Die protestantischen Kirchen sind im Laufe der sechziger und siebziger Jahre immer stärker einem Trend zur Politisierung ihrer Botschaft anheim gefallen. Da steht an erster Stelle der kirchliche Einsatz für die "Befreiungsbewegungen" in Afrika, Arabien und Südamerika, dann das Engagement gegen die Nutzung der Atomkraft und die damit zusammenhängende Friedenskampagne. Dazu treten Stellungnahmen auf allen Feldern der emanzipatorischen Bewegung wie Frauenemanzipation, Strafrecht, Demokratisierung im politischen und kirchlichen Bereich.
Ist die Kirche dabei, aus ihrer eigenen Geschichte herauszutreten und etwas sein zu wollen, was ihrem religiösen Auftrag widerspricht und ihren Part in der Gesellschaft grundsätzlich verändert? Wohin geht der Zug?
Wir befinden uns heute in einer dritten oder vierten Welle der Aufklärung, in welcher die Vertreter dieser Geistesrichtung zu einem letzten Gefecht ansetzen, um die Welt in ihrem Sinne umzuwandeln. Dieses letzte Gefecht hat die Herzkammern der Kirche erreicht. Darin liegt das Kernproblem.
In dem Verhältnis von Protestantismus und Aufklärung kommt ein altes protestantisches Dilemma zum Ausdruck. Dieses Dilemma besteht seit gut zweihundert Jahren in einer fortschreitenden Umwandlung der religiösen Botschaft der Kirche in eine Moralreligion. Ist daran etwas auszusetzen? Natürlich ist und bleibt die Moral eine der tragenden Kräfte jeder menschlichen Gemeinschaft. Aber sie ist nicht der zentrale Punkt des religiösen Glaubens. Hier muß man deutlich unterscheiden! Der zentrale Punkt lag für Martin Luther ganz jenseits aller moralischen Urteile und Handlungen in der Begegnung des ganzen Lebens mit Gott. Luther drückte das klassisch in seiner Erklärung zum ersten Gebot aus: "Einen Gott haben heißt, daß man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten. Also einen Gott haben nichts anderes ist, denn ihm von Herzen glauben und trauen. Wie ich oft gesagt habe, daß allein das Trauen und Glauben des Herzens macht beide: Gott und Abgott".

Für Luther stand der Mensch zuerst und zuletzt vor seinem Gott und nicht vor seinem eigenen Gewissen oder vor gesellschaftlichen Verhältnissen. Religiöser Glaube ist also vor allem Gotteserfahrung. Merkwürdigerweise gerät diese einfache und grundlegende Wahrheit heute in der Kirche in Vergessenheit. Wie wurde diese Gotteserfahrung beschrieben? In einem Gesangbuchliede von Paulus Speratus hören wir:
"Es ist das Heil uns kommen her
aus Gnad und lauter Güte;
die Werk, die helfen nimmermehr,
sie mögen nicht behüten.
Der Glaub sieht Jesus Christus an,
der hat gnug für uns all getan,
er ist der Mittler worden."

Das eigentümliche menschliche Leben, d. h. der Mensch als Person, hat nur eine zureichende Begründung: diese liegt in der gnadenvollen Zuwendung Gottes in Jesus Christus. Das schließt die Meinung ein für allemal aus, daß er sein Leben mit einem noch so guten Werk rechtfertigen kann, seien es fromme oder politische Werke. Das "Wohl" des Menschen kann man mit allerlei guten Taten durchaus befördern. Das wußte Luther wohl; aber das "Heil" ist auf keine Weise herstellbar. Vor der entscheidenden Instanz muß sich der Mensch ein für allemal als Sünder erkennen und das heißt: als dem Tode verfallen mit all seinen Gedanken, Worten und Werken. Diese nüchterne Einsicht in den Abgrund der menschlichen Existenz ist für den Menschen der Aufklärung seit eh und je ein Ärgernis gewesen. Für sich genommen wäre diese Seite der Gotteserfahrung auch deprimierend und tödlich. Nun lebt die Gotteserfahrung aber vor allem von einem Wunder. Dieses Wunder schließt alle anderen Wunder des Glaubens ein: Gott selber hat sich in dem Werk und in der Person seines Sohnes Jesus Christus des verlorenen und verdammten Menschen angenommen. Was dieser Mensch von sich aus nicht leisten kann, das hat ihm Gott geschenkt. Im Glauben an Jesus Christus wird unser Leben mit Liebe, Mut und Kraft erfüllt. Das ist die fröhliche Nüchternheit oder die nüchterne Fröhlichkeit des Christen. Luther hat hier das biblische Gottesverhältnis jenseits aller konfessionellen Begrenzungen noch einmal in aller Klarheit und Reinheit zur Sprache gebracht. Das ist der Ausgangspunkt.
Nun verliert der Protestantismus schon bald diese ganzheitliche Glaubensanschauung. Gut hundert Jahre nach der Reformation heißt es in einem anderen Kirchenliede, von Johann Scheffer:
"'Mir nach', spricht Christus, unser Held,
'mir nach' ihr Christen alle!
Verleugnet euch, verlaßt die Welt,
folgt meinem Ruf und Schalle;
nehmt euer Kreuz und Ungemach
auf euch, folgt meinem Wandel nach."

Mit einem Male ist der eigene Lebenswandel das entscheidende geworden. Jesus Christus ist nicht mehr der Begründer des neuen Lebens in Gott, sondern ein Held, dem es moralisch nachzueifern gilt. Damals, in der Zeit nach dem 30jährigen Kriege, bestand dieser Wandel vor allem darin, der bösen Welt zu entfliehen und sich auf den Tod vorzubereiten. Weltabgekehrte Moral war an die Stelle des fröhlichen Vertrauens auf Gott getreten. Die Vermoralisierung des Glaubens hatte voll eingesetzt. Karl Barth machte in Sonderheit auf diese Umwandlung aufmerksam, der der Glaube bereits in der Zeit der lutherischen Orthodoxie unterworfen war. Als dann im 18. Jahrhundert das Leben in einem rosigeren Lichte erschien und durch die fortschreitende Zivilisation vor allem für die gehobenen Schichten eine optimistische Beurteilung erfuhr, folgte auch die kirchliche Lehre dieser Wendung. Die negative Moral der Weltentsagung schlug in eine positive Moral der Weltbejahung um. Auch dafür kann ein bekanntes Kirchenlied als Beispiel gelten:
"Gib mir ein Herz voll Zuversicht,
erfüllt mit Liebe und Ruhe,
ein weises Herz das seine Pflicht
erkenn und willig tue.
Daß ich dem Nächsten beizustehen
nie Fleiß und Arbeit scheue,
mich gern an Anderer Wohlergehen
und ihrer Tugend freue.
Daß ich das Glück der Lebenszeit
in deiner Furcht genieße
und meinen Lauf mit Freudigkeit,
wenn du's gebeutst, beschließe."

Das Leben der Christen besteht nun in der Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem in einem positiven bürgerlichen Verhalten. Gott ist zwar noch im Hintergrund als Schöpfer der Welt tätig, aber der Mensch sieht auch von sich aus optimistisch ins Leben. Dazumal kamen die "Neologen", Neuerer, auf, die es unternahmen, den christlichen Glauben gänzlich umzudeuten in eine nützliche Weltanschauung. Diese streifte bald ans Lächerliche. Ein Hamburger Senator berichtet das "Irdische Vergnügen an Gott":
"Gott hat in der Gemsen Körper solche Werkzeug fügen wollen,
daß sie Sturz und Fall nicht scheuen und da gern sind, wo sie sollen.
Für die Schwindsucht ist ihr Unschlitt, für's Gesicht die Galle gut,
Gemsenfleisch ist gut zu essen und den Schwindel heilt ihr Blut.
Strahlet nicht aus diesem Tier
nebst der Weisheit und der Allmacht
auch des Schöpfers Lieb herfür?"
Protestantische Predigten handeln in dieser Zeit vom Segen der Stallentmistung, der Gesundheitsfürsorge und von patriotischen Pflichten. Man fühlt sich dabei an moderne optimistische Kirchenlieder erinnert, wie das bekannte "Danke für jeden guten Morgen, danke für jeden neuen Tag. . ."
Der flache moderne Optimismus war geboren, die tiefe Lebenserschütterung, durch die ein neuer Mensch aus Gott entstand, war aus dem Bewußtsein geschwunden. Dieser Neuprotestantismus zeigte sich vor allem in zwei Richtungen: Die eine Richtung ging auf die moralische Rechtschaffenheit des einzelnen, die andere auf die Herstellung einer besseren sozialen Welt. Beides war miteinander verknüpft. Der Glaube stellte sich entweder als Individualmoral oder als Sozialmoral dar. In beiden Richtungen war das Interesse von Gott weg und auf den Menschen und seine Verhältnisse verschoben. Der Neuprotestantismus ging mit dem Fortschrittsdenken konform und die Theologie wurde zu einem Mittel der Umwandlung des reformatorischen Glaubens in eine Fortschrittsideologie. Ernst Tröltsch hat diese Entwicklung deutlich gesehen und voll bejaht. Er sah den kulturgeschichtlichen Sinn des Protestantismus darin, sich selbst als Religion überflüssig zu machen. Nachdem Karl Barth zwischen den beiden Weltkriegen in seinem großen Lebenswerk versucht hat, sich dieser Tendenz entgegenzustellen, setzt sie doch einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wieder voll ein. Hanna Wolf beschreibt in ihrem neuen Buch "Der Mann Jesus" die heutige Situation sicher ganz zutreffend: "Es setzt ein intensiver Rückgriff auf den Menschen Jesus in der Theologie ein, sowohl auf evangelischer wie katholischer Seite. Für die evangelische Seite mag ein Wort von Heinz Zahrnt als Beleg gelten: Wir wollen keinen Gottesmann, der schon im vornhinein alles weiß und kann, sondern einen wirklichen konkreten Menschen, der auch dann, wenn es um Gott geht, ohne doppelten Boden arbeitet."

Hanna Wolf weist auf eine Befragungsaktion hin, aus der hervorgeht, daß die jugendlichen Befragten mit geringen Ausnahmen darin übereinstimmen, daß die kirchliche Interpretation Jesu als Gottes Sohn, als Sündenopfer und Erlöser für sie keine Gültigkeit mehr habe. Alles Interesse richte sich auf den Menschen Jesus von Nazareth.
Nun liegt natürlich in einer Zeit, in welcher die sozialen Probleme im Weltmaßstab besonders dringlich geworden sind, der christliche Glaube in Form einer Sozialmoral näher als in der Form einer bürgerlichen Individualmoral. Jesus ist darum heute für sehr viele vor allem der soziale Prophet, eine Art von Che Guevara, der für die Befreiung der Unterdrückten kämpft. Die Kirche findet ihren Sinn vor allem darin, gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. Das Bekenntnis für diesen sozialistischen Neuprotestantismus lieferte Dorothee Sölle. Es lautet:
"Ich glaube an gott, der die welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein ding, das immer so bleiben muß
der nicht nach ewigen gesetzen regiert die unabänderlich gelten
nicht nach natürlichen ordnungen von armen und reichen
sachverständigen und informierten herrschenden und ausgelieferten.
Ich glaube an gott, der den widerspruch des lebendigen will
und die veränderung aller zustände durch unsere arbeit durch unsere politik.
Ich glaube an Jesus Christus der recht hatte
als er als ein einzelner der nichts machen kann
genau wie wir an der veränderung aller zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging.
An ihm messend erkenne ich wie unsere intelligenz verkrüppelt
unsere phantasie erstickt unsere anstrengung vertan ist
weil wir nicht leben wie er lebte.
Jeden tag habe ich angst, daß er umsonst gestorben ist
weil er in unseren kirchen verscharrt ist
und weil wir seine revolution verraten haben." |