Das ökumenische Eucharistiegespräch hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Das wichtigste Dokument ist "Das Herrenmahl", das von einer Kommission des Einheitssekretariats und des Lutherischen Weltbundes erarbeitet wurde und einen weitgehenden Konsens in den zentralen Fragen um Abendmahl und Eucharistie gebracht hat.
Noch am wenigsten geklärt scheint mir die Frage nach der Fortdauer der Realpräsenz zu sein. In dem Buch "Das Herrenmahl" ist ein Exkurs zu lesen, der von Harding Meyer und Vinzens Pfnür gezeichnet ist, "Die Gegenwart Christi in der Eucharistie im Blick auf die Dauer der sakramentalen Gegenwart " überschrieben. Auch hier sind erstaunliche Übereinstimmungen zu erkennen, aber die Distanz zwischen den beiden Auffassungen ist noch erheblich. Mein Mitbruder, P. Dr. Gerhard Voss (Niederaltaich), weist darauf hin: Die einen halten mit dem eucharistischen Brot eine Fronleichnarnsprozession, die anderen erlauben sich, beim Krankenabendmahl den übriggebliebenen Wein in den Ausguß zu schütten.

Wenn wir zu einer echten und tragfähigen Abendmahlsgemeinschaft kommen wollen, sollte auch in diesem Punkt eine Klärung versucht werden. Der biblische Befund bringt uns hier kaum Hilfe. Jesus sagt: "Das ist mein Leib" und "Tuet dies zu meinem Andenken". Er sagt nichts über die Fortdauer seiner Gegenwart und über die weitere Verwendung der eucharistischen Gestalten. Es bleibt also nur die Tradition zu befragen und zu beobachten, wie es in der Kirche zu einer Klärung dieser Frage gekommen ist. Schon in den ersten Jahrhunderten hat man von der gemeinsamen Feier des Herrenmahles aus die Kommunion den Gefangenen und den Kranken gebracht. Man hat dort, in der Gefängniszelle oder am Krankenbett, nicht noch einmal die Einsetzungsworte gesprochen, sondern verstand diese Kommunionsausteilung als Ausweitung der Gemeindefeier. Die Gemeinde endet ja nicht bei der Kirchentüre und der Gottesdienst endet auch nicht mit dem Schlußsegen, sondern beides dehnt sich über die Grenzen von Raum und Zeit hinaus.
Der nächste Schritt bestand darin, daß man das eucharistische Brot in einem eigenen Schrein aufbewahrt hat, um jederzeit in der Lage zu sein, Kranken und Sterbenden diese heilige "Wegzehrung" bringen zu können. Von einer Aufbewahrung des Weines ist nichts bekannt, wohl wegen der Verderblichkeit des Getränkes. Auch bei der Kommunion für Gefangene und Kranke ist von der Kelchkommunion nichts überliefert. Die Aufbewahrung des eucharistischen Brotes führte dann im Laufe der Jahrhunderte zur Verehrung. Der Tabernakel wurde immer schöner, würdiger ausgestaltet. Man kam in der Gotik zum Bau der wunderbaren Sakramentshäuschen in unseren Kathedralen und entsprechend entwickelte sich auch eine eigene Sakramentsfrömmigkeit. Das stille Verweilen vor dem Tabernakel spielt in der Geschichte des geistlichen Lebens eine wachsende Rolle. Wenn es stimmt, daß Jesus hier leibhaftig in der Gestalt des Brotes gegenwärtig ist, dann ist es ja ganz naheliegend, sich Zeit zu nehmen, um diesen HERRN zu besuchen und Anbetungsstunden vor dem Tabernakel zu halten. Immer tiefer wurde das gläubige Volk in das Geschenk der Eucharistie, in die Gabe der Gegenwart des HERRN hineingezogen.

Ein weiterer Schritt ist dann der eucharistische Segen mit der Brotsgestalt in der Monstranz und die eucharistische Prozession, bei der man in der Monstranz den HERRN in der Eucharistie durch die Kirche, durch die Kreuzgänge und auf die Straßen der Stadt getragen hat. Die Fronleichnamsprozession wurde erstmals 1246 in Lüttich eingeführt und 1264 für die ganze Kirche gestattet. Die Anregung dazu kam von einer Frau, nämlich von der Hl. Juliana von Lüttich.
Die Fronleichnamsprozession ist also keine gegenreformatorische Kundgebung der Katholiken, wie man hin und wieder hören konnte, sie ist älter. In ihr wird zum Ausdruck gebracht, daß das Geheimnis der Eucharistie auf die Verwandlung des ganzen Kosmos hinzielt. Es geht ja nicht nur um die Verwandlung des Brotes, sondern vor allem um die Verwandlung des Menschen, ja um die Verwandlung der ganzen Schöpfung; denn alle Kreaturen seufzen und liegen in Wehen und verlangen nach der Offenbarung der Gotteskinderschaft.
Dieser Bezug wurde durch die vier Stationen, die vier Altäre, mit der Verkündigung von vier Texten aus den Evangelien verdeutlicht. Die Zahl vier ist bekanntlich die Zahl des Kosmos, wie die Zahl Drei die Zahl Gottes ist. Es wäre sinnvoll, wenn man bei der Fronleichnamsprozession den Segen der eucharistischen Gabe jeweils vier Bereichen unseres menschlichen Lebens zuwenden würde, z. B. am Rathaus dem politischen Bereich, am Krankenhaus dem Bereich der Diakonie und Caritas, am Schulhaus dem Bereich von Erziehung und Kultur und an einer Fabrik dem Bereich der Berufsarbeit. Die Lesungen aus der Schrift, die Fürbitte und die Lieder könnten jeweils diesen Themen zugeordnet werden.

Ich möchte nicht bestreiten, daß es in der Entwicklung der Eucharistiefrömmigkeit zu bedenklichen Akzentverschiebungen und zu unzulässigen Wucherungen gekommen ist. Die Kritik der Reformatoren und ihr Ruf "Zurück zur Bibel" hat eine heilsame Besinnung ausgelöst, die sich vor allem in der liturgischen Erneuerung und in der Liturgieform des II. Vaticanums niedergeschlagen hat. Als unzulässig wurden z. B. die "Messen vor ausgesetztem Allerheiligsten" erklärt, die mancherorts zur Erhöhung der Feierlichkeit üblich waren.
Das Konzil hat klargestellt, daß das Hl. Mahl das Zentrum der Eucharistie ist. So hat es Jesus gestiftet, und die ganze eucharistische Frömmigkeit muß auf diese Mitte hin bezogen sein. Die Anbetung des Allerheiligsten kann aber sinnvoll als Hinführung zu diesem Herrenmahl oder als Danksagung und vertraute Zwiesprache nach der Hl. Kommunion praktiziert werden. In letzter Zeit ist man bei strittigen Texten oder Fakten öfter dazu übergegangen, die Wirkungsgeschichte zu untersuchen. Man könnte bei unserer Frage auch einmal diesen Weg beschreiten und der Wirkung nachgehen, die von dem Glauben an die Fortdauer der Realpräsenz ausgegangen ist.
Da ist z. B. der Kirchenbau zu nennen. Wenn wir katholische und evangelische Kirchen vergleichen, so kommt der Unterschied sehr deutlich darin zum Ausdruck, daß in den evangelischen Kirchen oft die Kanzel im Zentrum steht und die Bänke der Kanzel zugewandt sind, während katholische Kirchen den Altar und teilweise auch den Tabernakel zur Mitte haben. Die katholischen Kirchen wurden in erster Linie für Gott gebaut, als Haus Gottes, und erst in zweiter Linie für den Menschen, die dieses Gotteshaus besuchen. Bei uns in Neresheim haben unsere Vorfahren auf das abgelegene Härtsfeld einen gewaltigen Dom gebaut, obwohl für den kleinen Konvent und die normale Besuchergemeinde ein wesentlich kleinerer Raum vollauf genügt hätte. Man wollte wohl in den majestätischen Dimensionen des Raumes eine Aussage über Gott, über SEINE Größe, über SEINE unfaßbare Gegenwart und Lebendigkeit machen. "Haec est Domus Dei" steht in großen Lettern über dem Hauptportal unserer Kirche: "Das ist das Haus Gottes". Ist es nicht der Glaube an die Anwesenheit Christi im Sakrament, und zwar auch über die Feier der Eucharistie hinaus, der die Bauherrn und Künstler inspiriert hat, für diese Kirchen das Beste und Schönste aufzubieten? Galt es doch, eine Wohnung für Gott zu bauen. Betrachten wir doch einmal die Entwicklung der Kirchenbaukunst unter diesem Aspekt: Die Romanik, die Gotik, den Barock. Ist die Wirkungsgeschichte nicht auch ein Beitrag zu unserer Frage nach der Fortdauer der Realpräsenz?
Eine evangelische Pfarrfrau bemerkte einmal: "Eure Kirchen erwecken den Eindruck als seien sie bewohnt. Unsere evangelischen Kirchen hingegen wirken leer."

Aber nicht nur die Architektur hat ihre schönsten Werke in diesen Domen, Kathedralen und Barockkirchen geschaffen, sondern auch die anderen Künste haben hier ihr Bestes geleistet. Ist es ein Zufall, daß die bedeutendsten Bildwerke Europas Altarbilder sind? Ich nenne nur einige wenige: Den Isenheimer Altar in Colmar, den Bordesholmer Altar, den Genter Altar sowie die Altarwand der Sixtinischen Kapelle in Rom. In der Verehrung Gottes, näherhin des eucharistischen HERRN, wurden die tiefsten, schöpferischen Kräfte im Menschen geweckt und entfaltet. Man müßte auch noch das Kunsthandwerk dazuzählen, das die Kreuze und Leuchter, die Monstranzen und Kelche, die Gewänder und Antependien geschaffen hat.
Auf unser Eucharistieverständnis ist es zurückzuführen, daß unsere Kirchen auch tagsüber geöffnet sind. Jeder Katholik weiß, daß das "Ewige Licht" vor dem Tabernakel auf die eucharistische Gegenwart Jesu hinweist, und daß wir eintreten dürfen, um bei IHM zu sein. Hier ist immer schon Meditation praktiziert worden, stilles Verweilen, vertraute Zwiesprache, Versenkung. Hierher paßt das Lied von Gerhard Tersteegen: "Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor IHN treten. Gott ist in der Mitten, alles in uns schweige und sich innigst vor IHM beuge."
Es wäre eine lohnende Aufgabe, einmal in der Geschichte der christlichen Spiritualität der Bedeutung nachzugehen, die diese eucharistische Gegenwart des HERRN für unzählige Menschen, Beter, Mystiker gehabt hat und heute hat. Ich möchte nur auf drei Persönlichkeiten aus unserem Jahrhundert hinweisen, bei denen die Eucharistie auch außerhalb der Messe eine zentrale Rolle gespielt hat und spielt, auf Charles de Foucauld, auf Therese Neumann von Konnersreuth und auf Mutter Teresa von Kalkutta.

Charles de Foucauld (+ 1916) hat als geistliches Leitbild für sein Leben und für den von ihm geplanten und später auch verwirklichten Orden das Leben Jesu in Nazareth gewählt. Jesus hat vor seinem öffentlichen Wirken ganz einfach unter seinen Mitmenschen gelebt. Er hat Gott schweigend, arbeitend, liebend präsent gemacht. Dieses Leben wollte Charles de Foucauld und wollen seine Brüder und Schwestern in dem von ihm gegründeten Orden nachvollziehen. Sie wollen, wie Jesus, unter den ärmsten Menschen leben. Dabei spielt für Charles de Foucauld und seine "kleinen" Brüder und Schwestern die tägliche Anbetung vor dem Allerheiligsten eine entscheidende Rolle. Ihre Kommunitäten bestehen oft nur aus drei Personen. Man kann sie nicht nur in den Slums und unter den Obdachlosen, sondern auch in den Zelten der Sahara oder im Zigeunerwagen, in Berliner Mietskasernen oder in einer Dschunke im Hafen von Hongkong finden. Zentrum dieser Kommunitäten ist immer der winzige Raum mit dem Allerheiligsten. Dort wird, wenn immer möglich, die Hl. Messe gefeiert und vor dem Tabernakel halten die Brüder und Schwestern ihre tägliche Anbetung, ihre Zwiesprache mit dem HERRN. Hier empfangen sie die Kraft, die Nahrung, die sie befähigt, den Ärmsten der Armen, wo immer sie sie finden, zu dienen.

Therese Neumann (+ 1962) ist ein einfaches Kind vom Lande, das älteste von zwölf Kindern. Seit den zwanziger Jahren, nach einer schweren Krankheit wunderbar geheilt, hat sie nur mehr von der Eucharistie gelebt. Es wird glaubwürdig versichert, nicht nur von ihren Angehörigen und ihren Dorfgenossen, sondern von allen, die sie kannten und die sie auf Reisen besuchten, daß Therese Neumann niemals etwas gegessen oder getrunken hat. Vierzig Jahre lang hat sie buchstäblich nur von der Eucharistie gelebt, die sie täglich empfing. Sie hat im Anschluß an das Kirchenjahr das Leben Jesu geschaut und hat das Leiden Jesu an ihrem eigenen Leibe mitgelitten. Sie trug auch die Wundmale an Händen und Füßen und an der Brust. Wenn man Therese Neumann fragte: "Resl, es geht doch gar nicht, daß man von nichts lebt", dann antwortete sie: "Ich leb' auch nicht von nichts. Wenn der Heiland gesagt hat 'Mein Leib ist wahrhaft eine Speise' und wenn er will, daß er bei mir nicht nur eine Speise für die Seele, sondern auch für den Körper ist, warum sollte ihm das nicht möglich sein?"
Was könnte der Sinn dieses Zeichens sein? Könnte es nicht die Bedeutung haben, uns ganz neu auf die Eucharistie hinzuweisen, auf die verwandelnde, lebenspendende Kraft dieses Sakramentes?
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