick auf die Entwicklung in der römischen Kirche! In den Jahren nach dem Krieg habe ich noch erlebt, wie am Karsamstag-Morgen die Osterzeremonien gehalten und Auferstehungslieder gesungen wurden. Aber dann kam der große Umschwung: 1949 am Karsamstag, als Pater Odo Casel eben das "Exsultet", den großen österlichen Jubelgesang, anstimmen wollte, wurde er vom Herzschlag getroffen; und am Ostermorgen, zu der Stunde, in der die Feier eigentlich stattfinden mußte, tat er den letzten Atemzug. Sieben Jahre danach, im Jahre 1955, kam von Rom die Genehmigung, die Auferstehung am Ostermorgen zu feiern. Odo Casel hat mit seinem Tod ein Zeichen gegeben; und viele haben das Zeichen verstanden.

1950 feierten wir Ostern wieder in Hannover im Friederikenstift. Die Jungbrüder sangen dabei das wunderbare Lied der Böhmischen Brüder "O wie lieblich ist diese Osterzeit". Die Ordnung der Osternacht war inzwischen von Christhard Mahrenholz überarbeitet, für den Gebrauch der Gemeinde etwas verkürzt und vereinfacht worden. Im Gegensatz zur Berneuchener Ordnung war der alte Aufbau wieder hergestellt worden, die Feier beginnt mit dem Ruf: "Lumen Christi - Christus unser Licht". Es ist besonders dankenswert, daß in dieser Ordnung das Osterevangelium von drei Liturgen gesungen wird. Während die gesungenen Passionen im Leben der evangelischen Gemeinden nahezu unentbehrlich geworden sind, ist die in der Reformationszeit entstandene Weise, das Osterevangelium zu singen, in Vergessenheit geraten. Ihre Wiedergewinnung macht den Bericht der Auferstehung zum festlichen Mittelpunkt der ganzen Feier. Zum erstenmal wurde es im Jahr 1951 in der Gartenkirche so gehalten. Ich werde nie vergessen, wie damals der Osterbericht nicht aufhörte mit dem Zittern und Entsetzen der Frauen, sondern weiterging, und wie dann die Stimme des Herrn selbst zu den Seinen spricht: "Seid gegrüßt!"
Die Wiederaufnahme der Litanei stellt zwar in dem ohnehin langen Gottesdienst an alle Beteiligten eine große Anforderung, aber sie ist ohne Zweifel eine Hilfe gegen das Abgleiten in bloße Stimmung.
Nach wie vor war die entscheidende Frage: Die Teilnehmer mehren sich zwar von Jahr zu Jahr, aber gehen sie auch mit? Was kann man tun, daß aus Zuschauern und Zuhörern eine wirklich tragende Gemeinde wird'? Die Geschichte der Osternacht zeigt besonders deutlich, wie jede Gottesdienstreform einer geduldigen und sorgfältigen Vorbereitung aller Beteiligten bedarf, auch wirklich sicherer Sänger. Jede Unsicherheit überträgt sich auf die Gemeinde, während auch fremde Formen oft überzeugen, wenn sie mit Sicherheit durchgeführt werden.

1952 wurde in der Markuskirche am Karfreitag-Nachmittag eine Passion im Gottesdienst gesungen, abgeschlossen vom Litaneigebet der Gemeinde. Endlich die richtige Gottesdienstform für diesen Tag! Eben dort wurde auch die Osternacht gehalten. Sicher waren noch immer Zuschauer dabei (vor allem einige Pastoren), aber zum erstenmal hatten wir den Eindruck: die Gemeinde geht mit. Dann führte unser Weg nach Wunstorf. Beim ersten Osterfest 1955 feierten wir nur, wie dort üblich, am Ostermorgen die Eucharistie. Im nächsten Jahr schon konnte die Osternachtfeier gewagt werden, vom Vater und drei Söhnen getragen, Bernhard war Evangelist, Frieder sang den Engelpart (freilich in einer tieferen Lage), Konrad war Gemeindekantor. Wie zu erwarten, in einem kleinen Kreis, aber das Echo war so gut, daß Pastor Kurt Schmidt-Clausen schon im nächsten Jahr mit einer kleinen Schola die Feier durchführen konnte. Er hat auch die Erneuerung des Taufbundes, wie sie heute in der römischen Kirche üblich ist, aufgenommen. Vater hat zwar immer bedauert, daß das Gedächtnis der Taufe in der Ordnung der Liturgischen Konferenz so wenig entfaltet ist - ob das Gelübde die richtige Art des Taufgedächtnisses ist, schien ihm fraglich. Die Gemeinde soll aber gerade davon sehr beeindruckt gewesen sein. Wie wir hörten, wird die Osternacht noch heute in Wunstorf gefeiert, obwohl auch Schmidt-Clausen bald nach uns abberufen wurde.

Als wir 1960 wieder in Hannover Ostern begingen, war die Osternacht wirklich eingewurzelt und gewachsen. Sie wird heute in etwa acht Gemeinden begangen. Wir gingen wie in der Christnacht durch die Eilenriede nach Kleefeld. Am Eingang bekam jedes Gemeindeglied eine Kerze. Vor dem Osterevangelium gingen zwei Diakone mit der brennenden Kerze durch den Mittelgang, der erste in der Bank zündete seine Kerze an und gab das Osterlicht weiter, bis die ganze Kirche von Licht erfüllt war. Die Kerzen reichten diesmal bei weitem nicht aus für die große Gemeinde. Und wenn auch mancher kam nur um des herrlichen Chores willen - da war ein solcher Strom von Freude, gegen den niemand schwimmen konnte, wenn beim Laudamus zum erstenmal wieder Glocken und Orgel einfielen.
Die Kleefelder Gemeinde hat als eine der ersten in Hannover die liturgische Kleidung für Liturgen und Chor eingeführt. Der Liturg trug über dem Talar einen weißen Überwurf nach altem lutherischen Brauch, der sich in manchen Gemeinden erhalten hat - so lange den meisten Gemeinden das weiße Gewand noch fremd und anstößig ist, wahrscheinlich die beste Lösung. Das erste Osterfest seit unserer Rückkehr nach Hildesheim im Jahr 1961 war verbunden mit unserer ersten Einkehrzeit über Karwoche und Ostern. Es war eine schwere, schöne Aufgabe. Wir wagten damals noch nicht, die täglich wechselnden Psalmen von der Freizeitgemeinde beten zu lassen; sie wurden von zwei Liturgen im Wechsel gesprochen.
Von der Osternacht in St. Michael waren wir ein wenig enttäuscht. Man merkte, daß die Ordnung in der Gemeinde noch nicht recht verwurzelt war, auch fehlte damals die Mitwirkung des Chores. So eine Neueinführung braucht eben doch Jahre, bis die Gemeinde darin heimisch wird.

Ostern 1962 brachte ein großes Wagnis: Eine fünfzehnköpfige Pfadfindergruppe mit drei Führern, deren Ehefrauen und fünf Kindern hatten sich zu den Einkehrtagen angesagt. An diese Tage denken wir mit besonderer Dankbarkeit. Zum erstenmal machte Vater den Versuch, seinen "Kreuzweg" im Wechsel von der jungen Gemeinde beten zu lassen. Dieser Versuch zeigte, daß dies eine gute Möglichkeit des meditativen gemeinsamen Gebetes ist. Seitdem gehört er zu unserer festen Ordnung der Karwoche.
Seit 1964 dürfen wir nun Jahr für Jahr über Karwoche und Ostern die Einkehrtage in St. Michael halten und, was uns besonders beglückt, wir können beobachten, wie von Jahr zu Jahr die Gemeinde mehr mit der Ordnung der Osternacht vertraut wird. 1965 hat zum erstenmal der Chor mitgewirkt, es war ein wirklich lebendiges Einander-Zurufen und Antworten, wie die Liturgie sein soll, und die Gemeinde stimmte mit ein. 1966 wurde die Ordnung noch besser ausgebaut: Eine Schola stand mit den Liturgen im Chor der Kirche, die übrige Kantorei verteilte sich im Kirchenschiff. So war es sogar möglich, die Antiphon zum 42. Psalm von der Gemeinde singen zu lassen.
Zu unserer Osterfreizeit gehörte auch jedes Jahr die "Historia von der Auferstehung" von H. Schütz. Wir haben alle noch den Klang des großen Osterlobgesangs (Exsultet) im Ohr - und hören beglückt, wie dieser Klang in dem Schützschen Oratorium weiterklingt. Wenn ich zurückdenke bis dorthin, wo ich den Anfang des Osterweges kaum finden konnte, dann staune ich, wie viel sich in diesen Jahrzehnten gewandelt hat. Ostern-Sonntag-Eucharistie - das ist die große Drei-Einheit der christlichen Kirche. Daß wir den Weg, auf dem dieses Wissen wiedergefunden wurde, mitgehen durften, dafür sind wir dankbar.
Denken wir noch einmal an den Leitsatz: "Wer verstehen will, worum es in der Kirche geht, muß ihre Gottesdienstordnungen kennenlernen; die Dogmatik ist erst die nachträgliche Erklärung dessen, was im Gottesdienst geschieht." Dies eine ist sicher: Es gibt keinen wichtigeren Dienst, als ein lebendiges Zeugnis der österlichen Freude."
Quatember 1981 (S. 77-86) |