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Quatember
Fortdauer der Realpräsenz
Zum 50. Jubiläum der Evangelischen Michaelsbruderschaft
von Beda Müller OSB
(Teil 2)


LeerDie dritte Persönlichkeit, in deren Leben die Eucharistie im Tabernakel eine zentrale Rolle spielt, ist Mutter Teresa von Kalkutta, die noch am Leben ist. Ich zitiere aus dem TOPOS-Taschenbuch "Mutter Teresa, Geistliche Texte", (2. Aufl. Mainz 1978) "Wir können der Demut Jesu begegnen in seiner Krippe, in seiner Verbannung in Ägypten, in seinem verborgenen Leben, darin, daß er nicht imstande war, sich den Menschen verständlich zu machen, daß die Jünger ihn im Stich ließen, daß die Juden ihn haßten, in all den furchtbaren Qualen der Passion und jetzt in seiner Demut im Tabernakel, wo er in einer kleinen Scheibe Brot ist, so daß der Priester ihn zwischen den Fingern halten kann."

Leer"Ein Mitarbeiter muß imstande sein, Jesus den Menschen zu schenken. Deshalb müssen wir nahe bei Gott sein. Wir sollten für Gebet und Meditation eine Heilige Stunde haben. Auch wenn wir nicht viele sind, könnten wir sie in unserer Pfarrei halten oder wo wir uns gerade befinden. Wenn wir die Armen wirklich lieben, müssen wir zuerst im Allerheiligsten Sakrament die Verbindung mit IHM aufnehmen. Nachher ist es leicht, unsere Liebe für Jesus auf die Armen zu übertragen."

Leer"Wir setzen das Allerheiligste jeden Tag aus und haben gemerkt, daß sich unser Leben verändert hat. Wir haben die Liebe zu Christus durch die schmerzliche Maske der Armen tiefer empfunden. Wir sind imstande gewesen, uns selbst besser zu erkennen und die Armen als konkretes Zeugnis Gottes. Seitdem wir mit dieser Anbetung begonnen haben, haben wir nicht weniger gearbeitet, wir widmen unserer Arbeit ebensoviel Zeit wie früher, aber mit mehr Verständnis. Die Menschen nehmen uns jetzt eher an, weil sie nach Gott hungern. Sie brauchen nicht mehr uns, sondern Jesus."

Leer"Haltet die Stille, die Jesus dreißig Jahre lang in Nazareth beobachtet hat, und die er auch weiterhin im Tabernakel hält, da er sich für uns einsetzt."

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LeerDie Wirkungsgeschichte der eucharistischen Anbetung, auch außerhalb der Messe, ist so gewaltig, daß man von der Wirkung auf die Ursache schließen kann, daß man nicht umhin kann, an die Anwesenheit Jesu in der konsekrierten Brotsgestalt auch außerhalb der Messe zu glauben. Von mir selber muß ich allerdings gestehen, daß sich die Praxis der Meditation von dem Tabernakel wegverlagert hat in meine Zelle oder in unseren Meditationsraum. Mir ist klar geworden, daß die Eucharistie auf die Einwohnung Gottes in uns hinzielt. Jesus will nicht so sehr in einem Haus aus Stein und in einem Tabernakel aus Metall wohnen, sondern in unseren lebendigen Herzen. Das ist ja schon mit den Gestalten von Brot und Wein angedeutet, es sind Nahrungsmittel. Vom Brot weiß jedes Kind, wozu es da ist, daß es zum Essen bestimmt ist, daß es durch unseren Mund in unser Inneres eingeht und eins mit uns wird. Brot und Wein, diese Zeichen hat Christus sich ausgesucht, um uns deutlich zu machen, worauf es ankommt, daß er in uns leben will, in uns Gestalt annehmen will und durch uns hindurch sein Licht, seine Wahrheit, sein Leben, seine Liebe, den Menschen zuwenden will.

LeerEs hat sich also in meiner persönlichen Frömmigkeit eine ähnliche Entwicklung vollzogen, wie sie von der liturgischen Erneuerung des 2. Vaticanums angebahnt wurde, und zwar unabhängig von diesem Geschehen, aus einer inneren Logik heraus.

LeerAuch das Konzil läßt die Anbetung der Eucharistie außerhalb der Messen, den sakramentalen Segen, Fronleichnamsprozession und ähnliches etwas zurücktreten, zugunsten der eucharistischen Feier selbst. Das ist erkennbar an der Neugestaltung der Kirchenräume, der Altäre und der Tabernakel. Hier ist eine deutliche Korrektur vorgenommen worden, die aber sicher nicht besagt, daß die eucharistische Gegenwart nun bedeutungslos geworden sei oder gar in Frage gestellt wäre. Für mich selbst habe ich folgende Lösung gefunden: Ich wurde so geführt, daß die Zeit nach der Messe und Kommunion meine wichtigste Meditationszeit geworden ist. Hier genügen mir als Einstieg die Worte "Bei DIR sein". Die Kommunion ist ja keine "Schluckimpfung", sondern eine personale Begegnung, für die man sich Zeit nehmen muß. Hier finde ich beides: Den HERRN im Brot und den HERRN in mir.

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LeerWie können wir nun zu einer verbindlichen Klärung kommen?
Eingangs betonte ich, daß uns hier der biblische Befund nicht weiter hilft. Es ist die Glaubenserkenntnis der Kirche gewesen, die sich unter Leitung des Heiligen Geistes immer mehr auf die Eucharistie konzentriert hat und immer neue Tiefen, neue Aspekte in diesem "Geheimnis des Glaubens" entdeckt hat.

LeerIch bitte unsere evangelischen Freunde, einmal diesem Vorgang ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Jesus hat es mit seinem Stiftungsauftrag "Tuet dies zu meinem Gedächtnis" der Kirche überlassen, die Ausführungsbestimmungen zu geben. Er hat es dem Glaubensbewußtsein der Gesamtkirche anvertraut, unter Führung des Heiligen Geistes mehr und mehr dieses Geschehen in seiner Bedeutung zu ergründen und in der Praxis zu entfalten.

LeerGanz ähnlich wie bei unserer Frage nach der Fortdauer derRealpräsenz liegt die Problematik bei anderen Kontroversfragen zum Herrenmahl.

LeerWer ist beauftragt und ermächtigt, die Eucharistie zu feiern? ("Amtsfrage") Alle sind sich einig, daß nicht nur die Apostel, an die die Worte "Tuet dies zu meinem Andenken" gerichtet wurden, bevollmächtigt sind, sondern auch ihre Nachfolger; aber welche Nachfolger?

LeerNachdem Jesus seine Stiftung an das jüdische Passahmahl anknüpft, also an eine Familienfeier, wäre es naheliegend, daß jeder christliche Hausvater zur Feier der Eucharistie befugt ist. Die Kirche ist diesen Weg jedoch nicht gegangen. Sie hat in der ihr von den Aposteln und damit von Jesus übertragenen Vollmacht anders entschieden.

LeerWer darf die Eucharistie empfangen? Ist die Beichte vorher notwendig und wenn ja, wann? Mit welchem Alter dürfen die Christen zur Eucharistie hinzutreten? Wie steht es mit der Kinderkommunion, dem Kinderabendmahl? Ist die Taufe Voraussetzung zur Teilnahme an der Eucharistie?

LeerHier ist einfach die Zuständigkeit der Kirche zu sehen, die übrigens ziemlich selbständig in diesen Detailfragen vorgegangen ist. Sie verlegt die Zeit vom Abend auf den Morgen, vom Donnerstag auf den Sonntag und ging bei der Feier, in der Sättigungsmahl und Abendmahl verbunden waren, auf die Trennung dieser beiden Elemente über (1. Brief an die Korinther).

LeerWie oft und wann soll die Eucharistie gefeiert werden? Nur einmal im Jahr am 14. Nisan, wie die Zeugen Jehovas es praktizieren? Auch sie berufen sich auf die Bibel. Die Kirche aber hat die Schrift anders verstanden.

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LeerWir müssen auch bei anderen konkreten, gegenwärtigen Problemen, zum Beispiel in der Frage der Frauenordination, wie auch, ob man bei Alkoholikern auf Wein verzichten und ungegorenen Traubensaft verwenden kann, die Kirche bemühen. Sie ist nicht nur Lehramt oder gar Papsttum, sondern hier wirken drei Elemente zusammen - eine Abspiegelung der Trinität:

1. Das Glaubensbewußtsein im gesamten Kirchenvolk.
Hier haben vor allem die Heiligen bildend, vertiefend gewirkt. Aber auch das einfache Volk hat dieses Glaubensbewußtsein getragen und geprägt.

2. Die theologische Wissenschaft.
Sie hat reflektierend und immer wieder auf die Bibel blickend das Glaubensbewußtsein geklärt und korrigiert.

3. Das kirchliche Amt.
Es hat die Funktion der Aufsicht, der Ordnung, des Schutzes und der Einheit. Im kirchlichen Lehramt hat auch der Geist Gottes gewirkt, aber eigentliche Durchbrüche und Reformen sind selten von einem Konzil, von einem Papst oder von Amtsträgern ausgegangen.

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LeerFür die Liturgie allgemein und im besonderen für die Feier der Eucharistie hat bei uns Katholiken die Kirche die Zuständigkeit zur Approbation neuer Riten und Texte. Nicht jeder darf hier machen, was er will. Dies ist wichtig wegen der Glaubensreinheit, aber auch wichtig um der Einheitlichkeit willen. In einer Diöszese, in einem ganzen Land, ja schließlich auch bei einem Gottesdienst auf dem Petersplatz, wo alle Länder, ja alle Kontinente vertreten sind, wollen wir in der Lage sein, etwas Gemeinsames zu tun. Ich meine also, daß von unserer Spezialfrage "Fortdauer der Realpräsenz" Licht fällt auch auf die anderen Fragen, die uns im Zusammenhang mit der Feier des Herrenmahles beschäftigen. Es sollte einfach die Kompetenz neu bedacht werden, was auch wichtig ist im Hinblick auf das angestrebte, wahrhaft ökumenische Konzil, von dem wir die entscheidenden Schritte zur Einigung der Kirchen erwarten.

LeerIn diesem Zusammenhang möchte ich an eine Veröffentlichung von Jürgen Distelmann erinnern: "Studien zu Luthers Konsekrationslehre" (zu beziehen durch das Pfarramt Brüdern-St. Ulrici, Alter Zeughof 3, 3300 Braunschweig). Er berichtet von zwei Vorfällen, die Luther in seinen letzten Lebensjahren beschäftigten. Es war der Fall des Pfarrers Wolferinus (1543 in Eisleben) und der Fall des Kaplans Besserer (Ende 1545). Letzterer hatte aus Unerfahrenheit und Unbedachtsamkeit eine konsekrierte Hostie zu Boden fallen lassen, ohne es zunächst zu bemerken. Er hat dann anstelle dieser eine unkonsekrierte Hostie ausgeteilt. Die gefundene hat er zu den unkonsekrierten zurück in die Pyxis gelegt. Bezeichnend ist, daß dieser Vorfall großes Aufsehen erregte, daß Besserer verhaftet und zur Rechenschaft gezogen wurde und man Luther um die theologische Stellungnahme gebeten hat. Luther hat dieses Verfahren als zwinglianisch zurückgewiesen und Besserer wurde aus der wittenbergischen Kirche ausgeschlossen. Ebenso hat Luther den Pfarrer Wolferinus in Eisleben exkommuniziert, weil er aus der Lehre, daß die Realpräsenz nur für die actio sacramentalis angenommen werden dürfe, den Schluß zog, daß die übrigen Elemente gewöhnliches Brot sind und wieder zurückgelegt werden dürfen.

LeerDiese beiden Vorkommnisse stehen nicht allein. Ich erinnere an das Marburger Abendmahlsgespräch, in dem es zur harten Konfrontation zwischen Luther und Zwingli kam, an die Meinungsverschiedenheiten zwischen Luther und Melanchthon im Verständnis des Abendmahles und an den Saligerschen Abendmahlsstreit in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

LeerDie Fragen zur praktischen Ausführung der Eucharistiefeier, die von der Bibel her nicht mit Sicherheit beantwortet werden können, dürfen nicht in der Schwebe gelassen werden. Es müssen von der Kirche wirkliche Entscheidungen getroffen werden, wenn aus dem Abendmahl - um ein Wort Luthers zu gebrauchen - nicht ein "Hadermahl" werden soll.

Quatember 1981 (S. 152-160)
© P. Beda Müller OSB

Zu diesem Vortrag sind mehrere Stellungnahmen und Leserbriefe in Quatember veröffentlicht worden:
Sigisbert Kraft - Das Bleibende der Eucharistie
Jürgen Boeckh - "Sehet, das Lamm Gottes ..."
Walter Lotz - Prozession und Demonstration
Hans Grünewald - Leserbrief
Jürgen Boeckh/Karl Frank/Joachim Stoelzel - Leserbriefe


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-02-18
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