Wenn man die Evangelische Michaelsbruderschaft und den Berneuchener Dienst als eine liturgische Bewegung bezeichnen - und damit im protestantischen Raum gelegentlich auch abqualifizieren - will, wird man weder ihrer ursprünglichen Motivation noch der nunmehr fünfzigjährigen Wirksamkeit und gegenwärtigen Erscheinung gerecht. Von Anfang an ist hier nach der umfassenden Erneuerung der Kirche gefragt worden und nach ihrem Dienst in unserer Zeit. Daß dabei der gottesdienstlichen Praxis im weitesten Sinne und der Liturgie im engeren besondere Aufmerksamkeit zugewandt wurde, ist ganz folgerichtig gewesen, das Neuwerden der Kirche erschöpft sich aber nicht hierin. Die Bruderschaft hat in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ihren Beitrag geleistet. Sie hat bedeutende Prediger, Liturgen und Förderer der Diakonie hervorgebracht. Die Zahl der aus ihrer Mitte an die Universitäten berufenen Praktischen Theologen ist auffallend groß. Auch war ihr das Gespräch über die Grenzen der Theologie hinaus und die Arbeit im gesellschaftlichen Bereich immer wichtig.
Wie aber läßt sich der Dienst der Kirche, wie er in unserer Mitte gesehen und geübt werden muß, kurz und bündig beschreiben? Die Trias Martyria - Leiturgia - Diakonia wird dazu seit einiger Zeit verwandt. Man könnte diese Formel heute aufgrund der vor allem in der ökumenischen Bemühung um ein gemeinsames Eucharistieverständnis gewonnenen Einsichten durch einen vierten Begriff erweitern, den der Koinonia (Anteilhabe, Gemeinschaft). Zunächst aber sollte die bereits eingeführte und das Denken vieler um den künftigen Weg und die Erneuerung der Kirche besorgter Christen und Gruppen verbindende triadische Formel nach ihrer Herkunft, neutestamentlichen Begründung und Gegenwartsbedeutung befragt werden. Dabei wird sich uns ein nicht uninteressanter Einblick in die Arbeit und den Weg der Michaelsbruderschaft eröffnen, wie sie das erste halbe Jahrhundert ihres Bestehens, auf das wir in diesem Jahr zurückblicken, bestimmt haben.

Woher kommt die Formel? Oskar Planck, einer der Stifter der Evangelischen Michaelsbruderschaft und der erste Hausvater des Berneuchener Hauses im Kloster Kirchberg ist es gewesen, der die drei neutestamentlichen Begriffe Martyria - Leiturgia - Diakonia zur Kennzeichnung der dreifaltigen Einheit alles kirchlichen Denkens und Handelns zusammengestellt und - wohl im Jahre 1935 auf einer Probebrüderwoche der Evangelischen Michaelsbruderschaft - erstmals verwendet hat. Trinitarisches Denken, das "nicht etwa die Jesus-Verehrung zum Ersatz des mangelnden Gottesglaubens macht, sondern auch die Ehrfurcht vor dem Schöpfungswirken Gottes einbezieht" (Wilhelm Stählin) stand dabei Pate. Die innere Einheit von Martyria, Leiturgia und Diakonia hat dann die ganze Berneuchener Arbeit weiter bestimmt und wurde nach dem Kriege ausdrücklich thematisiert. Wilhelm Stählin hat eine Betrachtung über den Dienst der Engel unter den "biblischen Dreiklang der martyria, leitourgia und diakonia", der sich anbietet, "die Mannigfaltigkeit, ja die verschiedene Bewegungsrichtung dieser kirchlichen Lebensformen und -funktionen anzudeuten", gestellt (Symbolon 1958, 283 ff.), Karl Bernhard Ritter die innere Verbindung von Leiturgia und Diakonie herausgearbeitet (Kirche und Wirklichkeit 1971, 74 ff.).
Die Formel hat Oskar Planck geprägt. Die Sache aber ist älter. Schon auf der ersten Berneuchener Konferenz 1923 ging es um die Wahrheitsfrage, den Kultus und die praktischen Aufgaben, also um Verkündigung, Gottesdienst und dienende Liebe. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Wilhelm Stählin: "Immer, von Anfang an und bis heute, ging es uns um die Verwirklichung des Evangeliums in eher glaubwürdigen Gestalt der Kirche, im Gegensatz ebenso zu jeder isolierten 'reinen Lehre' wie zu jeder ästhetischen oder pädagogischen Auffassung des Kultus und wie zu jeder rein individualistischen Frömmigkeit abseits von den Formen lebendiger Gemeinschaft" (Via vitae 1968, 317).

Wir können Vorläufer der Formel noch früher und öfter finden, so zum Beispiel in dem Aufruf, mit dem Wilhelm Löhe 1844 seine Drei Bücher von der Kirche beschließt:
"Laßt uns einig sein:
Einerlei Wort und Lehre,
einerlei Praxis der Lehrer,
einerlei Lobgesang sei unter uns".
Wir können in der ökumenischen Bewegung ähnliche Erkenntnisse finden, die sich zum Beispiel auch in der Gründung der beiden 1948 zum Ökumenischen Rat der Kirchen vereinigten Bewegungen Glauben und Kirchenverfassung (Faith and Order: Verkündigung und Gottesdienst) und Praktisches Christentum (Life and Work: Diakonie) niederschlagen.
Wichtiger als historische Linien zu verfolgen, wird die Klärung der Frage sein, ob die Zusammenstellung von Martyria, Leiturgia und Diakonia zur Bezeichnung der dreifaltigen Einigkeit alles kirchlichen Denkens und Handelns deren neutestamentlicher Bedeutung entspricht. Und hier werden wir auf einige Schwierigkeiten stoßen.

Zunächst Martyria = Zeugnis. Wir finden diesen Begriff und die zu seiner Wortgruppe gehörenden Formen (martyrion - Zeugnis, Beweis, martyrein = Zeugnis ablegen und martys = Zeuge) im Neuen Testament zunächst im ursprünglichen Wortgebrauch des klassischen Griechisch und der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, als Zeugnis vor Gericht, so im Prozeß Jesu (Mk 14, 55). Der paulinische Sprachgebrauch, der sich zunächst auf der gleichen Ebene bewegt (1. Kor 15, 14 ff.), führt dann 1. Kor 1, 6 zu einer neuen Bedeutung des Begriffes martyrion: "Das Zeugnis - Luther übersetzt: Die Predigt - von Christus ist bei euch fest geworden." Ähnlich das Herrenwort an Paulus: "Dein Zeugnis von mir werden sie nicht annehmen" (Apg 22, 18). In der Aussendungsrede Mt 10, 18 wird den Jüngern Verhaftung und Verhör vorausgesagt, dies geschieht aber "zu einem Zeugnis vor ihnen und den Heiden": Es wird ihnen Gelegenheit gegeben, Christus vor den Mächtigen der Welt zu bezeugen. Die enge Verbindung von Zeugnis und Martyrium in dem Sinn, in dem die deutsche Sprache das Fremdwort aufgenommen hat, wird hier sichtbar. Martyria und Märtyrer gehören zusammen.
Vor allem aber sind es die johanneischen Schriften, in denen der Begriff martyria eine zentrale Bedeutung bekommt; erscheint er doch auch zahlenmäßig hier am häufigsten, nämlich in 30 von 37 Stellen des Neuen Testaments. Martyria ist das auf Glauben abzielende werbende Zeugnis über Christi Wesen und Bedeutung. Dies Christuszeugnis drückt das Geschehen der göttlichen Offenbarungsmitteilung aus und wird abgelegt
- als hinweisendes Zeugnis des Täufers und der Schrift (Joh. 1, 7; 5, 39)
- als Selbstzeugnis Jesu, das vom Zeugnis des Vaters legitimiert wird und sich nicht durch menschliche Logik und objektiv nachprüfbare Tatbestände feststellen läßt (Joh 8, 14; 5, 36 ff.; 18,37). Im Selbstzeugnis Jesu erfolgt die Offenbarung Gottes, die sich nur der gläubigen Annahme erschließt.
- als verweisend-proklamierendes Zeugnis der Jünger, das die Vollmacht des durch Jesus vorn Vater gesandten Parakleten, des Geistes, voraussetzt: "Auch ihr werdet meine Zeugen sein, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen." (Joh 15, 26 f.) Dies Zeugnis der Jünger als der berufenen Augenzeugen Jesu gewinnt dann im 1. Johannesbrief noch einmal besondere Bedeutung (1, 2; 4, 14). Bleibt nur noch hinzuzufügen, daß der Seher der Offenbarung die Martyria Jesu Christi, das Zeugnis von Jesus Christus, mit dem Wort Gottes gleichsetzt (logos tou theou) (Offb 1, 2). Hier wird auch besonders deutlich, daß der Martyria eine Kraft innewohnt, die den Menschen nicht nur Erkenntnisse verleiht, sondern sie auch in Bewegung setzt: Sie gibt teil am Weg, aber auch am Leiden und der Verfolgung Christi und zieht in sein Leben hinein (Offb 6, 9; 12, 11). Freilich ist nicht der Märtyrertod das Charakteristische des Zeugen, sondern eben sein Zeugnis von Jesus Christus.
Wir sehen mit diesem neutestamentlichen Befund eine deutliche Linie von der Martyria des Vorläufers und der Schrift, Jesu und des Vaters, sowie der Jünger in der Kraft des Geistes hin zur Gegenwartsbedeutung der Martyria für das Leben der Kirche. Es geht nicht um religiöse Belehrung, sondern um die vollmächtige Bezeugung der in Jesus Christus geschehenen Offenbarung des lebendigen Gottes, aus der allein Glaube entsteht: Die neutestamentliche Martyria greift unmittelbar hinein in unsere heutige Wirklichkeit.

Mit Leiturgia ist es nicht so einfach: Unser Gebrauch des Begriffes Liturgie läßt sich nicht oder zumindest nur mit erheblichen Einschränkungen aus dem Neuen Testament ableiten. Ja, er legt den Verdacht nahe, daß bereits die frühe Kirche an einer ganz wichtigen Stelle das Neue Testament korrigiert hat.
Nur sechsmal finden wir leitourgia im Neuen Testament, das in der Septuaginta und im Judentum ohne Einschränkung für den kultischen Dienst verwendet wird. Luk 1, 23 und Hebr 9, 21 geht es um den alten Kultdienst, der sich Hebr 8,6 in Christi Opfer erfüllt: "Er hat eine höhere Liturgie empfangen, wie er ja auch der Mittler eines besseren Bundes ist". 2. Kor 9, 12 geht es wohl um die Kollekte für die verarmte Gemeinde in Jerusalem, hier steht Leiturgia ganz in der Nähe von Diakonia. Phil 2, 30 wird der Dienst des Epaphroditus für Paulus eine Liturgie genannt und Phil 2, 17 endlich der gefahrvolle Missionsdienst vom Apostel selbst als Liturgie, das heißt "Opferdienst für euren Glauben" bezeichnet. Das noch seltenere Verb leitourgein weist Röm 15, 27 nochmals auf die Kollekte für Jerusalem und Hebr 10, 11 auf den priesterlichen Opferdienst des Alten Bundes. Es gibt nur eine einzige Stelle, die in die Richtung unseres heutigen Verständnisses des Begriffes deuten könnte: Apg 13, 2 heißt es von der antiochenischen Gemeinde: "Als sie aber dem Herrn dienten (leitourgounton) und fasteten, sprach der Heilige Geist." Hier ist das kultische Verständnis des Begriffes Leiturgia spiritualisiert, es handelt sich um eine Gebetsgemeinschaft, bei der die Gemeinde Gottes Weisung empfängt. Luther hat sich gehütet, das "dem Herren dienen" mit Gottesdienst halten zu übersetzen, wie es das Neue Testament 1975 ohne Scheu tut.
Wenn wir auf das Neue Testament schauen, finden wir in ihm überhaupt keinen festen Terminus für das, was wir Gottesdienst nennen oder gar Liturgie im Sinne von Gottesdienstordnung: Die alten kultisch geprägten Begriffe werden geflissentlich vermieden und nur auf das Opfer Christi als die wahre "Liturgie" angewandt. Neue Begriffe sind noch nicht da, die das Einzigartige des neuen Gottesdienstes der Gemeinde des Neuen Bundes zu bezeichnen vermögen. Auf diesen Tatbestand hat Peter Brunner in seinem grundlegenden Beitrag zum Handbuch des evangelischen Gottesdienstes Leiturgia aufmerksam gemacht und den Gegenstand, um den es hier geht, mit neutestamentlicher Begrifflichkeit als "Gottesdienst der im Namen Jesu versammelten Gemeinde" umschrieben (Leiturgia I 1954, 83 ff.).
Die klare Abgrenzung vom alten kultischen Opferdienst, die das Neue Testament um der Bedeutung des Opfers Christi willen vollzogen hat, konnte schon die frühe Kirche nicht durchhalten. Bleibt zunächst noch die Erinnerung wach, daß Leiturgia ursprünglich schlicht Dienst Gott und der Gemeinde gegenüber war, so führt die Herausbildung der kirchlichen Ämter bald dazu, daß für diese alttestamentliche Vorstellungen übernommen werden und der christliche Gottesdienst ganz in den Sog der alten Typologie und Tenninologie gerät. Die völlige Übertragung des alttestamentlichen Priesterbegriffes auf den Vorsitzenden der christlichen Eucharistiefeier ruft dann den reformatorischen Protest hervor und führt zur jahrhundertelangen Kirchenspaltung. Wer heute von Leiturgia theologisch verantwortlich reden will, muß deshalb den terminologischen Unterschied zum Neuen Testament offen aussprechen und eine exegetisch vertretbare Inhaltsbestimmung für seine Verwendung von Leiturgia vornehmen.
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