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Zurueck Teil 1

Quatember

Seelsorge an Seelsorgern
von Reinhard Mumm
(Teil 2)


LeerMartin Fischer, zuletzt Geistlicher Vizepräsident in der Evangelischen Kirche der Union, hat ein kleines Büchlein herausgebracht: "Die Anfechtung des Predigers heute" (Bielefeld 1953). Prediger und Seelsorger sind angefochtene Leute. In einem Kapitel geht Fischer auf den "Prediger und seine Kirchenleitung" ein. Das ist ein weites Feld. Wie sehen die Seelsorger ihre Kirchenleitung, und wie sehen die Bischöfe und Oberkirchenräte die ihrer Leitung anvertrauten Pfarrer? Da öffnet sich ein breites Spektrum zwischen Dank und Spannungen, Anerkennung und Enttäuschung, guten theologischen Erfahrungen, aber auch von menschlichen Schwächen. Fischer weist auf die Ordination hin; sie bietet eine wesentliche Hilfe in der Anfechtung. Ein alter Pastor sagte mir: Je älter ich werde, umso wichtiger wird mir meine Ordination. Er meinte damit, ein Seelsorger soll sich weder auf seine Erfolge stützen, noch durch Mißerfolge entmutigen lassen, sondern wissen: Ich bin gesandt und folge dem, der mich gesandt hat, mit den Kräften, die er mir gab. Der reformierte Schweizer Jean Jaques von Allmen sagt: "Im Augenblick unserer Ordination haben wir unser ganzes Leben dem Dienst Jesu Christi geweiht ... Unser Leben wurde Jesus Christus hingegeben" (in seinem Buch "Diener sind wir", Stuttgart 1958).

LeerEduard Thurneysen, der Freund Karl Barths und gleichfalls reformierter Schweizer, hat in seiner Lehre von der Seelsorge ein Kapitel dem Seelsorger gewidmet: "Der Seelsorger ist Träger und Übermittler der Botschaft von der Vergebung. Er handelt nicht in eigener Kraft und Vernunft, sondern aus Berufung. Dazu muß er selber im Wort und in der Gemeinde wurzeln und aus dem Glauben an die Vergebung leben. Er soll die Menschen nicht an sich, aber er darf sie an den Herrn der Kirche binden, indem er sie zum Worte führt und für sie im Gebet verharrt." Das ist die Sprache der dialektischen Theologie mit ihrem hohen Anspruch. Wichtig ist der Hinweis auf die Fürbitte. Seelsorge und Gebet gehören zusammen, ohne das vorangehende und das nachfolgende, ja das immerwährende Gebet kann ein Seelsorger nicht handeln. In diesem Sinn schließt Thurneysen seine Lehre von der Seelsorge: "Beten heißt hier, daß man sein Hören auf den Nächsten wie sein Reden mit ihm priesterlich hineinstellt in das Hören und Reden zu Gott hin. Dieses Hören und Reden bewirkt den mächtigen Schutz, die große Hilfe, die befreiende, reinigende Klarheit, die das ganze seelsorgerliche Gespräch umgeben, durchdringen und tragen müssen."

3.

LeerWie geschieht nun Seelsorge an Seelsorgern? Das hängt in nicht geringem Maß von der Gestalt und Spiritualität der Kirchen ab, in denen Seelsorger tätig sind. Eine kleine Landeskirche ist gut überschaubar, man kennt einander, und der Bischof kann seine Pastoren besuchen. Da geht man leichter aufeinander zu als in einer großen Landeskirche, in der der Inhaber des bischöflichen Amtes unmöglich alle Pfarrer kennen kann. Zwar sind zahlenmäßig große Kirchen gegliedert in Kreise, Bezirke und Dekanate. Aber eine kirchenamtliche Hierarchie wirkt sich nicht günstig aus auf vertrauensvolle oder gar seelsorgerliche Beziehungen. Zwar wird behauptet, in evangelischen Kirchen gebe es keine Hierarchie wie in den katholischen; doch die Wirklichkeit widerspricht solchen Behauptungen. Auch in evangelischen Kirchen gibt es eine Stufenleiter der Ämter mit unterschiedlichen Rechten und Pflichten. Die Amtsträger der größeren Bereiche sind zudem meist so beschäftigt mit unzähligen Aufgaben, daß eine geordnete Seelsorge von ihrer Seite kaum zu erwarten ist. Hier und da kommt es zwar zu gegenseitigen Besuchen mit Gesprächen seelsorgerlicher Art, vor allem wenn ein dienstlicher Anlaß gegeben ist. Streitigkeiten zwischen Pfarrern oder mit dem Kirchenvorstand, Visitationen und manchmal familiäre Konflikte bieten solchen Anlaß.

LeerSoll aber ein Dienstvorgesetzter zugleich Seelsorger sein? Kann er das überhaupt sein? Ein Superintendent, Propst oder Bischof wird es in der Regel als seine Aufgabe ansehen, den seiner Aufsicht anvertrauten Pfarrern seelsorgerlich zu begegnen. Bei solchen Begegnungen hat es gesegnete Stunden gegeben und wird sie auch künftig geben. Aber die Seelsorge an Seelsorgern läßt sich nicht an die amtliche Ordnung der Kirche binden. Der Pfarrer braucht andere Möglichkeiten der Seelsorge, die frei sind von dienstlichen Beziehungen. Es entspricht der Tradition und Erfahrung, wenn Seelsorge unabhängig von amtlichen Beziehungen geschieht.

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LeerDurch lange Zeit hatte ein Pfarrer in den reformatorischen Kirchen seinen Confessionarius, seinen von ihm frei gewählten Beichtvater, zu dem er ging. Als geordnetes Institut kennen wir diese Einrichtung nicht mehr, aber bis heute gibt es seelsorgerliche Beziehungen unter Pfarrern, die selbstverständlich verborgen bleiben. Freilich müssen wir fragen: Handelt es sich dabei um reine Freundschaften, in denen man sich gelegentlich über Nöte und Probleme ausspricht? Auch das wäre etwas wert. Aber Seelsorge geht über ein Freundesgespräch hinaus; sie will verbindlich sein. Seelsorge braucht freies Vertrauen, aber sie braucht auch gehorsame Annahme. Ein seelsorgerlicher Rat ist keine unverbindliche Meinung. Wer einen seelsorgerlichen Rat gibt, darf erwarten, daß er angenommen wird, und wer einen seelsorgerlichen Rat empfängt, ist gehalten, ihn gewissenhaft zu prüfen und zu befolgen, sofern nicht überzeugende Gründe dagegen sprechen.

LeerGibt es solche verbindliche Seelsorge an Seelsorgern? Wir müssen vermuten, daß es daran oft fehlt. Mancher Seelsorger entzieht sich der Seelsorge, wie es Ärzte gibt, die den Weg zum ärztlichen Kollegen meiden. Solcher Mangel an Seelsorge bei den Seelsorgern zeigt einen tiefen Schaden der Kirche an. Seelsorge läßt sich nicht erzwingen, aber wir sinnen darauf, Hilfen anzubieten und Mut zu machen zum seelsorgerlichen Gespräch unter vier Augen, das zur Beichte werden kann. Wer erfahren hat, wie die persönliche Beichte und Absolution die Seele befreit, wird selber immer wieder solche Seelsorge suchen und anderen dazu helfen. Es ist schließlich nur dann möglich, Seelsorge zu üben, wenn der Seelsorger selber Seelsorge empfängt.

LeerVorbilder bieten manche geistlichen Gemeinschaften, Bruderschaften und Kommunitäten. In der Michaelsbruderschaft kennen wir das Amt des Helfers. Wir wissen, daß die Helferbeziehungen zwischen zwei Brüdern nicht immer so sind, wie sie sein sollten; darum hat der Rat der Bruderschaft empfohlen, sich in diesem Jahr in den Konventen erneut mit dem Helferdienst und der Einzelbeichte zu befassen. Der Ordo Crucis (Kreuz-Orden) in Norwegen kennt in seiner Regel nicht den verpflichtenden Helferdienst; gleichwohl ist die gegenseitige Seelsorge unter den norwegischen Brüdern in vorbildlicher Weise lebendig. Während ihrer jährlichen Einkehrtage Anfang Januar halten sie einen Schweigetag, der nur eine Ausnahme kennt: das seelsorgerliche Gespräch unter vier Augen. Davon machen die norwegischen Brüder Gebrauch. Wie wäre es, wenn wir bei unseren Konventen auch solche Tage des Schweigens, verbunden mit dem Angebot persönlicher Seelsorge hielten? Wäre es denkbar, daß bei mehrtägigen Pfarrkonventen, wie sie in Bayern für jedes Dekanat vorgeschrieben sind, ein Tag ausschließlich dem Angebot der Seelsorge an Seelsorgern dient?

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LeerDie Seelsorge braucht Zeit und Stille. In Bruderschaften und Jugendkreisen hat man entdeckt, daß nächtliche Gebetswachen solche Stille schenken. In stündlichem oder mehrstündlichem Wechsel lösen sich je zwei Beter ab. Sie beten abwechselnd Psalmen und freie Gebete, singen Lieder, wandern auch miteinander durch den Kirchenraum. Solche Stunden schließen die betenden Brüder zusammen. Auch da kann Seelsorge an Seelsorgern geschehen.

LeerWas der Seelsorger an gemeinsamen Tagen geistlich empfängt, nimmt er mit in seine einsamen Tage. Julius Schniewind, der bedeutende Erforscher des Neuen Testamentes und ephorale Seelsorger, schreibt über "die geistliche Erneuerung des Pfarrerstandes" (Berlin 1949): "Das einsame Gebet ist das Herzstück unseres Amtes." Karl Bernhard Ritter hat für dieses Gebet eine vorzügliche Hilfe geschaffen. Seine "Pfarrgebete" (Kassel, 5. Aufl. 1954) bieten Gebetsordnungen für die Wochentage und Tageszeiten, für die Amtshandlungen und Gebete mit den Mitarbeitern. Da schwingt alles mit, was wir erleben, Müdigkeit und Resignation, Angst und Erwartung, Glauben und Hoffnung. Diese Gebete können die Seele stärken.

LeerBetet der Seelsorger mit seinen Mitarbeitern, zu denen oft die eigene Frau gehört? Das gemeinsame Gebet wirkt auf den Seelsorger zurück. Mancher Mesner oder Küster, Lektor und Kirchenmusiker ist erstaunt und erfreut, wenn der Pfarrer vor dem Gottesdienst mit ihm betet. Es befreit die Seele, wenn man nicht bis zum letzten Augenblick mit technischen Fragen beschäftigt ist, sondern aus der Ruhe des gemeinsamen Gebetes den Gottesdienst beginnen kann. Ein geregeltes gemeinsames Gebet im Kreis der Mitarbeiter am Morgen eines Tages und zum Wochenschluß, ein gemeinsames Essen mit der nötigen Aussprache, solche guten Ordnungen können zur seelsorgerlichen Hilfe auch für den Seelsorger werden. Die Pflicht des katholischen Priesters, sein Brevier zu beten, mag uns gelegentlich als gesetzlich vorkommen; aber das regelmäßige Gebet bietet eine Hilfe, auf die evangelische Seelsorger nicht verzichten sollten.

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LeerIn katholischen Kirchen, zu denen sich auch die anglikanischen Kirchen rechnen, steht der Bischof in einer persönlichen Beziehung zu den Priestern seiner Diözese. Es überrascht uns gelegentlich zu erfahren, wie eng und fast familiär Pfarrer sich ihrem Bischof verbunden wissen. Solche nahe Beziehung macht es möglich, daß der Bischof zum Pastor pastorum, zum Hirten der Hirten und Seelsorger der Seelsorger, werden kann. Hier besteht kein Zwang. Jeder Seelsorger kann sich seinen Beichtvater frei wählen. Selbst wenn der Bischof nicht als Seelsorger in Anspruch genommen wird, entwickeln sich doch vertraute Beziehungen, die es ähnlich auch in evangelischen Kirchen geben kann und auch gibt.

LeerJede Seelsorge muß verschwiegen sein. Auch wenn der Seelsorger guten Rat braucht in schwierigen Fällen, die an ihn herangebracht werden, darf er das Siegel des Vertrauens, das ihm entgegengebracht wurde, nicht brechen. Es ist nicht annehmbar, wenn der Inhalt eines seelsorgerlichen Gespräches weitergegeben wird als ein "Fall" für Belehrung und Aussprache in weiteren Kreisen. Jede Seelsorge, eingeschlossen die Seelsorge an Seelsorgern, muß verschwiegen bleiben.

LeerSeelsorger suchen nicht nur bei Seelsorgern Rat; nicht wenige gehen zu einem Psychotherapeuten. Die Psychotherapie (Seelenheilkunde) und die Seelsorge lassen sich nicht vollständig trennen; aber sie wollen unterschieden sein. Die Seelsorge kann die Psychotherapie nicht ersetzen, aber die Psychotherapie sollte auch nicht an die Stelle der Seelsorge treten. Es kann dahin kommen, daß ein Seelsorger psychotherapeutische oder gar psychiatrische, d. h. direkt ärztliche Hilfe braucht. Welchen Arzt oder Psychotherapeuten soll er aufsuchen? Diese Frage will sorgfältig überlegt sein. Es gibt Psychotherapeuten, die den Wert der Seelsorge anerkennen, wie auch umgekehrt Seelsorger dankbar sind für eine hilfreiche psychotherapeutische Behandlung. Wenn ein Psychotherapeut hundert und mehr Stunden braucht, um einem Menschen wirksam zu helfen, dann ist einzusehen, daß auch die Seelsorge Zeit und Geduld braucht; erst recht gilt das für die Seelsorge an Seelsorgern.

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LeerDer Dienst der Seelsorge an Seelsorgern ist geistlicher Art. Zum Wirken des heiligen Geistes gehören Freiheit und Bindung. Die Seelsorge bedarf eines Freiraumes, der aber nicht verwechselt werden darf mit Unverbindlichkeit. Soll das seelsorgerliche Handeln wirksam werden, sind Gehorsam, Ordnung und Konsequenz unerläßlich. Hierzu kann die geistliche Übung helfen. Schon wenn der angehende Theologe, von dem später ein seelsorgerlicher Dienst erwartet wird, studiert, ein Prediger-Seminar besucht und als Vikar eingewiesen wird, wäre es eine große Hilfe für ihn, in geistliche Übungen eingeführt zu werden. Die Häuser der Kommunitäten, Bruder- und Schwesternschaften sind geeignete Orte, in denen junge Theologen geistliches Leben und geistliche Gemeinschaft erfahren können. Es wäre sinnvoll, wenn die Ausbildungsreferenten der Kirchen den angehenden Seelsorgern solche Erfahrungen vermitteln, ein praktischer Beitrag zum Thema "Seelsorge an Seelsorgern". Seelsorge wird nicht nur durch Worte vermittelt, sondern auch durch Beispiel und Vorbild. So ist der Satz zu verstehen, den Adolf Köberle in seiner Schrift "Seelsorge an Seelsorgern" (1962/1981) aus dem Mund des schwedischen Erzbischofs Nathan Söderblom überliefert: "Heilige sind Menschen, die es andern möglich machen, an Gott glauben zu können." Wer sich selbst für heilig hält, wird es kaum sein. "Heilige" im biblischen Sinn sind durch Gottes Gnade geheiligte Menschen, die wissen, daß sie Sünder sind, die von der Vergebung leben. Wer in diesem Sinn "heilig" ist, kann zum Seelsorger für andere werden.

LeerBlicken wir auf Jesus. Er hat Seelsorge an Seelsorgern geübt. Seine Jünger hat er ausgesandt und zum Hirtendienst bestimmt. Diese seine Botschafter erhalten Vollmacht für ihre Aufgaben, und sie bleiben zugleich selber der Seelsorge bedürftig. Wie seelsorgerlich ist Jesus mit seinem ersten Apostel Simon Petrus umgegangen! Er hat ihn zurechtgewiesen, wo es nötig war, ihn aufgerichtet und wieder angenommen. Wie seelsorgerlich wendet sich Paulus an seine Mitarbeiter, stärkt und bestätigt sie! Die Reformatoren haben eingesetzt mit der Seelsorge an Seelsorgern; das bezeugt Luthers Großer Katechismus. Die Seelsorge an Seelsorgern ist eine der vornehmsten Aufgaben aller, die ein kirchenleitendes Amt haben, angefangen von den Presbytern und Kirchenvorstehern bis zu den Präsides und Bischöfen. Die Seelsorge kann durch sie ausgeübt werden, sie kann aber auch auf anderen Wegen geschehen. Sogar ein Jüngerer kann für einen Älteren zum Seelsorger werden. Entscheidend ist, daß die Seelsorge geschieht, zum Heil für den Einzelnen und zum Heil und Wohl der Gemeinde und Kirche.

Quatember 1982 (S. 76-85)


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 03-02-17
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