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Teil 2 Vor

Quatember

Seelsorge an Seelsorgern
von Reinhard Mumm
(Teil 1)


LeerWem leuchtet das nicht ein, daß es auch Seelsorge an Seelsorgern geben muß? Wenn schon ein Arzt, der krank wird, sich nicht einfach selbst kurieren kann, sondern einen anderen Arzt nötig hat, der ihm beisteht, so braucht auch ein Seelsorger den Beistand eines anderen Seelsorgers. Manchmal begegnen wir einem Pfarrer, den wir fragen möchten: Hast Du einen Seelsorger? Alle, die sich für Pfarrer verantwortlich wissen, nicht nur Bischöfe, Superintendenten und Dekane, sondern auch Presbyter, Kirchenvorsteher und kirchliche Mitarbeiter, sind an der Frage interessiert: Gibt es eine Seelsorge für Seelsorger, und wie geschieht sie?

1.

LeerDie Seelsorge nennt der Lateiner cura animarum, Sorge für die Seelen. Welches Wort entspricht dem in der griechischen Sprache, der Ursprache des Neuen Testamentes? Da findet sich kein entsprechender Begriff. Er könnte psychagoge heißen, Seelenführung; aber dieses Wort kommt in den neutestamentlichen Schriften nicht vor. Nur in der "Schau des Hermas", einer altchristlichen Schrift, findet sich das Tätigkeitswort psychagogein im Sinn von "jemand anlocken"; das hilft uns nicht weiter. Heute gibt es den Beruf der Psychagogen, der Kinder- und Jugendpsychologen. Aber Psychologie ist doch etwas anderes als Seelsorge.

LeerWer oder was ist eigentlich die Seele, um die wir uns sorgen? Das deutsche Wort "Seele" hat eine tiefsinnige Geschichte hinter sich. Der gleiche Wortstamm findet sich in mehreren germanischen Sprachen und hat mit dem See zu tun. "Bestimmte Seen galten den Germanen als Aufenthaltsort der Seelen vor der Geburt und nach dem Tod", belehrt uns das etymologische Wörterbuch von F. Kluge. Der sprachliche Zusammenhang zwischen See und Seele weist darauf hin, daß Wasser und Leben zusammengehören. Die Seele war für die Germanen offenbar nicht ausschließlich an das körperliche Dasein gebunden, sondern sie hatte bereits vor der Geburt und auch nach dem Tod ein irgendwie geartetes eigenes Leben.

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LeerAls Christen befragen wir die Bibel. In der hebräischen Sprache heißt die Seele näphäsch, die als blutvolles Leben und lebendiges Wesen verstanden wurde. Dieses Leben kommt von Gott und äußert sich im Atem, der dem Leibe Leben verleiht. Das griechische Wort psyche ist so von der hebräischen Sprache her gefüllt und wurde von den zumeist hebräisch oder aramäisch denkenden Verfassern des Neuen Testamentes gebraucht. Mit psyche ist im Neuen Testament das natürliche Leben gemeint, aber nicht allein dies. Die psyche ist der Ort der Gemütsbewegung (Apostelgesch. 14,2); sie ist das eigentliche Leben. Jesus ist gekommen, die psyche zu retten (Mark. 3,4) - das Leben im tiefen Sinn - und es zu heilen. Die psyche ist "gelöstes, befreites, offenes Leben, in das Gott und der Nächste eindringen können, ohne es zu stören, ja um es erst ganz zu erfüllen", heißt es in dem Theologischen Wörterbuch von Kittel-Friedrich. Wer sich an seiner psyche festhält, wird sie verlieren; wer sie aber preisgibt in dieser Welt, wird ewiges Leben gewinnen (Joh. 12,25). Die psyche ist mehr als nur irdisches Leben; sie ist nicht durch den Tod begrenzt. Das Neue Testament teilt zwar nicht wie die alten Griechen den Menschen in Leib und Seele auf. Aber die Seele weist als die Mitte des Lebens über den Tod hinaus.

LeerDies zu betonen ist wichtig, da wir immer wieder auf die Lehre vom totalen Tod des Menschen stoßen. In der Offenbarung des Johannes wird jene merkwürdige Vision beschrieben, in der die Seelen der Märtyrer unter dem Altar (dem Ort, an dem schon früh Märtyrer bestattet wurden) sichtbar werden und Gott um Gerechtigkeit anrufen (Offenb. 6,9), und in ähnlicher Weise werden die Seelen der enthaupteten Märtyrer beschrieben, die "mit Christus tausend Jahre herrschen werden" (Offb. 20,4). Das heißt, die getöteten Glaubenszeugen sind - nach dem Glauben der Christen im 1. Jahrhundert - nicht ausgelöscht, nicht aufgelöst, sondern sie leben, freilich in einer anderen Seinsweise. Ihre Identität bleibt erhalten, und sie können sogar zu Gott rufen.

LeerMediziner und Biologen erklären uns, die Seele sei eine Funktion des Gehirns. Wenn das Gehirn verfällt, so sagt man uns, höre auch die Seele auf zu existieren. Wir können und wollen nicht bestreiten, daß das biologische Leben aufhört, wenn der Mensch stirbt und damit seine irdisch wahrnehmbaren Lebensfunktionen beendet sind. Widersprechen sich also naturwissenschaftliche und theologische Aussagen? Um diesen scheinbaren Widerspruch zu überwinden, erinnern wir uns daran, daß das griechische Neue Testament zwei Begriffe für unser deutsches Wort "Leben" kennt, den bios und die zoe. Die zoe ruht auf dem bios, solange wir biologisch leben. Aber die zoe hört als Lebensmacht Gottes, die uns in Jesus Christus begegnet, nicht auf, wenn der bios verlöscht. "Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe" (Joh. 11 ,F5), In diesem Raum, in dem sich bios und zoe begegnen, an dieser Grenze ist die psyche angesiedelt. So sagt es uns das Evangelium.

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LeerEs lohnt sich, abermals einen Blick in die außerchristliche Welt zu tun. Menschen, die in frühen religiösen Vorstellungen leben, dem Animismus (anima heißt Seele, animus Gemüt), sind vom Dasein der Seele überzeugt, da sie den Unterschied beobachten zwischen einem bewußtlosen oder gar leblosen Leib und dem lebhaften, aktiven Menschen. Sie erfahren, wie der Mensch im Schlaf oder im Rausch in eine Traumwelt gelangt. Die Seele begleitet den Menschen wie ein Schatten. Wir wären schlecht beraten, wenn wir solche Erfahrungen leugnen oder beiseite schieben wollten. Sie gehören zum Hintergrund der Bibel und ihrer Aussagen über die Seele.

LeerWenden wir uns mit solchen Erkenntnissen der Seele der Seelsorge zu, dann begegnen wir einer reichen Geschichte in der Christenheit. In der römisch-katholischen Kirche war die Seelsorge immer wieder mit dem Kirchenrecht verknüpft und trug darum oft rechtliche Züge; manchmal ist das noch heute zu spüren. Uns steht der Mißbrauch vor Augen, der mit einem Druck auf die Seelen durch angedrohte Kirchenstrafen getrieben wurde, um bestimmte und nicht selten politische Ziele zu erreichen. Es wäre freilich ungerecht, wollten wir die Seelsorge in der katholischen Kirche nur unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Viele Priester haben in echter Weise Menschen seelsorgerlich geholfen und tun dies bis heute. Neue Lehrbücher, wie z. B. die Moraltheologie von Bernhard Häring, entfalten eine am Wohl und Heil der Menschen ausgerichtete Seelsorge.

LeerBlicken wir auf den Protestantismus, so können wir nicht bestreiten, daß es auch da gesetzliche Irrwege in der Seelsorge gab. Die Kirchenzucht war manchmal nicht vom Evangelium geleitet und hat seelsorgerlich Schaden angerichtet. Ihre Mitte hat die Seelsorge in reformatorischer Sicht aber im Trostamt. Martin Luther ist nicht müde geworden, und andere sind ihm darin gefolgt, die angefochtenen Gewissen zu befreien durch die Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben an Christi Heilstat für uns. In diesem Sinn hat die Kirche des Bekenntnisses von Augsburg an der privaten Beichte und Absolution festgehalten und dieses Angebot der Seelsorge für alle und besonders für Seelsorger in den letzten Jahrzehnten erneuert.

2.

LeerWie steht es um diese Seelsorger? Welche Probleme und Erfahrungen, Nöte und Verheißungen kennzeichnen ihren Beruf? Nehmen wir Kenntnis von dem, was einige unter ihnen uns mitzuteilen wissen.

LeerPaul Blau, der ehrwürdige Generalsuperintendent von Posen und damit geistlicher Leiter einer Provinz der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, die bis in den letzten Krieg hinein in Polen bestand, hat sich mit dem Thema befaßt "Der Pfarrer und seine Seele" (Hamburg 1927). Er erinnert an ein Wort, das auf den griechisch-orthodoxen Kirchenlehrer Chrysostomos zurückgeführt wird: Mirum si sacerdos salvetur ("Es ist wunderbar, wenn ein Priester gerettet wird"). Tiefblickende Seelsorger haben zu allen Zeiten gewußt: Theologen sind sehr gefährdet, weil für sie das Heilige zum Alltagsgeschäft wird. Sie haben den Auftrag, Menschen den Weg zur Seligkeit zu zeigen. Aber wie oft stehen sie mit ihrem Wesen und Verhalten ihrem Auftrag im Weg! Ihre Worte werden entwertet durch ihr Leben und ihre Versäumnisse. Der Auftrag, Seelsorger sein zu sollen, kann bedrückend schwer werden.

LeerAls ich junger Pastor in Westfalen war, erreichte mich der dringende Ruf eines Kirchenvorstandes in Hamburg, ich möge dort die Leitung einer Gemeinde übernehmen. Manches konnte mich verlocken, diesem Ruf zu folgen, war dort doch eine gute Gestalt des Gottesdienstes eingeführt worden. Aber als ich erfuhr, daß in Hamburg ein Pastor für 7000 Seelen verantwortlich sein soll, war es mir nicht möglich, diesem Ruf zu folgen. Die 3000 Seelen in meiner westfälischen Gemeinde empfand ich bereits als übergenug. Wenn es mir schon kaum gelingen wollte, diesen 3000 Menschen nachzugehen, wie sollte das mit 7000 gelingen? Das Wort "Seelsorger" droht zu einer Farce zu werden, wenn einem Pfarrer in dieser Hinsicht Unmögliches aufgebürdet wird.

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LeerMit diesem zu hohen Anspruch an den Seelsorger verbindet sich eine weitere Gefahr: Gerade ein verantwortungsbewußter und fleißiger Pfarrer kann sich in seinem Bemühen, diesem Anspruch gerecht zu werden, zum Typ des Vielbeschäftigten und Ruhelosen entwickeln, der schließlich für niemand mehr richtig Zeit hat und an seiner eigenen Seele Schaden nimmt. Wir Pfarrer merken das oft nicht an uns selbst, aber andere merken es, wie nervös und ungenießbar wir werden, nicht zuletzt auch schwierig in unserer eigenen Familie.

LeerPfarrer sind in den beiden Teilen Deutschlands und auch in anderen Staaten, rechtlich gesehen, Beamte. Diese Tatsache ist im Blick auf ihre Aufgabe, Seelsorger zu sein, eigens zu bedenken. Die meisten Menschen, mit denen sie umgehen, sind keine Beamten. Ihre wirtschaftliche und soziale Lage sieht beträchtlich anders aus als die der beamteten Pfarrer. Ein Beamter macht keine großen Gewinne und soll sie auch nicht machen; aber er ist gesichert und damit weitgehend unabhängig von Menschen und deren Meinungen. Die, zu denen die Pfarrer gehen, oder die zu ihnen kommen, sind oft wirtschaftlich nicht gesichert. Sie haben mit anderen Sorgen zu kämpfen als die Pfarrer; das muß ein Seelsorger bedenken. Er muß sehr selbstkritisch sein; nur so kann erseine Mitmenschen verstehen. Im Anfang unseres Jahrhunderts spielte Friedrich Rittelmeyer, ein Kollege von Wilhelm Stählin in Nürnberg, eine bedeutende Rolle. In seinem Buch "Der Pfarrer, Erlebtes und Erstrebtes" (Ulm 1911) begegnet uns die Gedankenwelt des theologischen Liberalismus und Idealismus, und es bahnt sich bereits der Weg an, den Rittelmeyer, vermittelt durch die Anthroposophie Rudolf Steiners, zur Christengemeinschaft gegangen ist, jener an Zahl ihrer Mitglieder nicht großen, aber intellektuell anspruchsvollen und einflußreichen, in allen Erdteilen präsenten Kirchengemeinschaft. Rittelmeyers Aussagen stimmen nachdenklich: "Als Priester habe ich nun zwischen diese Seele und ihren Gott zu treten, aber nicht als Hindernis, sondern als Hilfe herüber und hinüber. Gib, Herr, daß ich dein Werk an ihr nicht aufhalte, sondern vollführen helfe! Laß mich ganz Gottesoffenbarung werden und ganz Gottesopfer in dieser herrlichen Stunde!" Wer so spricht, ist tief erfüllt von seinem Beruf als Seelsorger und von dem Auftrag Gottes, der ihm zukommt.

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LeerWeiter schreibt Rittelmeyer: "Hilfe am Werden hat Johannes Müller die Seelsorge genannt." Wer Schloß Elmau bei Mittenwald in Oberbayern kennt, wird wissen, wer Johannes Müller war. Wie man auch zu seiner Lebensauffassung steht, "Hilfe am Werden", das ist demütig gesagt, voller Respekt vor jedem Menschen. Wir können und wollen Menschen nicht bestimmen, aber helfen dürfen wir und sollen wir. "Was ein Seelsorger braucht? Er muß Zeit haben, er muß Interesse haben, er muß Gotteserfahrung haben." Diese Meinung Rittelmeyers ist heute so gültig wie vor zwei Menschenaltern.

Leer"O du sorgenschwerer Seelsorger: bist du es denn, der alle diese Seelen zur Seligkeit zu führen hat? Weißt du nichts davon, daß Gott arbeitet an jeder einzelnen Menschenseele? Was kannst du anderes und was kannst du Höheres tun, als daß du den Menschen die Augen öffnest für die Arbeit Gottes an ihrer Seele? Ganz bescheiden bist du Gottes Mitarbeiter, aber nicht Gottes Retter." In diesem Rat steckt bereits ein Stück Seelsorge an Seelsorgern. Es tut gut, sich klar zu machen, daß der Seelsorger einen Hilfsberuf hat. Er ist kein Psychagoge, kein Seelenführer, aber ein Helfer darf er sein.

LeerIm Jahr 1929, mitten in der zunehmenden Wirtschaftskrise und wachsenden Arbeitslosigkeit, erschien anonym das "Tagebuch eines Großstadtpfarrers"; bereits ein Jahr später erreichte es seine 9. Auflage. Kundige wissen, daß es aus der Feder von Gerhard Jacobi stammt, einst Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche und Generalsuperintendent in West-Berlin, später Bischof von Oldenburg. Unverblümt spricht der Autor die Konflikte des Alltags an mit dem Stichwort "Prophetisches Müssen und Religionsbetrieb". Diese Spannung kennen wir. Auf der einen Seite wird der hohe Anspruch erhoben, ein Pfarrer soll Gottes Wort sagen, auf der anderen Seite bedrängen ihn die Routine und der eng besetzte Terminkalender. Wie steht es mit der Ehe des Pfarrers und seiner Familie angesichts seiner Bedrängnisse? Viel Segen ist von den Ehen und Pfarrfamilien ausgegangen, aber es gab und gibt auch beträchtliche Verwirrung und Not.

LeerEin weiteres Stichwort in diesem Tagebuch lautet "Der Pfarrkonvent". Großartig ist es, wenn die Gemeinschaft der Pfarrer zur Bruderschaft wird. Aber die Konvente und Konferenzen können auch zur Plage werden.


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-02-17
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