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Zurueck Teil 1

Quatember

Drei Fragen zur Liturgie heute
von Waldemar Wucher
(Teil 2)


LeerEin anderer Weg zur liturgischen Mündigkeit der Gemeinde führt über die Meditation. Ich denke hierbei nicht an die vielen angestrengten Bemühungen, meditative Methoden zu erforschen und zu entwickeln, sei es östlicher oder westlicher Herkunft, die darauf ausgehen, "eins zu werden" mit einem bestimmten, vorgegebenen Wort, Bild oder sonstigem Ziel. Ist nicht jahrzehntelange Arbeit daran zuletzt Spezialistentum geblieben, das es nicht vermocht hat, meditative Haltung auch nur der bruderschaftlichen Gemeinde im Vollsinn des Wortes zu wecken? Nicht punktuelles Meditieren scheint hier weiterzuführen, sondern eine veränderte Grundhaltung, "Meditation im Alltag". Darüber hat schon vor vielen Jahren Otte Haendler nachgedacht und geschrieben, und wer mit ihm Meditationstagungen erlebt hat, weiß, daß hier sein Hauptanliegen zu finden ist. Was "Meditieren heißt", hat er folgendermaßen umschrieben:

gegenwärtig werden Leer etwas Gewalt über sich bekommen lassen
zu sich kommen in Bewegung geraten
bei sich sein begeistert werden
aufmerksam sein verweilen
sich öffnen Fülle gegenwärtig haben
wahrnehmen einsinken lassen
anschauen in die Wahrheit hineinwachsen
sich erinnern sich in Besitz nehmen lassen
sich vorstellen einüben
etwas befragen sich zu Herzen nehmen
sich besinnen beherzigen
vergleichen eingewöhnen
n Beziehung bringen sich aneignen
ahnen sich entscheiden
etwas in sich aufsteigen lassen nachklingen lassen
sich in jemanden hineinversetzen sich durchdringen lassen
nachfühlen die Wertordnung herstellen
in sich aufnehmen einprägen
sich der Wirklichkeit aussetzen Raum geben
sich stellen erwecken
begreifen erneuern
in neuem Lichte sehen Konsequenzen ziehen
eindringen unter der Wahrheit anders werden
sich in etwas vertiefen begegnen
sich versenken anblicken
warten sich öffnen
nachvollziehen fragen
eindringen lassen bitten
angerührt werden verlangen
betroffen werden vertrauen
sich ergreifen lassen lieben
realisieren sich hingeben
ermessen anbeten
warten sich unterwerfen
wiederholen sich austauschen
in sich tragen sich preisgeben
nacherleben danken
ausschöpfen loben
verkosten bereuen
sich hingeben trauern
auf sich wirken lassen Schmerz empfinden
in sich hineinnehmen sich freuen
ins Herz schließen jubeln
im Herzen tragen sich überantworten
sich berühren lassen sich anvertrauen
sich eingestehen eins werden


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Leer3. Gibt es Liturgie außerhalb der Geschichtlichkeit des Lebens und Geistes?

LeerGünther Howe hat ein ganzes Leben daran gesetzt, uns nahezubringen, daß das Herrenmahl etwas mit dem wissenschaftlich technischen Zeitalter zu tun hat wie mit jedem vorangegangenen.

LeerHans Rudolf Müller-Schwefe hat vor einiger Zeit wieder daran erinnert. Die Replik, die sein Beitrag mit einem in "Quatember" veröffentlichten "Brief" ausgelöst hat, hat aus einem tiefen Mißverstehen Vordergründiges herausgelesen. Aber hat nicht liturgisches Geschehen sehr viel zu tun mit dem geschichtlichen Werden der Menschheit, der Völker und Kulturen? Die Bemühungen Howes und nach ihm des "Howe-Kreises" um ein dem Zeitalter gemäßes Verständnis des Herrenmahles mögen dem äußeren Anschein nach nicht gegriffen haben. Einen führenden Physiker und Philosophen wie Carl Friedrich von Weizsäcker haben sie zum kritischen Freunde der Michaelsbruderschaft gemacht. Ich werde also auch an dieser Stelle nicht theoretisieren, sondern Namen und Beispiele nennen. Und als Zweites sei daher das Bemühen des unlängst verstorbenen Schriftleiters von "Quatember" Heinz Beckmann genannt. Er hat um den viel weiter gespannten Horizont des Liturgischen gewußt, vielleicht weil er als Nicht-Bruder die Bruderschaft unbefangener, in liebendem Abstand beobachtete. Wiederholt hat er mir gesagt, ja geklagt, wie not es täte, durch "Quatember" die Stimmen der Dichter, Maler und Musiker unserer Zeit zu hören und zu bedenken, um uns mit der Gestimmtheit vertraut zu machen, die unserem Zeitalter eigen ist.

LeerDie Bilder der Künstler nicht weniger als der Physiker scheinen ein Zweifaches zu zeigen. Das Eine ist der Blick ins Universale, was etwa mit Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" anhebt und - wie die große Ausstellung beim Berliner Katholikentag 1980 gezeigt hat - heute zu einer tiefen und breiten Erfahrung im Bereich der Künste geworden ist. Das Andere ist ein neues Verstehen und künstlerisches Gestalten des der Bibel eigenen Realismus. Es gibt eine neue Wahrnehmung dessen, dass in Christus der Schöpfer selbst eingetreten ist in die irdische Welt und Anteil nimmt an unserer anscheinend immer gefahrvolleren Geschichte. Beispiele dafür gibt es in der Bildenden Kunst, in der Literatur und in der Musik. Den Anteil der Musik an diesem Problem hat soeben Oskar Söhngen, der Altmeister kirchenmusikalischer Forschung und Förderung, doch einmal hellsichtig analysiert. Beides scheinbar Divergierende zusammen - die Öffnung hin zum Universalen und die Bejahung der Realität des Eintretens Gottes in und für diese Welt - eine Art coincidentia oppositorum - wird künftig als eine neue Weise der Transzendenz unverzichtbar sein für eine Leiturgia, die welthaftes Geschehen im umfassenden Sinne ist.

LeerIst nicht die Zeit gekommen, darüber nachzudenken, was liturgische Bewegung fünfzig Jahre später bedeutet und fordert? Die himmlische Liturgie ist das Bild der Fülle. Es erinnert, daß Liturgie auch hier und heute der Fülle bedarf. Sie sollte lebendiges Zeugnis sein einer mit allen Sinnen feiernden Gemeinde, die sich als Koinonia versteht, die ihre Kirchen als Räume erlebt und zu öffnen weiß, die im Alltag aus meditierender Bereitschaft offen ist für die Fragen und Nöte der Gegenwart und in ihnen Gottes Gegenwart zu erkennen und zu deuten versteht, damit Leiturgia auch wieder in die Nähe der Diakonia gerät.

Quatember 1981 (S. 87-93)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-02-17
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